Romanischins Masterclass in Amsterdam

Ein Reisebericht voller Kontraste

 

Masterclass RomanishinUnd noch ein alliterierender Untertitel: Romanischin, Robert Ris-ing Stars und der rasende Reporter Rudi Thomas Richter. Ziemlich zu Anfang sollte ich erwähnen, dass dies quasi die Eröffnung der Amsterdam Chess Academy war, ein Projekt von IM Robert Ris. Auf deren Homepage fand ich auch das Titelfoto von Peter Doggers – zu sehen sind im Uhrzeigersinn Romanischin am Demobrett, hinten Robert Ris, zwei mir unbekannte Schachfreunde, ich selbst (mit rotem Pullover über dem Stuhl), noch ein Unbekannter und Yochanan Afek – IM, Endspielstudienkomponist, Schachtrainer, Journalist usw. , Romanischin begrüsste ihn zuvor mit “hello, my dear old friend!”. Dahinter, nicht auf dem Foto, noch eine Reihe Stühle, insgesamt waren es etwa ein Dutzend Zuschauer/Zuhörer. Als ‘Teaser’ vorab eine ganz kurze Zusammenfassung dessen, was Romanischin erzählte: Erinnerungen an alte Zeiten. Damals gab es noch die Sowjetunion und Hängepartien, damals gab es weder starke Schachcomputer noch Rauchverbot am Brett und anderswo. Sowjetunion wird im weiteren Bericht nur insofern erwähnt, dass fast alle gezeigten Partien aus sowjetischen Turnieren stammen, der Rest wird nach und nach einfliessen.

 

Kontrastprogramm bezieht sich darauf, dass ich vormittags den Amsterdam Marathon in drei Stunden lief und nachmittags vier Stunden meinem anderen Hobby widmete. Quatsch, erstens laufe ich maximal Halbmarathons, zweitens brauche ich auch für zwei Halbmarathons zusammen (mit dazwischen einigen Wochen Pause) mehr als drei Stunden, drittens könnte ich mich nach einem (Halb)Marathon nicht auf Schach konzentrieren. Ich war stattdessen doppelt Konsument, Zuschauer zuerst beim Marathon-Finish und dann im Cafe Batavia direkt gegenüber vom Amsterdamer Hauptbahnhof.

 

Beim Marathon-Zieleinlauf habe ich die Läufer (Menschen, nicht Schachfiguren) mitbekommen, die für 42,2km weniger als drei Stunden brauchen – gehobenes Niveau, teilweise danach sichtbar erschöpft, oft auch sichtbar glücklich. Auf dem Weg zum nächsten Termin sah ich aus der (teilweise überirdisch verlaufenden) Metro Läufer, die nach 3 1/2 Stunden km 30 erreicht hatten – die sahen nicht alle glücklich aus und sind wohl auch nicht alle im Ziel angekommen. Schach war dann wieder auf hohem Niveau, die niederländische Eisenbahn hinterher wiederum nicht – aber trotz einer Stunde Verspätung unterwegs bekam ich noch die letzte Fähre nach Texel. Kontrastprogramm auch: beim Marathon-Finish herrschte Stadionatmosphäre, laute Musik und wiederholt Beifall aus dem Publikum. Im Hinterzimmer des Cafe Batavia war es dagegen ziemlich ruhig, Beifall erst zum Ende, wobei man mitunter gedämpfte Kneipengeräusche aus dem Vorraum hörte – Musik und auch die sehr laute Espressomaschine(?).

 

Zum Cafe Batavia hatte ich schon einmal einen Artikel geschrieben – der Eigentümer ist Schachfan und einer der Sponsoren der Amsterdam Chess Academy. Weiterhin geht es natürlich um Schach, wobei ich später noch einmal auf den Laufsport querverweisen werde. Noch etwas: dem einen oder anderen Leser ist vielleicht aufgefallen, dass ich über die FIDE Grand Prix Serie für den Schachbund berichte. Diese Veranstaltung hatte allerdings nur indirekt nicht mit den GP-Turnieren zu tun: Ursprünglich sollte Baadur Jobava über sein Match gegen Timman berichten, aber angesichts neuer Entwicklungen in der GP-Serie sass er zu diesem Zeitpunkt bereits im Flugzeug Richtung Taschkent. Vor Ort in Hoogeveen hat Robert Ris dann Romanischin eingeladen, und auch er war das Eintrittsgel von 15 Euro absolut wert. Angekündigt wurde er so: “Der ehemalige Weltklassespieler aus der Ukraine hat vor allem in Eröffnungen viele neue Ideen entwickelt. Er wird ausführlich eingehen auf Höhepunkte seiner imposanten Karriere, in der er u.a. mit Karpov, Kortschnoi und Ivanchuk gearbeitet hat.”

