Von explosiven Königen, nutzlosen Mühlen und Gandhis geheimem Lasagnenversteck

Ein Bericht vom Blindsimultan am 18.April beim SV Berolina Mitte (Berlin) von MARC LANG

 

Marc Lang

Marc Lang

Es hat zwar fast zwei Monate gedauert, bis uns endlich Marc Langs Artikel von seinem ungewöhnlichen Blindsimultan in Berlin bei uns „eingetrudelt ist“, aber wir denken, dass dieses Projekt so außergewöhnlich und werbewirksam für das Königliche Spiel war, dass sein „Täterbericht“ trotzdem von Interesse ist. Und schließlich steht sein nächster Auftritt in Ingolstadt unmittelbar bevor.  Also: Einfach lesen!

 

Das Dumme für mich ist meist, dass die Veranstalter einfach nur geschickt fragen müssen. Ich liefere mich dann schon ganz von selbst ans Messer. Vielleicht hatten Christoph Brumme und Katja Sommaro diesen Gedanken auch schon im Hinterkopf, als Sie mich zum zweiten Mal nach 2014 zu einem Blindsimultan in das Spiellokal des SV Berolina Mitte ins Café „en passant“ einluden. Damals ließ ich mich zu einem Blindsimultan-Schnellschach (mit Uhren) hinreißen und u.a. parallel dazu noch blind einen Springer so über ein 24×24-Brett laufen, dass er kein Feld zweimal berührte. Und damals wie heuer stellten sie irgendwann die ganz unschuldige Frage: „So ein Blindsimultan ist ja ganz nett, aber kann man vielleicht noch ein bisschen was…dazu…machen?“

 

Ein bisschen was. Klar, kann man und mache ich auch gerne. Nur leider bisweilen viel zu gerne, denn häufig kann ich mich dabei in der Ideeneuphorie nicht bremsen und stecke dann verdientermaßen in der Klemme meiner eigenen Vorschläge – und sah mich demzufolge dieses Jahr 14 hochmotivierten Gegnern gegenüber, die mich in acht verschiedenen Disziplinen herausforderten: An 4 Brettern spielten wir normales Schach, 1x Chess960, 2x Räuberschach, 2x Atomschach, 1x Tandem (an 2 Brettern), 1x Mühle, 1x Backgammon und 1x SchachZwo. Das alles natürlich komplett blind und damit es mir zwischendurch nicht gar zu langweilig wurde, durfte ich währenddessen zudem noch eine 1000-stellige Zahl niederschreiben, die man mir am Vortag zum Lernen überreichte….

 

Das versprach alles in Allem ein unterhaltsames Event zu werden – die Frage war nur: für wen? Denn leider hatte es auch ein sehr hohes Blamierpotenzial und ich bin mir sicher, dass der von den Veranstaltern als Live-Kommentator gewonnene Raj Tischbierek für das Publikum einige sehr passende Wortspiele gefunden hätte, wenn dem Blinden irgendwann komplett die Übersicht verlustig gegangen wäre. Dabei machten mir die Schachvarianten eher weniger Sorgen und auch Tandem erwies sich in ein paar halbherzigen Tests im Vorfeld „wahrscheinlich“ als blind spielbar. Aber Mühle, Backgammon und insbesondere das ein wenig seltsame Spiel „SchachZwo“ waren grenzwertig, vor allem in der Kombination mit den anderen Partien.

 

Hoffnungsträger Atomschach

 

Meine Hoffnungen ruhten demzufolge vor allem auf Normalschach und – Atomschach. Dieses Variante des königlichen Spiels, bei dem jeder Schlagfall quasi eine „Atombombe“ zündet, bei der alle Figuren und auch Bauern (wir spielten die verschärfte Variante; Weicheier lassen die Bauern überleben) im Umkreis von einem Feld explodieren, verlangt vom Spieler eine gewisse Erfahrung, denn ansonsten droht man schon in der Eröffnung zu scheitern. Wenn es nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft des eigenen Königs einschlägt, ist die Partie beendet – und genau das passierte an einem Brett bereits nach 5 Zügen:

 

Stellung_1_Atomschach

 

Diese Stellung entstand nach 1.Sf3 f6 (um 2.Se5 zu verhindern) 2.d4 c5? und ist für Schwarz bereits forciert verloren! Darauf kam ich allerdings nicht selbst, sondern verdanke diesen Fund unserem Jugendspieler Josef Mayer, der mir ein paar Tage vor dem Event über WhatsApp von seinem Fund berichtete. Denn in der Diagrammstellung beendet 3.Se5! faktisch die Partie. Schwarz darf nicht schlagen, weil dann der weiße Bauer d4 vom Brett verschwindet und 4.Dxd7 mit Atomisierung des schwarzen Monarchen erfolgt. Bleibt also nur 3…d6 (oder 3…d5), wonach 4.Sd7! den Schlusspunkt setzt. Entweder sprengt sich Schwarz nun mit dem Schlagen des Springers selbst in die Luft oder lässt im nächsten Zug Sxf8 mit demselben Ergebnis zu.

