Samstag in Wijk aan Zee

Schachpolitik, Politik und dann auch noch Schach

 

Letzteres interessiert mich (jedenfalls als Schachjournalist) vor allem, aber dazu kam ich heute erst etwa eine Stunde nach Rundenbeginn. Wie gestern angedeutet: ein ehemaliger Teilnehmer der A-Gruppe störte den Rythmus der normalen Berichterstattung. Als Schachspieler war er, nicht nur in Wijk aan Zee, recht erfolgreich, als Politiker nicht unbedingt, nun will er Schachpolitiker werden oder ist es bereits – Garry Kasparov. Seine Pressekonferenz war wohl schon vorher geplant, aber heute veröffentlichten Chessbase und Chessvibes Neues zum FIDE-Wahlkampf. Diese Geschichten waren schon einige Tage bekannt, ich verzichte auf Details und eine eigene Stellungnahme. Stattdessen der Tag in Wijk aan Zee aus meiner Sicht:

 

Vorsichtshalber kam ich etwas früher, d.h. in meinem Fall (Rythmus der Fähre von Texel nach Den Helder) eine Stunde früher. Da war der Presseraum noch leer und wurde kurz danach umgebaut: Tische nach hinten rücken, extra Klappstühle, Kameras in Position, Mikrofone aufbauen, … . Ich half dabei ein bisschen und unterhielt mich dann 'draussen' mit zwei Vereinskollegen die in den Amateurturnieren mitspielen. Währenddessen kamen immer mehr Journalisten, auch von Massenmedien. Ich ging zurück in den Presseraum der sich vorübergehend wieder leerte: Kollegen fotografierten wohl den Rundenbeginn (Kasparov schlug den traditionellen Gong).

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Dann begann die Pressekonferenz – sie wurde wohl gefilmt und ein Video erscheint noch im Internet, bei "Redaktionsschluss" noch nicht der Fall. Ich habe nur stichwortartig mitgeschrieben, einige Zitate sind vielleicht sinngemäss. Einleitende Worte von Moderator Dirk Jan ten Geuzendam: "Kasparov muss ich wohl nicht vorstellen, nur soviel: er hat als Einziger Wijk aan Zee dreimal hintereinander gewonnen". Dann bekam Kasparov das Wort – Kameras klickten ständig bis nach ca. fünf Minuten jeder sein Foto hatte: "The previous campaign failed for lack of preparation. We analyzed the results and try again. Elections in Tromso will be carried out in a different atmosphere [than those in Khanty-Mansiysk]."

Offenbar wollte niemand die erste Frage stellen, dann macht das eben Thomas Richter vom German Schachticker. In Kasparovs Wahlprogramm steht "A universal rating system will include every game of chess played on the planet, from world championship matches to online blitz." Ich wollte wissen, was das heisst: Wenn ein Spieler noch ein paar Elopunkte braucht um sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, kann er diese dann mit einer Nacht Blitzen im Internet erwerben? Kasparovs Antwort dauerte etwa fünf Minuten. Mein Beispiel betrachtete er als Sonderfall [aber zwischen Karjakin, Radjabov, Caruana und Nakamura war es dieses Mal sehr knapp] und "this plan will require lots of preparation". "Priority for professional games" wie z.B. Tiebreaks in WM-Matches, dann auch "include all games to make chess one big family" usw. usw. [das habe ich nicht alles mitgeschrieben].

Das war fast schon die einzige kritische Frage, danach konnte er ungestört Wahlkampf machen, u.a. "I think my chances are improving every day" und "the opposite side is not used to play with equal number of pieces". Evgeny Surov fragte zum geleckten Vertrag (bzw. einer 'draft version') zwischen Kasparov und Leong (siehe Links oben). Kasparov: "Morten Sand [sein norwegischer Anwalt] erroneously sent this version to Leong's FIDE account" – andere Versionen gingen offenbar an Leongs private Mail-Adresse, und Leongs FIDE-Mailbox wurde von einem anderen FIDE-Mitarbeiter 'überprüft' (wie schon gesagt, kein Kommentar von mir zu diesem Thema).

Interessant wurde es, als ten Geuzendam fragte, wie Kasparov Zweifel bei (professionellen) Schachspielern ausräumen will. Kasparov sinngemäss: Das sind ja vor allem Europäer, jeder Verband hat eine Stimme und wir konzentrieren uns im Wahlkampf auf Afrika und Asien.


Dann wurde es zwischendurch rein politisch: Journalisten von Massenmedien fragten Kasparov nach seiner Meinung zur politischen Situation in der Ukraine und zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Natürlich hat er dazu eine Meinung, zu Sotschi: "This is not a joyful event. It happens if the Winter Olympiad is granted to a paranoid dictator who wants them in the subtropics". Auf die Frage "How is your (current) relation with Russia?" "My mother and son live there, that's it" (oder war es Vater und Tochter?). Selbst wohnt er mit Frau und (anderem) Kind in New York, als FIDE-Präsident würde er aber auch mal wieder Russland besuchen.

 

Danach doch noch Fragen zum Turnier, zunächst eine eines Massenmedien-Vertreters zu Aronians Chancen im WM-Match gegen Carlsen – unklar ob er wusste, dass das Kandidatenturnier noch nicht begonnen hat und nicht in Wijk aan Zee ausgetragen wird. Kasparov: "We can see how amazing his [Aronian's] play can be when he is not under pressure. Khanty-Mansiysk will be different." Generell ist er zum Kandidatenturnier neutral und erwähnte auch, dass Kramnik sicher voll motiviert ist für seine wohl letzte WM-Chance. Sein Lieblingsspieler Carlsen (bereits vorher: "ein Glücksfall für Schach") hat sich ja bereits für das nächste WM-Match qualifiziert.


