Bedeutende Turniere der Schachgeschichte – eine Chronik [7]

Eine weitere niederländische Erfolgsgeschichte – Das Internationale Schachturnier in Groningen fand zum 51. Mal statt

 

Ohne Kenntnis der Vergangenheit ist die Gegenwart nicht zu verstehen. Diese fundamentale Erkenntnis gilt unbestritten auch für das Jahrtausende alte Königliche Spiel. Der Schach-Ticker hat deshalb im Januar 2013 damit begonnen, eine Chronik der bedeutenden Schachturniere zu veröffentlichen. Der erste Beitrag dieser Serie war aus gegebenem Anlass dem 75-jährigen Jubiläum der nach Hastings wohl wichtigsten Turnierserie der Welt in Wijk aan Zee gewidmet. Es folgten das Gibraltar Chess Festival und Baden-Baden, wo mit de, 1, GRENKE Chess Classic im Februar eine Tradition in der berühmten Kurstadt fortgesetzt wurde. Teil 4 widmeten wir den Gedenkturnieren an Alexander Aljechin, Teil 5 dem Tal-Memorial und Teil 6 dem Internationalen Schachfestival in Biel. Nun wird diese Chronik mit einem Beitrag über das Schaakfestival Groningen fortgesetzt, das seine 51. Auflage vom 21. bis 30. Dezember erlebte.

 

Die Schachszene in den Niederlanden scheint gesund zu sein, und wenn es um internationale Veranstaltungen geht, noch dazu sogar äußerst robust. Von den großen Turnieren ist eigentlich nur das IBM in Amsterdam aus dem internationalen Terminkalender verschwunden das zwei Jahrzehnte verschwunden, dass von 1961 bis 1981 [alle Sieger der 21 von IBM gesponserten „international chess tournaments“ finden Sie unter dem Link http://en.wikipedia.org/wiki/IBM_international_chess_tournament. In aller Munde war insbesondere die Auflage im Juli 1976, weil Co-Sieger Viktor Kortschnoi – er teilte den Sieg mit Anthony Miles damals sich in den Westen absetzte und die niederländische Regierung um politisches Asyl ersuchte.

 

Die großen internationalen Events sind gut über das Jahr verteilt – im Januar zum Jahresauftakt ruft Wijk aan Zee mit dem Tata Steel Tournament – diesmal im Masters endlich wieder einmal mit deutscher Beteiligung, denn Arkadij Naiditsch hat sich durch seinen Sieg in der B-Gruppe qualifiziert. Im Sommer sind Leiden und Amsterdam etabliert, im Herbst Hoogeeven mit einem Super-Viererturnier und einem Open und schließlich folgt zum Jahresausklang im Dezember Groningen.

 

In der jüngsten Stadt der Niederlande, die eine lange, bewegte Geschichte hat, gibt es dabei eine absolute Besonderheit: Es wird nämlich an Heiligabend Schach gespielt. Bei der Premiere 1963 trug sich der einheimische Coen Zuidema [29. August 1942], ein studierter Mathematiker als Erster in die Siegerliste ein, der neun Jahre später die Landesmeisterschaft gewinnen sollte.

 

Da ich im Internet allerdings wenig Hintergrund zur Chronik des Turniers fand, habe ich mich an die Veranstalter gewendet, um zu Informationen zu kommen. Ben Hummel, der für die Presse des Schach Festivals Groningen zuständig ist, schickte mir postwendend die Datei des Programmheftes von 2012, dass anlässlich des 50-jährigen Jubiläums natürlich viele Informationen enthält, darunter auch die Liste aller Sieger. Sie muss lediglich um den 50. ergänzt werden – und das war das Trio Zaven Andriasian, Alexander Kovchan und Sipke Ernst, Der Niederländer kam damit zu seinen fünften Erfolg insgesamt und ist somit einsamer Rekordhalter in Groningen.

 

Bei einem Blick auf 50 Jahre Schaakfestival Groningen entdeckt man dann, dass es mit

 

Robert Hübner [geteilter Erster mit Hans Ree 1965] und dem am 5. September diesen Jahres im Alter von 73 Jahren verstorbenen Karl-Heinz Maeder [1969] zwei deutsche Sieger gegeben hat.

 

Groningen war freilich auch immer ein Ort für bedeutende Wettkämpfe der Schachgeschichte. So wurde hier 1997 der Herausforderer für den FIDE-Weltmeister in einem K.o.-Turnier mit 128 Teilnehmern ermittelt, dessen Sieger Viswanathan Anand war.

 

Dass ist vielleicht auch eines der Geheimnisse, warum dieses Schachfestival im Gegensatz zum Superturnier in Linares nicht nur einfach überlebt hat, sondern eine gesunde Zukunft hat. Hinzu kommt, dass die Veranstalter sich immer wieder Gedanken machen, um das Rahmenprogramm attraktiv zu gestalten. Im Vorjahr gab es neben dem Open, das im Groninger Sportcenturm Rijksuniversiteit & Hanzehogschool ausgetragen wird, einen Schachkampf über vier Partien zwischen John van der Weil und dem 13 Jahre jungen Lokalmatador Jorden van Foreest, den der alte Haudegen mit 3:1 gewann. In diesem Jahr lautete das Duell „alt“ gegen „jung“ Jan Werle [Elo 2512] vs. Nick Maatman [Elo 2209] – und erneut gewann der erfahrene Meister. Diesmal hieß es sogar 4:0!

