Bilbao-Abschlussbericht

Anand, SOCAR und Batumi gewinnen

 

Bilbao Chess 14 Winners

Von links nach rechts: Ponomariov, Vallejo, Anand und Aronian

So, Bilbao ist vorbei – was macht man nun an einem Tag ohne Schach-Liveübertragungen im Internet? Die Spieler warten vielleicht am Flughafen auf ihren Rückflug – wer, wie Werder Bremen, bei Air France gebucht hat muss eventuell etwas länger warten, die streiken. Und ich lasse das Geschehen Revue passieren. Alle drei Turniere waren bereits nach der vorletzten Runde entschieden, zumindest de fakto – SOCAR hatte noch theoretische Chancen, nicht Europameister der Vereine zu werden. Ebenso stand mehr oder weniger das Konzept für diesen Abschlussbericht, inklusiv wen ich individuell lobend und weniger lobend erwähnen würde – aber da überraschten einige Spieler am letzten Tag, positiv wie auch negativ.

Bevor ich das und anderes näher aufbrösele, wie üblich zunächst die Abschlusstabellen:

 

Masters Final: Anand 11, Aronian 10, Ponomariov und Vallejo 5 – offensichtlich Fussballwertung: Anands 4/6 (+3=2-1) waren diesen Regeln entsprechend besser als Aronians 4/6 (+2=4). Wer mitdenkt, kann bereits das Ergebnis des direkten Duells in der Rückrunde erahnen.

 

Offener Europacup: SOCAR Azerbaijan 14 (mehr geht nicht), G-Team Novy Bor (CZE) 12, Malakhite (RUS) 11, Odlar Yourdu (AZE), SG Solingen, SHSM Moskau, Minsk, Ladya alle 10, St. Petersburg, Obiettivo Risarcimento (ITA) usw. 9.

Turnierseite

Bei den Damen gewann Batumi (Georgien) ebenfalls alles, also 14 Punkte, Monte Carlo gewann immerhin die letzten fünf Matches und wurde mit 10 Punkten Zweiter, Moskau wurde mit 9 Punkten Dritter, das deutsche Team aus Bad Königshofen mit 7 Punkten (50%) Fünfter von acht. Komplette Abschlusstabellen findet der Leser hier und hier.

 

Titelfoto (Alle Bilder Quelle Turnierseite): die vier Teilnehmer des Masters Final, Anand mit baskischem Siegerhut

 

Aronian-AnandDie zweite Hälfte des Masters Final will ich angesichts der Konkurrenz am selben Ort relativ kurz & knapp zusammenfassen: Runde 4 Anand gewann schon wieder, diesmal gegen Vallejo bereits aus der Eröffnung heraus. Ponomariov machte mit einem Bauernopfer Druck gegen Aronian, aber die schwarze Verteidigung auf engstem Raum hielt – remis. Runde 5 zwei Remisen ohne grössere Aufregungen. Damit stand Anand bereits als Turniersieger fest, und Runde 6 war eher Formsache. Allerdings: Aronian-Anand 1-0 – Aronian wählte eine scheinbar harmlose Variante und konnte Anand dann doch unter Druck setzen. Der erste kritische Moment war nach 15.a3 – den Computerzug 15.-Se5 findet man wohl nur, wenn man das zu Hause vorbereitet hat oder wenn man die einzige Vorgängerpartie kennt (Ramirez-Cornette, Cappelle Open 2012). Offenbar traf keines von beidem zu – Anand will ja sicher noch nicht verraten, was er im WM-Match gegen Carlsen eröffnungsmässig vorhat. Anands alternative Abwicklung führte zu gewissen Löchern am Königsflügel – kein Problem für Engines um den Laden zusammen zu halten, allerdings für Menschen aus Fleisch und Blut. Der zweite kritische Moment war nach 37.h4 – am besten war nun 37.-Td1+ 38.Kh2 Dd5 mit Gegenspiel und wahrscheinlich später Dauerschach. Gar nicht gut war das gespielte 37.-Df5? was 38.Tf8 mit Tempogewinn zuliess, und eine weitere Chance bekam Anand nicht. Vallejo-Ponomariov 1-0: Weiss erdrückte seinen Gegner langsam aber sicher.

