Limburg Open Impressionen

Jugend gegen Erfahrung in Maastricht

 

Früher spielte Erwin l’Ami mit bei den “Rising Stars vs. Experience” Duellen; inzwischen ist er 29 Jahre alt bzw. immer noch jung – beim Limburg Open am 2014_dagp_28Pfingstwochenende bekamen er und andere Grossmeister es mit einer Reihe junger Spieler zu tun. Traditionell spielt in Maastricht fast die komplette niederländische Jugendspitze. Dieses Jahr fehlten eigentlich nur Robin van Kampen und Benjamin Bok – die sind bereits GMs und erwarten/verlangen daher vermutlich Konditionen. Die besten deutschen Jugendlichen waren verhindert, da parallel die deutsche Jugendmeisterschaft lief. Um das Ergebnis bereits vorwegzunehmen: Nur Erwin l’Ami kam dabei (fast) ungeschoren davon, bestätigte seine Favoritenrolle und war am Ende alleiniger Turniersieger. Da der Schachticker schon zweimal ein Foto von ihm hatte (zusammen mit Ehefrau Alina), wähle ich diesmal ein anderes von der Siegerehrung (Quelle Turnierseite), das besser zum Gesamtbild passt. Das sind einige der Spieler, die den 6.-14. Platz teilten: von links nach rechts Tycho Dijkhuis, GM Ruud Janssen, WGM/IM Alina l’Ami [also doch, ausserdem war sie damit beste Dame], Turnierdirektor Hans Ouwersloot, Thomas Beerdsen, Paul Dreuning vom limburgischen Schachverband und IM Mher Hovhannisyan. Für alle Ergebnisse aller Gruppen verweise ich wiederum auf die Turnierseite.

 

Die ersten drei Runden sowie den grössten Teil der vierten Runde der vierten Runde habe ich im Internet verfolgt, letztere auf der Anreise (in niederländischen Zügen gibt es gratis Internet). An sich kann man – wie ich es auch meistens mache – gesamte Turniere online betrachten und anschliessend darüber schreiben, aber dann entgeht einem doch einiges: Atmosphäre vor Ort (lesen, dass viele Jugeendliche dabei sind ist eine Sache, der dazugehörige optische Eindruck eine andere), Zeitnotdramen, und dann gibt es auch keine “eigenen” Spielerzitate! Oft lauten die Ergebnisse in Turnieren nach Schweizer System anfangs 1-0 0-1 1-0 0-1 1-0 0-1 usw., das heisst der Elofavorit gewinnt “immer” oder fast immer. Diesmal liefen schon in den ersten beiden, und dann vor allem in der dritten Runde nicht alle Partien an den vorderen Brettern nach diesem Drehbuch – nur noch drei Spieler(innen) hatten drei Punkte aus drei Partien: Elofavorit Erwin l’Ami, etwas überraschend Jungstar FM Van Foreest (in der dritten Runde besiegte er Turnierstammgast Emanuel Berg), noch überraschender die an 35 gesetzte WGM Nino Maisuradze (gleich zu Beginn Sieg gegen IM Hovhannisyan). In der zweiten Runde hatte Van Foreest gegen Van Foreest gespielt – der 15-jährige FM Jorden (Elo 2448) besiegte seinen 13-jährigen Bruder Lucas (Elo 2190) relativ glatt. In Runde 4 bekam er den nächsten GM, seinen früheren Trainer Sipke Ernst – das wurde remis. Da macht man sich auf die recht weite Reise von Groningen nach Maastricht und spielt dann gegen Groninger. In der Teilnehmerliste sah ich noch Harff und Harff (aus Hohenneukirch bei Mönchengladbach) sowie Snuverink, Snuverink und Snuverink aus Enschede.

 

Rechtzeitig zur Zeitnotphase in Runde 4 war ich vor Ort. An Brett 1 spielte Erwin l’Ami gegen Nino Maisuradze – er bekam also nicht seine eigene Frau vorgesetzt, sondern die Freundin von GM-Kollege Fier. Wie gesagt, Zeitnot: Im Spielsaal fiel mir sofort eine Traube von Kibitzen auf, da hatte Erwin l’Ami noch etwa fünf Minuten für etwa sechs Züge bis zur Zeitkontrolle, seine Gegnerin eine Minute. l’Ami dachte und dachte und dachte – nach dem 40. Zug hatte er noch sieben Sekunden übrig, seine Gegnerin deren drei. Danach habe ich mich erst bei den Organisatoren vorgestellt, den Rest der Partie verpasst und nur ein bisschen Analyse wieder mitbekommen: l’Ami gewann, Nino Maisuradze war nicht allzu enttäuscht – sie hatte ihre Elo 2255 gegen l’Amis 2647 immerhin recht teuer verkauft. Brett 2 aus derselben Runde hatten wir schon, am dritten Brett verlor Alexandr Fier gegen den Jugendspieler Tycho Dijkhuis. Nach vier Runden ergab sich damit folgendes Tabellenbild: Erwin l’Ami mit weisser Weste, dahinter vier Jugendliche mit 3.5/4 (neben den bereits erwähnten noch IM Quinten Ducarmon und Mischa Senders), dahinter die GMs Ernst und Janssen sowie jede Menge andere (junge) Spieler mit drei Punkten, dann die hoch eingeschätzten GMs Fier, Berg und van den Doel mit gerade mal 2.5 Punkten.