 

Ein Auftakt nach Maß, zumal es schon absehbar war, dass mein Gegner, der liebenswerte Webmaster des DSB Frank Hoppe, auch in der zweiten Partie eine sein Lager bedrohende schwarze Kamikaze-Dame nicht mehr lange würde stoppen können.

 

Doch die Euphorie sollte nicht lange währen, denn direkt im Anschluss an den Führungstreffer schoss Berolina im Räuberschach faktisch den Ausgleich. Nach 1.e4 b5 2.Lxb5 tappte ich, mit den schwarzen Steinen spielend, nichtsahnend in eine vermutlich seit Erfindung dieser Disziplin bekannte Selbstentleibung und wählte 2…d6??. Mein Gegner antwortete prompt 3.Lxe8 Dxe8 4.Dg4! Lxg4 5.Kd1 und es wurde klar, dass Schwarz hier für den Rest der Partie an der Nase durch den Ring geführt werden würde.

 

Gandhis Lasagne sorgt für Ablenkung

 

Höchste Zeit also, sich ein wenig zu zerstreuen und wie kann man das besser als mit einer 1000 Ziffern langen Zahl J? Diese sollte ich immer mal wieder in eigens dafür bereitgelegte Listen eintragen, was sogar einen gewissen Unterhaltungswert besitzt – zumindest, wenn man die Geschichte dahinter vor Augen hat. Es ist nämlich keinesfalls so, dass ich mir einfach so eine derart lange Zahlenfolge merken könnte. Niemand kann das, da unser Gedächtnis einfach nicht für solche abstrakten Dinge gemacht ist. Insofern haben Gedächtniskünstler in der Regel keine bessere Hardware als alle anderen. Vielmehr sind sie einfach nur geübter darin, dröge Zahlen in etwas umzuwandeln, das unser Gehirn in nahezu endloser Menge speichern kann: Bilder.

 

Sie haben davon bestimmt schon einmal gelesen. Es gibt eine ganze Reihe von Merksystemen, mit deren Hilfe man Zahlen zunächst in Bilder umwandelt und diese dann wiederum zu einer Geschichte verkettet, die man wesentlich leichter behalten kann, als eine n-stellige Zahl.

 

Eine Variante ist z.B. das so genannte „Major System“, das den Zahlen von 0-9 Konsonanten zuordnet. 0 ist s oder z, 1 ist t oder d, 2 ist n, 9 ist b oder p usw. Um sich nun eine zweistellige Ziffer wie z.B. 20 zu merken, nimmt man ihre Merkkonsonanten T und S (für 2 und 0), füllt den Zwischenraum nach Belieben mit Vokalen auf und sucht ein passendes Bild dazu. „Nase“ wäre demnach ein mögliches Merkwort für diese Zahl und aus einer Folge wie z.B. 91 01 20 12 könnte man dann einen Satz bilden à la „Der Bettler (91) putzte mit dem Taschentuch aus Seide (01) seine Nase (20) und warf es danach verächtlich in die Tonne (12)“.

 

Das ist ein gutes System, für das man einmal alle Zahlen von 00-99 kodieren und die Bilder dann auswendig lernen muss. Wenn man das gut beherrscht, dann kommt man damit schon ziemlich weit. Es hat aber auch Schwächen: Bei obigem Satz wäre es z.B. sprachlich logischer zu sagen: „Der Bettler putze seine Nase mit dem Taschentuch aus Seide…“, also das Taschentuch vor die Seide zu stellen. Das ist jedoch nicht möglich, denn das würde auch die Reihenfolge der Zahlen verändern – dann würde die gemerkte Ziffer statt dessen 91 20 01 12 lauten. Ein anderes Problem sind zufällige Vervielfachungen: 20 20 20 zum Beispiel ist irgendwie blöd zu „fantasieren“, finde ich zumindest.