 

Der Leser erwartet hoffentlich kein komplettes Transkript von vier Stunden Masterclass? Ich bringe nur einige Eindrücke und auflockernde Anekdoten. Er begann seinen Vortrag mit “Wenn Ihr nichts dagegen habt [Englisch ‘if you don’t mind’, aber die ganze Atmosphäre war eher Du/Ihr und nicht Sie], erzähle ich was zur spanischen Eröffnung. Geschlossene Eröffnungen sind anspruchsvoller als offene Positionen: man muss geschlossene Stellung beherrschen UND die Stellung zum richtigen Zeitpunkt öffnen.” Romanischin brachte Beispiele aus seiner eigenen Praxis – mit beiden Farben, mal erfolgreich, mal weniger erfolgreich. Nach anfangs einigen Nebenvarianten ging es vor allem um diese Stellung:

Spanisch

Das erste Mal hatte Romanischin hier Schwarz, was tun? Er spielte 12.-Ld7?!, stand nach 13.Sxe5! dxe5 14.d6 schlecht (Weiss hat das Läuferpaar!) und verlor diese Partie [Vasiukov-Romanischin, UDSSR-Meisterschaft 1974]. Erst später etablierte sich 12.-Lc8 als Hauptvariante. Nach der Partie schaute er im dicken Eröffnungsbuch nach (damals gab es nur Bücher und keine Datenbanken) und sah, dass 12.h3 als ungenau gilt wegen 12.-Lxf3 13.Dxf3 cxd5 14.exd5 Sc4 nebst -Sb6 mit Bauerngewinn auf d5. Daher spielte er bei nächster Gelegenheit mit Weiss 12.h3 – eigene Nachforschungen ergaben, dass man diesen Bauern durchaus opfern kann [Romanischin-Geller, UDSSR-Meisterschaft 1975]. Zwei weitere Beispiele waren Romanischin-Karpov, ein Jahr danach wieder bei der sowjetischen Meisterschaft, und Romanischin-Nikolic, 15 Jahre danach bei einem Turnier in Jugoslawien (auch dieses Land gibt es in dieser Form nicht mehr). [Ich hatte mir die Namen seiner Gegner weder gemerkt noch notiert, aber heutzutage gibt es ja Datenbanken]

 

Das muss reichen, was konkrete schachliche Inhalte betrifft, nun noch eine Reihe Anekdoten. Einmal bot der damalige Weltmeister Tigran Petrosian Romanischin Remis an, während er (Petrosian) am Zug war. Was tun? “Man kann doch dem Weltmeister nicht sagen ‘Mach erst Deinen Zug!’ .” Romanischin sagte “Ich will darüber nachdenken”, Petrosian war einverstanden. Und nun? Wie lange nachdenken – 10, 20 oder 30 Minuten auf Kosten von Petrosians Bedenkzeit? Als Romanischin einverstanden war, reagierte Petrosian nicht – er war schwerhörig und hatte zwischenzeitlich sein Hörgerät ausgeschaltet. Und nun? Uhr anhalten, Partieformular unterschreiben und dem Gegner herüber reichen?

 

Wie eingangs erwähnt, gab es damals noch Hängepartien. Romanischin zeigte, wie er eine scheinbar hoffnungslose Stellung mit einer Figur weniger doch quasi studienartig remis halten konnte. Am Anfang dieses Kapitels wurde er kurz von Robert Ris unterbrochen: “wenn Du willst, kannst Du demnächst Schluss machen” – geplant war 14:00-17:00, dazwischen einmal 10-15 Minuten Pause, zu dem Zeitpunkt war es ca. 17:10. Romanischin: “If you don’t mind mache ich weiter und ziehe das geplante Programm durch, ich will nicht mittendrin aufhören nur weil die Zeit vorbei ist.” Schon zuvor hatte er gesagt “Ich habe Zeit, mein Flug geht erst morgen um 7:00.” Mein Nachbar hatte ein Problem: “eigentlich” hatte er eine andere Verabredung, aber wollte schachlich nichts verpassen. Hinterher fragte ich Robert Ris, wer eigentlich alles im Publikum sass. Mein Eindruck war: vor allem starke Spieler mit Elo 2000+ – zwischendurch wurden Varianten interaktiv diskutiert, da kann man das Niveau des Publikums etwa einschätzen. Robert: “die meisten hatten Elo 2000 oder etwas mehr, aber wenn ich mich nicht irre hatten ein paar auch Elo ca. 1600. Jedenfalls denke ich, dass Romanischins Vortrag sehr geeignet war für ein breites Publikum.” Sehe ich auch so, aber insgesamt vier Stunden (ja, es ging bis ca. 18:00) konzentriert zuhören ist trotzdem anstrengend. Nun die Anekdote: auch ein anderes Mal hatte Romanischin eine hoffnungslos verlorene Hängepartie. Er wollte zunächst ohne Wiederaufnahme aufgeben, allerdings hatte er noch eine zweite Hängepartie und musste daher ohnehin im Turniersaal erscheinen. Also: “Damals rauchte ich noch, und man durfte am Brett rauchen. Ich beschloss: ich rauche eine Zigarette und dann gebe ich auf.” Zwischenzeitlich bekam er unerwartet Gegenspiel, und 20-30 Züge später endete die Partie remis. Aus dem Publikum fragte Yochanan Afek, ebenfalls Ex-Raucher, “und wieviele Zigaretten später?”. Romanischin: “Am Brett rauchte ich nur selten – nur wenn ich sehr schlecht oder sehr gut stehe!”.

