Ausgelesen! [6]

Alexander Koblenz „Schach lebenslänglich – Erinnerungen eines Erfolgstrainers“ – eine Buchrezension von JULIA KIRST

 

Der Schachbüchermarkt ist überschwemmt von neu erscheinenden Büchern. Über diese Bücher wird kurz nach ihrem Erscheinen auch gleich eine Rezension geschrieben. Ich habe mir gedacht: Warum immer auf Neues warten, wenn das Gute schon im eigenen Bücherschrank liegt? Deshalb habe ich mir gleich das Buch „Schach lebenslänglich – Erinnerungen eines Erfolgstrainers “ von Alexander Koblenz geschnappt, durchgelesen und eine Rezension geschrieben.

 

Leonid Serin kündigt im Vorwort an: „Das Buch gibt eine Antwort auf eine Frage, die sich schachbegeisterte junge Leute im Laufe von Jahrzehnten stellen mussten: Ist Schach es wert, dass man ihm sein Leben widmet? Kann es Lebensinhalt sein? Der talentierte, zutiefst bescheidene Meister Alexander Koblenz ist mit den Koryphäen Caissas solidarisch. Er antwortet: Ja, Schach ist es wert. Ja, Schach kann Lebensinhalt sein.“

 

Koblenz‘ Erzählungen beginnen im Jahr 1935. Er übernahm für die lettische Zeitung „Jaunākās Zinas“ die Berichterstattung über den Weltmeisterschaftskampf zwischen Herausforderer Euwe und Weltmeister Aljechin in Amsterdam. Das Duell endete mit einem Sieg des Herausforderers. Aljechin konnte den Titel in einem Revanchematch zwar zurückerobern, starb jedoch am 24. März 1946 verarmt und unglücklich in Portugal. Ist dieses das Schicksal von Künstlern, wozu Schachspieler zweifelsohne auch gehören?
 

 

Der Autor erzählt von vielen weiteren Begegnungen mit Schachkoryphäen der damaligen Zeit. Dazu gehören z. B. Spielmann, Reschewsky, Marshall und Vidmar. Letzterer warnte ihn davor, sich in die berufliche Abhängigkeit des Schachs zu begeben: „Wollen Sie, junger Mann, Ihr Leben ganz dem Schach widmen?“ Und als ich, ohne nachzudenken, bejahte, sah er mich zweifelnd an und sagte nur: “Nun, schauen Sie zu!“

 

 

Mehrere Begegnungen hatte Alexander Koblenz mit dem ehemaligem Schachweltmeister Emanuel Lasker. Koblenz beschreibt Lasker, der auch Mathematiker und Philosoph war, als „schachspielenden Philosophen“. Am meisten erschütterte mich folgende Textpassage: Mit Bestürzung las ich im Jahre 1981 im „Schachecho“ einen anlässlich des vierzigsten Todestages von Emanuel Lasker veröffentlichen Artikel über seine letzten Lebensjahre in New York: „Lasker bestritt seinen Lebensunterhalt durch Vorlesungen, Simultanveranstaltungen, war auf die Unterstützung von Mäzenen angewiesen. Anfang Januar 1941 erkrankte er schwer. Er wurde ins Mount-Sinai-Hospital eingeliefert, wo er bald die Besinnung verlor… Eine hochqualifizierte ärztliche Soforthilfe war vonnöten. Doch die Welt hatte damals andere Sorgen: wen kümmerte schon das Schicksal eines armen, alten Juden? So starb einer der größten Schachmeister aller Zeiten, von der Welt und den Ärzten vergessen, die ihm nur oberflächliche Hilfe leisteten.“ Emanuel Lasker hatte sein Leben lang befürchtet, im Alter das gleiche Schicksal zu erleiden wie sein großer Vorgänger Wilhelm Steinitz, und konnte es doch nicht verhindern…

 

 

Als Erstes schockierte mich natürlich die Tatsache, dass Lasker möglicherweise aufgrund seines Glaubens ärztliche Hilfe verweigert wurde. Lasker musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 aus Deutschland emigrieren. Er lebte dann noch in den Niederlanden, Großbritannien, der UdSSR und in den USA, wo er aber anscheinend trotzdem ausgegrenzt wurde. Leider gibt es solche hirnrissigen Ideologien heute noch und es wird sie immer geben, weil dumme Leute nicht aussterben.

