Im Internet gefunden [27]

Frau Schach – Ein Versuch   von KAROLINE SPALT, Wien
 

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Reloaded: Im Internet gefunden!

„Ein herzliches Willkommen allen Schachfreunden, Kiebitzen, Stammlesern und Schachfans vom Schach-Ticker“, so begrüßte Sie stets Michael Wiemer in unserer Rubrik „Im Internet gefunden“. Dass die 26. Folge am 11. September 2014 zugleich die letzte sein würde, war nicht vorherzusehen [ http://www.chess-international.de/Archive/28309#more-28309 ]. Aber bekanntlich hat alles einmal ein Ende, nur die Wurst hat zwei …

 

Na ja, nach Sprücheklopfen war uns damals nicht zumute, immerhin hatten wir gemeinsam mit der Serie eine prima thematische Lücke gefunden, die der „Mann vom Bodensee“ zudem bestens alle zwei Wochen bediente. Auf ihn war wirklich Verlass – bis er uns aus welchen Gründen auch immer verlassen hat …

 

Ich gebe zu, dass damit „Im Internet gefunden“ für uns eigentlich erledigt war. Bis ich kürzlich auf der Suche zum Thema Frauenschach auf die amüsante Homepage FRAU SCHACH gestoßen bin [ http://www.frau-schach.at/ ]. Neugierig wie „Mann“ nun einmal ist, habe ich sofort die Kontaktfrau angemailt, und siehe da, Karoline Spalt aus Wien, wo der Club „Frau Schach“ Zuhause ist, hat sich meinem Werben nicht widersetzt und den folgenden Beitrag geschrieben.   Raymund Stolze

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Frau Schach – Ein Versuch
Dass die Bedürfnisse von erwachsenen Schachanfängern andere sind als die von Kindern, weiß ich aus eigener Erfahrung am besten. Ich habe erst mit vierzig mit Schach angefangen, obwohl ich seit über 20 Jahren mit einem routinierten Turnierschachspieler verheiratet bin.

"Frau Schach" im Cafe Schopenhauer

„Frau Schach“ im Cafe Schopenhauer

 
In den herkömmlichen Schachvereinen werden Frauen grundsätzlich sehr willkommen geheißen, aber bei genauerer Betrachtung sind die meisten „normalen“ Schachvereine eher nicht geeignet, einer Frau mit eher schwächeren Schachkenntnissen einen Abend in gepflegter Atmosphäre zu bieten. Die Vereine sind geprägt von Elodruck, langjährigen eingeschweißten Männergruppen, engagierten Kindertrainern und sehr schlecht besuchten Clubabenden. Aus dieser Erkenntnis heraus ist dann die Idee entstanden, einen Frauenschachclub zu gründen. So versuche ich eigentlich einfach nur das anzubieten, was mir selber in der Wiener Schachszene gefehlt hat.
 

Mit privaten Schachkolleginnen und Bekannten hat sich dann ein kleines Grüppchen an Frauen gebildet, die ich im September 2013 zum ersten Clubabend begrüßen konnte. Seither gibt es mindestens einmal im Monat einen Frauenschachabend in einem Wiener Kaffeehaus (Cafe Schopenhauer http://www.cafeschopenhauer.at ). Ein Lokal für einen Schachclub zu finden, gestaltete sich auch nicht ganz einfach, da in vielen Wiener Kaffeehäusern Schachspielen nicht erlaubt ist! Da ich keinerlei Erfahrung von Vereinsführung habe und vor allem nicht weiß wie man einen Frauenschachclub leitet, gehe ich die Sache sehr persönlich und „nach Gefühl“ an. Nach dem Motto learning by doing!
Die Termine der Frauenschachabende sind auf der Internetseite FRAU SCHACH ersichtlich. Trotzdem lade ich alle Teilnehmerinnen einige Tage vorher nochmals per Mail ein. Ein großer Teil meiner Funktion beim Frauenschachabend stellt die Motivationsarbeit dar. Ich bemühe mich, durch lockere Erzählungen meiner Schacherlebnisse die Frauen zu motivieren und ihnen über Schachniederlagen hinweg zu helfen.
 