 

Höchste Zeit um etwas zu erwähnen: es war hochsommerlich warm in Maastricht, einige kommen damit offenbar nicht zurecht oder haben aus anderen Gründen gesundheitliche Probleme: GM Hausrath und IM Miedema hatten sich krank aus dem Turnier verabschiedet, Fier war auch angeschlagen und besuchte mit den Organisatoren eine Apotheke. Jugendliche Spieler sind vielleicht weniger hitzeanfällig, zumal sie in Shorts am Brett sitzen – was man ab einem gewissen Alter und Elo eher nicht mehr macht !!!?

 

Auch weiterhin werde ich nicht alle Partien besprechen, zumal sie momentan noch nicht komplett auf der Turnierseite verfügbar sind. Wer die niederländische Sprache oder zumindest Notation (P – paard – ist S – Springer) beherrscht, findet schon einiges auf schaaksite.nl – später gibt es von mir vielleicht noch eine Nachlese mit Diagrammen. In Runde 5 hatte Erwin l’Ami Weiss gegen Jorden Van Foreest, und das wurde remis. Brett 5 will ich auch noch erwähnen, da spielte Max Warmerdam remis gegen GM Janssen. Wer ist Max Warmerdam? Er ist 14 Jahre jung, niederländischer U14-Meister und das grösste Talent aus Limburg – vor zwei Jahren hatte er noch eine NL-Elo von 1400, inzwischen hat er bereits fast 2200. Ruud Janssen war übrigens aus Arnhem per Fahrrad angereist – etwa 160km, in zwei Tagen.

Nach der Runde ergab sich die Gelegenheit zu einigen Interviews. Erwin l’Ami wollte sich noch nicht zum Turnier äussern – weder mir gegenüber noch im offiziellen Video – denn in den letzten beiden Runden kann noch viel passieren. Zur Schach-Ehe mit Alina meinte er: “prima, wir ergänzen und verstehen einander” – z.B. auch wenn der/die Partner(in) nach einer Niederlage schlechte Laune hat, und nicht immer reisen sie gemeinsam zu Turnieren. Gut, das “musste” ich fragen, und die Antwort war nicht gerade überraschend … . “Rising Stars vs. Experience” hatte ich schon genannt; nach einem dieser Turniere meinte Kortschnoi über seine jungen Gegner: “alle spielen wie Computer (‘computer the coach’), nur l’Ami spielt Schach!”. Das betrachtet l’Ami zu Recht als Kompliment, wobei ich provokativ nachfragte: “Hast Du vielleicht auch deswegen nicht so viel erreicht wie z.B. Caruana?” l’Ami lachend: “Caruana ist einfach besser! Er hat wohl mehr Talent und arbeitet härter als ich.” Zur Partie gegen Nino Maisuradze: “Ich stand sehr gut, habe in Zeitnot meinen Vorteil verschenkt und musste dann nochmal gewinnen.” Gegen Van Foreest: “Ich habe schlapp gespielt [eine harmlose Variante gegen Slawisch], dann kann man noch 20-50 Züge lang was versuchen, aber das ist eher verschenkte Energie. Und ich stand eher leicht schlechter, aber er hat mein Remisangebot sofort akzeptiert.”

Emanuel Berg war mit seinem Turnier, zumindest nach fünf Runden, nicht so zufrieden: “Ich habe Probleme mit der Zeitkontrolle ohne Inkrement, das bin ich nicht mehr gewöhnt. Ich bin Angriffsspieler, liebe komplizierte Stellungen und das kostet Bedenkzeit. Zwei gute Stellungen habe ich in Zeitnot verschenkt, einmal entwischte ich noch mit Dauerschach.” [Bei Doppelrunden kommt Inkrement nicht in Frage, sonst können einzelne Partien mit ellenlangen Endspielen den Zeitplan durcheinander bringen] “Ich spiele momentan weniger, da ich auch Bücher schreibe (bei Quality Chess über seine Lieblingseröffnung Französisch).” Zu Jorden Van Foreest meinte er: “pragmatischer Spieler, schnell und solide. Aber warum hat er mich besiegt und l’Ami ein Remis gegönnt? [auch Berg meinte, dass da Schwarz (Van Foreest) am Ende besser stand]. Er hat noch zuviel Respekt vor Grossmeistern, das wird er sicher verlernen!”

