Analyse zum Europacup

SOCAR = Russland, Novy Bor = Armenien?

 

Alle – nicht nur Kollege Raymund Stolze – wundern sich, dass SOCAR beim Europacup nicht gewonnen hat. Dabei ist es doch, über die letzten vier Jahre betrachtet, eher Regel als Ausnahme. Viermal hintereinander waren sie an eins gesetzt und wurden Vierter, Zweiter, Erster und jetzt Dritter. Und generell gewinnt in Mannschaftswettbewerben nicht immer das nominell (klar) stärkste Team, sonst würde Russland alle Olympiaden, EMs und WMs gewinnen. Aber da war z.B. Armenien, das fehlende Spielstärke mit Teamgeist über-kompensieren konnte. Nur Baden-Baden müsste sich schwer anstrengen, um die Bundesliga nicht zu gewinnen – anderswo sind die Elo-Unterschiede kleiner und eher zu überbrücken. Sinn und Zweck dieses Beitrags ist ein bisschen (auch historische) Ursachenforschung, und dann noch ein paar andere Fakten zum Turnier, ein Punkt womöglich exklusiv für den Schach-Ticker.

 

SOCAR war, wie gesagt, seit es dieses Team bzw. diese Gelegenheitstruppe (die so nur beim Europacup antritt) immer an eins gesetzt. Dabei war die Aserbaidschan-Komponente nie so gering wie dieses Jahr: 2010 17 von 42 Partien, 2011 25/42, 2012 23/42 und nun 11/42. Sutovsky, der 2011 und 2012 mitspielte, zähle ich dabei aufgrund seiner Wurzeln in Baku als Azeri – was er dieses Jahr machte, dazu später mehr. Ihre relativen Misserfolge hatten grob zwei Gründe:

– Da nur sieben Runden gespielt werden, kann man sich fast keinen Ausrutscher erlauben.

– Auch wenn man Elofavorit ist, müssen ein zwei Spieler über sich hinauswachsen und der Rest Normalform bringen.

Das nun Jahr für Jahr (Spieler kommen und gehen zum Teil, Gründe bleiben bestehen):

2010 Die Niederlage gegen den späteren Sieger Economist Saratov war keine allzu grosse Überraschung, aber eben turnierentscheidend. Grischuk spielte grossartig (5/6, TPR 2880), aber es gab gleich drei Ausfälle: Radjabov (fünfmal remis, TPR 2665), Shirov (3/6, TPR 2615) und Vachier-Lagrave (4/7, TPR 2612). Im entscheidenden Kampf verloren neben Shirov und Vachier-Lagrave auch der ansonsten überzeugende Mamedjarov.

2011 Es gab eine überraschende 2,5-3,5 Niederlage gegen das an elf gesetzte Team von Bosna Sarajevo. Da St. Petersburg diese Truppe ebenso knapp besiegte und sich sonst keine Blösse gabe, wurde SOCAR Zweiter. Das war übrigens auch das Jahr, in dem Baden-Baden (mit u.a. Shirov) ganz vorne mitspielte und erst durch eine Niederlage gegen SOCAR in der letzten Runde zurückfiel. Tücken des Schweizer Systems bzw. zu wenige Runden: die Paarung St. Petersburg – SOCAR gab es nicht. Diesmal war Radjabov in Topform (4.5/5, TPR 3016!) aber Mamedyarov schwächelte (2.5/5, TPR 2624, Niederlage im entscheidenden Kampf gegen Borki Predojevic)

2012 begann mit einem Fehltritt gleich in Runde 1 gegen das überraschend starke Ashdod; diesmal reichten aber danach sechs Siege zum ersten Platz. Topalov, Grischuk und Kamsky alle mit TPRs über 2800, keine Ausfälle.

2013 Von Raymund Stolze bereits erwähnt: Niederlage gegen den späteren Sieger G-Team Novy Bor. Vorne gewannen Caruana und Radjabov keine einzige Partie – das wäre zu verkraften da die Elo-Übermacht an den hinteren Brettern noch dominanter ist, aber der entscheidende Kampf ging eben schief: Neben Caruana verloren auch die sonst überzeugenden Topalov und Kamsky.

 

Hinterher ist man immer schlauer, aber man konnte Novy Bor durchaus als Geheimfavorit betrachten – was nicht heisst, dass ich auf ihren Sieg gewettet hätte. 2011 waren sie (gleiche Aufstellung minus Navara) als Zehnter der Setzliste bereits Dritter im Turnier – gut, da hatten sie das Feld von hinten aufgerollt und damals waren Brettpunkte noch erster Tiebreaker. Sonst wäre das oben bereits erwähnte Baden-Baden nicht Sechster sondern Dritter: weniger Brettpunkte, aber mehr Matches gegen starke Teams und daher bessere Sonneborn-Berger Wertung. 2012 hatte Novy Bor, wenn man so will, Pech dass gleich drei Kämpfe mit 2.5-3.5 endeten.