 

Ein weiterer Höhepunkt in diesem Jahr war der Freundschaftskampf zwischen Exweltmeister Anatoli Karpow

 

, der 1968 und 1995 mit Siegen in Groningen seine Visitenkarte abgegeben hatte, und dem niederländischen Vorkämpfer Jan Timman. Beide standen sich 1993 in einem FIDE-WM-Match gegenüber, das der Russe mit 12,5:8,5 doch deutlich dominiert hatte.

 

Diesmal ging es im Groninger Museum lediglich über vier Runden, dazu war die Bedenkzeit mit 40 Minuten plus 30 Sekunden pro Zug, fast auf Schnellschachniveau. Das führte dazu, dass Karpow, der wie sein Kontrahent Jahrgang 1951 ist, vor allem in den ersten drei Partien in Zeitnot kam, was aber ohne Folgen blieb. Wer allerdings gedacht hätte, dass nun auch die letzte Begegnung friedlich ausgehen würde, der irrte. Allerdings musste Timman mit 20…h6? schon kräftig nachhelfen , denn der Textzug ist wohl der Anfang vom Ende, während sich Schwarz nach 20…Dxc6 oder 20…Tc8 durchaus halten kann.

 

Karpow, A. – Timman, J.

Freundschaftsmatch, 4. Partie,

Museum Groningen 29. Dezember 2013

Damenindische Verteidigung [E15]

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 La6 5.b3 b5 6.cxb5 Lxb5 7.Lg2 Lb4+ 8.Ld2 a5 9.a3 Lxd2+ 10.Dxd2 Lc6 11.0–0 Dc8 12.Dc2 Db7 13.Sbd2 0–0 14.Tfc1 Ta7 15.Ta2 Ld5 16.Tb2 d6 17.Se1 Lxg2 18.Sxg2 Sbd7 19.Dc6 Tb8 20.Tbc2

 

 

20… h6? 21.Dxc7 Da6 22.Dc4 Dxc4 23.Txc4 Sb6 24.Tc6 Se8 25.e4 Kf8 26.Se3 Ke7 27.d5 Kd7 28.dxe6+ fxe6 29.e5 d5 30.T6c5 Kd8? 31.f4 Sd7 32.Tc6 Sc7 33.a4 Tb6 34.Txb6 Sxb6 35.Tc6 Sd7 36.Sf3 Sb8 37.Sd4 Kd7 38.Tb6 Sba6 39.f5 Sc5 40.fxe6+ S5xe6 41.Td6+ , und Timman gibt in verlorener Stellung auf! [1-0]

 

 

Ich denke, dass solche Showveranstaltungen auch bei uns in Deutschland eine Bereicherung bei Turnieren sein können. In Dortmund beim Sparkassen Chess-Meeting wäre dafür in jedem Fall die Bühne dafür vorhanden – es gibt ja bislang einen spielfreien Tag, also auch Zeit, für ein solches Spektakel.

 

Natürlich wurde in Groningen auch ganz normal Wettkampf-Schach gespielt. In 2013 gab es drei Open [A/103, B/50 und C/35] dazu noch ein Compact-Turnier mit 150 Teilnehmern. Macht insgesamt mit den beiden Schaukämpfen 342 Aktive!

 

Was das A-Open angeht, so war am Ende ein Quartett mit 7/9 punktgleich. Und das sind die „glorreichen Vier“: Zaven Andriasian (Armenien) und die drei Niederländer Erwin L’Ami, Benjamin Bok und – dreimal dürfen Sie raten – Sipke Ernst.

 

Ich hatte es Ihnen schon bei einem meiner Betrachtungen zur Jugend-Weltmeisterschaft 2013 mitgeteilt, dass zwei „Schachprinzen“ aus mir unerklärlichen Gründen nicht in den Vereinigten Arabischen Emiraten am Start waren. Nun, Rasmus Svane [Elo 2472] kam auf 6/9, was Platz 14 bedeutete und er damit bestplatzierter Deutscher. Hätte er eine Großmeisternorm geschafft, dann wäre das immerhin die Taube auf dem Dach gewesen. Mit einer Performance von 2458 war es aber nicht einmal der Spatz in der Hand. Was gleichermaßen auf IM Alexander Donchenko [2455] zutrifft. Platz 40 mit 5/9, dazu eine schwache Performance von 2367 sind alles andere als Traumergebnisse [die kompletten Ergebnisse des Open A finden Sie unter http://www.schaakstadgroningen.nl/festival/Swiss/A/index.html ].

 

Das trifft freilich auch auf den schon erwähnten Jordan van Foreest [Elo 2326] mit Platz 28 zu [5,5/9]. Der Europameister in der Altersklasse U14 „schwänzte“ wie Rasmus und Alexander ebenfalls den Saisonhöhepunkt für die Jugend-Spieler in Al Ain. Ob das eine richtige Entscheidung gewesen ist, muss letztlich er selbst wissen…

 

Raymund Stolze

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