Gelfand! [3]


Der etwas andere Bericht vom zweiten Turnier der dritten FIDE-Grand-Prix-Serie in Taschkent von RAYMUND STOLZE

 

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Gelfand-Andrejkin

An Ruhetagen besteht die Möglichkeit, die Sehenswürdigkeiten der Gastgeberstadt bei einem touristischen Ausflug zu erkunden. Ich glaube aber nicht, dass den beiden Spitzenreitern in der Gesamtwertung der dritten FIDE-Grand-Prix-Serie am vergangenen Sonnabend [25. Oktober] der Sinn danach gewesen ist. Mit jeweils 1,5/4 hatten Caruana & Gelfand fast einen Fehlstart hingelegt, denn nur drei Remisen sind für sie nun wirklich zu wenig. Die Favoritenrolle übernahm dagegen Maxime Vachier-Lagrave. Seine 3 aus 4 – das ist schon einmal eine erstklassige Hausnummer, zumal der Franzose an seinem 24. Geburtstag den Weltranglistenzweiten aus Italien bezwang. Fragt sich, welches Tempo er nach dem Ruhetag einschlägt, und das gilt selbstverständlich auch für die Herren C & G…

 

Freitag, 31. Oktober, Runde 9

 

Es ist Helloween, aber das feiern eher Kinder, und ob in Usbekistan der Brauch gepflegt wird – ich weiß es nicht. Den zwölf „Schach-Gladiatoren“ in Taschkent wird ist eher Schnuppe sein, denn die Zielgerade ist erreicht – noch drei Runden. Dass da noch viel möglich ist, hatte Grischuk in Baku mit 3/3 gezeigt: Caruana, Kasimdshanow und Dominguez mussten dran glauben. Ob wir diesmal auch so einen „Durchreißer“ haben? Ist es vielleicht Dimitir Andrejkin, der im Spitzenduell Außenseiter Jabova schlägt und die alleinige Führung übernimmt? Oder holt sich diese Krone Schachrijar Mamedjarow, der Dimitri Jakowenko bezwingt? Caruna, Nakamura, und

Vachier-Lagrave sind es nicht, denn die spielen remis gegen Radjabow, Karjakin und Giri. Bleiben die beiden „Kellerkinder“ Kasimdshanow und Gelfand, die ausgerecht miteinander fighten. Und das stimmt wirklich, denn nach der Zeitkontrolle haben wir ein Endspiel mit jeweils Dame + Springer, allerdings ist bei den Bauern Boris mit 4:3 leicht in Führung. Also, steigen wir einfach ein nach dem 46. Zug von Schwarz [46…De8] ein…

 

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Kann Schwarz bei einer solchen materiellen Konstellation in der konkreten Stellung noch gewinnen?

 

Es folgte: 47.Kh2 Sh5 [Mein treuer Depp Fritz will unbedingt einen Damenzug sehen, diesen Springerausfall hat er überhaupt nicht auf seinem Bildschirm…] 48.Db4 Dg6 49.De7+ Dg7 50.Dh4 [Die weiße Dame hat mal eben einen Kreis gezogen von h4 nach b4 über e7 wieder zurück in die Ausgangsposition] 50.Dxe6 Dxg2+ 51.Kxg2 Sf4+ 52.Kg3 Sxe6 sieht ganz nett aus aber gewinnen ist nicht für Schwarz] 50…Df7 51.Sd4 Dg6 52.De7+ Sg7 53.g3 Dg5 54.Dxg5 hxg5 55.g4 fxg4 [1/2].

 

Damit sind die beiden auch nicht mehr zu einem „Kraftakt“ und dümpeln weiter am Tabellenende. Bei Grand-Prix-Turnier 2012 kam Gelfand zumindest auf 4,5/11. Um dieses Ergebnis zu erreichen müssen zwei Siege her, aber gegen Andrejkin mit Weiß und Radjabow mit Schwarz, der alle Partien bislang remis gestaltet hat, erscheint das unmöglich – obwohl nichts unmöglich sein soll, wie einst ein Werbespot einer bekannten Automarke versprach…

 

Sonnabend, 1. November, Runde 10

 

Wie geht ein Weltklassespieler damit um, wenn er bei einem Turnier tatsächlich einbricht, und wird es vor allem im psychischen Bereich „Folgeschäden“ geben? Betreibt er professionelle Ursachenforschung, um das ramponierte Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, und wenn ja, welche Mechanismen sind wirksam? Einfach „Augen zu und durch“, einen solchen unerwarteten Leistungseinbruch abhaken, ist sicherlich nicht die Lösung. Mich würde deshalb schon interessieren, wie Spitzenspieler mit einer solchen Situation fertig werden, welche Lehren sie ziehen!