Auch den Damen-Europacup fasse ich eher kurz zusammen: Batumi gewann einfach alles – dass es fast immer knapp war (2,5-1,5, 4-0 nur gegen die klar schwächeren zwei Teams aus Israel) tut nichts zur Sache. Wenn eine Partie verloren ging, hatten sie jeweils die richtige Antwort: zwei Siege an anderen Brettern. Es lag nicht an Hou Yifan, dass die klaren Favoritinnen aus Monte Carlo (zumindest der Sponsor ist offenbar Monegasse) nur Zweite wurden – sie machte mit 5/6 „ihr Ding“, nur Nana Dzagnidze und Elisabeth Paehtz hielten remis. Eher lag es an Kateryna Lagno, die gleich zu Beginn zweimal verlor, gegen Salome Melia und Olga Girya. Zum deutschen Team: ein Erfolgserlebnis (Hou Yifan-Paehtz 1/2) hatten wir bereits, das andere waren die Matches gegen zumindest leicht favorisierte russische Teams: 2-2 gegen Moskau, 2,5-1,5 gegen Ladya. Dann noch das Siegerfoto – Batumi liegt offenbar in Georgien:

Batumi Bilbao Chess 14 Winners

Im offenen Turnier kann ich unmöglich „alles“ erwähnen, aber doch etwas mehr: Überblick über die letzten vier Runden sowie etwas Team- und Einzelkritik aus internationaler und auch deutscher Sicht. Zuvor ein atmosphärisches Foto zu Bilbao insgesamt: vorne Weltklasse (ganz vorne Zuschauer), dahinter … na nicht gerade Kreisklasse, aber doch ein zwei drei Niveaus darunter:

 

Turniersaal BilbaoChess14
Runde 4: SOCAR – G-Team Novy Bor 4-2: Wie im letzten Bericht erwähnt, gelang den Tschechen letztes Jahr eine Sensation – 3,5-2,5 gegen den klaren Favoriten dank Navara-Caruana 1-0, Topalov-Wojtaszek 0-1 und Laznicka-Kamsky 1-0. Das tschechische Team ist diesmal, abgesehen von der Brettreihenfolge unverändert – SOCAR spielte nun ohne Caruana und Kamsky, dafür mit Adams. Dieses Jahr erreichte Wojtaszek immerhin ein ungefährdetes Schwarzremis gegen Mamedyarov. Topalov machte es besser als 2013 und besiegte Navara mit Schwarz: in einer bekannten Variante opfert Schwarz den d-Bauern für im Remissinne ausreichende Kompensation. Was passiert, wenn Weiss das Bauernopfer ablehnt? Dann bleibt der d-Bauer auf dem Brett und entscheidet, jedenfalls diesmal, die Partie. Giri gewann mit Schwarz recht locker und leicht gegen Laznicka, Radjabov besiegte Sasikiran in sizilianischen Komplikationen. Da konnte SOCAR es verkraften, dass Wang Hao an Brett 6(!) gegen Bartel verlor.

 

An Tisch 2 hatte Obiettivo Risarcimento, im Gegensatz zu Malakhite tags zuvor, keine Probleme mit Beer Sheva und gewann 4,5-1,5 – wobei Nakamura gegen Roiz zwischendurch bedenklich stand und dann (dank zweier Türme auf der zweiten Reihe) T+T gegen T+S gewann. Tisch 3: Im russischen Duell gewann Malakhite gegen St. Petersburg 4-2 dank zweier Schwarzsiege in scheinbar remislichen Endspielen: Grischuk besiegte Dominguez im Turmendspiel, Malakhov Movsesian im Damenendspiel. Tisch 4 Solingen-Ladya 2,5-3,5: fünfmal Remis, teils wenig aufregend, teils nach wildem Geopfer mit am Ende Dauerschach (Sadykov-Andersen). Am Spitzenbrett schaffte es Markus Ragger, das zweite Berliner Endspiel hintereinander zu verlieren – vorgestern gegen Sutovsky, heute gegen Kamsky, beide Niederlagen waren wohl vermeidbar.

 

Noch zwei Einzelergebnisse: Arkadij Naiditsch verlor ein wildes Gemetzel gegen Sutovsky, und Manuel Bosboom verlor gegen Falko Bindrich da er kein wildes Gemetzel bekam. Stattdessen wurden früh die Damen getauscht, dann verlor er einen Bauern, später einen zweiten und dritten und gab dann auf. Nicht immer bekommt er „seinen“ Stellungstyp aufs Brett.