 

Was machte Novy Bor dieses Jahr richtig? Sie hatten das nötige bisschen Glück – im Match gegen SOCAR und auch Losglück in der letzten Runde: statt St. Petersburg Minsk, das ein bisschen aus Versehen weit vorne dabei war – nach einer frühen Niederlage mussten sie vorher gar nicht gegen top10 Teams antreten. Wojtaszek und Laznicka spielten über ihren Elo-Möglichkeiten; gegen SOCAR gewann auch Navara der ansonsten ein durchwachsenes Turnier erwischte. Die drei entscheidenden Partien kurz zusammengefasst:

Navara – Caruana 1-0  In einem geschlossenen Spanier brachte Navara ein feines Qualitätsopfer – für zunächst einen Bauern. Aber um den weissen Druck abzuschütteln und zu rochieren, bzw. ein Endspiel zu erreichen in dem er nicht mehr rochieren musste, gab Caruana einen zweiten Bauern. Die weissen Freibauern, später waren es drei, wurden zu stark (ich verstehe nicht ganz, warum Engines Weiss zunächst nur leichten Vorteil geben).

Topalov – Wojtaszek 0-1 Najdorf-Sizilianer mit heterogenen Rochaden – bzw. Weiss rochierte lang, und Schwarz spielte Ke8-f8-g7. Dennoch wurde lange geduldig manövriert, und dann ver-manövrierte Topalov sich: 46. Sb5-c3? erlaubte 46.-axb4 47.axb4 Ta3 und Schwarz bekam doch noch konkreten Königsangriff. Ohne diesen Fehler schien Remis nur eine Frage der Zeit, und 3-3 hätte SOCAR gereicht um ihre Führung im Turnier zu verteidigen.

Laznicka – Kamsky 1-0 Kamsky opferte eine Figur – vielleicht eher notgedrungen aber es sah durchaus gefährlich aus. Laznicka konnte den Druck neutralisieren und in ein Endspiel abwickeln das wohl technisch gewonnen war, allerdings angesichts reduzierten Materials nicht ganz trivial.

 

Noch eine interessante Statistik, Brettpunkte der führenden Teams im Detail:

Novy Bor +23=11-8

Malachite (Grischuk, Karjakin, Morozevich, Shirov usw.) +24=14-3

SOCAR +19=20-3

Clichy (vorne Vachier-Lagrave, hinten zwei IMs und ein FM) +23=12-7

St. Petersburg (Svidler, Dominguez, Vitugov, Movsesian usw.) +20=18-4

Novy Bor spielte ein bisschen wie momentan die deutsche Fussball-Nationalmannschaft: wenn man ein Tor kassiert muss man eben zwei schiessen; wenn man zwei Tore kassiert muss man eben dreimal ins Schwarze treffen (wie gegen SOCAR). In sechs von sieben Matches verloren sie ein bis zwei Partien; GM Bartel verlor zweimal gegen Spieler mit Elo ca. 2300.

Malachites Siegquote liegt auch daran, dass sie auch in Runde drei noch einen relativ schwachen Gegner hatten – die Finnen von Tammer-Shakki schaffen es irgendwie, starke Gegner zu bekommen und doch, ihren Möglichkeiten entsprechend (Mischung aus IMs, FMs und titellosen Spielern) am Ende im unteren Mittelfeld zu landen: schon letztes Jahr spielten sie gegen St. Petersburg, Tomsk und Baden-Baden. Damals holten sie zwei Remisen aus 18 Partien, diesmal hiess es 0-6 gegen Malachite und dann gegen Rostov. Aus Sicht von Malachite: 18 ihrer 24 Siege in den ersten drei Runden. Dann gab es ein 3-3 (+2=2-2) gegen, ja wen schon, Novy Bor, ein 3-3 (=6) gegen Odlar Yurdu (zu denen komme ich noch), und die beiden letzten Kämpfe (jeweils 4-2) kontrollierten sie, mal abgesehen von Bologans Niederlage gegen Ufuk Tuncer.

SOCAR spielte eher wie früher mal die deutschen Fussballer: die Null muss stehen – im Fussball heisst das: 1-0 ist doch ein schönes Ergebnis. Im Schach heisst das: wenn ich remis spiele und mein Kollege gewinnt ist doch alles OK. "Ich" waren wie schon erwähnt Caruana (=5-1) und Radjabov (=4). Dumm gelaufen dass sie im ganzen Turnier nur drei Partien verloren haben, die aber alle in einem einzigen Match. Und in der letzten Runde spielten sie gegen St. Petersburg sechsmal remis (allerdings ausgekämpft) und haben so auch Silber verpasst.