 

Niederlagen sind eigentlich wichtige Erfahrungen, habe ich stets versucht, meine jugendlichen Schützlingen klar zu machen, nur der Dumme macht stets die gleichen Fehler, der Kluge aber immer neue…

 

In jedem Fall sind bekanntlich angeschlagene Boxer gefährlich, und so wird Spitzenreiter Andrejkin [6/9] vor dem Aufeinandertreffen mit Gelfand gewarnt sein. Bei Dimitri ist es umgekehrt gelaufen. Bei der ersten Station wurde der 24-jährige abgeschlagen nur Elfter. Damit hat er bereits alle Chancen für einen der beiden Qualiplätze für das nächste Kandidatenturnier eingebüßt. Aber in Taschkent überrascht der Russe trotzdem. Was hat er nur anders gemacht als im vorhergehenden Wettbewerb?

 

Nach der ersten Zeitkontrolle – für die Grand-Prix-Serie 2014-15 gilt 120 Minuten für die ersten 40 Züge, 60 Minuten für die nächsten 20 Züge und erst ab dem 61. Zug gibt es zu den restlichen 15 Minuten einen Bonus von 30 Sekunden pro Zug – haben wir ein Turmendspiel mit jeweils drei Bauern auf dem Brett, wo kaum noch etwas in Richtung Sieg geht – weder für Boris, den letzten Schach-„Klassiker“, noch für Dimitri…

 

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Und so ist es, denn beide spulen die restlichen Züge sauber herunter – es ist eben auch eine Frage der Technik, solche Endspiele nicht doch noch zu verpatzen: 41.Kb5 Td6 42.Kc5 Tg6 43.a4 h5 44.d5 h4 45.Kb5 Td6 46.Td2 g5 47.Kxa5 g4 48.Kb5 h3 49.gxh3 gxh3 50.a5 Th6 51.Th2 Kd6 52.a6 Kc7 53.Kc5 Txa6 54.Txh3 Tg6 [1/2]

Ich kann mich gerade an ein Beispiel aus der Regionalliga Ost in Brandenburg erinnern, als mein 80-jähriger Teamkollege beim KSC Strausberg Alois Leichter mit Schwarz ein klares Remis in der nachfolgenden Stellung eigentlich sicher hatte…

 

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Er spielte jedoch 54…Kf8?? – alle Turmzüge auf der a-Linie außer nach a7 halten das Unentschieden fest – und nach 55.Kf6 war stattdessen die Niederlage perfekt. Turmendspiele sind eben doch nicht immer remis – aber meistens.

 

Alle anderen Helden scheinen auch eher müde zu sein – oder friedlich gestimmt. Jedenfalls enden sämtlich sechs Begegnungen an diesem ersten Sonnabend im November unentschieden. Ein Kraftakt mit 3/3, der Grischuk wie schon erwähnt in Baku gelang, ist damit weggeblasen. Damit läuft alles für Andrejkin, der mit 6,5/10 einsam auf Platz 1 liegt. Gegen Giri hat er in der finalen Runde Weiß, also was sollte ihm da noch passieren, um die zweite Etappe mit mindestens 7/11 abzuschließen. Zu ihm aufschließen können lediglich noch Mamedjarow und Nakamura, aber die müssten beide mit Schwarz Jobava und Vachier-Lagrave schlagen. Wird für die beiden kaum zu machen sein, es sei denn, der Spielbeginn um 11 Uhr statt wie in den anderen Runden um 14 Uhr kommt für ihre Gegner zu früh. Schachspieler sollen nämlich allgemein richtige Langschläfer sein…

 

Sonntag, 2. November, Runde 11

 

