Auch die Damen dürfen träumen …

Elisabeth Pähtz, Zoya Schleining und Filiz Osmanodja vertreten Deutschland bei den 16. Frauen-EM in Chakvi/Georgien – Ein Vorbericht von RAYMUND STOLZE

 

Elisabeth Pähtz

Was die kontinentalen Einzelmeisterschaften angeht, so gehen Männer bzw. die Offene Klasse und Frauen zumeist, billionphotos-1867157was den Austragungsort angeht, getrennte Wege. Nur bei fünf von inzwischen 16 Titelkämpfen – 2003 Silivri, 2006 Kusadasi, 2007 Dresden, 2008 Plowdiw und 2010 Rijeka – war das nicht so. Die Damen kehren übrigens in diesem Jahr nach Georgien zurück, wo sie im Jahr 2000 ihre EM-Premiere hatten. Und die wurde von Natalja Schukowa gewonnen. Die erste Europameisterin wurde übrigens in Dresden am 5. Juni 1979 geboren, denn die Hauptstadt des heutigen Freistaates Sachsen war seinerzeit der Standort ihres Vaters, der bei der Sowjetarmee diente.

 

Die inzwischen fast 36-Jährige, die auf dem Papier wohl noch immer mit Alexander Grischuk verheiratet ist, dem das „Biest“ Jekaterina Lagno den Kopf verdrehte, hat in ihrer sportlichen Karriere fast alle Titel geholt, die es zu gewinnen gab: Zweimal Jugend-Europameisterin [1993/U14, 1994/U16] im gleichen Jahr Jugend-Weltmeisterin U16, 1999 EU-Meisterin, bei der ersten Frauen-EM, die noch im K.o-Modus ausgetragen wurde, bezwang sie im Finale Jekaterina Kowalewskaja 2,5:1,5. Seit 1996 nahm sie mit der ukrainischen Nationalmannschaft an zehn Schacholympiaden teil und holte 2006 Gold in Turin, dazu kommt der WM-Titel bei der Team-Weltmeisterschaft 2013. Schließlich spielte sie alle acht bisherigen Frauen-Mannschafts-Europameisterschaften, wo es ebenfalls 2013 Gold gab. Was für eine außergewöhnliche Frau, die lediglich niemals Weltmeisterin wurde, aber als Teamplayerin wahrlich unverzichtbar ist.

 

TurnierseiteResultateZeitplanLIVE Beginn der Partien um 13 Uhr

 

Nun also will Natalja es in Chakvi [man kann auch Tschkawi sagen/schreiben] am Schwarzen Meer wissen. Das liegt nur 13 Kilometer entfernt von der Hafenstadt Batumi, wo sie vor 15 Jahren ihren bislang größten Einzeltriumph feierte. Ob da noch einmal etwas geht?

 

Wie schon in den letzten Jahren, ist die Teilnehmerzahl beim jetzt 16. Eurpean Womens’s Indivudual Chess Championchip 2015 [18. bis 31. Mai] weiter rückläufig. Waren es im Vorjahr im bulgarischen Plowdiw noch fast 120 Teilnehmerinnen aus 26 Ländern, so werden in Georgien, das nach Batumi 2000 und Tiflis 2011 zum dritten Mal Gastgeberland ist, 98 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern am Start sein. Aber bekanntlich ist Masse nicht immer Klasse. Die Spitze im Frauenschach ist jedenfalls durchaus gut vertreten. Mit Nana Dsagnidse   [Georgien/ 2570/Weltranglistenplatz 4], Anna Musitschuk [Ukraine 2549/5], Bela Chotenashwili [Georgien/2527/12] und der Europameisterin von 2002 und Weltmeisterin von 2004-2006 Antoaneta Stefenowa [Bulgarien/2512/14] sind immerhin vier der insgesamt 16 Frauen dabei, die aktuell eine höhere Elo-Zahl als 2500 haben.