Jochem Snuverink sprach ich auch. Einer der anderen Snuverinks ist sein Bruder, der andere heisst zufällig auch Snuverink und spielt für denselben Verein. Mir fiel noch auf, dass J. Snuverink auch in der englischen und Schweizer Liga spielte. “Ich bin kein bezahlter Gastspieler, aber ich wohne momentan in England, und davor wohnte ich in der Schweiz”. Auf die Frage, warum er beim Limburg Open mitspielt: “ein bisschen Zufall, aber Freunde haben mir dieses Turnier empfohlen."

 

In Runde 6 spielte Erwin l’Ami gegen den 19-jährigen IM Ducarmon eine schärfere Slawisch-Variante als tags zuvor, und gewann. An Brett 2 wollte GM Sipke Ernst gegen den 15-jährigen Thomas Beerdsen (NL-Meister U16) sicher auch gewinnen, hatte aber nicht mehr als Dauerschach. Hmm, dann hat der Grossmeister vielleicht schlechte Laune, ich befrage lieber seinen Gegner. Halb im Jux fragte ich, ob er Schachprofi werden will, und die Antwort war ein entschiedenes JA. Daneben stand der ein Jahr ältere Mischa Senders: “Du willst also in Armut leben?! Ich werde studieren und dann einen normalen Beruf ausüben …”. Gegen Ende des Berichts noch ein Zwischenton zu diesem Thema – ohnehin müssen sie sich ja noch nicht entscheiden.

An Brett 6 stand GM Fier gegen Alina l’Ami relativ schnell besser – Mehrbauer und etwa eine Stunde Bedenkzeitvorteil – brauchte dann aber lange, um ihren Widerstand zu brechen. Danach meinte er: “Ich habe Alina besiegt, Erwin hat Nino besiegt ….” – Damentausch unter GM-Kollegen. (FM Marcel) Harff sprach ich auch – er und sein Vater pendelten täglich über die Grenze zum Turnier, wie wohl noch diverse andere deutsche Teilnehmer. In Runde 1 hatte er eine Remisstellung gegen Erwin l’Ami einzügig eingestellt (jedenfalls nach eigener Aussage), danach gewann er fünfmal. Zum Zeitpunkt des Interviews war er damit alleiniger Zweiter hinter l’Ami. Wie oft ist ein Amateur, der in der ersten Runde gegen einen GM antritt, kurz vor Turnierende fast auf Augenhöhe mit ihm? Dann konnten IM (demnächst offiziell GM) Dambacher und FM Van Foreest doch noch aufschliessen.

 

Also spielte l’Ami (5.5/6) gegen Dambacher, Van Foreest und Harff spielen gegeneinander, dahinter vier Duelle zwischen Spielern mit 4.5/6. An der Spitze kann man taktieren, dahinter zählt nur ein Sieg, und so lief dann auch die letzte Runde. Den Limburger Martijn Dambacher hatte ich am Abend zuvor gesprochen, da meinte er “letztes Mal (2007 oder so) konnte ich l’Ami besiegen” – aber diesmal wurde es nach 14 Zügen remis. Dambacher dazu nach der Partie: “Ich konnte mich nur 20 Minuten vorbereiten, da kann man keine scharfe Variante [z.B. 4.f3 gegen Nimzo-Indisch] spielen … . Ich wollte eigentlich kämpfen, aber es kam anders [die Stellung war bereits ziemlich verflacht]. Wer sich über derlei Kurzremisen beschwert, steckt nicht in meiner Haut. Ich konnte mehr gewinnen, aber auch einiges verlieren – und Erwin l’Ami ist ein starker Gegner!” Ich kann das nachvollziehen: so bekam Dambacher am Ende gut 850 Euro Preisgeld (plus 250 Euro als Limburg-Meister), die neun Spieler auf dem geteilten sechsten Platz erhielten knapp 50 Euro, l'Ami dagegen 2250 Euro. An Brett 9 gab es auch ein Kurzremis, dazu der Weisspieler IM Goudriaan: “Ich habe wirklich keinen einzigen guten Zug gemacht, dann habe ich (nach deren 13) remis angeboten.” Er übertrieb ein bisschen, 1.e4 ist nicht soo schlecht – aber dann wollte er seinen Gegner im Najdorf-Sizilianer überlisten und hat sich offenbar selbst reingelegt, ohnehin war es für ihn ein durchwachsenes Turnier. Van Foreest-Harff wurde auch remis, dazu Schwarzspieler Harff: “Ich war mit remis zufrieden, dann ist Rubinstein-Französisch eine gute Variante – um Theorie zu vermeiden die starke Jugendliche sehr gut kennen.” Dieses Remis war voll ausgekämpft, Weiss wollte wohl mehr.