Es kommt, wie vorauszusehen. Dimitri Andrejkin lässt gegen Anish Giri, den mit 20 Jahren jüngsten der 16 Grand-Prix-„Auserwählten“, nichts anbrennen. Remis nach 31 Zügen. Mit 7/11 und +3 sollte das für Platz 1 reichen, Zumindest die Siegprämie von 20.000 € ist ihm sicher. Die Grand-Prix-Points werden bei Gleichstand allerdings geteilt. Es gibt 170, 140, 110, 90, 80, 70, 60, 50, 30, 20 und 10 Zähler von Platz 1 bis 12. Da im neuen Modus Streichresultate wegen des von sechs auf vier Turniere verkürzten dritten Auflage des Wettbewerbs entfallen, darf man sich keine Pleite leisten, um nach jeweils drei Etappen, bei der Erscheinen Pflicht ist, zu den beiden Besten im Endklassement zu gehören . Nur die sind für das Kandidatenturnier qualifiziert. Der Russe hat in Baku zum Auftakt nur Platz 11 = 20 Punkte belegt. Da ist es für ihn der immerhin in diesem Jahr beim Kandidatenturnier in Chanty Mansijsk dabei gewesen ist, in Taschkent eher ein persönlicher Prestigeerfolg. Obwohl sicherlich ein wichtiger.

 

Auch bei den Verfolgern Mamedjarow und Nakamura gibt es nach Andrejkins Partieschluss kein kämpferisches Aufbegehren mehr. Mit Schwarz trennen sie sich von Jobava und Vachier-Lagrave friedlich, was Schachrijar Platz 2 bringt [bei drei Siegen] vor Nakamura [zwei Siege] – im direkten Duell gab es ein Remis. In der Grand-Prix-Gesamtwertung kommen für sie je 125 Punkte dazu, was Hikaru eher nutzt, der nun bei 219 steht, während der Aseri mit 160 deutlich hinter dem Amerikaner liegt.

 

Und Boris Gelfand, mein Hauptdarsteller des zweiten Grand-Prix-Turniers, der in Caruanas Geburtsjahr 1992 in Moskau das Aljechin Memorial gewann? [siehe SCHACH Heft 1/1993, Seiten 5ff.] Taschkent wird er wohl ganz schnell aus seinem Gedächtnis streichen. Nach Platz 2 in Baku gab es für den Turniersenior mit immerhin 46 Jahren einen unerklärlichen Einbruch und es ist nahezu auszuschließen, dass er im neuen WM-Zyklus sowohl über die Weltrangliste [die ersten beiden!] als eben die Grand-Prix-Serie 2014-15 in den Kampf um die Schachkrone eingreifen wird. Als letzte Chance bleibt dem sympathischen „letzten Schach-Dinosaurier“ 2015 der Weltcup in Baku [10. September bis 4. Oktober] Ob Boris allerdings der K.o.-Modus liegt, wage ich stark zu bezweifeln…

 

Gegen Teimour Radjabow – der ist mit elf Unentschieden damit der Remisenkönig – kann kann Boris in der Schlussrunde mit Schwarz ebenfalls nicht gewinnen.

 

Sprichwörtlich die Kurve hat dagegen Fabiano Caruna gekriegt. Gegen Jakowenko muss er eigentlich nur auf Fehler warten – und die macht der Russe dann auch beginnend mit 27.Dg5 in schöner Regelmäßgkeit. So gibt es für den Weltranglistenzweiten noch den zweiten Sieg, ebenso wie für Sergej Karjakin, der gegen Kasimdshanow keine Problem hat. Mit 6,0/9 ist für die beiden der Abschluss versöhnlich. Immerhin gibt es dafür 75 Punkte, und das könnte vor allem dem Italiener, der nun mit 230 in der Gesamtwertung notiert wird und damit allein auf Platz 1 liegt, ganz wichtig für seinem Angriff auf die Schachkrone sein.

 

Endstand in Taschkent: 1. Andreikin 7,0, 2.-3. Mamedjarow, Nakamura beide 6,5, 4.-7. Caruana, Karjkakin, Vachier-Lagrave, Jobava alle 6,0, 8. Radjabow 5,5, 9.-10. Jakowenko, Giri je 4,5, 11-12. Gelfand, Kasimdshanow beide 3,5.

 

Bleibt abschließend anzumerken, dass es noch einmal einen neuen Austragungsort gibt. Für Moskau – wie könnte es anders sein – wird nun im Mai 2015 Chanty Mansijsk das vierte und letzte Turnier übernehmen. Da werden wir dann auch das Siegerduo von Baku Caruana & Gelfand wiedersehen!

 

Alle Partien mit Analysen, die Tabelle und Absetzung sowie dazu Video- und Fotogalerie bietet Ihnen die Webseite des Veranstalters http://tashkent2014.fide.com/ !  Was schließlich die dritte FIDE-Grand-Prix-Serie angeht, so empfehle ich Ihnen den Link http://de.wikipedia.org/wiki/FIDE_Grand_Prix_2014%E2%80%932015 .

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