 

Ich verwende daher ein anderes System, das meines Erachtens wesentlich flexibler ist. Ich kodiere ebenfalls alle zweistelligen Zahlen von 00-99, allerdings zunächst einmal rein intuitiv, d.h. ich nehme eine Person, die mir zu der Zahl als erstes einfällt. So ist beispielsweise 07 der Schlüssel für – natürlich – James Bond. Dann ordne ich jedem Hauptbild 4 weitere Eigenschaften zu: Aktion, interagierender Gegenstand, Kleidungsstück und einen für die Person ganz typischen Gegenstand. Um beim Beispiel des berühmten Agenten zu bleiben wäre dies:

 

James Bond (Person) – sprüht Feuer mit (Aktion) – Spraydose (interagierender Gegenstand) – im blauen Bademantel (Kleidungsstück) – Cocktailglas (typischer Gegenstand)

 

Die Aktion ist aus einem Film; Bond entledigt sich auf diese Weise einer ungebetenen Klapperschlange und rasiert sich (im Bademantel) danach in aller Ruhe zu Ende. Der Vorteil dieser Codierung ist, dass man damit die Merksätze bzw. Bilder formulieren kann, wie man auch immer möchte, denn die Position der dazugehörigen Zahlen wird allein schon durch ihre Eigenschaft klar: Personen stehen am Anfang (Zahl 1+2), Aktionen als zweites (Zahl 3+4), der interagierende Gegenstand als drittes (Zahl 5+6) etc. Nehmen wir zur Veranschaulichung den ersten Satz der Geschichte, die ich für die 1000-stellige Zahl erfinden musste. Er lautete:

 

„Mahatma Ghandi kommt völlig verschwitzt zurück vom Joggen. Er legt seine rot-blaue Adidasjacke ab und putzt sich erst einmal (stilecht) die Zähne mit einer vegetarische Lasagne, die er, damit sie ihm niemand wegisst, in einem Elchkopf in der Garage versteckt hat“

 

Ein auf den ersten Blick abschreckend langer Satz, aber letztlich merkt man sich ja nur das Bild oder die Szene dazu, einen Screenshot quasi, daher ist der Speicherplatz geringer, als es auf den ersten Blick scheint. Dechiffriert man ihn, hat man:

 

1. Person=Ghandi=37
2. Aktion=Zähne putzen=96 (96 ist Barbara Schöneberger aus der Zahnbürstenwerbung)
3. interagierendes Objekt=Lasagne=74 (74 ist Garfield die Katze)
4. typischer Gegenstand=Elchkopf=87 und (87 ist Wickie der Wikinger)
5. Kleidungsstück=rot-blaue Adidasjacke=46 (46 ist ein Freund von mir, der eine solche Jacke vermutlich nicht einmal nachts auszieht)

 

Das ergibt dann zwangsläufig die zehnstellige Zahl 37 96 74 87 46, egal, in welcher Reihenfolge man die Bilder in den Satz eingebaut hätte. Es wäre auch möglich gewesen, den Satz komplett umzustellen, etwa in der Art von „Vor der Garage liegt ein Elchkopf, aus dem Mahatma Ghandi eine Lasagne machen will. Damit niemand merkt, dass er kein Vegetarier ist, wickelt er ihn in eine rot-blaue Adidasjacke und putzt sich nach dem Essen die Zähne“

 

Auch wenn Reihenfolge und Geschichte völlig anders sind, ist die Zahl dieselbe. Das ist zugegebenermaßen erst einmal ziemlich verwirrend und wenn man diesen Text das erste Mal liest, zweifelt man am Nutzen. Aber mit etwas Training und Fantasie kann man mit dieser Methode sehr lange Zahlenfolgen behalten, ohne großartig Speicherplatz zu verbrauchen.

 

Oma Hildegard hatte Unrecht

 

In der Zwischenzeit nahm die Mühle-Begegnung mit Thomas Müller einen interessanten wie unerwarteten Verlauf:

 

Stellung_2_Muehle

 

Weiß (Müller) ist am Zug und kann forciert zwei Mühlen erreichen, indem er eine schließt und den schwarzen Stein im inneren Quadrat entfernt. Gemäß der goldenen Regel meiner Oma Hildegard, mit der ich als Kind hin und wieder gespielt hatte, bedeuten zwei Mühlen den sicheren Sieg, daher war es nur logisch, dass Müller nicht lange überlegte. Aber wie sich später, nach einer Eingabe der Position in eine Mühle-Datenbank, zeigen sollte, war Weiß nun forciert verloren und das änderte sich auch bis zum Partieende nicht mehr! Das Problem ist, dass Schwarz zwar mit 7 gegen 9 Steinen und null Mühlen gegen deren zwei von Weiß spielt, doch über weit mehr Beweglichkeit verfügt. Am Ende gelang es mir, beide weißen Mühlen zu blockieren und die letzen noch freien weißen Steine einzusperren, so dass Thomas nicht mehr ziehen konnte, was im Mühle ja gleichbedeutend mit dem Partieverlust ist. Bitte glauben Sie aber nicht, dass ich das während der Partie gesehen, gewusst oder gar vorausberechnet hätte.