 

Afek hatte noch eine Frage: “Wann schreibst Du ein Buch über das alles?”. Dafür hat Romanischin nach eigener Aussage keine Zeit, da er nach wie vor aktiver Turnierspieler ist – auch wenn er mit jüngeren Spielern nicht ganz mithalten kann: “ich bin alt, mein Computer ist alt, meine Datenbank ist alt, ….”. Tukmakov, ebenfalls seine Generation bzw. noch ein paar Jahre älter, hat gerade ein Buch geschrieben – aber der ist inaktiv und ‘nur noch’ Schachtrainer, z.B. von Anish Giri (Damit bin ich doch wieder indirekt beim FIDE Grand Prix, ein anderer Jungspund – Maxime Vachier-Lagrave – bekam Tips von Altmeister Alexander Beliavsky). Romanischin: “Turniere spielen, Turnierkalender im Auge behalten, emails an Organisatoren, Flüge buchen, alles kostet Zeit!”.

 

Wie gesagt, die Masterclass war auf Englisch, mit nur einem Satz auf Deutsch: “Springer am Rand bringt Kummer und Schand!”. In einigen spanischen Varianten landet ein schwarzer Springer auf a5 – das ist nur dann ein Problem, wenn er zu lange da bleibt. Erst hinterher haben mir zunächst Wikipedia und dann Kollege Raymund Stolze verraten, dass Romanischin die deutsche Sprache beherrscht – er ist ausgebildeter Germanist. Aber den anderen Anwesenden gegenüber wäre es ohnehin unhöflich gewesen, ihn auf Deutsch anzusprechen (und ich bin zwar kein Anglist aber kann trotzdem Englisch).

 

Hinterher hatte ich noch ein paar Fragen an (den vorgewarnten) Robert Ris zur Amsterdam Chess Academy und hätte auch gerne noch ein Bierchen getrunken, allerdings musste ich sofort zum Bahnhof. Die Fragen bekam er dann per email, aber zunächst übersetze ich Passagen der Homepage: Die Idee entstand im Frühjahr 2014 und stammt von Robert Ris selbst, Zielgruppe sind zunächst “talentierte und motivierte” Jugendliche im Alter von ungefähr 8-16 Jahren. Diese bekommen interaktives Training angeboten, ausführlicher (2,5 Stunden mit einer Pause) und anspruchsvoller als im Verein oder an Schulen möglich. Dazu hatte ich noch zwei Fragen: 1) Wie werden die Teilnehmer ausgewählt? Ris: Im ersten Jahr in enger Absprache mit dem Amsterdamer und Niederländischen Schachbund. Später wollen wir die Teilnehmer selbst auswählen, aber wir müssen erst bekannt werden. Zu 2) nahm ich einen kleinen Anlauf über den Laufsport: Die Amsterdamer Laufszene hat schon einige Jahre ein ähnliches Projekt, die nennen sich nach ihrem Trainer Bram Wassenaar “de Bramsterdammers” – so kam ich auf die Idee “Robert Ris-ing Stars”. Frage 2a) “Wie zentral ist Deine Rolle in diesem Projekt?” hatte sich quasi erübrigt – es war ja 100% seine Idee, und er hat einschlägige Kontakte in der Schachwelt. Den anderen Sponsor de Melker en Partners hat er noch lobend erwähnt – das ist eine Consulting-Firma (Adviesbureau) für den kulturellen und andere gemeinnützige Sektoren. Frage 2b): “Wann ist das Projekt erfolgreich, z.B. wenn einige (sicher nicht alle) Teilnehmer IMs werden? Wieviel Zeit gibst Du Dir und den Teilnehmern der Akademie?” Das nannte ich selbst eine womöglich schwierige oder dumme Frage … . Die Antwort: “Schwer zu sagen. Die meisten Kinder sind sehr jung (8-12 Jahre), dann ist es nicht ehrlich um es daran zu messen. Sinn der Sache ist vor allem, dass sie besser Schach spielen lernen und Spass dabei haben. Vielleicht kommen dann Erfolge, z.B. bei niederländischen Jugendmeisterschaften.”

 

So, der ganze Artikel war nicht unbedingt sauber strukturiert sondern ein bisschen durcheinander. Ich finde auch keinen richtigen Abschluss, also mache ich hier Schluss! Übrigens hat Baadur Jobava zugesagt, bei nächster Gelegenheit (wenn er mal wieder in den Niederlanden ist) seine Masterclass nachzuholen – vielleicht ja schon im Januar 2015? Übermorgen gibt es eine Pressemitteilung zu Wijk aan Zee 2015 – bisher hat sich da nur der bereits erwähnte Maxime Vachier-Lagrave in einem französischen Interview als Teilnehmer geoutet.

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