Kasparow beißt sich an Putin die Zähne aus

Der größte Schachspieler aller Zeiten wird heute 50 / Garri bereut wohl frühen Abschied vom Brett

Von Hartmut Metz

Garri Kasparow ist am Schachbrett und daneben immer aggressiv zu Werke gegangen. Laue Kompromisse kennt der Russe nicht, der heute seinen 50. Geburtstag feiert. Entsprechend agiert der Jubilar auch in der Politik. Mit Aussagen wie „Putin wird vor Gericht kommen – und deswegen kämpft er wie eine Ratte, die in die Ecke gedrängt wurde!“, verschafft man sich zwar im Ausland Gehör – doch im Riesenreich selbst haben harsche Töne, die den Kreml-Chef in die Nähe der Mafia rücken, lediglich Repressionen zur Folge. Wenig überraschend, dass Kasparow deshalb zweimal bei Demonstrationen festgenommen wurde. Einmal steckten ihn Handlanger Putins fünf Tage in Haft und kam erst nach Intervention von Amnesty International frei, im Vorjahr wurde der ehemalige Weltmeister von Polizisten weggetragen und nach eigener Aussage verletzt.

 

Der Oppositionspolitiker schien zuletzt müde zu werden mangels Erfolgen. Außer dass Kasparow diese Woche seinen Abschied als Chef der Oppositionsvereinigung Solidarnost ankündigte, wurden auch Spekulationen bekannt, laut denen der Jubilar emigrieren wolle. Putin wird kaum traurig darüber sein, weil der 13. Weltmeister der Schach-Geschichte zumindest im Westen häufig Gehör findet. Das „Time Magazin“ zählte Kasparow deshalb 2007 zu den „100 einflussreichsten Menschen der Welt“.

Kurz vor seinem runden Geburtstag erhielt er die Nachricht, dass ihm die Menschenrechtsorganisation UN Watch eine Auszeichnung für sein politisches Engagement verleiht. Ihm Juni wird dem Großmeister diese für seinen „langen und gewaltfreien Kampf für die Menschenrechte in Russland“ überreicht.

 

Der am 13. April 1963 im aserischen Baku als Garik Weinstein geborene Junge soll bereits mit fünf Jahren durch bloßes Zusehen bei seinem deutsch-jüdischen Vater und seiner armenischen Mutter Schach erlernt haben. 1985 erklomm Kasparow mit einem Sieg über Anatoli Karpow den WM-Thron. Das erste epische Match, bei dem nur Siege zählten, war nach 48 Partien und fünf Monaten Spielzeit abgebrochen worden. Im zweiten Duell setzte sich der 22-Jährige durch und dominierte fortan die Schachwelt. Zahlreichen Triumphen stehen aber auch einige Misserfolge gegenüber: Seine Abspaltung des WM-Titels vom Weltverband FIDE ist längst korrigiert – auch, weil Kasparow anno 2000 den Titel der Profischach-Organisation PCA an seinen Landsmann Wladimir Kramnik verlor und es zur Wiedervereinigung kam. Zudem unterlag der Großmeister den Geistern, die er rief: Seine Computer-Affinität, die die Eröffnungsvorbereitung mit Programmen perfektionierte, führte zur ersten Niederlage eines Weltmeisters gegen einen Rechner. 1997 verlor der Russe im aufsehenerregenden Revanchekampf gegen das IBM-Programm Deep Blue mit 2,5:3,5.

 

2005 trat Kasparow zurück. Ein Paukenschlag, stand der damals 42-Jährige doch nach zwei Jahrzehnten immer noch an der Weltspitze! „Den Schritt bereut er bis heute“, sieht der amtierende Weltmeister Viswanathan Anand den Grund darin, dass Kasparow sich ungefragt einmischt. Immer wieder versuchte er ein kleines Comeback, sei es als Funktionär beim Weltverband oder als Trainer von Ausnahmetalenten wie dem aktuellen norwegischen Weltranglistenersten Magnus Carlsen. Doch überall scheiterte das ungeduldige Temperamentsbündel, das charismatisch ist, aber auch viele mit seiner egomanischen, zornigen Art vergrätzte.

 

Immerhin: Karpow, selbst Abgeordneter im russischen Parlament, der Duma, zählt den Jubilar ungeachtet der jahrzehntelangen Rivalität zu den „größten drei Spielern“ – neben sich und dem Amerikaner Bobby Fischer. „Er hat hinter mir die meisten Turniere und Zweikämpfe, über 100, gewonnen!“, betonte der 61-Jährige vergangenen Sonntag am Rande der Bundesliga im Schwetzinger Schloss anerkennend. Viele Fans halten Kasparow noch heute für den Größten und bedauern seinen Abschied von den 64 Feldern.

 

Die nachstehende Partie wurde im Weltcup 1989 in Barcelona gespielt – an seinem 26. Geburtstag ging das „Ungeheuer von Baku“ besonders gnadenlos mit Waleri Salow um, der zu seinen Intimfeinden zählte.

