Kommentar zu Kommentar zu von Weizsäcker


Redet er völligen Unsinn?

 

So eine Frage im Untertitel ist natürlich rhetorisch, und meine Antwort ist dann auch “Nein – er hat sich zwar sicher im Ton vergriffen, aber da steckt ein wahrer Kern dahinter. Und jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung – auch wenn sie unpopulär ist.” Das werde ich natürlich noch erläutern, zunächst einige Kernaussagen von Robert von Weizsäcker – ich verweise bewusst auf die Originalquelle Deutschlandfunk (mit Audio), anderswo – Spiegel Online und faz.net – wurde es selektiv-verkürzt wiedergegeben. “Carlsen hat gewonnen, weil er der bessere Sportler ist und nicht der besser Schachspieler.” Redaktionell: “Der Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker unterstrich, dass Carlsen seiner Meinung nach nicht der weltbeste Schachspieler sei, was das reine Schachverständnis angehe. Da sei ihm etwa der ehemalige russische Weltmeister Wladiminir Kramnik überlegen.” In allen Kurzfassungen – auch im Original – fiel, warum auch immer, weg, dass von Weizsäcker neben Kramnik auch Aronian lobend erwähnte. Dann fielen noch die Worte “computerähnlich, blutlos und seelenlos”.

 

Carlsen-Fans sind einerseits “stolz” auf dessen sportliche Fitness und auch darauf, dass Houdini mit seinen Zügen oft einverstanden ist. Andererseits “darf” man sein Spiel nicht ‘computerähnlich’ nennen oder suggerieren, dass sportliche Fitness (nicht nur beim WM-Match) eine wichtige, womöglich entscheidende Rolle spielte? Bevor ich zu meiner eigenen Meinung komme, (selektive) Kurzfassungen bisheriger negativer Reaktionen auf von Weizsäcker – bei allem Respekt vor Kollegen, keiner (am ehesten Bönsch) hat auch nur versucht zu erfassen, was er meinte und ob er vielleicht nicht ganz unrecht hat?

 

Raymund Stolze: Kasparov sieht das anders, und der hat doch Ahnung zumal er mit Carlsen trainiert hat. Ausserdem gibt der Erfolg Carlsen doch Recht. [TR: Der bekennende Carlsen-Fan Kasparov ist keinesfalls neutral und unvoreingenommen. Und von Weizsäcker bezweifelt keinesfalls, dass Carlsen gewonnen hat und zwar verdient. Es geht ihm eben um die “B-Note”.]

 

Johannes Fischer: Carlsen kann doch auch anders spielen [TR: Ja, jeder Weltklassespieler ist flexibel, sonst wäre er kein Weltklassespieler. Aber bei Carlsen ist das – was die letzten Jahre betrifft – eher Ausnahme als Regel.]

 

Uwe Bönsch: “Er [von Weizsäcker] bevorzugt eben eine Art Schach, in der sehr viel los ist, in der sehr viele taktische Lösungen gesucht werden, wo Angriff und Verteidigung sich die Waage halten. … Carlsen versucht, möglichst lange auf höchstem Niveau keine Fehler zu machen. Das ist nicht so spektakulär, wie wenn man eine Partie in 25 Zügen gewinnt, indem man viele eigene Figuren opfert, um den gegnerischen König matt zu setzen.” [TR: Womöglich kennt Bönsch von Weizsäcker bzw. dessen eigene (Fern-)Partien. Aus dem Interview wird aber nicht deutlich, dass (nur) diese Spielweise gemeint ist – siehe unten. Und ob “keine Fehler machen” das schachliche Nonplusultra ist, da kann man eben geteilter Meinung sein.]

