Nun schlägt es 13!

Marc Lang (Foto) verbesserte in Zürich seinen eigenem Weltrekord im Blindsimultan-Schnellschach – Für Mai 2014 wird in Berlin eine Show der besonderen Art über die Bühne gehen

Einer Einladung der Schachgesellschaft Zürich, dem 1809 gegründeten ältesten Schachklub der Welt, konnte der mehrfache Blindschach-Weltrekordler Marc Lang nicht widerstehen. Und da er dort keinen Vortrag halten wollte, sondern seine Qualitäten als „Blindsimulant“ unter Beweis stellen sollte, war die Herausforderung schnell gefunden. Der Gast in der schönen Schweizer Metropole an der Limmat hatte sich zum Ziel gesetzt, seine Bestmarke vom 26. Januar diesen Jahres im Blindsimultan-Schnellschach zu verbessern. Damals hatte er an 12 Brettern im Rittersaal des Brenzer Schlosses, das eines der Wahrzeichen der Gemeinde Sontheim am Rande der Schwäbischen Alb ist an zwölf Brettern nach genau 382 Zügen mit 10:2 [+8 =4 – 0] ein perfektes „Schauspiel des Geistes“ geliefert. Nun wollte er es am 3. November mit 13 Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Doch geben wir dem selbstständigen Programmierer und zweifachen Familienvater dazu selbst das Wort:

 

„Zu aller erst, weil mir Blindsimultan-Schnellschach immer schon von Haus aus Magenschmerzen bereitet. Der Zeitdruck (in Zürich hatte ich im Schnitt gerade mal 18 Minuten pro Partie), die vielen Bretter und vor allem der Umstand, dass alle Gegner ständig durcheinander ziehen und man fast durchgängig an allen Brettern am Zug ist (die Kontrahenten spielen ja ebenfalls Schnellschach) verleihen dem

„Speicherprozess“ eine recht unangenehme Dynamik, die sogar mich alte Quasselstrippe die meiste Zeit über zum Schweigen bringt. Eine weitere Erschwernis, zumindest für mich, ist weniger augenfällig, dafür aber umso schwerwiegender: Es fehlt mir enorm, dass ich die Züge nicht akustisch angesagt bekomme. Mein akustisches Gedächtnis ist besser als mein optisches und ich arbeite gerade bei großen Blindsimultanen viel mit meinen akustischen Eindrücken. Einmal durch Abspeichern des Zuges, der mir zugerufen wird, andererseits aber auch durch gezielt gesetzte Kommentare, die mir selbst dann sozusagen als Webfaden beim Knüpfen des Erinnerungsteppichs (habe schon bessere Metaphern gebacken, aber ich hoffe, Ihr versteht, was ich damit sagen will) dienen. Beim Schnellschach fällt das alles weg; die Züge werden still und leise auf meinem Monitor angezeigt, wo ich dann ebenso schweigend meine Antwort eintippe und zurück an die Bretter versende. Vielleicht sollte ich hier einmal eine Sprachausgabe einbauen und mir die dann per Kopfhörer anhören, aber das übersteigt zum einen meine Programmierfähigkeiten, zum anderen würde sich das in der Zeitnotphase, wenn alle meine Gegner fast ständig zum Ziehen genötigt sind, wohl eher wie eine Großdemonstration oder die Geräuschkulisse am Hauptbahnhof anhören.

 

Der andere Grund für meine Sorge war die doch recht kräftige Gegnerschaft. Während wir in Sontheim mit ca. 1500 einen eher moderaten Gegnerschnitt hatten, waren es diesmal durchweg erfahrene Spieler mit einem Spielstärkemittel von ca. 1750. Das mag sich verglichen mit meiner eigenen ELO von 2306 immer noch nach einer leichten Aufgabe anhören, aber hey, ich spiele simultan, blind und mit Zeithandicap. Kasparow ist selbst zu einem normalen, "sehenden" Simultan nie gegen Spieler mit 2000+ angetreten und das waren mehr als 800 Punkte weniger als seine eigene Zahl.

