So sehe ich das [8]

Der Schachspieler als Randfigur im wahren Leben von JULIA KIRST

 

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JULIA KIRST

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Richard Rapport (Hockenheim) – Alexander Donchenko (Dortmund)

Wenn der Trainer den Anfängern Schach beibringt, fällt in einer der ersten Trainingsstunden folgender Satz: „Springer am Rande bringt Kummer und Schande.“ Heißt: Man soll den Springer möglichst nicht am Rand platzieren.

 

Der Schachspieler an sich ist eine Randfigur. Irgendwie ein Außenseiter in einer Gesellschaft, in der die pure Selbstinszenierung (Facebook, Twitter und Instagram lassen grüßen) an der Tagesordnung ist. Der Schachspieler hingegen ist von Natur aus eher introvertiert und beschäftigt sich nicht ausschließlich mit solchen Lapalien wie z. B. Selfies. Dafür ist er einfach zu intelligent. Getreu der Springerregel aus den ersten Trainingsstunden sollte man sich nicht am Rand platzieren, sprich: Kein Außenseiter sein. Das ist für den Schachspieler verdammt schwierig, denn sein Naturell kann man nun einmal nicht verändern.

 

Vielleicht ist das auch der Grund, warum das BMI Schach nicht als Sport ansieht. Grinsende, Selfies machende Fußballer verkaufen sich halt besser als grübelnde Schachspieler. Heutzutage sollen sowieso alle high und gut gelaunt sein. Also bleibt dem Schachspieler nur die Rolle des merkwürdigen Antagonisten. So wie dem Springer am Rande.

 

Während ich mir am Samstagnachmittag diese Gedanken mache, fällt mein Blick auf die neue Ausgabe der SCHACH (Heft 11/2014). Andere brauchen Cannabis und Marihuana, der Schachspieler nimmt sich halt die Schachzeitung. Auf Seite 52 bleibe ich gebannt stehen: Richard Rapport, ja genau, der junge Ungar mit den schrägen und außenseitermäßigen Varianten ist gegen den deutschen Prinzen Alexander Donchenko in der Bundesliga (nicht Fußball, sondern Schach) in Aktion.

 

Richard Rapport (Hockenheim) – Alexander Donchenko (Dortmund)

Bundesliga 2014/2015, Runde 1, Dortmund – Hockenheim
Sizilianische Verteidigung [B20]

e4 c5 2. Sa3

 

1

Da haben wir ihn, den ominösen Randspringer. Die mit diesem Zug eingeleitete Variante hat der Russe Wagin Swjaginzew erfolgreich im Spitzenschach eingeführt. ER gewann damit u.a. Partien in den Jahren 2005 und 2006 gegen die FIDE-Exweltmeister Alexander Chalifman [2005] und Ruslan Ponomarjow.

 

2… g6 3. h4 Jetzt gesellt sich auch der Randbauer dazu, eine richtige Außenseiter-Eröffnung.

 

2

 

3… Lg7 4. h5 Die Außenseiter laufen immer weiter. 4… Sc6 5. Lb5 d6 6. d3 Tb8 7. Sc4 Der Außenseiter nähert sich der Mitte … 7… e6 8. Df3 e5 9. Se2 Le6 10. Ld2 a6 11. Lxc6 bxc6 12. b3 d5 13. Sa5 … und geht doch wieder an den Rande, dort wo er sich am wohlsten fühlt als … Außenseiter. 13… Tb6 14. c4 Sf6 15. h6 Es geht immer mehr voran für die Außenseiter. 15… Lf8 16. Sc3 Lg4 17. Dg3 dxe4 18. Dxe5+ Le7 19. Sxe4 0-0 20. Lg5 (Die Außenseiter auf a5 und h6 dominieren das Brett, das schwarze Ende naht.) 20… Dxd3 21. f3 Lxf3 22. gxf3 Dxf3 23. Lxf6 Dxh1 24. Kf2 [1:0]

 

Die Außenseiter haben triumphiert. Auch im wahren Leben?

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