Warum Schach nicht olympisch wird

Hat der sechsfache Weltmeister im Rudern Roland Baar, der von 1999 bis 2004 Mitglied des IOC gewesen ist, mit seiner These recht?

 

„Die Formel 1 hat wenig mit Sport gemeinsam“ titelte DER TAGESSPIEGEL in seiner Sonntagsausgabe [13. Oktober, 2013, Nummer 21 837] ein Gespräch „über Körper und Kolben“ mit Roland Baar, sechsfacher Weltmeister im Rude160808_olyrn und heute Professor für Verbrennungsmotoren an der Technischen Universität Berlin.

 

Und gleich seine dritte Antwort auf die Frage „Wie viel Maschine verträgt der Sport? 1908 gehörte sogar Motorbootrennen zum olympischen Programm. Die Formel 1 will das Internationale Olympische Komitee aber nicht aufnehmen.“ enthielt eine interessante These, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

 

Roland Baar, der als Aktiver mit dem Deutschland-Achter zwei olympische Medaillen gewann (1992 Bronze, 1996 Silber) und in seiner Zeit im IOC in der Programmkommission mitgearbeitet hat, erklärte nämlich:

„Die Kriterien über die Eignung als olympische Sportart sind sehr klar, vor allem gehört körperliche Betätigung dazu. Deswegen wird Schach auch nicht olympisch…“

 

Fragt sich, ob diese These haltbar ist, also alle Bemühungen der FIDE um Aufnahme in das olympische Wettkampf-Programm – die Schacholympiade 2006 in Turin fand nebenbei gesagt, in der Eislaufhalle statt – für alle Ewigkeit keine Chancen haben werden?

 

Was also bitte schön ist Schach – Sport, Kultur, Wissenschaft???

 

In dem Buch SCHACHLEHRE – SCHACHTRAINING [Autoren Ernst Bönsch/Uwe Bönsch, Sportverlag Berlin 2000] fand ich nachfolgende Passage, die vielleicht eine schlüssige Antwort gibt:

 

Von der gesellschaftlichen Anwendungssphäre her wurde das Schachspiel historisch wie viele andere Spiele fest in den Bereich des Sports eingegliedert. Das war begründet in den Gemeinsamkeiten des Wettkampfgedankens, dem Austragen reglementierter Turniere, Länderkämpfe usw. sowie in der stark leistungsorientierten Zielrichtung mit konditionellen und volitiven Anstrengungen. Dem Kampf zwischen zwei Gegner bzw. zwei Mannschaften geht ebenfalls ein Ausbildungs- und Trainingsprozess voraus. Auch im Schach resultiert eine sportliche Leistung immer aus der Leistung der Gesamtpersönlichkeit. Ausgehend von dem Erkennen des psychologischen Anforderungsprofils in der jeweiligen Sportart bieten sich uns eine Reihe kongruenter Faktoren. Die für einen hohen schachlichen Leistungsgrad notwendigen Fähigkeiten und Eigenschaften wie schöpferisches Senken, Gedächtniskraft, Phantasie, Intuition, Vorstellungsvermögen, Vorausberechnung, Entschlusskraft, spezieller Mut, gesundes Selbstvertrauen, Optimismus, Kritikfähigkeit und Kondition, sind auch Anforderungskriterien für die überwiegende Mehrzahl der anderen Sportdisziplinen.

 

 

Von hohem Interesse dürfte das dialektische Zusammenwirken zwischen der ‚geistigen’ Sportart Schach – worin Strategie und Taktik tragende Elemente quasi die abstrakte Abbildung des Kampfes in Form der Spielhandlungen sind – und den strategisch-taktischen Denken, im Sinne situationsangemessenen Handels, in den Körper- und Bewegungssporten sein.[…]

 

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Höchstleistungen in allen Sportarten immer mehr von der Effektivität und Zuverlässigkeit intellektueller Operationen des Sportlers, insbesondere seines strategisch-taktischen Denkens abhängen, erfahren Trainingsmethoden zum Ausprägen jener geistiger Ressourcen erhöhte Aufmerksamkeit…“ [Seite 20]

 

 

Auf meine Nachfrage bei Ernst Bönsch – er ist der Vater des DSB-Sportdirektors Uwe Bönsch – teilte dieser mir per Email am 15. Oktober [2013] mit:

„Der Kopf mit Hirn und Leistungsparametern drin ist auch ein Körperteil, also ließe sich von hier (auch mit den Untersuchungen von Pfleger, siehe ‚Nervenkrieg’) profunde die Geeignetheit des Schachspielens auf hohem und höchstem Niveau als Sportart begründen!

