Zwischenbilanz in Bilbao

Zweiklassen-Gesellschaft beim Masters Final, Chaos beim Europacup

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liveDrei parallele Turniere in Bilbao, wie soll man da den Überblick behalten? Zumal „Chaos beim Europacup“ sich auch auf die Partien, aber vor allem auf die Liveübertragung bezieht – dazu später mehr. Ich beginne mit dem Masters Final – bei nur vier Spielern ist das Feld bei Halbzeit bereits recht sauber sortiert: Anand 2.5/3, Aronian 2, Ponomariov 1, Vallejo 0.5. Oder wenn man, wie die Ausrichter, Fussball-Fan ist und dementsprechend die Punkte verteilt: Anand 7, Aronian 5, Ponomariov 3, Vallejo 1. Eben A-Klasse und P-Klasse; für letzteres brauche ich Vallejos Vor-, Spitz- oder Kosenamen Paco.

 

Im „offenen“ Europacup ist noch nichts entschieden; schliesslich kommen die Favoritenduelle erst noch – auch wenn es einige bereits gab. Vorne liegen SOCAR (der Sponsor und drei der acht Spieler kommen aus Aserbaidschan) sowie das tschechische G-Team Novy Bor mit jeweils 6 Mannschaftspunkten. Dahinter wird die Gruppe von sieben Teams livemit 5-1 Mannschaftspunkten derzeit von Solingen angeführt, die drei anderen deutschen Teams spielen wohl etwa im Rahmen ihrer (niedrigeren) Erwartungen.

 

Im Damenturnier spielen acht Teams ein Rundenturnier – da gab es einige Favoritenduelle bereits zu Beginn. Ich weiss nicht, wer nun Favorit für den Turniersieg ist – jedenfalls nicht mehr die Startruppe (Hou Yifan, Anna Muzychuk, Kateryna Lagno usw.) aus Monte Carlo, die beide direkten Duelle gegen die Konkurrenz aus Batumi und Moskau 1,5-2,5 verlor. Heute haben sie mit einem glatten 2,5-1,5 immerhin das deutsche Team aus Bad Königshofen eingeholt. Nur Batumi hat noch eine weisse Weste, aber sie müssen noch gegen die drei russischen Teams antreten.

Turnierseite

Soweit die nackten Fakten. Beim Masters Final will ich nicht auf alle Partien eingehen, nur ein paar allgemeine Eindrücke: Vor nicht allzu langer Zeit spielte Vishy Anand gegen die „zweite Garnitur“ reihenweise blutleere Remisen, und war gegen die erste Garnitur, speziell gegen Aronian, anfällig. Diesmal lief es anders: ein glatter Weissieg gegen Ponomariov, eine dynamisch angelegte Partie mit Schwarz gegen Vallejo (die er dann, mit etwas gegnerischer Hilfe, auch gewann) und ein farblos-ungefährdetes Remis gegen Aronian – die einzige von bisher sechs Partien die man mehr oder weniger „vergessen“ kann. Aronian spielte besser als zuletzt in St. Louis und davor z.B. beim Kandidatenturnier: gegen Vallejo war sein Vorteil nicht gewinnträchtig, Ponomariov zerlegte er ebenso wie tags zuvor Anand (wobei „Pono“ eine zwischenzeitliche Remischance nicht nutzte). Dafür kam der Lokalmatador mit baskischer Frau heute zu einem Sturmsieg gegen Vallejo – und schon habe ich alle sechs Partien kurz besprochen. Mehr geht nicht, denn es gibt ja noch zwei Turniere.

 

Beim offenen Europacup gibt es mindestens drei Klassen: Teams mit Weltklasse-GMs die um den Titel mitspielen, Teams mit immerhin einigen GMs der Kategorie Elo unter 2700, und Teams ganz ohne Grossmeister. In kompletten Mannschaftskämpfen gibt es da kaum Überraschungen, aber durchaus an einzelnen Brettern. Die individuellen Helden der ersten beiden Runden heissen Manuel Bosboom, Christian Schramm, Rainer Polzin, Peter Wells und Einar Hjalti Jensson. Die „Deppen“ (d.h. prominentere Spieler die diese Partien verloren) sind Peter Leko, Sergei Movsesian, Evgeny Najer, Arkadij Naiditsch und Alexei Shirov – durchaus ordentliche Gesellschaft für die deutsche (bzw. bei diesem Turnier spanische oder baskische) Nummer 1. In der heutigen dritten Runde hatten noch zwei GMs der zweiten Kategorie ein Erfolgserlebnis gegen bekanntere Gegner: Agdestein-Topalov 1-0 und Shirov-Greenfeld 0-1. Nur die letzte Partie könnte das Endergebnis beeinflussen, da das russische Starteam Malakhite sich auch sonst gegen Beer Sheva aus Israel schwer tat und am Ende 3-3 spielte; in allen anderen Fällen war es nur der Ehrentreffer für die Aussenseiter-Truppe.