Drama an den nächsten Brettern. An Brett 3 GM Fier – GM Berg, beide konnten ihr Turnier mit einem Sieg noch reparieren. Berg gewann im Opferangriff, damit hatte er zum Schluss doch “wie immer” 5.5/7 (nach anfangs 1.5/3). Die anderen Partien dauerten und dauerten und dauerten. Dann mussten die Jugendspieler Thomas Beerdsen und Tycho Dijkhuis als erste remis akzeptieren was beiden wenig nützte. IM Ducarmon – GM Janssen und IM Hovhannisyan – GM Ernst dauerten fast die kompletten fünf Stunden. Janssen akzeptierte nach ca. 4 Stunden und 50 Minuten wohl oder übel remis. Ernst hatte einen Mehrbauern aber kaum Gewinnchancen, zumal sich die Stellung immer mehr vereinfachte. Zum Schluss sah es danach aus, als ob die Uhr entscheiden würde – dazu passend die Geräuschkulisse, draussen tobte ein Gewitter (in Maastricht, im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen, ohne grössere Schäden). Mit 15 gegen 15 Sekunden siegte die Fairness – remis. Aufgrund dieser Partie verzögerte sich die Siegerehrung mit ca. 30 Minuten – da die Organisatoren erst noch genau ausrechnen mussten, wer nun wieviel (oder wenig) Preisgeld bekommt.

Die Zeit nutzte ich für ein letztes Interview mit Jorden Van Foreest, der die Gretchenfrage “Schachprofi ja oder nein?” so beantwortete: “Abwarten was ich in zwei drei Jahren erreicht habe. Ich gehe jedenfalls noch zur Schule … (lachend) naja, ich werde zu Hause unterrichtet!” Er bekommt also alle Möglichkeiten, an Turnieren teilzunehmen (dieses Jahr bereits drei andere offene Turniere sowie das Batavia-Turnier in Amsterdam). Zum remis gegen l’Ami und Bergs Kommentar dazu sagte er “ich habe Respekt vor GMs mit Elo über 2600!”.

 

B- und C-Turnier kann ich nur kurz streifen. In der B-Gruppe spielte Elo-Favorit Peter Holscher durchgehend am ersten Brett, verlor aber in der letzten Runde (Elo 2049 kann mal gegen Elo 2035 verlieren ….) – damit war sein Gegner Joris Broekmeulen alleiniger Erster (= 500 Euro) und Holscher geteilt Achter (= 6 Euro und 25 Cent), die sechs Spieler(innen) dazwischen erhielten gut 100 Euro. Auch die C-Gruppe hatte einen alleinigen Sieger.

 

Nach dem Turnier: aufräumen mit ca. 20 Leuten (da ich bei einem der Organisatoren privat übernachtete, habe ich dabei mitgeholfen). 400 Teilnehmer bedeutet 400 Stühle und 100 Tische, die mussten (zusammengeklappt und) gestapelt werden und landeten dann in einem Container zum Abtransport – schliesslich wird der Turniersaal, eine Sporthalle, wieder für andere Sportarten gebraucht. Turnierteilnehmer wissen nicht unbedingt, welche Logistik dahinter steckt – auch mir selbst war es nicht unbedingt bewusst. Danach noch ein gemeinsames Bierchen in der Kantine, und dann war Schluss.

 

Schliesslich ruft tags darauf für viele wieder die normale Arbeit – z.B. auch für meinen Gastgeber Ashraf Ibrahim, am nächsten Tag in Anzug statt Jeans und T-Shirt. Ich hatte mir noch einen Tag freigenommen, da ich Texel ohnehin frühestens gegen Mittag erreichen konnte, und schaute mir noch Maastricht an – inzwischen scheinte die Sonne wieder. Nur ein paar Stichworte: Altstadt, vom Bahnhof aus gesehen am anderen Ufer der Maas, weitgehend Fussgängerzone, Strassen mit Kopfsteinpflaster, diverse grosse und kleine Plätze mit Cafes, Reste der alten Stadtmauer. Das haben einige/viele Teilnehmer wohl verpasst – das Turnier ist am Stadtrand, und das offizielle Spielerhotel ebenfalls. Wobei die Ausrichter zwischen den Doppelrunden eine Stadtführung und einen Kurzausflug in die nahe Umgebung anboten, und das Ehepaar l’Ami auf eigenen Wunsch einen Tag früher anreiste.

 

Das war’s für heute – morgen ruft auch für mich wieder die normale Arbeit, und vorher wollte ich diesen Bericht veröffentlichen!

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