 

Und die Aufnahme in die Bandbreite olympischer Sportarten erwiese sich als längst überfällig!

 

Nun, zumindest war das so bei den beiden letzten Sommer-Universiaden 2011 in China und in diesem Jahr in Russland, wo die Gastgeber von Ausrichterrecht dieses Welttreffens der Studentensportler gebraucht machten und Schach in das offizielle Wettkampfprogramm aufgenommen hatten.

 

Bereits vor 16 Jahren gab es schon einmal einen „Silberstreif“ am Horizont, denn das Finale um die FIDE-Schachweltmeisterschaft zwischen Anatoli Karpow und Viswanathan Anand (!) wurde vom 2. bis 9. Januar 1998 im Olympischen Museum in Lausanne ausgetragen…

Nun aber sind Sie gefragt! Schicken Sie uns per Email Ihre Argumente pro und kontra zu unserer Frage „Soll Schach olympisch werden?“ entweder an direkt an mich [raymund.stolze@t-online.de] oder an den Schach-Ticker-Webmaster Franz Jittenmeier [service@chess-international.de]. Und damit es auch einen entsprechenden Anreiz gibt, belohnen wir die drei interessantesten Beiträge jeweils mit einem tollen Schachbuch, das der langjährige Partner des Schach-Tickers CHESSWARE für diese Aktion zur Verfügung stellt.

 

Raymund Stolze

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6 thoughts on “Warum Schach nicht olympisch wird

  1. Lieber Schachfreund Stolze,
    zu Ihrem letzten Satz “ …. Schach in das Programm der Olympischen Winterspiele aufzunehmen „.
    Zuerst dachte ich, hier liegt ein Flüchtigkeitsfehler vor. Beim Überprüfen auf der verlinkten FIDE-Seite musste ich jedoch feststellen, dass dort tatsächlich von Winter Games die Rede ist.
    Das kann doch nur ein Scherz sein. Wer denkt sich denn sowas aus?
    Soll dann mit tiefgekühlten Puppen gespielt werden? Mit dicken Handschuhen, um die Fingerfertigkeit bei erschwerten Bedingungen zu überprüfen?
    Also, da würd ich als FIDE lieber ‚danke sehr, das wars‘ sagen.

  2. Eigentlich wollte ich diesen Beitrag, den ich vor fast drei Jahren geschrieben habe, nicht weiter kommentieren. Aber vielleicht ist es doch sinnvoll, ihn zu ergänzen, was den Stand der Dinge angeht.

    So war am 13. Mai 2015 auf der DSB-Webseite zu lesen, dass sich eine FIDE-Delegation mit dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach treffen sollte. Im Mittelpunkt des Gespräches in Lausanne sollte die Frage stehen: Kann Schach in das Olympische Programm aufgenommen werden und welche Kriterien sind erfüllt, welchen müsste man gegebenenfalls noch erfüllen und wie steht es um die Chancen der Realisierung? Eine durchaus wichtige Voraussetzung ist damit gegeben, dass vom IOC Schach als als Sport anerkannt worden ist.

    Leider fiel das Meeting aus, das für den 19. Juni 2015 angesetzt war. Der FIDE-Abordnung gehörte übrigens auch DSB-Präsident Herbert Bastian an.

