Zum Stand im WM-Zyklus 2012-2014


Wer spielt im nächsten Kandidatenturnier?

Kollege Franz Jittenmeier hat das Grand Prix Turnier in Peking ja bereits angekündigt, dazu nur eine kleine Ergänzung: der Chinese Wang Yue (“Wang der Erste”, bevor Wang Hao ihn in der Weltspitze überholte) ist Ersatzmann für Radjabov der wiederum abgesagt hat. Für den Weltcup hat Radjabov gemeldet, ob er teilnimmt wissen wir (sicher) erst am 10. August.

Weltcup als eine Möglichkeit um sich für das nächste Kandidatenturnier, geplant Mitte bis Ende März 2014, zu qualifizieren, habe ich damit bereits erwähnt. Eine andere Chance ist die noch laufende Grand Prix Serie, und vier Spieler wissen bereits, dass sie im nächsten WM-Zyklus unter den letzten neun sind. Beim Kandidatenturnier dabei sind, in dieser Reihenfolge:

  • der Verlierer des WM-Matches Anand-Carlsen
  • die beiden Weltcup-Finalisten, d.h. die besten (vielleicht auch die glücklichsten) von insgesamt 128 Teilnehmern [122 Namen sind bekannt, sechs muss FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov noch nominieren]
  • die beiden Besten der GP-Serie. Falls einer oder beide das Finale des Weltcups erreicht (hat), reicht auch der dritte oder vierte Platz. Zum derzeitigen Stand komme ich noch.
  • zwei Spieler nach Elo, da zählt der Mittelwert aller 12 Listen von August 2012 bis Juli 2013. Da Carlsen bereits (mindestens) für das Kandidatenturnier qualifiziert ist, sind das sehr eindeutig Aronian und Kramnik: in (fast) allen Listen waren sie Zweiter oder Dritter – nur in der aktuellsten Liste hat Caruana Kramnik überholt. Neu ist, dass man sich nur über Elo qualifizieren kann, wenn man beim Grand Prix oder Weltcup dabei war. Auf den GP verzichteten Aronian und Kramnik, also müssen sie den Weltcup spielen – zumindest Kramnik mit gemischten Gefühlen (“unfortunately I will have to play the World Cup“). Sollte einer oder beide “aus Versehen” das Finale erreichen, dürfen andere nach Elo nachrücken. Wer sich ein bisschen in der Schachszene auskennt, weiss wer in Frage kommen könnte. Wer alle Namen UND die (denkbar knappe) Reihenfolge richtig nennen kann, kennt sich sehr gut aus oder hat – wie ich – nachgeschaut und nachgerechnet; verraten werde ich es erst später.
  • und einen Spieler darf der Ausrichter nominieren (Voraussetzung Elo über 2725 in der aktuellen 7/2013 Liste

Erst zur Situation im Grand Prix. Die beste Übersicht gibt es auf Wikipedia: Bisher sind vier Turniere gespielt. Bei den ersten beiden teilten sich drei Spieler den ersten Platz – in London Topalov, Mamedyarov und Gelfand mit 7/13, in Taschkent Morozevich, Wang Hao und Karjakin mit 6.5/13. Dann gab es zwei überraschende und überragende Sieger mit 8/13. Topalovs Triumph in Zug war vielleicht nicht mehr völlig überraschend: in London hatte er bereits angedeutet, dass er seine Durststrecke seit dem verlorenen WM-Match gegen Anand überwunden hat. Parallel zeigte Gelfand, dass man auch in Rundenturnieren mit ihm rechnen muss. Dominguez’ Sieg in Thessaloniki war dagegen sicher der grösste Erfolg seiner bisherigen Karriere. Übrigens ist dieser bisherige Verlauf fast analog zur ersten GP-Serie 2008-2010. Auch damals gab es in den vier ersten Turnieren zweimal drei geteilte Erste, und zweimal lag einer alleine vorn – kleiner aber feiner Unterschied: alleiniger Sieger war beide Male derselbe, nämlich Levon Aronian.

Beim Zwischenstand im Grand Prix erstelle ich meine eigene Liste wobei ich a) die bisher zwei besten Ergebnisse hervorhebe, denn das am Ende schlechteste ist Streichresultat bzw. eventuell Tiebreaker, b) die Spieler in drei Gruppen einteile. Einige spielen nur noch in Peking, andere nur im September in Paris (oder wo auch immer), und die dritte Gruppe hat noch zwei Turniere vor sich. Aussen vor lasse ich einige Spieler die höchstens sehr theoretische oder keine Chancen mehr haben. Für alle anderen gilt: Da es für die ersten drei Plätze im Turnier Bonuspunkte gibt (170-140-110, dann in Zehnerschritten 90, 80 usw.), kann man direkte Konkurrenten die das oder dieselbe(n) Turnier(e) spielen noch ein- und überholen. Bei Punktgleichheit im Turnier werden auch die GP-Punkte geteilt, d.h. der alleinige Sieger bekommt 30 Punkte mehr als der alleinige Zweite, aber bereits 45 Punkte mehr als Spieler die geteilt Zweiter bis Dritter werden.

  • Nur in Peking dabei: Topalov 310 (+45), Mamedyarov 220(+20), Morozevich 215(+25), Kamsky 200(+10).
  • Nur im September dabei: Caruana 225(+80), Dominguez 205(+20), Nakamura 200(+15), Ponomariov 185(+50).
  • Noch zwei Chancen: Wang Hao 210 (140+70), Karjakin 190 (140+50), Grischuk 175 (90+85), Gelfand 170 (140+30), Ivanchuk 65 (55+10), Giri 65 (50+15).

