Kandidatenturnier!

Ab Donnerstag in Khanty-Mansiysk

 

Soweit ich mich erinnere, war die Vorfreude auf das Turnier letztes Jahr in (westlichen) Medien deutlicher spürbar – damals hat ja Magnus Carlsen mitgespielt und am Ende gaaanz knapp gewonnen. Momentan gibt es noch kaum Vorberichte – ich werde das bisschen was ich gefunden habe erwähnen und zum Teil zusammenfassen, danach noch zu einem oder anderthalb Spielern eigene Eindrücke aus Wijk aan Zee. Zunächst ein paar simple Fakten: Die Teilnehmer setze ich eigentlich als bekannt voraus, aber nenne sie noch einmal in objektiver alphabetischer Reihenfolge und wie sie sich qualifiziert haben: Anand (Ex-Weltmeister), Andreikin (Weltcup-Finalist), Aronian (nach Elo), Karjakin (nach Elo), Kramnik (Weltcup-Sieger, damit hat er Karjakin “qualifiziert”), Mamedyarov (Zweiter der FIDE Grand Prix Serie), Svidler (Ausrichter-Freiplatz), Topalov (GP-Sieger). Gespielt wird jeweils um 15:00 Ortszeit, d.h. für die meisten Leser des Schach-Tickers um 10:00 deutscher Zeit, nach drei Runden gibt es jeweils einen Ruhetag. Noch verrät die Turnierseite nicht, was, z.B. Live-Kommentar, sie bieten wird.  

 

Diskussionen, ob das die acht “richtigen” Spieler sind, halte ich für müßig: Alle, auch die Spieler die nicht dabei sind (u.a. Caruana und Nakamura), hatten drei Chancen sich zu qualifizieren und haben davon null genutzt – Caruana war in der GP-Serie unglücklicher Dritter, in diesem Wettbewerb zählte (wie auch beim Weltcup) nur Gold und Silber. Mancher hoffte oder forderte gar, dass Anand zugunsten von Caruana verzichten würde – aber das ist/war Anands ureigene Entscheidung. Der Elo-Reserveplatz ging nach objektiven Kriterien (Mittelwert über 12 Monate) an Karjakin; Radjabov (!!?), Caruana und Nakamura lagen knapp dahinter. Und man konnte doch nicht im Sommer 2013 entscheiden: Nakamura wird es, weil er im Januar 2014 vorübergehend Weltranglistendritter sein wird. Einen Anspruch auf den Ausrichterfreiplatz gibt es auch nicht – selbst innerhalb von Russland war die Entscheidung zwischen Svidler und Grischuk wohl umstritten. Nun die Rubrik “Im Internet gefunden”:  

Turnierseite Turnierseite 2
Videos von GM Daniel King
Videos von GM  Niclas Huschenbeth
Zeitplan

Arkadij Naiditsch äusserte sich bereits am 25. Februar exklusiv für den Schach-Ticker – ich will das nicht wiederholen, nur soviel: seine Favoriten sind (offenbar etwa gleichwertig) Aronian, Kramnik und Topalov (“Ich denke, dass die aktuelle Form in Chanty Mansijsk letztlich darüber entscheidet, wer sich das Recht erkämpft, Magnus Carlsen um den WM-Titel herauszufordern.”). Meiner unwesentlichen Meinung nach überschätzt er vielleicht Topalov, und unterschätzt Karjakin. Die Leser des Schach-Tickers sehen das laut aktuellstem Stand der Umfrage ähnlich: insgesamt 86% tippen auf Kramnik, Karjakin oder Aronian, der Rest ist (also) weit abgeschlagen. Was sagen andere Experten? Dazu komme ich gleich, zunächst noch die Vorschau von Chessbase, die meine eingangs geäusserte Vermutung irgendwie bestätigt: Der Bericht beginnt mit Carlsen, Carlsen, Carlsen, Carlsen, Carlsen und Carlsen. Carlsen ist Weltmeister (und daher beim Kandidatenturnier nicht dabei), Carlsen spielt Pseudo-Fussball im Stadion von Real Madrid, Carlsen trifft Mark Zuckerberg und Bill Gates, Carlsen hat seine eigene Chess App, Carlsen spielt (in Zürich) auch ernsthaftes Schach. Darüber hatten sie doch jeweils bereits berichtet? Die Bemerkungen zu den acht Akteuren in Khanty-Mansiysk sind eher dünn, und Sagar Shah auch nicht unbedingt DER Experte. Nächste Quelle:  

 

