In aller Freundschaft …

Frauen im Schachfieber beim Länderkampf Deutschland–Norwegen in Berlin – Im Klassischen Schach gewinnen die Gastgeberinnen das doppelrundige Match 5,5:2,5

 

Vorab eine Frage: Können Sie sich erinnern, wann es zuletzt eine internationale Schachveranstaltung in Berlin gegeben hat? Nun, es gab da einmal eine große Hoffnung nicht nur bei mir. Für das fünfte Turnier der FIDE-Grand-Prix-Serie 2012/13 war nämlich von der Vermarktungsgesellschaft AGON die deutsche Hauptstadt für den Juli 2013 als Austragungsort vorgesehen. Woran es scheiterte, dass die „Karawane“ dann nach Peking zog, ist nicht bekannt geworden, aber ich mutmaße einmal, dass wohl keiner der „Schach“-Oligarchen so das rechte Interesse hatte, ausgerechnet in Berlin sein Geld anzulegen.

 

Da ich aus dem tiefen Osten komme, ich mir natürlich bekannt: Jammern hilft überhaupt nicht, und auch die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber mit Sprüchen ändert sich die Schachwelt natürlich auch nicht. Zumal sich bisweilen doch eine unverhoffte Chance ergibt, aus dem schachlichen Dornröschenschlaf zu erwachen. Das ist keine Kritik an den zahlreichen Open Turnieren in Berlin. Mit den Veranstaltungen in Zehlendorf, Kreuzberg, Lichtenberg und Lichtenrade fallen mir sofort vier beachtenswerte ein. Aber ein internationales Rundenturnier oder zumindest ein Länderkampf haben eben doch noch eine andere Ausstrahlung. Ich selbst kann mich noch gut an den Juli 1962 gut erinnern, als im ehemaligen „Haus der Jungen Talente [Podewils-Palais] in der Ostberliner Klosterstraße das Internationale Dr.- Emanuel-Lasker-Gedenkturnier stattfand und von Jewgeni Waskukow gewonnen wurde. Ich war damals einer der Jungs, die zur „Bedienungs“-Mannschaft der acht Demobretter gehörte – was für ein Privileg!

Turnierseite Runde 1
Runde 2
Foto: WGM Zoya Schleining
Foto Copyright: Frank Hoppe

 

Nun, mehr als ein halbes Jahrhundert später – die Demobretter haben längst ausgedient – hatte ich das große Vergnügen, doch wieder internationales Schach in Berlin zu erleben, denn im Rahmen des Kooperationsvertrages zwischen die Schachföderationen von Norwegen und Deutschland gab es Länderkampf der Frauen-Nationalmannschaften. Ich werde mich bei meinem Bericht allerdings nur auf das doppelrundige Match im Klassischen Schach beschränken, der am 5. und 6. März ausgetragen wurde und nach Meinung von Geir Nesheim, dem Generalsekretär der NSF ein Wunschevent in Vorfeld der Schacholympiade ist, die bekanntlich in Trömso im August [1. bis 14.] stattfindet. Im Rahmenprogramm wurde auch Vergleiche im Schnell- und Blitzschach vereinbart, die Mädels aus dem hohen Norden werden außerdem am Sonnabend [8. März] noch einen Auftritt am norwegischen Stand auf der Internationalen Tourismusbörse [ITB] am Funkturm haben. Schließlich hat es sich der Schirmherr des Länderkampfes, Norwegens Botschafter Sven Erik Svedman, nicht nehmen lassen, zu einem Empfang am Freitagabend [7. März] in seine Residenz einzuladen.

 

Doch nun wirklich zum sportlichen Teil. Klar war von Vornherein, dass beide Teams nicht mit dem jeweils stärksten Aufgebot im Münzenberg-Saal des DSB-Medienpartnes neues deutschland antreten würden. Aber die acht Mädels – gespielt wurde an vier Brettern – waren dennoch, wie ich beobachten konnte, wirklich im Schachfieber. Dass das mit der Spielstätte zu tun hat, ist reine Spekulation. Aber der Namensgeber Willi Münzenberg [http://de.wikipedia.org/wiki/Willi_M%C3%Bcnzenberg ], der in den 1920er- und 1930er-Jahren auch ein bekannter Filmproduzent war, hat in seiner internationalen Filmgesellschaft Meschrabpom 1925 auch den Stummfilm Schachfieber verantwortet. In dieser überhöhten Satire wird in künstlerisch überhöhter Form die damals aufkommende Schachbegeisterung in der Sowjetunion dargestellt. Gewissermaßen als „Kulisse“ wurde das Moskauer Turnier von 1925 genutzt, und so hat der damalige Weltmeister Jose Raoul Capablanca sogar selbst eine winzige Nebenrolle übernommen. Doch sehen Sie selbst eine 19-minütige Fassung, die der Webmaster des Berliner Schachverbandes Frank Hoppe in seinem lesenswerten Hintergrundbeitrag eingebaut hat! [http://www.berlinerschachverband.de/entry/389]