 

Generell bezieht sich das Interview natürlich auf das WM-Match (ohne WM-Match kein Interview), ich beziehe mich auf Carlsens Spielweise der letzten 2-3 Jahre (früher spielte er auch Hauptvarianten und war in seinen Partien, um Bönsch zu zitieren, mitunter “sehr viel los”). Für das WM-Match war es eine naheliegende und selbstverständlich legitime Strategie – auch bei anderen Gelegenheiten hat Carlsen damit Erfolg. Man kann natürlich sagen “der Zweck heiligt die Mittel” und die B-Note ist irrelevant. Drei russisch-sowjetische Zitate, alles (ehemalige) Weltklassespieler, tendieren zumindest zu von Weizsäckers Version – zwei aus meinem Gedächtnis daher sicher nicht 100% O-Ton, die Originalquellen habe ich nicht parat:

 

Dreev: “Karjakin versucht seine Gegner zu überspielen. Carlsen wartet vor allem auf deren Fehler. Karjakin ist mir lieber.”

 

Kramnik: [schwer aus dem Zusammenhang gerissen] “Carlsens Elo-Dominanz hat keine schachlichen Gründe.” Er weiss und akzeptiert, dass Carlsen momentan der beste Spieler ist und auch warum. Das bezieht sich wohl darauf, dass qua Schachverständnis die Lücke zwischen Carlsen und dem Rest (nicht nur Kramnik selbst) sicher zumindest kleiner ist als die Elozahlen suggerieren. Andere Faktoren sind wohl sportliche Fitness und (daher) Aussitzen des Gegners? Natürlich ist Kramnik auch nicht unvoreingenommen, wobei er wohl tendenziell genauso “Carlsen-Experte” ist wie Kasparov. Wer hat sich die letzten Jahre mehr/länger mit Carlsen beschäftigt? Kasparov, der einige Monate mit ihm trainierte – aber sicher nicht täglich von morgens bis abends, sondern allenfalls einige Wochen intensiv und dazwischen +- regelmässig per email und Skype? Oder Kramnik, der oft gegen ihn spielte und diese sowie andere Carlsen-Partien analysierte? Ich neige dazu, dass Kramnik mehr Stunden investierte.

 

Gelfand [da habe ich den englischen O-Ton eines Whychess-Interviews aus einer alten privaten email, 13. Dezember 2012] über Aronian: "he is the most striking player around, with the highest creative level, in terms both of openings and original ideas in the middlegame. Number one at the moment. So, frankly, it surprises me that the entire press is part of the Carlsen fan club, and not Aronian's." Gelfand ist sicher auch nicht unvoreingenommen – er und Aronian sind gut befreundet; es gab ja Gerüchte, dass Aronian Gelfand heimlicher Sekundant im WM-Match gegen Anand war. Man mag einwenden “Eröffnung zählt nicht da Carlsen bewusst darauf verzichtet" – aber es geht ja auch um Ideen im Mittelspiel, am Brett und nicht in häuslicher Vorbereitung generiert.

 

Man kann das alles so oder so sehen: a) Russen/Sowjets sind voreingenommen – sauer und neidisch, dass Carlsen ihre Hegemonie (in der Breite nach wie vor vorhanden?) durchbrochen hat. Oder b) sie sind unvoreingenommen, im Gegensatz zum Westen nicht vom “Carlsen-Hype” infiziert. Ich neige zu b) – wer a) kategorisch vertritt, den kann ich nicht überzeugen.

 

 

Nun meine eigene Amateur-Perspektive inklusiv Einblicken oder Anekdoten aus alten Kieler Zeiten (bis 1998). Damals war Joachim Neumann mein Vereinskollege, als Fernschach-GM noch besser als von Weizsäcker (wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ungefähr top5 weltweit). Am Vereinsabend zeigte er mitunter laufende Fernpartien – da ging es keinesfalls immer um taktisches Feuerwerk, sondern oft um Ideen und Technik im Endspiel (so spielte er auch bevorzugt im Nahschach). Nur werden Fernpartien auf hohem Niveau eben nicht durch grobe Patzer entschieden! Im Fernschach (damals und heute) spielen Computer natürlich eine Rolle – aber Computer alleine reicht nicht denn den hat der Gegner ja auch. Es geht stattdessen darum, langfristige Konzepte jenseits des Computerhorizonts zu entwickeln. Man kann seinen Gegner auch positionell überspielen – auch das meint wohl von Weizsäcker wenn er Kramnik erwähnt, und Dreev wenn er Karjakin lobt. Keinesfalls nur zwei drei Opfer und Matt im 25. Zug.