Veselin Topalov 2012 in Wijk aan Zee (Foto Stefan 64 – Wikipedia)

Topalov hat sicher die besten Karten, kann sich aber noch nicht völlig sicher fühlen – im Gegensatz zu Aronian der in der ersten GP-Serie auf

das vierte Turnier verzichtete, da er bereits definitiv qualifiziert war. Offenbar ist Topalov sich ziemlich sicher, denn er hat (als einziger Weltklassespieler neben Anand und Carlsen) auf den Weltcup verzichtet. Sollte er allerdings sein Ergebnis aus Thessaloniki (geteilter 8.-9. mit 4.5/11) in etwa wiederholen, kann er am Ende noch leer ausgehen. Caruana ist derzeit nach meiner Wertung nur mit knappem Vorsprung Zweiter. Er spielte am konstantesten und hatte vielleicht das meiste Pech – ein halber Punkt mehr in Taschkent, Zug und/oder Thessaloniki und er hätte viel mehr GP-Punkte auf seinem Konto. Alle genannten Spieler der letzten Gruppe können sich noch deutlich verbessern – auch bzw. vor allem Ivanchuk und Giri die theoretisch, als zweimaliger alleiniger Sieger, noch 395 bzw. 390 Punkte erreichen können. Dem ewig unberechenbaren Ivanchuk traue ich ein Super-Ergebnis zu, aber eher nicht zwei. Und Giris Zeit kommt vielleicht im übernächsten WM-Zyklus: erst seit kurzem ist er Vollprofi und muss nicht mehr zwischen Schachturnieren die Schulbank drücken.

 

Ist es Vor- oder Nachteil, die Serie in Peking abzuschliessen und danach im September Zuschauer zu spielen? Zumindest Mamedyarov, Morozevich und Kamsky müssen in Peking Vollgas geben, da weniger zu wenig sein könnte – Morozevich macht ja ohnehin was er will bzw. wozu er jeweils fähig ist. Einige andere können beim letzten Turnier eventuell taktieren. 2010 waren alle Favoriten beim letzten GP-Turnier in Astrakhan offenbar ziemlich nervös; nur der in der Gesamtwertung chancenlose Eljanov konnte befreit aufspielen und gewann dann auch. Dahinter wurden fünf Spieler geteilt Zweiter, das reichte (hinter Aronian) für Radjabov. Radjabov spielte damals nicht nur für sich selbst sondern auch für seinen Landsmann Mamedyarov – der anschliessend den Ausrichter-Freiplatz im Kandidatenturnier bekam, da Radjabov bereits qualifiziert war.

 

Nun wie bereits versprochen: Wer kann sich noch über Elo fürs Kandidatenturnier qualifizieren, falls Aronian und/oder Kramnik das Weltcup-Finale erreichen? Die Nachrücker wären Karjakin (Mittelwert 2779,667), Radjabov (2778,083), Caruana (2775), Nakamura (2772,167) und Topalov (2768,58). Karjakin spielte von allen am konstantesten, nur im April 2013 (Russische Mannschaftsmeisterschaft und FIDE GP in Zug) hatte er einen Durchhänger. Radjabov profitierte auch von seinen Resultaten vor dem relevanten Zeitraum. Er war von August 2012 bis April 2013 Vierter in der Weltrangliste – da spielte er wenig, auch wenn er in zwei Turnieren seine Elo verteidigte. Danach spielte er viel (drei Superturniere kurz hintereinander) und nun ist er auf Platz 23 abgerutscht. Caruana und vor allem Nakamura hatten auch einige schlechte Turniere. Topalov lag anfangs weit hinten, spielte dann gut im London und vor allem Zug Grand Prix, danach wieder nicht ganz so gut in Norwegen und vor allem Thessaloniki.

Kramnik ist damit beim Weltcup in derselben Situation wie Radjabov vor knapp drei Jahren: wenn er das Finale erreicht, qualifiziert er seinen Landsmann Karjakin fürs Kandidatenturnier. Ob er das wirklich will, weiss nur bzw. allenfalls er selbst? Wenn Nakamura es weder in der GP-Serie noch im Weltcup schafft, muss er hoffen dass Aronian und Kramnik das Weltcup-Finale spielen und Karjakin und Caruana sich im GP qualifizieren. Die andere Möglichkeit, für ihn und einige andere, wäre ein Ausrichter-Freiplatz. Noch weiss man nicht, wer das Kandidatenturnier ausrichten will, Interessenten melden sich wohl erst wenn klar ist dass “ihr” Spieler ansonsten zuschauen muss? 24 Spieler erfüllen die Voraussetzung Elo mindestens 2725 in der aktuellen Liste, wer davon hat reiche Freunde? Ich vermute, dass einige Länder Interesse haben könnten: Russland, Ukraine, schon wieder Aserbaidschan, USA (Sinquefield!?), China für Wang Hao, Bulgarien, wer sonst?

 

Nun erst der FIDE Grand Prix in Beijing – danach sind wir etwas schlauer, vielleicht kennen wir mit Topalov den fünften Namen von den letzten neun, aber beide GP-Qualifikanten kennen wir danach noch nicht.

 

Thomas Richter

 

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