 

Was den Länderkampf angeht, so wurde im Vorfeld eigentlich nur über die Höhe des deutschen Sieges spekuliert, denn an jedem der vier Bretter war der Elo-Vorteil unserer Mädels doch fast erdrückend. Aber die sympathischen Norwegerinnen ließen sich davon nicht beeindrucken und hatten vor allem am ersten Tag, wo das Quartett die weißen Steine loste, ihre Chancen.

 

Da Schach-Ticker-Webmaster Franz Jittenmeier alle acht Partien zum Nachspielen aufbereitet hat, möchte ich mich auf Schlüsselstellungen beschränken.

 

Erstmals bei einem Länderkampf dabei war Zoya Schleining [Elo 2362]. Ihr Debüt in der deutschen Nationalmannschaft hatte sie bei der Europameisterschaft im vergangenen November im Warschau gegeben. Ihre Kontrahentin Ellisiv Reppen [Elo 1995], die in beiden Partien stets in höchster Zeitnot kam, war gegen Deutschlands Nummer 3 chancenlos.

 

le7

Stellung nach 20.Lxe7

 

Hier das Finale aus Runde 1! Der Norwegerin, die gerade einen schwarzfeldrigen Läufer auf e7 geschlagen hat, bleiben hier mit Weiß nur noch 1:32 Minuten wobei die Bedenkzeit 90 Minuten plus 30 Sekunden pro Zug war. Aber nach 20.Lxe7 findet Zoya ein schönes Finale…

20…Dc5+! [20…Kxe7 ist auch entscheidend…] 21.Kh1 Sg3+ 22.Sxg3 [22.hxg3?? ist sofort tödlich wegen 22… hxg3+ 23.Lh4 Txh4#] hxg3 23.h4 Kxe7 24.h5 f4 25.Dg4 Tag8 26.Dh4+ f6 27.Tae1 Tg5 28.h6 Tg6 , und Weiß gab auf! [0-1]

 

Und auch die zweite Partie dominiert die 52-Jährige, die ukrainischer Herkunft ist. Ich denke, dass sich Zoya dem Bundestrainer Dorian Rogozenko in jedem Fall für das Tromsö-Team empfohlen hat.

 

sf5

Stellung nach 24…Sxf5

 

 

25.Dg5 Sgh6 26.Sxf5 exf5 [Mit welchem Bauern soll Schwarz schlagen – wenn schon, dann 26…gxf5.] 27.Te7+ Tf7 28.Tfe1 Tdf8?? [auch nach 28…Tg8 ist Schwarz verloren, aber so geht es jetzt rasant!] 29.T1e6 Dc5+ 30.Kh2 [30.Se3 Tg8 31.b4 wäre für die Galerie gewesen…] 30…Txe7? 31.Dxg6+ Kh8 32.Dxh6+ Kg8 33.Txe7 , und da Schwarz maximal in drei Zügen matt wird, gab Ellisiv Reppen auf! [1-0]

 

An Brett 2 war Elena Levuskina [Elo 2280] nach längerer Auswahl-Pause im Einsatz. Das hat freilich Gründe. Für die 30-Jährige [27. Februar 1984 in Taschkent], die als einzige deutsche Spielerin auch bei den beiden zurück liegenden Länderkämpfen gegen die Ukraine [2011 in Dresden] und Polen [2012 in Gladenbach] zum Einsatz kam, stand ihre berufliche Karriere im Mittelpunkt. Inzwischen hat sie aber ihre Dissertation verteidigt, die nur noch publiziert werden muss, und so sollte sie wieder ernsthaft im Schach angreifen können. Die gewisse Spielpause war in der ersten Partie anzumerken, wo vor allem Elenas kämpferische Potenzen gefragt waren, um den halben Punkt festzuhalten. Mit Weiß sorgte sie tags darauf aber mit einer taktischen Überrumpelung des schwarzen Königs von Anita Grönnestad [Elo 1982] für ein finales Feuerwerk…

 

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Stellung nach 25.Td1

 