 

Paradox ist, dass Emanuel Lasker Angst davor hatte, so zu enden wie Steinitz, es aber trotzdem nicht verhindern konnte. Vielleicht kann man daraus lernen, dass Angst nicht hilft, sondern lähmt.

 

Steinitz, Lasker und Aljechin starben unglücklich. Ist es kein Privileg, Schachweltmeister zu sein, sondern eher ein Hindernis? Gibt es keine berufliche Selbsterfüllung im Schach?

 

Für einen Schachtrainer ist es das Größte, mit einem Spieler zusammenzuarbeiten, der genau dieselbe Leidenschaft für Schach hat. Koblenz zitiert einen Fußballtrainer: „Wenn ich unter tausend Fußballspielern ein Talent antreffe, bin ich glücklichste Mensch auf der Welt.“

 

 

Für den Trainer Alexander Koblenz war das der Spieler Michail Tal, den er zum Weltmeister formte. Nach Niederlagen konnte Tal auch sehr niedergeschlagen sein. Koblenz schildert eine Anekdote: „Wissen Sie, wie Koblenz Tal trainiert?“ schrieb in einer jugoslawischen Zeitung der Großmeister Bora Ivkov. „Er wiederholt seinem Schutzbefohlenen den ganzen Tag über ein- und dasselbe: „Michail, du spielst genial!“ Diese phantastische Behauptung Ivkovs war natürlich ein Ausdruck wohlwollenden Humors, und als ich sie las, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich von ihr bald darauf Gebrauch machen würde.“

 

 

In einem niedergeschlagenen Moment fragte Tal seinen Trainer: „Also, Maestro, kann ich etwas?!“ Diese Worte entfuhren ihm mit so offenherziger, kindlicher Naivität, dass ich kaum ein Lächeln unterdrücken konnte und mich nicht enthielt, die in der Zeitung abgedruckten Worte Ivkovs zu wiederholen: „Fraglos! Michail, du spielst genial, ja, ja, genial!“

 

Ich möchte kurz in ein paar Sätzen zusammenfassen, welche Antwort das Buch mir auf die Fragen „Ist Schach es wert, dass man ihm sein Leben widmet? Kann es Lebensinhalt sein?“ gibt.

 

 

Ein Trainer durchlebt mit einem Spieler ein ganzes Seelenleben und kennt den Spieler manchmal besser als er sich selbst. Er ist der Ruhepol, um den Spieler in emotionalen Ausbrüchen wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen, sei es nach einem Sieg oder einer Niederlage. Natürlich erlebt ein Trainer auch emotionale Achterbahnfahrten, wenn er die Partien seines Schützlings verfolgt. Viel näher geht das jedoch dem Spieler, denn es ist seine Partie und demzufolge seine Heldentat oder sein Versagen.

 

Spieler und Trainer geben sich auf ihrer gemeinsamen Reise einer gemeinsamen Leidenschaft hin. Ein indisches Sprichwort sagt: „Das Schachspiel ist ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann.“ Genau diese Vision treibt den Spieler an, auch nach Niederlagen immer wieder weiterzumachen und sich vom Trainer jedes Mal aufs Neue motivieren zu lassen. Denn eigentlich zählt im Schachspiel nicht Sieg oder Niederlage, sondern die Schönheit selbst. Für den Trainer und für den Spieler. Somit kann ich nur sagen: „Ja, Schach ist es wert. Ja, Schach kann Lebensinhalt sein.“

 

 

Leider gibt es dieses Buch nur noch antiquarisch zu erwerben. Erstveröffentlicht wurde das Buch in deutscher Sprache in der Reihe BIBLIOTHEK CAISSA vom De Gruyter-Verlag Berlin 1987, eine Nachauflage ist im Joachim Beyer Verlag erschienen. Für alle, die überlegen, welches neue Buch sie sich kaufen, lautet mein Rat: Erst den eigenen Bücherschrank durchstöbern, vielleicht findet sich eine Perle, die es wert ist, sie sich genauer anzusehen.

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