Aronian-Show (nicht nur) in Wijk aan Zee

Spannung um Platz zwei und in der B-Gruppe

 

Zuletzt hatte ich während und nach der siebten Runde der A-Gruppe aus und über Wijk aan Zee berichtet. Das war letzten Sonntag, seither wurden wegen "Tata Steel on Tour" nur zwei weitere Runden gespielt, eine davon auf dem High Tech Campus in Eindhoven. Wie im Titel schon erwähnt, die Entscheidung in der A-Gruppe ist vermutlich bereits gefallen. Aronian musste seine Führung in der A-Gruppe zweimal gegen einen direkten Verfolger verteidigen, Dienstag gegen Giri und Donnerstag gegen Karjakin, davor gab es Samstag bereits das Spitzenduell Aronian-So. Diese Aufgaben löste er ziemlich souverän und holte aus den drei Partien zweieinhalb Punkte. Zum Vergleich: der Weltklassespieler Gelfand hat 2,5 Punkte aus 9 Partien, und – auch das gehört zu meiner Chronistenpflicht – Naiditsch holte bisher drei halbe Punkte.

Ich nehme Gelfand mit aufs Foto (Quelle Turnierseite): er konnte dem Führenden durchaus Paroli bieten und – so mein Eindruck vor Ort – er trägt sein "Schicksal" mit Fassung und Humor. Bei ihrem Postmortem spielte wohl eine Rolle, dass sie gut befreundet sind. Neben dem Brett sieht man auch Gelfands von mir bereits erwähnte "Batterie" – bei der Analysesitzung sah ich, was sich in der Thermoskanne befindet, eine Art rote Limonade. Soweit noch ein kleiner Rückblick auf Sonntag, jetzt zum Geschehen seither:

 

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Partien Mastergruppe
Partien Challenger

Runde 8: Aus turnierdramatischen Gründen beginne ich mit der einzigen Remispartie: Aronian hatte Schwarz gegen Giri und stand zwar schlecht(er), aber wohl nie schlecht genug, jedenfalls nach eigener Einschätzung hinterher: "I still had to make some inaccuracies to lose that position". So konnte er im Turmendspiel sicher den Remishafen ansteuern. Das war dann schon das einzige halbe Erfolgserlebnis für die Schwarzspieler, zumindest in der A-Gruppe: im B-Turnier (dazu komme ich noch) konnte Schwarz zwei Partien remis halten. Die anderen Partien, alles Weissiege, im Schnelldurchlauf: Dominguez zeigte gegen Wesley So, dass Russisch nicht automatisch remis endet. Er wählte die Modevariante mit 5.Sc3 und langer Rochade und gewann nach 21 Zügen im Königsangriff – natürlich musste Schwarz hier und in anderen Partien, jedenfalls nach dem unbarmherzigen Urteil der gestrengen Computer, ein bisschen mithelfen. Caruana widerlegte Rapports neuestes Eröffnungsexperiment recht mühelos. Harikrishna besiegte Nakamura da dieser – für ihn untypisch – einen überfallartigen Königsangriff nicht sah oder verkehrt beurteilte. Auch Nakamura ist mit dem Turnier wohl nicht zufrieden: nach dem ganzen Rummel um Platz 3 auf der offiziellen FIDE-Liste ist er derzeit hier wieder Siebter. Van Wely hatte gegen Naiditsch eine Qualität geopfert oder eingestellt und bekam danach irgendwie Oberwasser. In der Zeitnotphase und auch danach vergab er (wiederum nach Computer-Urteil) mehrere Elfmeter, im 48. Zug war dann dennoch Schluss. Karjakin hatte gegen Gelfand alles unter Kontrolle, später war seine Technik im Turmendspiel vielleicht nicht perfekt, aber hier stand Schwarz "schlecht genug" um die Partie dennoch zu verlieren.

