Kalenderblätter [10]

Der Spieler – zum 65. Geburtstag von Walter Shawn Browne [10. Januar 1949]

 

Ich gebe zu, dass  für diesen Mann eigentlich kein Beitrag vorgesehen war – siehe unsere Übersicht zu runden Geburtstagen wichtiger Persönlichkeiten, die wir am 26. Dezember 2013 veröffentlicht hatten [ http://www.chess-international.de/?p=21937#more-21937 .

 

Aber als ich in Jules Wellings empfehleswerten Buch Aus erste Hand – Begegnungen mit den Großmeistern des Schachs. [EDITION MARCO 1994] die umwerfend amüsante Geschichte „Table talks“ fand, machte es, wie man so schön sagt „klick“.

 

Der in Sydney geborene australisch-amerikanische Schachmeister Walter Shawn Browne ist tatsächlich ein Kalenderblatt wert. Immerhin war der Mann, der mit drei Jahren mit seinen Eltern in die USA übersiedelte, nach dem Rückzug Bobby Fischers vom Schach der führende amerikanische Schachspieler. Das belegen nicht nur sechs Landesmeistertitel, sondern er gewann auch zahlreiche bedeutende Turniere, so 1974 und 1980 Wijk aan Zee, wo der elfte Schachweltmeister niemals aufschlug. Bei der Schacholympiade war er sechsmal aktiv, davon 1970 und 1972 noch für Australien, und das natürlich am Spitzenbrett. Danach verstärkte er die US-Auswahl mit Erfolg, wie die vier Bronzemedaillen zwischen 1974 und 1984 beweisen. Die einzige Auszeichnung für individuelle Leistung holte er allerdings 1972 am Spitzenbrett für Australien. 17,5 Punkte aus 22 Partien – das waren stolze 79.5 Prozent und bedeuteten Platz 3 hinter Robert Hübner [BRD: 15/18 = 83,3%] und Vlastimil Hort [CSSR: 14,5/18 = 80,6%]. Sicher, Browne profitierte davon, dass sein Team nach der Vorrunde nur in der Final-Gruppe C spielte – in A und B waren jeweils 16 Mannschaften vertreten. Aber die Australier gewannen diese „Klasse“ und wurden am Ende 33., und Walter Shawn spielte alle 22 Partien durch!

 

In den Vereinigten Staaten von Amerika wurde er jedenfalls 2003 für würdig befunden, in die US Chess Hall of Fame aufgenommen zu werden. Und das lag wohl nicht allein an seinem scharfen und angriffsorientierten Spiel, was sicherlich seine Vorliebe für das Blitzschach erklärt.

 

Walter Shawn Browne ist einfach eine Spielernatur! Und das nicht nur auf dem Schachbrett. Seit den 1970er-Jahren war er ein ausgewiesener Poker-Profi. Seinen größten Coup landete er bei der World Series of Poker 2007, wo er Zweiter bei einem so genannten H.O.R.S.E.-Turnier wurde und die 131.445 $ gewann.

 

Womit die Überleitung zu der nun folgenden Story geschafft wäre, die wir an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Autor JULES WELLING und Verleger ARNO NICKEL veröffentlichen….

 

„Table talks“

 

 

Fast alle Großmeister sind typische Vertreter des Homo ludens. Ihr Interesse beschränkt sich nicht ausschließlich auf Schach, auch andere Spiele und Spielereien sind bei ihnen überdurchschnittlich beliebt. Einige, vor allem die nordamerikanischen Großmeister, haben eine Vorliebe für Wettspiele mit Einsätzen.

 

WALTER BROWNE, ein gebürtiger Australier, der schon früh US-Bürger wurde, ist vielleicht das beste Beispiel dafür. Er ist ein gewiefter Pokerspieler, Backgammon-Spezialist und steht auch im Black Jack seinen Mann. Er hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis für gefallene Karten.