 

Ein heutiger Vereinskollege auf Texel (nationale Elo um 2100, FIDE-Elo etwas höher) und ein damaliger Vereinskollege (Elo +-2300) spiel(t)en auch ein bisschen wie Carlsen: ruhige und harmlose Eröffnungen, solide im Mittelspiel und jeden gegnerischen Fehler gnadenlos ausnützen. (Den ersten Namen kann jeder finden, der weiss wo/wie er suchen muss. Beim zweiten ist es komplizierter – kleiner Tip: er spielt inzwischen für einen anderen Verein im selben Landesverband). Natürlich sind/waren das unangenehme Gegner die zu Recht in der ersten Mannschaft spielen (wobei ich gegen sie zumindest nicht chancenlos war/bin). Aber ob dieser Stil der einzig wahre, beste und revolutionäre ist, bleibt Ansichtssache.

 

 

Gibt es im Schach auch eine B-Note? Diese Frage anders formuliert: Ist Schach Sport, Wissenschaft und/oder Kunst? Beim Sport zählt nur das Ergebnis, in Wissenschaft (war selber früher Wissenschaftler) zählt auch Kreativität, in der Kunst erst recht. Ich will nicht die gesamte Diskussion auf Spiegel Online und FAZ diskutieren, sondern nur vereinzelte Kommentare erwähnen. Einer verwies völlig zu Recht auf die Originalquelle, einige brachten Fussball-Analogien zur Spielweise von Chelsea London im Champions League Finale gegen Bayern München oder zur deutschen Mannschaft in den 80er Jahren – “deutsche Tugenden”, Laufen bis zum Umfallen, 1-0 durch ein Tor in der 88. Minute ist ein wunderschönes Ergebnis (oder auch ein frühes Tor und dann das Ergebnis verteidigen). Das mag man als Fan so sehen, attraktiv ist es (jedenfalls für neutrale ausländische Beobachter) nicht unbedingt – und bekommt allenfalls Respekt aber keine Bewunderung. Zur Diskussion in diesen Foren generell: JP_Schmidt schrieb (erster Kommentar bei Johannes Fischer): “Erfreulich ist hingegen, dass in den Diskussionsforen der Zeitungen deutlich mehr Sachverstand anzutreffen ist und die Äußerungen fast einhellig zurückgewiesen werden.” S(ch)achverstand kann man von Weizsäcker doch nicht absprechen – während es sich bei (anonymen) Beiträgen in Zeitungsforen nicht verifizieren lässt? Es sei denn: “richtige Meinung” = Sachverstand ?!

 

 

Zu Carlsen: Der Erfolg gibt ihm Recht – so kann man das sehen. Aber deshalb MUSS man seine Spielweise doch nicht unbedingt mögen, es sei denn man mag vor allem den Erfolg an sich. Und wie ich schon im WM-Abschlussbericht schrieb: was wäre, wenn die gesamte Weltklasse wie Carlsen spielen würde? Generell betrachten einige offenbar jede auch nur leise Kritik an Carlsen (natürlich war von Weizsäcker laut) als Majestätsbeleidigung bis Gotteslästerung und fordern dafür die Todesstrafe – im übertragenen Sinne: sie wollen Carlsen-Kritiker mundtot machen. Das ist, jedenfalls für mich, eine unangenehme, unnötige und unerwünschte Nebenwirkung des Carlsen-Booms.

 

 

P.S.: Auch das Rumreiten auf dem Titel “Freiherr” finde ich eher albern und unnötig. Vielleicht hat das bei anderen Titeln (Professor) oder Ämtern (DSB-Präsident, später Ehrenpräsident) geholfen, vielleicht spielte es auch keine Rolle. Kehrseite ist, dass ersteres gerne vermutet oder unterstellt wird (und von Weizsäcker dann das Gegenteil beweisen muss?!). Für den Titel Fernschach-GM musste er jedenfalls dieselben Anforderungen erfüllen wie Joachim Neumann und alle anderen – und das zählt für die Beurteilung seiner Aussage/Meinung mehr als alles andere.

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