 

Zwischenzeitlich erschien es in Runde 1, als ob auch der Bremer Gerlef Meins zum Helden wurde (Sieg gegen Gata Kamsky) und das gesamte Bremer Team mit einem souveränen 5,5-0,5 gegen Ladya – zwar nur das viertbeste von vier russischen Teams, aber doch an allen Brettern klar favorisiert. Ich konnte das nicht so recht glauben, zumal der russische GM Ibragimov mit 1.b4 eröffnete – das spielt doch „nur“ Olaf Steffens!? (weiss ich aus gemeinsamen Kieler Zeiten, und laut Datenbank hat er es sich auch gut 15 Jahre später nicht abgewöhnt). Offenbar war Brett 1 in der Liveübertragung Brett 6, Brett 2 Brett 5 usw. – und dann stimmt alles: sowohl das Ergebnis als auch die Eröffnung an Brett 4 mit Weisspieler Steffens. Wenn man der Liveübertragung glaubte, hatte Naiditsch in Runde 2 schon wieder verloren, diesmal gegen Christian Bauer – aber dann stellte sich heraus, dass diese Partie warum auch immer gar nicht übertragen wurde und dass Naiditsch gewann. Bis zum Beweis des Gegenteils kann man auch davon ausgehen, dass Kamsky heute verloren hat, gegen Naiditsch.

 

Zwei Favoritenduelle gab es bereits: In Runde 2 war bei SOCAR-SHSM Moskau jede Menge los, Endstand 5-1 für „Aserbaidschan plus“, wobei plus für Topalov, Adams, Giri und Wang Hao steht. In Runde 3 trennten sich St. Petersburg (plus Dominguez) und Obiettivo Risarcimento (Italien plus Frankreich plus Nakamura) dagegen 3-3 friedlich: da hofften die Italiener wohl, dass Vachier-Lagrave ein Endspiel mit Mehrqualität gewinnen würde, aber Vitiugov hielt remis. In den anderen fünf Partien war nicht allzu viel los. Malakhite-Beer Sheva hatte ich bereits erwähnt. Solingen – Odlar Yourdu endete ebenfalls 3-3. Das sind zwei Teams die nominell immerhin in die top10 gehören; das schafft das zweite Team aus Aserbaidschan auch ohne ausländische Verstärkungen (abgesehen von Sutovsky der ja Ex-Azeri ist und den Kontakt mit der alten Heimat aufrecht erhält).

 

Ab morgen beginnt die entscheidende Phase im Turnier, u.a. mit SOCAR – Novy Bor (letztes Jahr gewannen die Tschechen sensationell), Obiettivo Risarcimento – Beer Sheva (können die Israelis den nächsten Favoriten ärgern?) und Malakhite – St. Petersburg. Solingen hat mit Ladya noch einen relativ leichten Gegner – wenn sie diese Hürde nehmen dürfen/müssen sie danach wohl gegen eines der Topteams spielen. Die drei anderen deutschen Teams wie gesagt irgendwo mitten in der Tabelle: der Isländer Einar Hjalti Jensson hat heute nach Alexei Shirov auch Olaf Steffens besiegt, und auch dessen Mannschaftskollegen holten aus den fünf anderen Partien nur einen Brettpunkt.

 

Was hat Monte Carlo bei den Damen falsch gemacht? Wie sagte Peter Svidler in der auch sonst empfehlenswerten chess24-Fragestunde auf die Frage „Was muss Russland tun, um die Olympiade zu gewinnen?“: „Win more matches!“ (auch gegen direkte Konkurrenten). Was sie gegen Batumi falsch machten, weiss ich nicht – die Partien sind offenbar nicht überliefert. Gegen Moskau verlor Lagno ein Turmendspiel gegen Girya, und Cramling ein Damenendspiel gegen Kovalevskaya mit folgender Schlusstellung:

 

Cramling-Kovalevskaya

Ohne Worte …

 

Dann noch eine bedingt ähnliche Schlusstellung, Topalov-Morozevich 1-0

 

Topalov-Moro

 

Topalov hatte allerdings wohl absichtlich zwei Bauern geopfert, um seinen König zu aktivieren und den gegnerischen Monarchen zu belästigen. Es lohnt sich durchaus, auch noch andere Partien nachzuspielen, z.B. die oben erwähnten Aussenseiter-Siege.

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