 

Insofern habe ich im Vorfeld versucht, ein bisschen etwas über meine Gegner in Erfahrung zu bringen, um zumindest die Eröffnung zu erraten und vielleicht schon in die richtige Richtung zu bringen. Ein Unterfangen, das dadurch erschwert wurde, dass viele meiner Gegner Größen aus Politik, Wirtschaft, Justiz und Medizin sind und daher kaum noch aktiv spielen oder gar in den Datenbanken in Erscheinung treten. Ich musste mich teilweise der unmöglichsten Quellen bedienen, um Daten zu sammeln. Beispielsweise fand ich zu Dr. William Wirth, dem ehemaligen Generaldirektor der Credit Suisse, nur ein Foto, das von Alexandra Kostenjuk anlässlich eines

Simultans in Zürich aufgenommen wurde: http://www.kosteniuk.com/albums/zurich05/pictures/img_2126wirth.html

Wenn man genau hinschaut, erkennt man darauf einen leicht verunglückten Dxd5-Skandinavier. Und da dies eine meiner Lieblingseröffnungen mit Weiß ist, stand der erste Zug gegen Herrn Dr. Wirth damit schon fest J.“

 

Interessant wird das Projekt ganz sicher durch die Problematik mit der Bedenkzeit, wie Marc Lang ausführt:


Eigentlich spiele ich solche Veranstaltungen immer mit 15-20 Minuten + 5 Sekunden pro Zug für die Simultannehmer und x mal 15-20 Minuten + 30 Sekunden pro Zug (für x=Anzahl der Bretter) für mich. Die Züricher hatten für sich jedoch eine etwas längere Bedenkzeit erbeten, weshalb wir das Zeitkontingent auf 30 Minuten + 5 Sekunden für die Züricher Auswahl und 4 Stunden + 30 Sekunden/Zug für mich aufstockten. Ohne das Inkrement waren das netto etwa 18 Minuten pro Partie, mit Inkrement (das netto liegt nur bei etwa 20 Sekunden, denn die Zugeingabe mit der Maus dauert etwa 10 Sekunden) bei im Schnitt 30 Zügen etwa 28 Minuten pro Brett. Das hört sich nach richtig viel Zeit an, nicht wahr? Aber wenn man dann mal spielt, stellt man fest, dass fast immer alle Uhren laufen außer an dem Brett, an dem man gerade gezogen hat. Und da sind vier Stunden sehr schnell vorbei. Auf der anderen Seite müssen meine Gegner, während ihre Uhr läuft, nicht sonderlich lange nachdenken, denn sie haben in meinen Zugpausen genug Zeit dazu, so dass faktisch eigentlich nur einer Schnellschach spielen muss.. J.

 

Gespielt wurde in einem wunderschönen Gebäude direkt am Ufer der Limmat, dem so genannten „Zunfthaus zur Saffran“. Der große Zunftsaal im ersten Stock ist ein komplett holzgetäfelter, prächtig ausgestatteter und geräumiger Saal, dessen Würde und Tradition man schon beim Betreten spürt. Ein tolles Gefühl und nicht gerade das, was man als hinterzimmererprobter Schachspieler gewohnt ist. Insofern hatte ich zu Beginn auch etwas mit dem Ambiente zu kämpfen, denn das übt schon einen gewissen Druck aus, zumindest hatte ich das anfangs so empfunden. Später dann legte sich das und ich habe es einfach nur noch genossen. Ich finde, wir sollten in Sontheim auch so etwas bauen J.

 

Ganz wichtig für eine solche Showveranstaltung, die ja ein eine ernsthafte Zielstellung hat, ist natürlich, dass die Technik keine Probleme macht.

 

„Der Beginn war am Sonntag für 14 Uhr anberaumt, doch da Blindsimultan-Schnellschach recht aufbauintensiv ist, traf ich mich mit DGT-Brett-Guru Axel Fritz und dem Chef-Organisator Dr. Christian Issler bereits um halb 9 im Turniersaal, um die gesamte Technik zu installieren. Der große Vorteil dieser Disziplin ist nämlich auch gleichzeitig ihr Nachteil, zumindest für uns Techniker: Da man mindestens 4 Computer, 13 DGT-Bretter und 4(!) Beamer und Leinwände sowie diverse LAN-Verkabelungen benötigt, wird man unter fünf Stunden eigentlich nie fertig, zumal es immer noch irgendein Problem gibt, das einen zusätzlich aufhält. Diesmal kam es in Gestalt eines lichtschwachen Projektors (den ich noch diese Woche entsorgen werde, aber erst, nachdem ich ihn für sein peinliches Versagen genügend gefoltert habe) und einer anfangs nicht funktionierenden Verbindung zwischen meinen Rechnern und Axels Vorkriegswindows.