Die Seite des russischen Schachverbandes hat eine Vorschau mit Meinungen mehrerer 2700+ Spieler – Chessintranslation chess24.com hat das freundlicher- und auszugsweise übersetzt – auszugsweise bedeutet, dass im Original noch ein paar mehr Spieler(innen) das Wort erhalten. [Kleiner Exkurs zu chess24: Die Seite wurde vom Schach-Ticker bereits mehrfach erwähnt, ausserdem von Schach-Welt sowie ruchess.ru – aber noch nicht von bekannten englischsprachigen Seiten. Von mir nur soviel: sie sind online, jede(r) kann sich sein/ihr eigenes Urteil bilden] Auch sie beginnen mit Carlsen – der nur sagt, dass er das Turnier als Schach-Fan verfolgen wird und dass Aronian und Kramnik die “theoretischen Favoriten” sind. Caruana nennt ebenfalls Aronian und Kramnik als Hauptfavoriten, und dann Karjakin – “ich bin mir sicher, dass einer dieser drei das Turnier gewinnen wird”. Er widerspricht Naiditsch auch (womöglich ohne den Artikel zu kennen), dass Karjakin “vielleicht zu wenig macht” – Caruana: “soweit ich das beurteilen kann, arbeitet er [Karjakin] unheimlich viel”. Eine Nachricht ist auch noch durchgesickert: Karjakin hat als Sekundanten neben Motylev und Dokhoian nun auch Rustam Kasimdzhanov, der früher mehrfach Anand und einmal auch die deutsche Nationalmannschaft unterstützte. Ansonsten haben die Sekundanten sich bei mir nicht vorgestellt – sehr wahrscheinlich erscheint, dass Vitiugov wiederum (wie schon im letzten Kandidatenturnier) Svidler helfen wird. In einem Interview nach der russischen Meisterschaft und vor der Entscheidung über den Freiplatz sagte er “wenn Svidler ausgewählt wird, bekomme ich jede Menge Arbeit”.  

 

Wer hat mehr Ahnung vom Schach? Naiditsch, der vor gut einem Jahr in Baden-Baden gegen Caruana zwei Gewinnstellungen hatte und ihn vor gut einem Monat in Wijk aan Zee besiegte? Oder doch Caruana mit seiner etwas höheren Elozahl? Prognosen sind ohnehin Spekulation, auch Caruana hat seine Aussage direkt danach leicht relativiert (“Aber natürlich ist alles möglich”).   Jakovenko nennt von den “ausländischen” Spielern Aronian als Favorit und verweigert die Aussage zu den Russen, da er sie alle nicht nur als Gegner, sondern auch persönlich kennt. Grischuk: “Die Hauptfavoriten sind Aronian und Kramnik. Andere mögliche Gewinner sind Svidler, Karjakin und Mamedyarov, aber ein Sieg von Anand, Topalov oder gar Andreikin würde mich total überraschen.” Er äussert sich noch zu der Regel, dass Spieler aus demselben Land zu Beginn jeder Turnierhälfte gegeneinander antreten müssen (Tendenz “ist mir relativ egal”) und bedauert, dass es im Fall des Falles auch dieses Jahr kein Tiebreak-Match geben wird. Nepomniachtchi nennt ebenfalls Aronian und Kramnik, wobei er bezweifelt ob Aronian “mit der Last der Verantwortung klarkommen wird” – Aronians Kommentar dazu s.u. .  

 

Chess24 hat auch noch ein zweiteiliges Interview mit ihrem Mitarbeiter Peter Svidler. Im ersten Teil sagt er unter anderem (etwas frei übersetzt) “Vielleicht hätte ich schachlich mehr erreichen können, wenn ich 12 Stunden am Tag arbeiten würde – aber der Typ bin ich nicht.” Vor dem letzten Kandidatenturnier hat er nach eigener Aussage intensiv gearbeitet, da der russische Schachverband ihn finanziell unterstützte und ihm damit ermöglichte, Sekundanten anzuheuern. “Ich kann nicht besonders gut alleine arbeiten. Mit Menschen um mich rum hatte ich keine Wahl – erstens haben sie mir sehr geholfen, zweitens würde ich mir blöd vorkommen wenn ich dann selber nichts mache.” “I was actually forced to do something with my life for a change for about half a year.” Teil zwei wird philosophisch, das kann der Leser sich selbst anhören (oder das Transkript lesen).  

 

Und was sagte Aronian bei der abschliessenden Pressekonferenz in Wijk aan Zee zum Kandidatenturnier? “I am going to take this tournament very lightly. (At earlier candidates events) I really wanted to play well, now I don’t”. Jede(r) kann sich das im Video anhören – es gab noch andere interessante Momente – ich hatte es live mitbekommen und die Reaktion der Journalisten: erst verdutztes Schweigen, dann allgemeines Gelächter. Gemeint ist wohl, dass er das Turnier angehen will wie “irgendein” Superturnier, nicht wie den Höhepunkt des Jahres oder im Falle des Falles des ersten Halbjahrs – mit einem WM-Match gegen Carlsen im Herbst 2014. Vielleicht ist das die richtige Methode – keinen immensen Druck aufbauen – wobei allenfalls Aronian selbst weiss, ob er wirklich alles meint was er in dieser Pressekonferenz (und auch bei anderen Gelegenheiten) sagte.

Karjakin war in Wijk aan Zee auch dabei, aber zu ihm hatte ich keinen journalistischen Kontakt (habe es auch nicht allzu sehr versucht bzw. es hat sich nicht ergeben). Aronian spielte in Wijk aan Zee bekanntermassen sehr erfolgreich; Karjakin spielte “nicht schlecht” (immerhin geteilter Zweiter), verlor allerdings gegen Aronian und auch Caruana. Aber im Kandidatenturnier beginnen beide und die sechs anderen Spieler mit null Punkten. Naiditsch mag Recht haben, dass “die aktuelle Form” entscheiden wird, wobei Aronian ihm da widersprach (ohne den Artikel zu kennen, da bereits Ende Januar): “I don’t believe in form …”.  

So, jetzt wird der Artikel veröffentlicht – vielleicht später noch kleine Updates wenn ich noch etwas interessantes finde.

Fotos: Aronian, Kramnik, Topalov, Karjakin

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