 

Ich bemerkte das zum ersten Mal während des Hoogovenstruniers 1974, das er im Übrigen gewann. Jeden Abend wurde ich in sein Zimmer eingeladen, oder, wie er selbst es nannte, in „Dr. Browne’s Casino“. Er hatte den Tisch in die Mitte des Zimmers geschoben und teilte darauf rasend schnell die Karten aus. Jeder durfte stechen, und es wurde bar gezahlt. Anschreiben gab es nicht. Wer pleite war, musste gehen. Seine Spielhölle hatte etwas sympathisch Anrüchiges. Ich gewann recht viel.

 

Während der Schacholympiade 1976 in Haifa war die Spielhölle ins Zimmer des schottischen Internationalen Meisters David Levy umgezogen, aber wieder war Walter – für Freunde Shawn – die Bank. Er konnte blitzschnell geben, und, das war wichtig, man konnte ihm nie einen Fehler nachweisen. Seine Autorität war über jeden Zweifel erhaben.

 

Er hatte eine besondere Pokerregel, die wir „table talks“ (das Blatt am Tisch geht vor) nannten. Sie bedeutete, dass mit den Karten auf der Hand nicht über die bereits am Tisch aufgedeckten Karten der Mitspieler gereizt werden durfte, wenn man nicht wirklich ein höheres Blatt hatte.

 

Ich fand die Zusammenkünfte bei Browne meist gemütlicher als die wenig spontanen Treffen in der Lobby des NOF-Hotels, wo Folklore-Tänzer nach ihrem Auftritt immer wieder anfingen, den Sechs-Tage-Krieg zu verteidigen und, wenn sie die gelangweilten Gesichter ihrer Zuhörer sahen, etwas zu laut „Haffanakilahaffa“ zu singen. Bei Browne und Levy dagegen stand immer ein Bierchen im Kühlschrank bereit, und die Karten wurden immer wieder frisch gemischt.

 

An einem Abend hatte ich die Kühlschranktür besonders häufig geöffnet. Mosche Czerniak, ein älterer israelischer Meister, der mich am selben Tag noch für den Hörfunk interviewt hatte, trieb den Einsatz in die Höhe, möglicherweise übermütig durch den Alkohol, ging ich jedes Mal mit. Ich bekam noch mit, dass ziemlich hoch gepokert wurde, aber für Notfälle hatte ich immer Schecks dabei, sofern ich die noch finden würde. Mit einem so schönen Blatt konnte ich doch unmöglich passen. In dem Augenblick kam das Männchen mit dem Hammer, und König Alkohol verlangte seinen Preis. Ich war betrunken. Ich schob mein Geld in die Mitte des Tisches und verdoppelte damit den Einsatz. Mosche wollte sehen. Im nächsten Augenblick rutschte ich vom Stuhl, schaffte es aber gerade noch, meine Karten aus der Hand zu nehmen und auf den Tisch zu legen.

 

Als ich mit Mühe hochkrabbelte, sah ich mit matten Augen, wie Mosche ausholte, um alle Banknoten einzusammeln. In weiter Ferne hörte ich Shawn etwas sagen: „Moment, please!“ Er prüfte mein Blatt auf dem Tisch und meinte: „Poker!“ Volltrunken wiederholte ich: „Poker! Dachte ich es doch.“ Czerniak musste Browne recht geben. Der Amerikaner stopfte die Banknoten in meine Taschen, verbot mir aber weiterzuspielen.

 

 

Ich versuchte zu widersprechen, aber sein Wort war Gesetz. Daraufhin wankte ich in mein Hotel, gottlob ging es bergab. Erst in meinem Zimmer wurde mir der Gewinn bewusst. Aus Hosentaschen, Hemd und Jacke holte ich umgerechnet zwölfhundert Gulden. Ich war Shawn zutiefst dankbar, aber am nächsten Tag wollte er nichts mehr davon wissen: „Table talks“.

 

P.S.: Das Buch mit insgesamt 64 wahren Schachgeschichten von Euwe bis Anand können Sie übrigens bequem im Internet bei der EDITION MARCO für nur 8,00 € erwerben. Schauen sie doch einfach im Shop des kleinen aber feinen Berliner Verlages vorbei unter den Link „Schachliteratur“ vorbei: http://www.edition-marco-shop.de/epages/64079634.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/64079634/Categories/%22Category%201%22

 

Raymund Stolze

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