Clichy lasse ich ein bisschen aussen vor, das war eben ein relativ inhomogenes Team: Siege an den vorderen Brettern, Niederlagen an den hinteren.

St. Petersburg machte es jeden Tag anders: drei klare Siege zum Aufwärmen, dann 2,5-3,5 (=5-1), 3,5-2,5 (+3=1-2), 3,5-2,5 (+2=3-1) und 3-3 – lag sicher auch an den jeweiligen Gegnern.

 

Odlar Yurdu und Sutovsky hatte ich bereits erwähnt. Das ist das andere Team aus Aserbaidschan mit Sutovsky an Brett 1 und dann sieben (jawohl, 7) Spielern aus Aserbaidschan. Ein Match gegen SOCAR kam nicht zustande: das wäre Aserbaidschan gegen die Welt, wobei die besten Azeris für die Welt spielen. Odlar Yurdu spielte lange vorne mit: Wie schon erwähnt, das klar favorisierte Malachite blieb gegen sie zwar ungeschlagen aber auch sieglos. St. Petersburg gewann gegen sie 3,5-2,5 (uff aus Sicht von St. Peter Svidlerburg), nur gegen Ugra gab es eine 1-5 Klatsche. Damit fielen sie, wie auch meine niederländischen Freunde von En Passant Bunschoten, in der letzten Runde nach insgesamt gutem Turnier weit zurück: Odlar Yurdu hatte die klar beste Wertung aller Teams mit 8-6 Mannschaftspunkten, En Passant dito für Teams mit 7-7 Punkten.

Ich habe bei Sutovsky nachgefragt, was sich eigentlich dahinter verbirgt – ist das ein "normaler Club", der sich das ganze Jahr über trifft und auch Amateur-Mitglieder hat? Direkt nach dem Turnier ("I am quite tired after the event") bekam ich Antwort: "Odlar Yurdu ist weder ein Club im traditionellen westlichen Sinne, noch ein Team das [wie SOCAR] nur ein Turnier im ganzen Jahr spielt. Das ist der Anfang eines Projektes, das jungen Spielern aus Aserbaidschan helfen soll, besser zu werden und Erfahrungen zu sammeln im Hinblick auf die Olympiade 2016. Beteiligt sind ungefähr ein Dutzend junge Spieler, die meisten werden Unterstützung bekommen (Trainer und Teilnahme an Turnieren), um ihnen die Chance zu geben, sich zu starken GMs zu entwickeln die für die Nationalmannschaft wertvoll sind."

Aserbaidschan befindet sich etwas im Umbruch: Ob Radjabov wieder ein absoluter Weltklassespieler wird, wissen wir nach diesem Turnier immer noch nicht. Ob Gashimov seine gesundheitlichen Probleme bewältigen kann, wissen allenfalls er selbst oder seine Ärzte. In diesem Turnier war Odlar Yurdu eine Mischung aus jung und erwachsen: Sutovsky *1977 ("Papa" holte am Spitzenbrett 50%, darunter remis gegen Grischuk und – spektakulär – gegen Svidler), Guseinov *1986, Durarbayli *1992, Nidjat Mamedov *1985, Rasulov *1991, Abasov *1995, Rauf Mamedov *1988, Mammadov *1994.

 

Und zum Schluss noch ein paar Spieler namentlich genannt, für die das Turnier – unabhängig vom Mannschaftsergebnis – ein Erfolg war, denn sie holten eine GM-Norm: Den Vogel abgeschossen hat mit 6/7, TPR 2820(!) der Weissrusse IM Kovalev, der unter anderem GM Buhmann in Diensten des österreichischen Clubs Maria Saal besiegte. Dann Andreas Heimann, Deutscher in Diensten von Reichenstein aus der Schweiz (u.a. remis gegen Vachier-Lagrave). Avital Boruchovsky, 16 Jahre jung aus Israel, mit Remis gegen Leko und Rapport und einem Sieg gegen Harikrishna. Der Isländer Gretarsson in Diensten des englischen Clubs Jutes of Kent. Und – last but not least, Jugendwahn ist auch nicht alles – der 50-jährige Niederländer Manuel Bosboom. Für diese fünf war Rhodos sicher eine Reise wert, für andere gilt das (in touristischer Hinsicht) wohl auch und man konnte schachliche Erfahrungen sammeln.

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