 

Runde 5: Obiettivo Risarcimento – SOCAR 2,5-3,5: Caruana tat am Spitzenbrett, was er tun konnte, und besiegte Mamedyarov. Mamedyarov opferte ein zwei Bauern, hatte dafür erst gewisse Kompensation, dann gewann er sie zurück, dann verlor er doch noch im Endspiel. Dafür gewann Topalov im Endspiel gegen Nakamura (beide Partien kann ich nicht tiefgreifend analysieren). Matchentscheidend dann das Duell zweier Spieler mit Elo unter 2700 an Brett 6: Korobov-Georgiev 1-0.

 

Odlar Yourdu – G-Team Novy Bor 2,5-3,5 war ein wildes Match mit fünf entschiedenen Partien – zu viele um darauf einzugehen. Dann gab es noch recht klare Favoritensiege: Malakhite-Ladya 4-2, Moskau – SK Rockaden (aus Schweden) 6-0 und St. Petersburg – Muelheim 5,5-0,5. Warum spielten diese zwei Teams gegeneinander? Das passiert im Schweizer System: St. Petersburg hatte gegen die Spitzenteams Obiettivo Risarcimento und Malakhite drei Mannschaftspunkte abgegeben, Muelheim begann mit 1-3 Mannschaftspunkten gegen Nummer 48 und 51 der Setzliste und gewann danach gegen Nummer 36 und Nummer 45 – voila, vorübergehend waren beide punktgleich.

 

Runde 6: Hier gab es nur ein von der Papierform her etwa gleichwertiges Duell, und das wurde dann ein Massaker: SOCAR-Malakhite 5-1 Mamedyarov spielte gegen Karjakin Russisch und war vielleicht mit Remis zufrieden. Dann bekam Karjakin leichten Vorteil (Läuferpaar) und war Angriff die beste Verteidigung: Schwarz opferte eine Qualität, Weiss wählte die verkehrte Methode, dieses Opfer anzunehmen und war auf Dauer gegen diverse schwarze Mehrbauern hilflos – 0-1. Topalov-Grischuk war ein Remis der besseren Sorte: Nach ruhigem Beginn opferte Grischuk am Königsflügel – das war gut genug für Dauerschach, aber er wollte kein Dauerschach. Im Endspiel hatte Schwarz ein paar Bauern für die geopferte Figur, aber wenn einer auf Gewinn spielen konnte dann Weiss. Dennoch: remis. Shirov-Adams 0-1 nach 120 Zügen – Mickey the Grinder. Giri-Malakhov souverän 1-0, und selbst der ansonsten schwächelnde Wang Hao gewann hier und heute gegen Bologan. Damit war SOCAR zu 99% Turniersieger.

 

Runde 7: Im Spitzenduell gegen St. Petersburg verzichtete SOCAR auf Mamedyarov und Adams, das hätten sie bei anderer Turniersituation wohl nicht getan? Irgendwann tweetete Radjabov „Totally safe today, 6 draws. We are 2014 European Club Cup Champions! SOCAR Azerbaijan Team!“ Tatsächlich spielten beide Teams eher solide, an schnellsten waren sich Movsesian und Wang Hao (Schwachpunkte der beiden Teams) einig: Zugwiederholung ab dem 21. Zug. Aber Svidler hatte was gegen sechs Remisen und vergeigte ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern gegen Topalov, damit gewann SOCAR auch dieses Match, wenn auch nur 3,5-2,5. Siegerfoto für SOCAR – keine Ahnung wer da alles dabei ist, gespielt haben nur acht davon:

 

SOCAR Bilbao Chess 14 Winners

Die nächsten Matches waren umkämpfter und am Ende einseitiger: G-Team Novy Bor – Moskau 4,5-1,5. Morozevich spielte gegen Navara das schottische Vierspringerspiel, eigentlich eine Variante um ohne Risiko „ein bisschen“ auf Gewinn zu spielen, aber dann kam ihm eine Qualität abhanden und dadurch langsam aber sicher die Partie. Harikrishna gewann ein direkt aus der Eröffnung entstandenes unkonventionelles Endspiel gegen Dreev, und Sasikiran eine womöglich eröffnungstheoretisch relevante Partie gegen Najer. Malakhite-Obiettivo Risarcimento 4,5-1,5 – ausgerechnet die zuvor schwächelnden Leko und Shirov erzielten big points gegen Vachier-Lagrave und Bacrot, ausserdem gewann Lysyj an Brett 6 gegen Georgiev.

