Nachlese zur Mannschafts-WM

Diagramme und Einzelkritik

 

In meinen beiden bisherigen Berichten hatte ich auf Diagramme komplett verzichtet – das will ich nun nachholen, wobei ich keinesfalls alle interessanten Partien und Momente erfassen kann. Ausserdem etwas Einzelkritik an den deutschen Spielern – ist Thomas Richter dafür der richtige? Ich mache es trotzdem, und werde – wo ich es für angebracht halte – Licht und/oder Schatten erwähnen. Dabei werde ich aus deutscher Sicht auch die Mannschafts-EM kurz vor der –WM etwas mit einbeziehen und die zwei Turniere miteinander vergleichen.

 

Die Freunde der deutschen Mannschaft müssen sich aber noch etwas gedulden, zuerst ist Russland dran. Da zeige ich nur eine Schlusstellung, die entscheidende des gesamten Turniers im Match Russland-Ukraine zwischen Nepo und Kryvo (beide Namen sind noch etwas länger):

Nepomniachtchi hat gerade 42.Dc2 gespielt, Kryvoruchko spielte … nichts mehr sondern gab auf, da seine Dame in der Falle sitzt. Ich habe russische Quellen zum Turnier kurz überflogen – Nepo war sich offenbar sicher, dass er ohnehin klar besser stand bereits vor 40.-Da1? 41.Tc3 Tde8?? . Mag sein, aber kann man diesen Vorteil (schwarze Bauernschwäche d6) zum Gewinn verdichten?

Nepomniachtchi war mit 5,5/7 an Brett 4 bester russischer Spieler, und prozentual Bester des gesamten Turniers an allen Brettern. Allerdings, wenn man seine vier Siege näher betrachtet: In Runde 3 verwandelte der Chinese Yu Yangyi gegen ihn im 40. Zug (Zeitkontrolle!?) eine für ihn klar bessere bis gewonnene in eine glatt verlorene Stellung. In Runde 7 spielte der Türke Yilmaz für GM-Verhältnisse unglaublich schlecht: wenn Weiss nach 20 Zügen aufgeben kann oder muss, hat er einiges falsch gemacht. Runde 8 gegen die Ukraine hatten wir bereits. Runde 9 gegen IM Shoker war recht souverän, fällt aber für 2700+ Spieler eher unter die Kategorie Pflichtsieg (sorry Arkadij Naiditsch). Positiv ausgedrückt: Nepomniachtchi nutzte seine Chancen perfekt.

 

Was machten die anderen Russen? Kramnik (4,5/8 an Brett 1) hatte ein, für seine Verhältnisse, eher durchwachsenes Turnier. Das Remis in Runde 1 gegen Aronian war ein Duell auf Augenhöhe und hohem Niveau. Dann die glatte Niederlage gegen Nakamura – im Gegensatz zur Olympiade 2012 am Ende ohne Folgen für das russische Team. Seine beiden Siege: der gegen Ipatov war brilliant, der gegen Giri auch ein bisschen glücklich. Dann noch vier Remis, wobei er sich – hatte ich bereits erwähnt – die Partie gegen IM Ezat sicher anders vorgestellt hatte. Karjakin (5,5/8 an Brett 2) spielte im Rahmen der Elo-Erwartung, solide und eher unauffällig aber +3 ist +3. Grischuk (4/7 am dritten Brett) spielte im Gegensatz zur EM (Niederlage gegen Solak) unfallfrei, konnte aber auch nur Georg Meier besiegen. Vitiugov verlor ebenfalls gegen die USA (Robson) wo er in einer wilden Partie den Kürzeren zog, gewann dann gegen einen übereifrigen Naiditsch und überspielte Sokolov. Insgesamt: angesichts der russischen Elo-Übermacht reichte ein besonders gut aufgelegter und glücklicher Spieler (Nepomniachtchi) um Gold zu gewinnen. Entscheidend waren, im Nachhinein, die knappen Siege gegen China und Ukraine – beide Male war in Nepomniachtchis Partie und damit im gesamten Match auch ein anderes Ergebnis möglich.

 

Noch eine Kuriosität – olimpbase.org weiss alles: Das war die erste russische Goldmedaille mit Kramnik am Spitzenbrett. Er spielte nicht immer mit und holte zuletzt 1992, 1994 und 1996 Gold bei der Olympiade – die beiden letzten Male an Brett 2 hinter Kasparov, 1992 spielte der (im Westen) völlig unbekannte FM Kramnik am fünften Brett. Svidler an Brett 1 holte bei EMs und WMs dreimal Gold, Grischuk immerhin einmal. Wenn ich jemals die Chance zu einem Interview mit Kramnik bekomme, wäre das vielleicht eine “nette” oder gemeine Frage an ihn: Warum tut sich Russland mit Dir/Ihnen am Spitzenbrett so schwer? Auch diesmal war es eher trotz als wegen Kramnik. Allerdings spielte Kramnik bei der Olympiade 2006 in Turin überragend (beste Eloleistung aller Spieler im Turnier), dennoch wurde Russland damals Sechster.