 

W: Kasparow S: Salow

1.Sf3 Sf6 2.c4 b6 3.Sc3 c5 4.e4 d6 5.d4 cxd4 6.Sxd4 Lb7 7.De2 Sbd7 8.g3 Tc8 9.Lg2 a6 10.0–0 Dc7 11.b3 e6 b5? bringt Schwarz in die Bredouille. 12.Sd5! Dc5? (Sxd5 13.cxd5 ist auch nicht sonderlich ersprießlich) 13.Le3 bxc4 14.b4! Da7 15.Sb5 Db8 16.La7 Da8 17.Sbc7+ Txc7 18.Sxc7+ Kd8 19.Sxa8. 12.Sd5! Weiß bringt den Springer trotzdem auf das neuralgische Feld. Db8 exd5 13.exd5+ Danach hat Schwarz keine vernünftige Verteidigung: Le7 (Se5 14.f4 Dc5 15.Lb2 Sfd7 16.fxe5 dxe5 17.Lh3 f6 18.Tf2 Dd6 19.Se6 und der Anziehende dominiert; 13…Kd8 14.Te1 Se5 15.f4 Sg6 16.Sc6+ Lxc6 17.dxc6) 14.Sf5! (14.Te1? kontert Schwarz mit 0–0! 15.Dxe7 Tfe8 und Gewinn) Se5 (Dd8 15.Sxd6+ Kf8 16.Sxb7 Dc7 17.Lf4 Dxb7 18.d6) 15.Sxg7+ Kd8 (Kf8 16.Lh6 Kg8 17.Sf5 Te8 18.Tae1 Lc8 19.Sxe7+ Dxe7 20.f4 Seg4 21.Dxe7 Txe7 22.Txe7 Sxh6 23.Tc7 Kg7 24.h3 Td8 25.g4 Shg8 26.Te1) 16.Sf5 ergibt starken Angriff für die geopferte Figur. Zudem schnüren die Bauern den Gegner ein. 13.Td1 g6 14.Lg5 Lg7 15.Lxf6 Sxf6 16.Sxb6 Td8? Tc7! verteidigt sich zäher. Weiß steht nach 17.Sa4 nur leicht besser. 17.e5! Das dürfte Salow entgangen sein. Lxg2 dxe5 hat 18.Sc6 zur Folge: Lxc6 19.Lxc6+ Ke7 20.c5! Dc7 21.Dxa6 Txd1+ 22.Txd1 Dxc6 23.Da7+ Kf8 (Ke8 24.b4 Sd5 25.Txd5! exd5 26.b5! De6 – oder Dxb5 27.Db8+ Ke7 28.Sxd5+ Ke6 29.Dd6+ Kf5 30.Se3+ Kg5 (Ke4 31.Dd5 matt) 31.h4+ Kh5 (Kh6 32.Sf5+ Kh5 33.Dd1+) 32.Dd1+ Kh6 33.Sg4+ Kh5 34.Sf6+ Kh6 35.Dc1+ g5 36.Dxg5 matt) 27.Da8+ Ke7 28.Sxd5+ Kd7 29.Db7+ Kd8 30.c6 Dxd5 31.c7+ Ke7 32.Dxd5) 24.Td8+ Se8 25.Sd7+ Ke7 26.Sxe5+ Dc7 27.Txe8+ und gewinnt. 18.exf6 Lxf6 19.Sxe6! 19.Kxg2? Dxb6 20.Sxe6 fxe6 21.Dxe6+ Le7 22.Te1 Db7+ hält die Stellung. fxe6 Lxa1 20.Sxd8+ Kxd8 (oder Le5 21.c5! Lh3 22.Txd6 beziehungsweise 21…0–0 22.Kxg2 Txd8 23.Sd5 dxc5 24.Se7+ Kf8 25.Sc6 Da8 26.Txd8+) 21.c5 Te8 22.Dg4 Lc6 23.Txd6+! Dxd6 24.Dc8+ Ke7 25.cxd6+. 20.Dxe6+ Le7 21.c5!! Ein weiterer stiller Zug von immenser Kraft. Lb7 22.Te1 Dc7 23.c6!! Lxc6 Lc8 24.Df6 Tf8 25.Dg7 Tf7 26.Dh8+ Tf8 27.Dxh7 d5 erlaubt einen schönen Springerzug an den äußersten Rand der feindlichen Seite: 28.Sa8! Da7 29.Txe7+ Dxe7 30.Sc7+ Dxc7 31.Te1+ De7 32.Txe7 matt. 24.Tac1 Td7 Noch am besten. 25.Sxd7 25.De3 gewinnt ebenso: Tf8 26.Sxd7 Dxd7 27.Txc6. Dxd7 26.Dc4! Lb7 Lb5 27.Dc8+ Dd8 28.De6 Ld7 29.Dxd6 Kf7 30.Dd5+ Kg7 31.Tc7! und entscheidendem Vorteil. 27.Dc7! Tf8 28.Db8+ Kf7 29.Tc7!! Salow gab auf wegen Txb8 30.Txd7 und Figurenverlust auf e7 oder b7, so dass Kasparow mit der Qualität und Bauer mehr leichtes Spiel hätte. 1:0.

 

 

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