 

Runde 9 wurde, wie schon erwähnt, in Eindhoven gespielt – ich beginne mit Schach und komme dann noch zum Drumherum. Die (nach Anzahl gespielter Züge) längste Partie war zugleich die wichtigste: Aronian hatte gegen Karjakin schon wieder ein Turmendspiel, diesmal ein vorteilhaftes mit Mehrbauer, diesmal gewann er. Ob Schwarz eingangs bereits schlecht genug stand oder danach noch ungenau spielte, das mögen Experten beurteilen. In den drei Remispartien (Gelfand-Dominguez, Rapport-Giri, Nakamura-Caruana) war nicht allzu viel los, diese Turmendspiele hielten sich an die Regel, dass Turmendspiele immer remis sind. Die vier Letzgenannten übten noch bis zum 60. bzw. 61. Zug, wegen der Partie der beiden Spieler mit amerikanischem Pass verzögerte sich die Rückreise nach Wijk aan Zee. Es gab noch zwei Siege, einer mit Weiss und einer mit Schwarz. So – van Wely war ein lange ergebnisoffener Königsinder – am Ende (auch aufgrund Sos defensivem Qualitätsopfer) war der weisse Vorteil am Damenflügel mehr wert als die schwarzen (potentiellen) Drohungen am Königsflügel. Zu Naiditsch – Harikrishna 0-1: Naiditsch kopierte zunächst Jobavas Patent 1.d4 Sf6 2.Sc3 d5 3.Lf4, nach 3.-Lf5 grübelte er elf Minuten über 4.f3?!, kurz darauf rochierte er lang und musste nach 19 Zügen kurz vor dem Matt aufgeben. "When it rains it pours?". Vermutlich kein Trost, dass Kumpel Jobava in derselben (allerdings anders interpretierten) Variante in einer Schnellpartie gegen Malakhov ebenfalls nach 19 Zügen aufgeben musste – diese Partie findet der Leser (neben vielen anderen) hier.

 

Und nun zum Drumherum: Die Schachspieler waren eher 'Dekoration' für eine Jobbörse von Tata Steel an der Universität Eindhoven. Das hatte mir IM Ligterink bereits Sonntag in Wijk aan Zee verraten und auch, dass er diese Aktion sehr kritisch sieht. Auf meine Frage "Ist das allgemein bekannt, kann man darüber schreiben?" meinte er "Ich werde jedenfalls darüber schreiben!". Ich habe also abgewartet, was heute in der von mir ohnehin abonnierten Zeitung de Volkskrant  steht und zitiere das nun auszugsweise – der komplette Artikel steht, jedenfalls momentan, nur gegen Bezahlung oder für Abonnenten im Netz: "Im Bus von Wijk aan Zee nach Eindhoven sparen die Teilnehmer des Tata-Turniers ihre Kräfte. Der Russe Karjakin lehnt sich gegen die Schulter seiner Freundin. … Wesley So und … Richard Rapport fallen sofort in Tiefschlaf und werden erst wach, als der High Tech Campus erreicht ist. Nicht die schlechteste Manier, um das Problem des gestörten Turnierrythmus zu lösen. …… Sie [die Schachspieler] sind an diesem Tag offensichtlich Nebensache. Der Sponsor hat Interesse an gut ausgebildetem Personal ….. . Samstag wird wieder gespielt. Zum Glück in Wijk aan Zee."

Ich kann nicht beurteilen, ob die Spieler selbst (zumindest einige) diplomatisch gute Miene zum 'bösen Spiel' machten. Aronian exklusiv für chess-news.ru: "I like when we have the rounds in other cities. It's nice to play in different cities, people then watch and understand chess is good. That's why I am trying to do my best when playing in a new place." Gelfand im offiziellen Video-Interview: "Interesting, I spent a day yesterday here – new city I have never been, pleasant city. The only drawback is travelling. But of course it's nice to discover new places and that local people can watch it." Gelfand übernachtete also in Eindhoven, und auch van Wely schlief vor der Runde zu Hause im nahen Tilburg. Ungewöhnlich für einen Verlierer: auch er bekam oder gab ein Video-Interview, schliesslich war es für ihn ein Heimspiel. Ligterink zitiert dagegen Caruana: "Ich würde lieber das ganze Turnier in Wijk aan Zee spielen. Aber ach, ich bin jung. Es ist nicht schlimm."