25…Sc5?? [Die Norwegerin ist hier alles andere als wachsam, sonst hätte sie 25…Da5 gespielt – das Feld d2 muss Schwarz schon im Auge haben, der Springer kann dann immer noch nach c5 hüpfen, oder sogar im Sinne der Verteidigung 25…Sf8.] 26.Dd2! Kaum zu glauben, aber wahr. Die Partie ist für Schwarz bereits verloren. 26…Da4?? Das ist wirklich naiv, denn natürlich kann Weiß den Turm auf d1 opfern!]] 27.Dh6 Dxd1+ 28.Kh2 g6 29.Th4 f5 30.Dxh7# [1–0]

 

 

Die spannendst Aufgabe wartete fraglos an Brett 3 auf Jade Schmidt [Elo 2122]. Sie hatte das Glück, zweimal gegen die ältere Schwester von Weltmeister Magnus Carlsen antreten zu dürfen. Ellen Øen [Elo 1931] gab sich aber alles andere wie ein Star. Die 24-jährige studiert in Oslo Medizin, da ist sie voll gefordert, und so bleibt wenig Zeit für Wettkämpfe. Jade, die in einem Schach-Ticker-Interview gehofft hatte, das Magnus’ Einfluss sich in Grenzen hält [http://www.chess-international.de/?p=23597#more-23597], konnte völlig unbesorgt sein, wie Ellen meinem nd-Kollegen Dr. Rene Gralla hatte: „Wir hören nicht auf seinen Rat. Er hat kein wirkliches Interesse an – was Schach betrifft – ‚tauben’ und ‚blinden’ Schwestern.“

 

Nun, was vor allem die erste Partie anging, so war Ellen Carlsen über vor allem in der ersten „Halbzeit“ alles andere als „taub“ und „blind“, und es hätte nicht viel gefehlt, und der volle Punkt wäre an sie gegangen.

 

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Stellung nach 17…b5?

 

 

Jade hat hier mit 17…b5 die Stellung eigentlich weggeworfen. Wenn Ellen nun 18.e5! gesehen hätte, dann wäre guter Rat teuer gewesen, beispielsweise: 18…d5 19.fxe6 Lxe6 20.Sexd5. Es folgte jedoch 18.fxe6, und die Partie endete später in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läuferendspiel remis. Dafür hatte die Norwegerin am zweiten Tag Glück, denn ob das Damenendspiel tatsächlich zu einer Punkteteilung führt, sei dahingestellt…

 

Bleibt schließlich Brett 4, das von der amtierenden deutschen U16-Meisterin Josefine Heinemann [Elo 2007] besetzt wurde. Sie kam vom 5. Pfalz-Open in Neustadt an der Weinstraße, wo sie nach acht von neun Runden abreisen musste, um pünktlich in Berlin zu „landen“, Ob ein Einsatz in der Nationalmannschaft unter solchen Umständen eine gute Entscheidung gewesen ist, wage ich zu bezweifeln. Nun, im ersten Umlauf hatte das Madchen von SG Aufbau Elbe Magdeburg gehörig Massel, denn ihre Gegnerin Yonne Tangelder [Elo 1802] verpasste in der folgenden Stellung ein Remis.

 

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Stellung nach 36…Ld5

 

Der Partiezug36…Ld5 von Josefine sollte unterbindet den Kontakt zwischen den beiden weißen Schwerfiguren, und eigentlich sollte Yonne nun mit einer Abwicklung zum Remis zufrieden sein. Es folgte auch richtig 37.Txd5 exd5, aber dann zog sie 38.Dxd5??, was verliert. Nach 38.e6 fxe6 39.Dxe6+ Kg7 (39…Kh8 40.Df6+ Kg8 41.De6+ Kh8, und es wird Dauerschach, wenn Schwarz es will…) 40.De5+ Kf7 41.Dxd5+ Ke7 42.Db7+ Kd8 43.Dd5+ ist hingegen nicht zu sehen, wie Schwarz noch gewinnen will…

 

Dass die junge Magdeburgerin im „Rückspiel“ einen frühen Blackout hatte, sei ihr verziehen. Immerhin hatte die 15 Jahre ältere Norwegerin das Jänisch-Gambit [1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5] aufs Brett gezaubert, das u.a. bisweilen auch Magnus Carlsen wählt. Da war er dann doch, der Geist des Weltmeisters, und diese Inspiration führte zur einzigen Siegpartie für die Gäste in diesem wahrlich in aller Freundschaft geführten Länderkampf…

 

P.S.: Als ich meinem Kollegen Dr. Karsten Müller, mit dem ich gegenwärtig intensiv ein neues Buchprojekt vorbereite, mitteilte, dass ich diesen Frauen-Event besuchen würde, meinte er: „Mehr solche Kämpfe wären wünschenswert!“ Ich denke, dass dieser Aussage nichts hinzuzufügen ist! Oder vielleicht doch: Nun ist der Deutsche Schachbund am Zuge!!!

 

Raymund Stolze

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