Als wir alles soweit behoben hatten, war es schon fast zu spät für meinen geplanten Abschalt-und-in-mich-geh-Spaziergang am Flussufer, aber da es mittlerweile ohnehin in Strömen regnete, begnügte ich mich mit einem 20-minütigen Käfigmarsch im engen Radius der regensicheren Arkaden vor dem Gebäude. Das muss für einen Außenstehenden ziemlich seltsam ausgesehen haben, zumal ich einen recht abwesenden Blick gehabt haben muss…“

 

Was die Strategie für diesen spannenden Wettkampf und den Verlauf des erfolgreichen Weltrekordversuches angeht – der Blindsimultanspieler gewann 10,5:2,5 [+8 =3 – 1] und verlor lediglich gegen Andreas Trümpler [Elo 2026], so empfehle ich Ihnen den Report von Marc Lang [ http://blindsimultan.de/index.php/blindsimultan-blog/95-neuer-weltrekord-im-aeltesten-schachklub-der-welt]. Eine Erkenntnis des 43-Jähigen scheint mir dabei interessant zu sein: Die größten Chancen hat man gegen ihn, wer die Königsindische Verteidigung wählen kann. „Königsindisch ist und bleibt einfach meine persönliche Crux im Blindsimultan; hier muss ich unbedingt noch etwas finden bis zum nächsten Event.“

 

Apropos nächster Event: Für Mai kommenden Jahres laufen bei Marc Lang die Planungen für ein Blindsimultan der ganz besonderen Art in Berlin bei SV Berolina „bei dem mir wohl endlich und endgültig das Hirn durchschmoren wird, wie mir ein Freund am Telefon nachdrücklich prophezeite. Es ist nach dem Schach-Mühle-Blindschnellschach in Günzburg und dem fantastischen Schach-Räuberschach-Tandem-Mühle-Blindmix in Marktleuthen im Sommer dieses Jahres der erste Versuch, Blindsimultan nicht nur mit anderen (Blind-)Spielen, sondern auch mit Gedächtnisakrobatik zu verknüpfen. Ich will auch noch nicht allzu viel darüber verraten, aber ein…äh…Kunststück(?) wird sein, während eines laufenden Blindsimultans (Schnellschach, an voraussichtlich 13 Brettern) blind eine Springerwanderung zu vollführen.

Von dem Problem haben die meisten Schachspieler schon einmal gehört: Es besteht darin, einen Springer von einem beliebigen Feld aus das komplette Brett so überqueren zu lassen, dass er jedes Feld genau einmal, also keines doppelt und keines gar nicht, berührt. So weit, so gut, aber das ist doch ehrlich gesagt kalter Kaffee. Viel spannender wäre es, kein normales 8×8, sondern ein schön geräumiges 24×24-Brett dafür zu verwenden. Und da sich Schachbretter auch ganz hervorragend als magische Quadrate eignen (und so was Ähnliches glaube ich auch mal publikumswirksam auf einem 8×8-Brett bei "Das Superhirn" war), ist meine Idee nun Folgende:

 

  • Direkt vor Veranstaltungsbeginn nennen mir die Organisatoren 9 verschiedene Zahlen zwischen 260 (=Minimalsumme für ein magisches 8×8-Quadrat) und 1000 (theoretisch gehen auch größere Zahlen, aber dann fliegt mir wohl doch die Schädeldecke weg) und ein beliebiges Startfeld auf dem 24×24-Brett (z.B. i7).
  • Während des laufenden Blindsimultans muss ich dann von dem genannten Ausgangsfeld eine Springerwanderung entlang aller 576 Felder des Brettes machen, ohne dabei das Brett zu sehen.
  • Ich darf die Springerwanderung nicht "am Stück" machen, sondern immer nur maximal 16 Schritte nacheinander, danach muss ich unterbrechen und erst einmal wieder ein paar Züge an den Blindschachbrettern machen. Das aktuelle Standfeld des Springers muss ich mir natürlich merken.
  • Zu jedem Feld, auf dem der Springer landet, muss ich eine Zahl nennen. Diese wird auf dem Brett auf genau diesem Feld eingetragen. Am Ende der Springerreise wird das Brett in neun 8×8-Quadrate aufgeteilt: a1 bis h8, a9 bis h16, i1 bis p8 usw. bis q16 bis x24. Die Zahlen, die ich entlang der Springerreise für jedes Feld genannt habe, müssen nun für jedes der neun Teilquadrate ein Magisches Quadrat ergeben, dessen Summen horizontal, vertikal und diagonal die neun Zahlen zwischen 260 und 1000 ergeben, die mir vor Beginn genannt wurden.

Das alles wie gesagt während einer laufenden Blindsimultan-Veranstaltung…auch wenn es sich bescheuert anhört, ich freue mich da schon wie ein kleines Kind drauf. Aber es sind noch weitere Zaubertricks geplant, die ich jedoch noch nicht verraten möchte. Mehr dazu in Kürze.

Ach ja, wer einmal die Springerwanderung auf einem 24×24-Brett versuchen möchte, hier ist der Link zu meinem Trainingsring: http://schach-sontheim.de/springerproblem/springerproblem24.php“.

 

[Redaktion des Beitrages, der von Marc Lang autorisiert wurde: Raymund Stolze]
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