Eine Weltmeisterin inkognito beim Simultan

Evelyn Moncayo Romero (Foto) aus Ecuador kam, sah und besiegte in Strausberg beim Sporttag zur 775-Jahrfeier Maximilian Mätzkow – Ein Augenzeugenbericht von RAYMUND STOLZE

 

WIM Evelyn Moncayo Romero

WIM Evelyn Moncayo Romero

Wie kann man für den Schachsport nachhaltig in der Öffentlichkeit werben? Eigentlich ist es ganz einfach. Es heißt nur seine Chance zu sehen und sie dann aber auch zu nutzen. Für die Abteilung Schach des KSC war das am vergangenen Sonntag [21. Juni] der Sporterlebnistag, der zum 775. Geburtstag von Strausberg stattfand. Der Sport- und Erholungspark in der Landhausstraße bot dazu ideale Bedingungen, denn auf dem SEP-Gelände ist alles „unter einem Dach“ zu finden: gepflegte Sportanlagen, Übernachtungsmöglichkeiten, Gastronomie für jeden Geschmack und abwechslungsreiche Freizeitangebote wie beispielweise den attraktiven Kletterwald

[ http://www.strausbergersep.de/sportstaetten.htm?start=anlageplan# ]. Da lohnt in jedem Fall ein Besuch auch außerhalb von „Feiertagen“ …

 

Beim Sporterlebnistag hatten vor allem die Vereine der „grünen Stadt am See“ die Möglichkeit, Werbung in eigener Sache zu machen. Und das nutzten dann auch die KSC-Königsjäger. Für das Rahmenprogramm hatten sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: Ein Blitzmatch zwischen einem prominenten Strausberger und Brandenburgs derzeit bestem Nachwuchsspieler Maximilian Paul Mätzkow. Die Wahl fiel im Vorfeld auf die Bürgermeisterin Elke Stadeler, die aber – Originalzitat – , wenn es sinnvoll ist, jederzeit delegieren kann. Und so überredete sie am „Herrentag“ beim Grillen ihren Ehemann, diese Herausforderung für sie anzunehmen. Diese Entscheidung kam freilich nicht von ungefähr, denn Peter Stadeler war einst ein ziemlich guter Schachspieler, aber nun als „selbstständiger Unternehmer “ fehlt ihm einfach die nötige Zeit dafür.

Simultanshow

Simultanshow

Nun, sein Comeback – „Ich spiele nicht ohne meine Frau“, und die beobachte die Partie im Hintergrund – war durchaus beachtlich. Zwar hatte er einen Zeitvorteil von 7:4 Minuten und noch dazu das Glück bei der Auslosung, mit Weiß zu spielen. Aber das Am Ende ein einziger Bauer das Duell für den 13-Jährigen entschied, der unwiderstehlich zur Dame durchlief, hatte niemand erwartet. Dem zahlreiche Publikum vor der Haupttribüne des Sportevents, das sich bestens unterhalten fühlte, hat es jedenfalls bestens gefallen, so Ihr Augenzeuge, der die „Schlacht auf den 64 Feldern“ launig kommentierte.

 

Die anschließende Einladung zum Simultan mit Maximilian, dessen nächstes sportliches Ziel es ist, bei den EU-Schach-Meisterschaften Anfang August im österreichischen Mureck in der Altersklasse U14 eine Medaille zu holen – im Vorjahr gab es Silber in der U15 – wurde jedenfalls danach von manchem Besucher, der in die Kategorie Freizeitschach gehört, sogar spontan angenommen. Zwischenzeitlich waren jedenfalls alle zwölf Plätze besetz, und das nicht nur von männlichen Königsjägern.

 

Aber – siehe unsere Schlagzeile – es kamen nicht alle aus dem Breitenschach, denn eine richtige Weltmeisterin nahm inkognito an dieser Werbeveranstaltung für den KSC teil.

 

Gerade macht Maximilian gegen die ehemalige U10-Weltmeisterin aus Ecuador den verhängnisvollen Fehler, denn er schlägt mit dem Springer  auf d4 zurück und läuft in eine Bauerngabel. Der Mann links ist der "Augenzeuge", der die "historische Partie" mitschreibt ...

Gerade macht Maximilian gegen die ehemalige U10-Weltmeisterin aus Ecuador den verhängnisvollen Fehler, denn er schlägt mit dem Springer auf d4 zurück und läuft in eine Bauerngabel. Der Mann links ist der „Augenzeuge“, der die „historische Partie“ mitschreibt …

Als sie ihre schwarzen Figuren aufstellte, merkte ich sofort, dass die selbstbewusste Frau eher ein Profi sein muss. Ursprünglich wollte sie eigentlich mit ihrem deutschen Freund ein bisschen laufen, aber dann übte auf Evelyn Moncayo Romero das „ offenen Schachzelt“ eine magische Wirkung auf sie aus. Auf meine Nachfrage ob sie denn eine Elozahl habe und aus welchen Land sie denn kommt, erfuhr ich in unserem englisch geführten Gespräch, dass sie Elo 2078 habe und ihr Heimatland Ecuador ist. Dort ist die 34-Jährige WIM [seit 2002!] die Nummer 6 in der nationalen Rangliste und hat an allen Schacholympiaden zwischen 2006 in Turin bis 2014 in Tromsö teilgenommen.