Auf Fragen zu anderen Spielern in Wijk aan Zee: "hard to comment on others when one is shining". Ich fragte doch speziell zu Nakamura: "It's a lousy result, he may do better in Zurich. I was particularly disappointed about his game against van Wely." [Selbst fand ich die Niederlagen gegen Aronian und/oder Harikrishna bzw. wie sie zustande kamen erstaunlicher]. Zu Giri sinngemäss: "he is doing OK, I wish he took more risks."

 

Ich muss nun etwas beschleunigen – es wird spät und morgen will/"muss" ich nochmal nach Wijk aan Zee, was ursprünglich nicht geplant war, aber dann gibt es noch eine Pressekonferenz (s.u.). Heute gab es nach der Pressekonferenz … eine Pressekonferenz mit dem spanischen Journalisten Leontxo Garcia, ECU Präsident Silvio Danailov und Kepa Olabarrieta, Direktor des Bilbao Convention Bureau. Thema also Bilbao, dieses Jahr im September Austragungsort von anderthalb Turnieren: der komplette European Club und die erste Hälfte des Grand Slam Masters Final. Die zweite Hälfte wird nicht in Europa stattfinden, momentan verhandeln sie noch mit Ko-Organisatoren in Amerika und Asien. Von den sechs Spielern stehen vier fest: Carlsen, Anand, Caruana (Sieger in Bukarest 2013) und Aronian (zum Zeitpunkt der Pressekonferenz sehr wahrscheinlicher Sieger in Wijk aan Zee 2014) – für die beiden anderen warten sie die Ergebnisse von Zürich und Kandidatenturnier ab. Erwähnt wurde, dass Kramnik sicher willkommen wäre aber interkontinentale Turniere gar nicht mag.

 

Schach wurde auch gespielt, während dieser Pressekonferenzen und hinterher. Irgendwie konnte ich nicht sofort zur 'Tagesordnung' übergehen: statt mich sofort vor allem den Partien zu widmen, unterhielt ich mich im Pressebereich auch mit ACP Board President Yuri Garret, Dirk Poldauf (inzwischen vor Ort) und Etienne Goudriaan aus der B-Gruppe der heute seinen ersten Sieg feieren konnte. Ihn fragte ich: "Was dachtest Du, als Du für die B-Gruppe eingeladen wurdest?" (Als Sieger der höchsten Amateurklasse 2013 hatten er und Merijn van Delft sich für das abgesagte C-Turnier qualifiziert). Als dieses gestrichen wurde, meinte er zunächst "tja, Pech gehabt" und freute sich danach durchaus – "Ich war geschockt, aber es ist 'gaaf' [auf Deutsch vielleicht 'geil'] auch gegen 2700er und Timman zu spielen. Ich wusste, dass es schwer wird für mich und Merijn, das hat sich bestätigt."

 

Ich kann die Ergebnisse nur noch kurz zusammenfassen: In der A-Gruppe gab es zwei langweilige Remisen (Harikrishna-So und Giri-Karjakin) und vier Schwarzsiege. Aronian besiegte Dominguez und hat damit das Turnier definitiv eine Runde vor Schluss gewonnen mit momentan zwei Punkten Vorsprung auf Giri und Karjakin. Die fällige Pressekonferenz gibt es morgen – heute stünde er im Schatten von Kasparov. Die drei anderen Schwarzsiege waren – angesichts des bisherigen Turnierverlaufs – überraschend: etwa gleichzeitig Caruana-Naiditsch 0-1, Rapport-Nakamura 0-1 und van Wely-Gelfand 0-1. Nur zur letzten Partie kann ich – da beide hinterher im Pressebereich analysierten – ein paar Worte sagen: lange war es dynamisch-ausgeglichen, dann wollte van Wely offenbar zu viel.

Die B-Gruppe war vor der Runde noch spannend und ist nun auch entschieden. Saric besiegte Yu Yangyi, Timman konnte gegen van Delft eine klar bessere Stellung nicht gewinnen, und Jobava verlor überraschend und recht glatt gegen Reinderman. Sieger ist damit der junge Kroate Saric – er hat zwar nur 1,5 Punkte Vorsprung auf Timman und Jobava, aber auch das reicht eine Runde vor Schluss.

 

UPDATE Sonntag 9:00: Die komplette Pressekonferenz ist online – ich habe mir nicht die ganzen 49 Minuten angehört, nur den Anfang. Meinen eigenen verbalen Auftritt sehe ich mit gemischten Gefühlen: ich habe mich vielleicht etwas zu sehr bemüht, laut und deutlich zu reden: Mikrofone im Saal wurden nicht abgeschaltet, aber auch nicht angeschaltet – es gab keine. Und dass ich soo einen deutschen Akzent habe, war mir selber nicht bewusst. Wen's interessiert: ich sitze in der zweiten Reihe in der Mitte, rechts neben der (russischen) Dame mit Hut [da ist auch sonst mein Platz im Pressebereich]. Auf dem Foto deutlicher, aber auch von hinten: vorne (also weiter hinten) rechts mit hellblauem Hemd und schütterem Haar (vermutlich) Dirk Poldauf, davor sitzend ganz ohne Haare Leontxo Garcia. Das war's in Kürze, die Reise nach Wijk aan Zee beginnt mal wieder und, jedenfalls 2014, ein letztes Mal!

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