Zahlenspiele [4]

Wolfgang Unzicker bleibt mit 386 Länderspielen Deutschlands Rekordnationalspieler für die Ewigkeit – Von RAYMUND STOLZE

 

Wolfgang Unzicker 1953

Wolfgang Unzicker 1953

Wissen Sie auf Anhieb, wer die deutschen Rekordnationalspieler im Fußball sind? Bei den Männern ist es immer noch Lothar Matthäus mit 150 Einsätzen und bei den Frauen Birgit Prinz, die zwischen 1994 und 2011 insgesamt 214 Mal das Trikot mit dem Bundesadler trug und dabei 128 Tore erzielte.

 

Und im Schach – wie sieht es da aus???

 

Die Nominierung der beiden Teams für die Mannschafts-Europameisterschaften im November in Islands Hauptstadt Reykjavik war mir Anlass, einmal die Statistik zu befragen. Leider gibt es auf der DSB-Webeseite nur eine Übersicht mit Stand 24. Juli 2013 [ http://www.schachbund.de/einsaetze.html ]. Und so heißt es selbst ergänzen, was aber doch relativ leicht geht, denn wie in vergangenen Zeiten gibt es doch kaum Länderspiele. Lediglich die Frauen haben am 5./6. März 2014 in Berlin in Vorbereitung auf die Schacholympiade im norwegischen Tromsö einen Vergleich gegen eine Auswahl der Gastgeberinnen ausgetragen, den das Quartett Zoya Schleining, Elena Levushkina, Jade Schmidt und Josefine Heinemann mit 5,5:2,5 für sich entschied.

 

Schauen wir uns also bei unseren Zahlenspielen die TOP 10 insgesamt an, wobei ich darauf hinweisen muss, dass Fehler und nicht korrekte Angaben, wie einleitend in der DSB-Statistik zu lesen, darin derzeit nicht zu vermeiden sind. „Weitgehend vollständige Listen seit etwa 1950 liegen nur in gedruckter Form vor und müssen noch elektronisch aufbereitet werden.“

 


Diese Herausforderung dürfte aber Frank Hoppe, den neuen Mitarbeiter auf der DSB-Geschäftsstelle bestimmt keine Ruhe lassen, denn er ist ein bekennender Mann der Zahlen. In seinem empfehlenswerten Buch 111 Gründe, Schach zu lieben – Eine Hommage an das königlichste aller Spiele [Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin 2014] hat der Autor Christoph Brumme ihm den 61. Grund gewidmet [„Weil man Zahlen lieben kann“].

 

Ich gebe ihm zumindest, was das Zeitfenster bis zum Juli 2015 angeht „Schützenhilfe“.

 

In der Kategorie TOP 10 Länderspiele – da bin ich großzügig und trenne nicht nach Frauen und Männer – sieht es wie folgt aus:

  1.  Wolfgang Unzicker                 386
  2.  Wolfgang Uhlmann                  310
  3.  Lothar Schmid                     278
  4.  Hans-Joachim Hecht                248
  5.  Dr. Robert Hübner                 243
  6.  Klaus Darga                       230
  7.  Dr. Burkhard Malich               225
  8.  Elisabeth Pähtz                   186
  9.  Ketino Kachiani Gersinska         174
  10. Christopher Lutz                  155

Jeder wird natürlich auf den ersten Blick sehen, dass Wolfgang Unzicker [25. Juni 1925 – 20. April 2006] einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt hat. Bemerkenswert sind auch die 310 Länderspiele der Dresdner Schachlegende Wolfgang Uhlmann, denn immerhin war ja für die DDR-Aktiven nach der Schacholympiade 1972 erst einmal „Feierabend“ auf dem internationalen Parkett. Erst 1988 und 1990 kamen noch zwei Zugaben auch für ihn, dem zehn Jahre jüngeren der beiden Wolfgangs.

 

Ziemlich sicher dürfte sein, dass die seit Jahren stärkste deutsche Schachspielerin Elisabeth Pähtz wohl die Schallmauer von 200 Länderspielen spätestens 2016 bei der Schacholympiade knacken wird.