 

Wow, was für eine Gegnerin, von der ich in der Big Database zwischen 1990 und 2008 [2006 war ihre beste Elo sogar bei 2261!] fast 300 Partien gefunden habe. Und bei meiner Recherche habe ich noch weiter Fakts gefunden. 1990 wurde Evelyn in der Altersklasse U10 Weltmeisterin – ein Jahr zuvor hatte sich diesen Titel übrigens Antoaneta Stefanowa geholt. Die Bulgarin wurde dann in späteren Jahren nicht nur Europameisterin, sondern holte sich auch die Schachkrone bei den Frauen im Klassischen Schach.

 

Wenn Maximilian [Elo aktuell 2008] das alles gewusst hätte – dann wäre er ganz bestimmt konzentrierter an diese Partie herangegangen. Was Simultanshows angeht, so hat bekanntlich Exweltmeister Garri Kasparow sich stets vor einer solchen Show die Teilnehmerliste zeigen lassen und dann darauf bestanden, dass alle Gegner über Elo 2000 nicht zugelassen werden!

 

Hier nun die wahrhaft „historische Partie “, denn wann hat schon einmal eine Weltmeisterin in Strausberg an einem Simultan teilgenommen?

 

Mätzkow, Maximilian-Paul – Moncayo Romero, Evelyn
Simultan, Strausberg, 21. Juni 2015
Damenbauernspiele [A45]  

 

1.Sc3 Ein ungewöhnlicher Beginn, aber im Simultan ist alles möglich … 1…Sf6 2.d4 g6 3.h3 Natürlich sind 3.Sf3 oder 3.e4 besser. 3…Lg7 4.Lf4 d6 5.e4 0–0 6.Ld3 a6 7.Sge2 Dieser Springer gehört eher nach f3. 7…c5

 

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8.0–0? Das ist sorglos von Maximilian gespielt, und nach dem folgenden Antwortzug von Evelyn steht er bereits deutlich schlechter, denn sie kostet ihn mindestens einen Bauern. 8…cxd4 9.Sxd4?? [9.Sd5 Sxd5 10.exd5 Sd7 11.Dd2 ist das kleinere Übel …] 9…e5 Eine ärgerliche Bauerngabel hat der „junge Meister“ übersehen – aber das kann im Simultan schon einmal vorkommen. 10.Lg5 exd4 11.Sd5 Le6 12.Df3 Sbd7 13.Sf4 h6 14.Lh4 g5 15.Sxe6 fxe6 16.Lg3 g4 17.hxg4 Sh5 18.De2 Sxg3 19.fxg3

 

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Anspannung pur beim Blitz-Duell zwischen Peter Stadeler, dem Ehemann von Stausbergs Bürgermeisterin, und Maximilian Paul Mätzkow

Peter Stadeler, der Ehemann von Stausbergs Bürgermeisterin, und Maximilian Paul Mätzkow

Natürlich ist die Partie bereits entschieden, aber der weiße Triple-Bauer in der g-Linie verdient trotzdem ein Diagramm! 19…Se5 [19…Dg5 ist noch konsequenter.] 20.Lc4 Sxc4 21.Dxc4 De7 , und hier gibt Maximilian zurecht auf. [0–1]

 

Demnächst wird Evelyn erst einmal wieder nach Ecuador zurück reisen. Ihr Freund hofft allerdings, dass sie im September für immer nach Deutschland kommen kann. An erster Stelle steht dann, erst einmal heimisch werden, wie er mir sagte.

 

Ich habe Evelyn auf alle Fälle meine Visitenkarte gegeben, denn ich kann mir gut vorstellen, dass die sympathische Südamerikanerin beispielsweise für die Zweitliga-Frauen-Mannschaft von Rotation Pankow eine willkommene Verstärkung wäre. Was den KSC Strausberg angeht, so würden der sich zwar glücklich schätzen, eine solche Spitzenspielerin an Brett 1 seines Regionalliga-Teams zu wissen – aber das ist doch eher mehr ein Traum …

 

Das war übrigens die einzige Niederlage für Maximilian, der noch zwei Remisen abgab [u.a. gegen Andreas Völschow, der bei den Strausbergern das Spitzenbrett hält]. Und das er gegen eine Weltmeisterin verloren hat, dürfte ihn eher motiviert haben – schließlich soll Schach auch Spaß machen. Das war an jenem Juni-Sonntag jedenfalls für vier Stunden allemal so im Sport- und Erholungspark im „offenen Schachzelt“ noch dazu, weil auch das Wetter mitgespielt hat …

 

P.S.: Übrigens hat Evelyn bereits über Facebook von ihrem Inkognito-Auftritt beim Simultan in Strausberg berichtet:

 

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Link nach Facebook

 

 

Alle Fotos: Christian Mätzkow

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