    Dass Thomas Bach für eine Erweiterung der Sportarten bei den Sommerspielen ist – in Rio sind 28 zugelassen – steht außer Frage. So wurden bei der 129. IOC-Session in der Olympiastadt in Brasilien mit Baseball & Softball [Frauen-Variante von Baseball], Karate, Sportklettern, Skateboard und Surfen fünf neue Sportarten aufgenommen. Damit wird es 2020 in Tokio 18 neue Medaillen-Entscheidungen geben und rund 500 weitere Sportler werden an Olympischen Sommerspielen teilnehmen.
    Grundvoraussetzung für die Aufnahme einer neuen Sportart  ist, dass diese mindestens in 75 Länder und auf vier Kontinenten ausgeübt wird. Das ist für Schach keine Hürde!
    Es bleibt zu hoffen, dass beim anstehenden FIDE-Kongress in Baku im September nicht nur aus gegebenem Anlass darüber diskutiert wird, wie Schach olympisch werden kann, sondern sich eine entsprechende Arbeitsgruppe der Weltschachföderation dafür zuständig fühlt, endlich Nägel mit Köpfen zu machen …

    P.S.: Am heutigen Mittwoch [17. August] habe ich von Großmeister Thomas Luther, der bei der Sitzung des DSB-Hauptausschusses in Kassel am 7. Mai zum Leistungssportrefererenten des Deutschen Schachbundes gewählt wurde, zu dem von mir angesprochenen Meeting in Lausanne die nachfolgende interessante Information erhalten. Es gab tatsächlich ein Meeting im Cháteau de Vidy mi dem IOC-Präsidenten Thomas Bach. Das fand allerdings nicht am 19. Juni, sondern drei Tage später statt. Mit der FIDE-Delegation, die von ihrem Präsidenten Kirsan Iljumschinow geleitet wurde und der Exweltmeister Wladimir Kramnik angehörte, wurde dabei über die Möglichkeiten diskutiert, Schach in das Programm der Olympischen Winterspiele aufzunehmen [Link: https://www.fide.com/component/content/article/1-fide-news/8834-fide-president-met-with-ioc-president-thomas-bach-in-lausanne.html ].

  3. Gemäß der Auffassung von Sportfreund Baar, nämlich dass körperliche Betätigung ein wesentliches Kriterium dafür ist, dass eine Sportart für die Olypischen Spiele geeignet ist, ruft sofort die Ggenfrage hervor, warum die Sportschützen dabei sind. Ich habe mit Interesse das Finale im Kleinkaliber 50 m liegensd angeschaut und mich für die Goldmedaille des Schützen Henri Junghänel gefreut, konnte aber bei ihm während der Ausübung seiner Sportart keine großartigen körperlichen Aktivitäten feststellen. Da geht es beim Blitzen deutlich bewegungsintensiver zu! Vielleicht nähert man sich zumindest in Deutschland einer Antwort, wenn man die beiden DSB miteinander vergleicht:
    Deutscher Schachbund: 89.193 Mitglieder
    Deutscher Schützenbund: 1.400.000 Mitglieder

  4. Es geht um Lobbyismus nicht um fairen Sport, 20 Kriterien sind als Definition Vorgabe, wir erfüllen 19 davon die angeblichen Sportarten folgen mit 18 abwärts; uns wird körperliche Belastbarkeit aberkannt, als Berufskraftfahrer verblüffend (trinke Cafe, hör Musik und fahr ja nur geradeaus).
    Alles auf der Dopingliste sowie freigegebenes ist unlauter, stellte mich als Proband zur Verfügung und wurde nie genommen, denn es gibt auch nichts was uns belasten kann.
    Das Problem des Schulschachs, die vorhandenen Mittel zweckentfremdet, auch können wir nicht Bio, Geo und andere Grundschularten ersetzen sondern nur ergänzen.
    Wir haben unsere Europameisterschaft sowie Weltmeisterschaft und Olympiade mit über 150 teilnehmenden Staaten, die Kosten sind ein-stellige Millionenbeträge im unteren Bereich.
    Es gibt auch Länder mit hervorragender Jugendarbeit sowie Veranstaltungen, man siehe nach Österreich .

  5. Am einfachsten wäre doch als erster Schritt, wenn jene Untersuchungen von Dr.Pfleger, die immer und immer wieder durch die Debatten dieser Art wehen, vom DSB bzw. von Dr.Pfleger (nochmals) veröffentlicht würden. Ich habe nie gehört, dass deren Ergebnisse irgendwo reproduziert wurden.
    Daneben ließe sich auf die allem Eindruck nach ebenfalls bewegungsarmen Schieß-Wettbewerbe verweisen; sowohl an den Schützen mit Pistole, Gewehr als auch an denen mit Bögen wird im Sinne von „Olympia-Tauglichkeit“ nicht gezweifelt, was ja auch ganz richtig ist.

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