 

Was die Männer-TOP 10 angeht, kann von den derzeit aktiven Nationalspielern keiner die beiden Damen-Plätze übernehmen. So ergänze ich die Rangliste um Dr. Helmut Pfleger [169] und Christopher Lutz [155] – der 44-Jährige ist nach wie vor eine Stütze der SG Porz in der 2. Bundesliga Gruppe West. Eine Gefahr droht diesen „zehn Glorreichen“ nicht, denn Georg Meier, der für das deutsche Team in Reykjavik gesetzt ist, kommt als bester Verfolger auf 85 Länderspiele.

 

Bei den TOP 10 der Frauen klafft nach Elisabeth und Ketino auch eine große Lücke.

  1.  Elisabeth Pähtz               186
  2.  Ketino Kachiani-Gersinska     174
  3.  Gisela Fischdick              150
  4.  Melanie Ohme                   97
  5.  Edith Keller-Herrmann          86
  6.  Sarah Hoolt                    80
  7.  Waltraut Nowarra               68
  8.  Bettina Trabert                65
  9.  Jessica Nill                   60
  10. Marta Michna                   57

In jedem Fall wird Melanie in Reykjavik die magische 100 stürmen, denn es steht außer Frage, dass die 25-Jährige mehr als dreimal aufgeboten wird.

 

Bei unseren nominierten EM-Teams 2015 sieht es nach Länderspielen wie folgt aus:

 

Frauen:

Elisabeth Pähtz [186], Melanie Ohme [97], Filiz Osmanodja [32], Zoja Schleining [14], Josefine Heinemann [2]. Leider hat die erfahrene Marta Michna [57] abgesagt.

 

Männer:

Georg Meier [85], Daniel Fridman [69], Rainer Buhmann [44], Dennis Wagner [28], Liviu Dieter Nisipeanu [10]. Dass uns mit Arkadij Naiditsch [77] ein absoluter Spitzenspieler fehlt, sei schon angemerkt, aber der 29-Jährige will die Föderation wechseln, was bisher [Stand 15. Juli] jedoch immer noch nicht perfekt ist.

 

Eine letzte Zahlenspielerei sind die TOP 10-Liste der in der vergangenen Saison noch in den Vereinen oder Turnieren aktiven Nationalspieler. Und die hat folgendes Aussehen:

 

Männer:

  1.  Wolfgang Uhlmann       310
  2.  Dr. Robert Hübner      243
  3.  Burkhard Malich        225
  4.  Christopher Lutz       155
  5.  Eric Lobron            146
  6.  Stefan Kindermann      137
  7.  Klaus Bischoff         125
  8.  Heinz Liebert          123
  9.  Jan Gustafsson         102
  10. Lothar Vogt             99

 

Interessant ist übrigens, dass im Frühjahr in Dresden Klaus Bischoff bei der Senioren-Mannschaftsweltmeisterschaft in Dresden im deutschen Silber-Team in der Kategorie 50+ stand und gegenwärtig Lothar Vogt bei der Team-EM in Wien für den SC Eppingen an Brett 1 spielt.

 

Stefan Kindermann, der zwischen 1982 und 1994 Deutschland auf sechs Schacholympiaden vertreten hat und auch im Aufgebot bei der Premiere der Mannschafts-WM 1985 in Luzern stand, hat inzwischen die Föderation gewechselt und ist u.a. im Olympia-Team der Österreicher 2008 und 2012 dabei gewesen.

 

Frauen:

  1.  Elisabeth Pähtz               186
  2.  Ketino Kachiani-Gersinska     174
  3.  Gisela Fischdick              150
  4.  Melanie Ohme                   88
  5.  Sarah Hoolt                    80
  6.  Bettina Trabert                65
  7.  Jessica Nill [jetzt Schmidt]   60
  8.  Marta Michna                   57
  9.  Judith Fuchs                   56
  10. Filiz Osmanodja                32

 

So, nun können Sie sich selbst eine Meinung bilden und sich Ihren eigenen Zahlenspielereien hingeben. Viel Spaß dabei!

 

Ich persönlich freue mich schon heute auf das vierte Schachlegenden-Treffen am 20./21. August in Dresden, denn da werden von den TOP 10 Wolfgang Uhlmann, Hans-Joachim Hecht, Klaus Darga und Burkhard Malich erwartet. Bedingung für die Teilnahme ist, dass die Herren 75 Jahre alt sind und den Großmeistertitel erworben haben …

 

Bildnachweis:
Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons, Fotografen: R. und R. Rössing, (7.11.1953, Altes Rathaus, Leipzig)

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