 

Dann gab es ein sehr einseitiges Match am vierten Tisch: Odlar Yourdu – En Passant (NL) 5,5-0,5. Vor dem Turnier hatte ich ja angekündigt, auch die Matches von Werder Bremen und En Passant zu beobachten, da ich jeweils Spieler persönlich kenne. Das klappte nur zum Teil, da nur die ersten zehn Tische live übertragen wurden (und auch nur diese Partien derzeit verfügbar sind) und diese Teams da nur sporadisch auftauchten. En Passant hatte sich im Turnierverlauf nach oben durchgewurstelt, dabei spielten sie u.a. gegen die beiden anderen niederländischen Teams, dafür reist man also nach Bilbao. Wer hat von ihnen in der Schlussrunde als Einziger nicht verloren? „Natürlich“ Manuel Bosboom – auch wenn sein Gegner Mamedov alles versuchte – dazu später mehr. Dann sollte ich noch Tisch 5 erwähnen: Solingen kam zu einem glatten 4,5-1,5 gegen Haladas VSE aus Ungarn und landete dadurch in der Abschlusstabelle weit oben – ein bisschen glücklich bzw. dem Schweizer System zu verdanken: sie spielten gar nicht gegen die absoluten Spitzenteams, im Gegensatz zu St. Petersburg und Obiettivo Risarcimento die hinter ihnen landeten. In der achten Runde hätte Solingen wohl einen schweren Brocken bekommen, aber es gibt keine achte Runde.

 

Damit bin ich bei den deutschen Teams, von denen Solingen und Schachfreunde Berlin jeweils auf der Vereinshomepage berichteten (aber das habe ich noch nicht komplett gelesen, vielleicht in der nun anstehenden schachlich ruhigen Woche?). Auf Schach-Welt hatte Olaf Steffens einen Vor- und einen Zwischenbericht u.a. aus Sicht von Werder Bremen – da kommt vielleicht noch ein Abschlussbericht nachdem sie zu Hause angekommen sind. Solingen nennt ihren fünften Platz „das beste Resultat einer deutschen Mannschaft seit vielen Jahren“ – das stimmt formal gesehen, wobei Baden-Baden mehrfach ganz oben mitspielte und zum Turnierende zurückfiel. Oder ist Baden-Baden keine deutsche Mannschaft? Die drei anderen deutschen Teams landeten am Ende etwas unter ihrem Setzlistenplatz. In der letzten Runde lagen „meine“ zwei Teams ja weit auseinander: En Passant wie bereits erwähnt an Tisch 4, Werder Bremen an Tisch 26 von 26, nach zuvor einer Niederlage gegen das finnische Matinkylan (Nomen est Omen?). Dann gab es für Bremen noch ein 4-2 gegen White Knights aus Wales, wobei nach den Elozahlen ein 6-0 ein „normales“ Ergebnis war. Aber Deutschland-Grossbritannien ist so eine Sache, siehe vor allem Muelheim: 2,5-3,5 gegen Grantham Sharks, 3-3 gegen Bon Accord aus Schottland und zum Schluss mühsam 3,5-2,5 gegen White Rose – jeweils waren sie klar favorisiert, aber nur beim 5,5-0,5 gegen Edinburgh passte das Ergebnis dazu. Die Schachfreunde Berlin gewannen allerdings 6-0 gegen Bon Accord, und Solingen hatte Losglück: keine Gegner von der Insel.

 

Zurück zum Turnier aus internationaler Sicht: wie überlegen SOCAR diesmal war, zeigen auch ihre TPRs: Mamedyarov 2802, Topalov 2922, Adams 2836, Giri 2840, Radjabov 2834, Wang Hao 2664 (Ausnahmen bestätigen die Regel), Korobov 2798. Pro Brett will ich noch ein paar Spieler positiv und weniger positiv erwähnen:

 

Brett 1 Caruana 2896, Kamsky 2636, Karjakin 2634, Naiditsch 2613 (gute Gesellschaft für die deutsche Nummer 1)

 

Brett 2 Grischuk 2887, Bosboom 2709 (schon wieder eine GM-Norm, wie schon letztes Jahr beim Europacup), Morozevich 2619

 

Brett 3 Harikrishna 2852, Leko 2672

 

Brett 4 Movsesian 2580, Jensson 2579, Shirov 2560 (gute Gesellschaft für den Isländer Einar Hjalti Jensson, Elo 2349, der u.a. Shirov besiegte)

 

Brett 5 Fressinet 2559

 

Caruana sagt schon wieder „hallo Magnus, ich komme!“ – aber was das Turnier insgesamt für die Live-Ratingliste bedeutet, darf der Leser selbst untersuchen.

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