 

Von den bisher elf Europameisterinnen – Pia Cramling [Schweden/2003 und 2010], Kateryna Lagno [Ukraine jetzt Russland/2004 und 2008], Tatjana Kosinzewa [Russland/2007 und 2009], Walentina Gunina [Russland/2012 und 2014] gewannen jeweils zweimal – Natalja Schukowa [2000], Almira Skripchenko [Ukraine/2001], Antoaneta Stefanowa [Bulgarien/2002], Alexandra Kostenjuk [Russland/2004], Jekaterina Atalik [Türkei/2006], Viktorija Cmilyte [Litauen/2011] und Hoang Thanh Trang [Ungarn 2013], sind mit Schukowa, Stefanowa, Atalik und Hoang Than Trang  immerhin vier mit dabei.

 

Fakt ist auch, dass die Gastgeberinnen es Zuhause „krachen“ lassen wollen. Immerhin ist das komplette Weltmeister-Team 2015 dabei, mit Bela Chotenashwili [Setzplatz 3], Nino Batsjashwili [8], Lela Javachishwili [11] Salome Melia [17] und Meri Arabidse [25], die bei der K.o.-WM in Sotschi in Runde 1 Deutschlands Nummer 1 Elisabeth Pähtz im Tie-Break ausgeschaltet hat.

 

Dass die Georgierinnen hoch motiviert sind, steht jedenfalls außer Frage. Das wird auch auf die „üblichen Verdächtigen“ wie die Russin Alisa Galljamowa [6], die Polin Monika Socko [12] oder Exweltmeisterin Anna Uschenina [13] aus der Ukraine zutreffen. Nicht zu vergessen meine „Geheimfavoritin” Alexandra Gorjatschkina [28. September 1998]. Die gerade einmal 16-Jährige ist das derzeit größte russische Talent im Frauenbereich. Bei der Damen-Team-WM in China hatte sie wesentlichen Anteil an der Silbermedaille ihrer Mannschaft hinter Georgien. Im Live-Rating ist die zweifache Junioren-Weltmeisterin inzwischen bei aktuell 2488,9 angekommen, was Platz 19 der FIDE-Weltrangliste bedeutet [ http://www.270chess.com/women?per-page=50 ]. Alexandra dürfte jedenfalls hoch motiviert sein, zumal sie nichts zu verlieren hat.

 

Denn natürlich ist der Anreiz durchaus groß, denn es geht in Chakvi nicht nur um Titel und Medaillen – Start der 1. Runde ist am 19. Mai um 15 Uhr Ortszeit, was bei uns wohl 12 Uhr wäre. Nach elf Runden im Schweizer System – den einzigen Ruhetag gibt es nach dem siebten Durchgang am 26. Mai – sind die 14 besten Spielerinnen für die nächste Frauen-WM im K.o.-Modus qualifiziert. Dass der Preisfonds erneut 60.000 € beträgt, die für die Plätze 1 bis 20 ausgeschüttet werden – die neue Europameisterin erhält dabei allein 11.000 € – sei der Vollständigkeit halber auch noch erwähnt. Aber bei den Frauen geht es doch eher noch um die Ehre …

 

Dass wir am Ende eine der drei deutschen Teilnehmerinnen auf Platz 1 erleben können, scheint dennoch höchst unwahrscheinlich zu sein. Aber immerhin besitzt Elisabeth Pähtz [Elo 2473], die an neun gesetzt ist – die Fünfte Olga Girya aus Russland, mit der sie gemeinsam in Bad Königshofens Frauen-Bundesliga-Team spielt, hat gerade einmal sechs Elo-Punkte mehr – beste Chancen, sich eine „WM-Fahrkarte“ zu sichern. Die mittlerweile 30-Jährige Thüringerin wird von Zoya Schleining [Setzlistenplatz 34/Elo 2375] und der U18-Vizeweltmeisterin Filiz Osmanodja [37/2352] begleitet. Für Pähtz und Schleining stehen nach der EM-Mission noch die kontinentalen Meisterschaften im Blitz- und Rapid-Schach an. Per Shuttle geht es für dieses Duo dann auf direktem Weg in die zweitgrößte Stadt in Georgien, nach Kutaissi. Und da ist dann entweder „Wundenlecken“ oder eine willkommene „Zugabe“ angesagt …

 

Alle nötigen Infos finden Sie auf der Turnierwebsite unter dem Link http://www.e2e4.ge/   bzw. als Service beim Ergebnis-Server Chess-Results.com unter http://www.chess-results.com/tnr164130.aspx?lan=0 .

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