Ist Tata Steel on Tour eine Tortur? Meine Meinung dazu: Wer in verantwortlicher Rolle beruflich in Frankfurt arbeitet, hat vielleicht auch mal einen ganztägigen Termin in Düsseldorf. Das heisst dann ICE um 7:00 morgens oder noch früher [der Tata-Bus nach Eindhoven fuhr wohl gegen 11:00, schlafen Rapport und So da normalerweise noch?]. Und man kann nicht sagen: Donnerstag war/wird ein langer Tag, Mittwoch und Freitag nehme ich dafür frei! Ausserdem oder unabhängig davon sollte man vielleicht – als Schachfan, Journalist und/oder Spieler – Verständnis haben für gewisse (Sonder)Wünsche des Sponsors. Das Turnier ist wohl momentan finanziell nur kurzfristig gesichert: 2015 wird es wieder stattfinden,2016 usw. ist "unklar". Aber es gehört zum Geschäft, dass Journalisten mitunter unterschiedlicher Meinung sind. Ein anderes Thema sind interkontinentale Turniere mit Langstreckenflug, Jetlag und Klimawechsel bei Halbzeit – das gab es schon des öfteren, meines Wissens wurde es nie so scharf kritisiert.

 

Zurück zum Schach: Zwischenstand vor den letzten beiden Runden ist Aronian 7/9, Giri, Caruana, Dominguez, Karjakin 5.5, Harikrishna, So 5, van Wely 4, Rapport, Nakamura 3.5, Gelfand 2.5, Naiditsch 1.5. Platz zwei wird also durchaus noch spannend, ich werde das Restprogramm nicht komplett diskutieren: Unter anderem gibt es noch die direkten Duelle Giri-Karjakin und Karjakin-Dominguez, und morgen auch Caruana-Naiditsch. Naiditsch hat da die Chance, sich für die beiden unglücklichen/unnötigen Niederlagen letztes Jahr in Baden-Baden zu revanchieren – ein anderes Thema ist ob morgen der richtige Zeitpunkt ist.

 

Noch kurz zur B-Gruppe, die von mir weniger Aufmerksamkeit bekommt als sie eigentlich verdient. Es ging drunter und drüber, ich nenne nur einige Schlüsselpartien:

In Runde 9 verlor Jobava überraschend gegen Brunello, ACP Board Director Yuri Garrett – zu Gast in der Liveübertragung – sah es mit gemischten Gefühlen: Brunello ist sein Landsmann, aber Jobava mag er auch. Timman besiegte Jungstar Duda im Endspiel, Saric machte kurzen Prozess mit dem (ehemaligen) Turnierfavoriten Wojtaszek. Zumindest aus einheimischer Sicht noch interessant: mit einem (mühsamen) Remis gegen Schlusslicht Goudriaan sicherte sich Benjamin Bok seine letzte GM-Norm (er hatte bereits drei, aber davor noch keine 27 Partien).

In Runde 10 zerlegte Timman mit Schwarz Goudriaan, und Jobava mit Weiss den frischgebackenen GM Bok (Saric spielte remis). Jobavas Opfer waren wohl nicht völlig korrekt, sei's drum.

Warum ich drei Spieler hervorhebe? Das ist der aktuelle Zwischenstand: Saric und Jobava 7.5/10, Timman 7/10 usw. . Momentan läuft das Spitzenduell Timman-Jobava – Jobava spielt Benoni, es geht drunter und drüber, aber dazu komme ich vielleicht bei nächster Gelegenheit.

 

Morgen bin ich wieder in Wijk aan Zee, aber es wird wohl keinen Liveticker geben. Ich will noch nicht viel verraten, aber womöglich wird der Rythmus der normalen Berichterstattung gestört da ein ehemaliger Teilnehmer der A-Gruppe vor Ort ist.

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