 

Und jetzt zum deutschen Team. Zunächst bietet es sich an, die EM- und WM-Einzelergebnisse zu vergleichen – dieselben Spieler in anderer Reihenfolge:

In Warschau bei der EM

Naiditsch 5,5/7 (TPR 2854, Gegnerschnitt 2624, Elo +10,5)

Meier 4/8 (2567/2567, -5,7)

Khenkin 2,5/6 (2488/2545, -10,2)

Baramidze 3/7 (2495/2545, -11)

Fridman 3/8 (2460/2547, -15,5)

Wir können festhalten: nur Naiditsch erreichte Normalform und einiges mehr als das.

 

Nun in Antalya bei der WM:

Khenkin 2/7 (2503/2661, Elo -10)

Meier 4/8 (2686/2686, +7)

Fridman 4,5/7 (2794/2692, +19)

Naiditsch 4,5/8 (2668/2625, -6)

Baramidze 2/6 (2523/2648, -7)

Wir können nun vergleichend festhalten: Khenkin und Baramidze “bestätigten”, rein vom Ergebnis her, ihre EM-Form. Fridman und auch Meier (gleiches Ergebnis gegen deutlich stärkere Gegner) waren besser, Naiditsch (schlechteres Ergebnis gegen vergleichbaren Eloschnitt) schlechter.

 

Die deutsche WM-Aufstellung war natürlich taktisch, Sinn der Sache war wohl vorne jedenfalls Remis zu halten und Naiditsch sollte hinten abräumen – aber dessen EM-Form ging auf dem Weg von Warschau über Deutschland nach Antalya irgendwie-irgendwo verloren (kein Vorwurf an ihn oder wen-auch-immer). Und auch Khenkin konnte derlei Erwartungen nicht erfüllen – Meier und vor allem Fridman der dann auch noch zweimal gewann durchaus. Bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft 2010 (danke an einen Leser für diesen Hinweis!) spielte Khenkin noch brilliant: mit Weiss Sieg gegen Wang Hao, mit Schwarz Remis gegen Wang Yue und Ivanchuk und Sieg gegen Ponomariov – ja, wo ist diese Form geblieben? Das ist eine ganze Weile her, aber insgesamt ist er wohl noch derselbe Spieler mit Höhen und Tiefen.

 

Ich versuche nun, die deutschen Spieler in Antalya anhand einer ganzen Reihe Diagramme zu charakterisieren. Dabei vermeide ich, dieselben Diagramme zu zeigen wie Kollege Olaf Steffens für den Schachbund. Ich beginne mit Brett 1, also Igor Khenkin. Er ist für mich generell ein rätselhafter Spieler: Manchmal spielt er rein technisch, tauscht schnell viele Figuren ab und versucht dann, derlei Stellungen zu gewinnen oder zumindest nicht zu verlieren. Manchmal strebt er durchaus nach Verwicklungen und zieht dann mitunter in unklarer Stellung (erfolgreich) die “Notbremse” Remisangebot. Ein taktisches Auge hat er durchaus, zwei Beispiele aus Antalya die dann nicht ganz wie gewünscht funktionierten:

Hier spielte er 14.d5 Lxd5 15.Txd5 Dxd5 16.Dxd5 exd5 17.Txc6 Lxb2 – und wie soll man diese Stellung bewerten? Später bekam er beide Bauern zurück, behielt zwei Leichtfiguren gegen einen Turm und doch war das Endspiel wohl auch objektiv remis angesichts sehr aktiver schwarzer Figuren.

Da machte Khenkin es umgekehrt und gab zwei Leichtfiguren gegen Turm und Bauern: 20.-Le2 21.Txe2 Sxe2 22.Dxe2 Dxb2 23.Dd1 Txa2 24.Txa2 Dxa2 usw. – Weiss gewann am Ende.