 

Damit war ich zwar wieder in Führung gegangen, doch angesichts der Positionen im Backgammon (einer meiner Steine wurde geschlagen und machte es sich in der Folge gut 10 Züge lang auf bzw. an der Bar gemütlich, bis mein Gegner alle Eintrittsfelder blockiert hatte und ich überhaupt nicht mehr ziehen durfte) und SchachZwo (komletter Übersichtsverlust in einem Spiel, das sicherlich interessante Facetten hat, doch diese liegen definitiv jenseits meines Horizonts) sah es insgesamt nicht ganz so rosig aus, zumal es auch im Tandem gegen das sehr gut eingespielte Team Steven Beetz / Katja Sommaro allmählich kritisch wurde, nachdem mein vielversprechender Angriff allmählich versandete und meine Gegner bereits mit den Händen voller wuchtiger Schwerfiguren gierig auf die erste Atempause lauerten.

 

Die klassischen Trümpfe stechen schließlich

 

Immerhin lief es im klassischen Schach wesentlich besser. An Brett 1 unterlief dem sympathischen Bulgaren Venelin Dimitrov in einem abgelehnten Morra-Gambit ein früher Fingerfehler, der direkt Figur und Partie kostete und auch an den Brettern 2 und 3 stand ich gegen Lena Gebigke und Wolfgang Fiedler schon bald nach der Eröffnung auf Gewinn. Nach einem weiteren Sieg in der zweiten Räuberschach-Begegnung war der Gesamtsieg sogar schon unter Dach und Fach.

 

Mein persönlicher Lieblingszug schließlich geschah in der Chess960-Begegnung mit Anette Rinke. Aus der hübschen Ausgangsstellung LLDTKSST (von links nach rechts) entstand die Diagrammstellung nach 12…Tde8.

 

Stellung_3_Chess960

 

Schwarz hat Probleme mit dem toten Läufer b8, aber im Moment droht der Einschlag auf e2 mit Bauerngewinn z.B. nach 13.Tfe1 Sxe2+ 14.Txe2 Dxf3. Doch nach 13.Td4! gewinnt plötzlich Weiß in allen Varianten, z.B. nach 13…Sxe2+ 14.Dxe2 oder 13…Txe2 14.Txf4 Dxf4 15.Txg4. Anette wählte das schwächere 13…Sh3+? 14.Kg2 Dd7 und musste nach 15.Th4 aufgeben.

 

Da Tandem und Backgammon zwischenzeitlich verloren gegangen waren und ich am vierten Normalschachbrett nach einem Blackout mit viel Mühe und Entgegenkommen des Gegners noch ein Remis erreichte, lautete das Endergebnis des ungewöhnlichen Wettkampfs somit 8,5:4,5 bzw. im Einzelnen:

 

Normalschach: 3,5-0,5
Chess960: 1-0
Räuberschach: 1-1
Atomschach: 2-0
Tandem: 0-1
Mühle: 1-0
Backgammon: 0-1
Schachzwo: 0-1

 

Nächster Halt Ingolstadt

 

Nach dieser sehr gelungenen Veranstaltung und hochinteressanten Erfahrung bin ich am 20./21. Juni 2015 bei den Ingolstädter Schachtagen (http://www.ingolstaedter-schachtage.de/) wieder im Einsatz, dieses Mal bei einem Blindsimultan überwiegend gegen Politiker aus Ingolstadt und dem Bayerischen Landtag. Dort wird eine weitere 1000-stellige Zahl auf mich warten, zu der ich Rechenaufgaben beantworten muss à la „Wie lautet die Quersumme der Ziffern #156-162?“ oder „Was ergibt das Produkt von Ziffer #961 mal #455?“ – während die Partien laufen. Man darf gespannt sein…

 

Dieses Event verspricht aber auch sonst ein echtes Highlight zu werden, denn es wird direkt auf den Marktplatz von Ingolstadt übertragen und dort auch live kommentiert. Darüber hinaus gibt es ein buntes Rahmenprogramm und am Tag darauf ein offenes Schnellschachturnier mit einem Gesamtpreisfond von 1.300 Euro, bei dem ich ebenfalls mitspielen werde – allerdings angesichts meiner überschaubaren Schnellschachqualitäten (und weil meine Gegner alle sehen können) wohl eher nicht mit Blick auf die Preisränge J.

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