Verein, Club, Grüppchen,……?

Bei meinem Frauenschachclub handelt es sich um einen rein privaten Verein, ohne Mitgliedsbeiträge, Vereinsstatuten, Turnierteilnahme, usw. Dadurch habe ich einerseits die Freiheit, sehr eigenständig arbeiten und gestalten zu können. Andererseits habe ich auch den Nachteil, dass ich alles selber mache und sehr auf mich alleine gestellt bin. Aber ich habe natürlich einige Personen in meinem Umfeld, die ich um Rat fragen kann.
Beim Schachabend spiele ich selber nur Schach, wenn eine Schachkollegin keine geeignete Spielpartnerin hat. Ansonsten halte ich mich zur Verfügung, wenn es Fragen gibt. Oder ich versuche, neue Paarungen zu bilden. Manchmal gehe ich von Tisch zu Tisch und wo es gewünscht ist, plaudere und scherze ich ein wenig. Die Teilnehmerinnen schätzen die persönliche Betreuung sehr.

Schach im Wiener Kaffeehaus

Schach im Wiener Kaffeehaus

 
Mit jeder Teilnehmerin versuche ich auch selbst zu spielen, sodass ich in etwa eine Ahnung bekommen kann, wo ihr schachliches Können liegt. Dies soll in keiner Weise einen Konkurrenz bzw. Leistungsdruck erzeugen. Im Gegenteil, ich versuche dadurch, nur ein wenig in die Zusammenstellung der Spielpartnerinnen einzugreifen. Wenn die Teilnehmerinnen eintreffen, bemühe ich mich Paare zusammen zu führen, die in etwa vom Spielniveau zusammenpassen.
 
Ich möchte einfach vermeiden, dass jemand untätig herumstehen muss und sich dadurch eventuell nicht willkommen fühlt. Natürlich sind die Teilnehmerinnen durchwegs auch bereit mit einer sehr schwachen Kollegin zu spielen. Dieser Respekt allen Teilnehmerinnen gegenüber ist mir besonders wichtig. Die Atmosphäre bei unseren Clubabenden ist immer sehr herzlich und oft auch besonders lustig!
 
Ein großes Problem ist die Werbung. Obwohl Wien über die beträchtliche Einwohnerzahl von über 1,7 Millionen verfügt und wir der einzige Frauenschachclub sind, nehmen an unseren Frauenschachabenden nur zirka 10 bis 16 Teilnehmerinnen teil. Einerseits liegt das natürlich am allgemein schwachen Interesse an Schach, aber andererseits dauert es lange. bis ein Verein einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.
 
Aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden, da der Club nun schon seit zwei Jahren besteht und wir zwar bescheidene Teilnehmerinnenzahlen haben, aber doch über ein sehr aktives Clubleben verfügen, obwohl mir die meisten Schachmänner in Wien prophezeit haben, dass mein Schachclub kein halbes Jahr überleben wird.
Ich wäre am glücklichsten, wenn ich möglichst viele Nachahmerinnen hätte und es in einigen Jahren viele aktive Frauenkaffeehausgruppen gäbe. Die Frauen von unserem Club und ich, möchten die schönen Schachabende nicht mehr missen!

 

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Ich finde, dass der gelungene Wiener Versuch hierzulande durchaus Schule machen kann. Und wer Zusatzinformationen braucht, der setzt sich einfach mit der sympathischen und engagierten Wienerin Karoline Spalt in Verbindung [ info@frau-schach.at]. Auf der sehr schön gestalteten Webseite sind übrigens alle bisherigen Schachabende im Cafe Schopenhauer dokumentiert. „Kaffeehausschach“ kann tatsächlich schön sein, „Frau“ muss sich nur trauen …
 
[Redaktion Raymund Stolze]

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