 

Bei Georg Meier hat Kollege Steffens bereits dessen hübsches Qualitätsopfer gegen Solak gezeigt, ich zeige zunächst zwei Momente aus der Partie gegen Aronian:

Beide haben hier einen schlechten Läufer, der weisse erwachte nach 20.e4! Sf7 21.exf5 Sxe5 22.dxe5 Lxe5 23.fxe6 – und Aronian musste im Trüben fischen, am Ende mit Erfolg, kurz danach stand es so:

Den Desperado-Turm (gerade geschah 32.-Tg8) konnte man durchaus nehmen, entweder sofort oder nach 33.Lg5 h6. Stattdessen spielte Meier in Zeitnot das “sichere” 34.Td1 und es folgte 34.-Txg5! 35.hxg5 Dh3+ 36.Ke2 De3+ 37.Kf1 Dh3+ usw. mit Dauerschach.

 

Gegen einen anderen Weltklassespieler stand Meier lange solide und scheinbar remislich, aber dann entkorkte Grischuk

26.-a5 und bekam nach 27.bxa5 b4 nebst –c5 usw. doch Oberwasser (27.axb5 Lxb4 28.Txc6 Td2! 29.Txc8+ Kh7! 30.Dc4 Dxb1 ist auch besser für Schwarz).

 

Daniel Fridman spielte solide und nutzte seine Chancen. Hier hatte er Movsesian bereits völlig überspielt und verwandelte nun mit

31.-Dxb3! 32.Sxb3 Txd1+ 33.Dg1 Txg1+ 34.Kxg1 Lxc4 35.Sa5 Le6 0-1

 

In der letzten Runde erreichte er mit Schwarz gegen Nidjat Mamedov diese Stellung:

Schwarz steht einen Tick besser, kann man das gewinnen? Hier verlor der Gegner die Geduld mit 35.c5 Txb4 36.Td1 Ke6 37.Td6 Tb5 38.Txh6 Txc5 usw. – Schwarz behält genug Gewinnpotential, 0-1 nach 45 Zügen.

 

Und nun Arkadij Naiditsch, immer für eine Überraschung gut! Und das gleich in der ersten Runde gegen den bereits erwähnten ägyptischen IM Samy Shoker. In der nächsten Diagrammstellung spielte er 27.e6? und hatte dann zu wenig für die geopferte Figur.

Houdini plädiert für 27.h6 und gibt anfangs Dauerschach nach 27.-Le5 28.Txe5 Tg8 29.Dxe7 dxe5 30.Df6+ usw. – so stand es sinngemäss auch in meinem Bericht zum Ruhetag. Neulich dann das: ich zeigte diese Stellung wiederum Houdini, kochte mir zwischenzeitlich einen Kaffee (was Olaf Steffens kann, das kann ich auch bzw. habe hier einen ähnlichen Geschmack), Houdini rechnete weiter und plötzlich steht nach 27.h6 nicht 0.00 sondern +3.67! Die Variante(n) will ich hier nicht alle zeigen – Weiss kann irgendwann seinen Turm mit Td3 aktivieren, Schwarz muss, um Matt zu verhindern, die Dame geben und Weiss behält Dame gegen zwei Türme bei zwei Mehrbauern. Naiditschs Figurenopfer war offenbar doch korrekt, allerdings nur wenn er korrekt weiterspielt. Da war ein halber bis ganzer Punkt mehr drin, und die Niederlage gegen Vitiugov war auch unnötig:

Wohl da Deutschland im Match zurücklag, riskierte Naiditsch was – im Prinzip die richtige Idee, nur die Ausführung war falsch: die Brechstange 31.f5 exf5 32.e6 Sd6! 33.exf7 De7 34.Taf1 Sxf7 (noch besser war 34.-Se4!) konnte das Remis verhindern, aber in die falsche Richtung.

 

Ich will nicht nur Naiditschs Verlustpartien zeigen, daher noch drei Schlusstellungen:

Robson-Naiditsch war ein wildes Gefecht, das hier mit Dauerschach endete.

 

Und hier hat Naiditsch (Weiss gegen Akopian) mehr als Dauerschach – genug, dass der Gegner hier aufgab.

 

Zum Schluss: Naiditsch kann auch anders, und zwar gegen Durarbayli:

Im Match gegen Aserbaidschan konnte er, wie Fridman (oben gegen Mamedov), einen leichten Endspielvorteil zum Gewinn verdichten.

 

Zu David Baramidze fällt mir nichts ein – liegt aber vor allem daran, dass Kollege Steffens seine beiden wilden Partien gegen Bassem Amin und Varuzhan Akobian bereits dokumentierte. Baramidzes Alptraum-Niederlagen gegen Kryvoruchko und Yu Yangyi bedecke ich mit dem Mantel des Schweigens. Insgesamt schien Baramidze diesmal etwas überfordert, aber wer hätte sonst am fünften Brett spielen sollen?

Print Friendly
Veröffentlicht unter WM |