Und meine Reise durch die Schachwelt der Insel geht weiter …

Charaktere beim Schach oder Meine Teammitglieder beim Southport Chessclubvon JULIA MARIE MÄTZKOW, Eberswalde

Na, stehe ich nicht gut?! (Julia Marie Mätzkow, mit den schwarzen Steinen)

Na, stehe ich nicht gut?! (Foto: Christian Mätzkow)

 

Hey, da bin ich schon wieder! Schließlich gibt es gibt noch so viel zu erzählen, was ich alles mit meiner englischen Mannschaft erlebt habe. Und genau aus diesem Grund, stelle ich jetzt die einzelnen Teammitglieder vor. Man muss wissen, dass in unserer Liga ein Team aus sechs Spielern besteht, und es wird doppelrundig gespielt. Des Weiteren finden die Mannschaftskämpfe immer am Trainingstag der gastgebenden Mannschaft statt. Das heißt: meistens wurden die Mannschaftskämpfe an Montagen durchgeführt.

 

Wie schon in meinem ersten Artikel [http://www.chess-international.de/Archive/43199#more-43199] angedeutet, werde ich über den Vereinsleiter schreiben. Gleich am ersten Tag wurde ich mit offenen Armen empfangen. Er gab extra die gerade gespielte Partie auf, so dass ich einen Spielpartner finden konnte. Das hat er fortgesetzt, das ganze Jahr über. Zu Anfang dachte ich, dass er es aus purer Höflichkeit tat. Doch falsch gedacht. Immer wenn er am Verlieren war, hat er nur darauf gewartet, dass ich endlich komme, um sich dann schnellst möglichst aus der Affäre zu ziehen. Schachspieler können ganz schön hinterlistig sein.

 

Sein meist gefürchteter Gegner war David. Es gab allerdings drei verschiedene Davids in dem Verein, was manchmal ganz schön verwirrend sein konnte. Der eine David hatte mit mir eine Absprache für das nächste Mannschaftsspiel gemacht, doch ich konnte das Spiellokal nicht finden. Englische Straßen sehen alle gleich aus. Deshalb bin ich zum Vereinshaus gegangen. Sie wussten zwar nichts von einem Mannschaftsspiel, trotzdem wollten sie mir sofort helfen.

 

Zu dem Zeitpunkt kannte ich aber noch nicht alle und wusste auch nicht, dass David anscheinend ein sehr beliebter Mode-Name sein musste. Sie fragten mich dann, wer es war, mit dem ich die Absprachen hatte. Telefonnummern wurden natürlich vorher nicht ausgetauscht. Sie hörten nur den Namen David und dachten ich meine den, der so eine Art Koryphäe im Verein war. Er wurde also angerufen. Das Problem war nur, dass dieser David fast taub ist und daher wurde ins Telefon geschrieen, und dann haben sie sich doch nicht verstanden. Letztendlich konnten sie sich dann doch irgendwie verständigen und meine Mannschaft musste mal wieder auf mich warten. Diese Deutsche wieder – die sind doch sonst nicht für Unpünktlichkeit bekannt.

 

Die Beatles in Hamburg (Quelle: Wikipedia)

Die Beatles in Hamburg

Etwas später hat sich auch der Grund gezeigt, warum David so schlecht hören kann. Ganz stolz hat er erzählt, dass er mit den Beatles in Hamburg musiziert hatte [„Wer the Beatles kennt?“]. Es wurde nie berichtet als was. War er so etwas wie eine Vorband oder doch nur [na ja. wenn man das sagen kann] der Kabelträger. Am gleichen Abend hat er noch Gitarre gespielt und ungelogen: Ich habe noch nie jemanden besser Gitarre spielen hören. Ein wenig Deutsch konnte er auch. Jedes Mal wenn ich ihn traf, wurde ich mit „Einen sehr schönen Tag, mein Fräulein!“ begrüßt. Ich versuchte zu erklären, dass man das nicht mehr sagt, aber er hat mich nicht verstanden.

 

Andere in der Mannschaft sprachen auch ein bisschen Deutsch und übernahmen „Einen sehr schönen Tag, mein Fräulein!“ Ich musste jedes Mal lachen, wenn sie es sagten. Jeder versuchte sein Deutsch an mir zu testen, und sie fragten interessiert, wie sich ihr Beruf auf Deutsch bezeichnet. Es wurde auch ganz stolz verkündet, dass ihr Sohn in Düsseldorf lebt oder sie ein halbes Jahr in Berlin gearbeitet hätten.

 

Einer anderer aus dem Team kam sogar aus Hamburg. Der war der Einzige, der meine sprachlichen Fehler verbessert hat. Typisch Deutsch, oder? Alles muss seine Richtigkeit haben. Ich habe gefragt, ob die Anderen das auch machen würden, doch sie sagten nur, dass sie sich unhöflich fühlen, mir ins Wort zu fallen. Aber ist es höflicher den anderen voll auflaufen zu lassen? Es kam öfter zu Verwechslungen oder Missverständnissen, weil ich irgendein Wort, nennen wir es mal so, sehr deutsch ausgesprochen habe.

 

Genau die gleiche Höflichkeit gab es auch, als ich nach dem Training oder Mannschaftsspiel nach Hause gebracht werden sollte. Es wurde gefragt, ob sie mich nach Hause fahren sollen, und anschließend gab es eine Diskussion, denn mindestens fünf Leute sagten sie wollen das übernehmen, aber in Wirklichkeit hatte keiner Lust einen Umweg zu fahren. Dieser „Höflichkeitskrieg“ war wunderschön mit anzusehen. Typisch englisch!

 

Es wurde sich auch andauernd entschuldigt für Sachen, die ich gar nicht verstehe. Das einzige andere Mädchen hat sich dafür entschuldigt, dass sie so schlecht spielt. Nach jedem Spiel sagte sie, das ist ein Zitat: „Entschuldige, bitte! Du langweilst dich bestimmt, aber ich bin nicht so gut.“ Warum? Jeder Andere hat damit zu kämpfen, verloren zu haben, und sie entschuldigt sich auch noch dafür. Irgendwas habe ich nicht mitbekommen?

 

Ganz am Ende des Jahres, durfte ich das erste Mal gegen den besten Spieler aus dem Verein spielen. Mir wurde zuvor gesagt, wenn ich gewinnen sollte, muss ich noch ein Jahr länger bleiben. Mir wurde jedoch verschwiegen, dass er beim Militär Europameister war. Erwartungsgemäß habe ich dann sang- und klanglos verloren. Er selbst war ganz enttäuscht, und auch er entschuldigte sich. Und schon wieder frage ich mich, warum? Wenn er eindeutig besser ist als ich!?

 

Ja, das war mein Team. Alle große Charaktere. Erst jetzt vermisse ich sie, jetzt, da ich sie nicht mehr treffen kann. Auch wenn einen manche Menschen ganz schön nerven können, merkt man erst wenn man sie nicht mehr um sich herum hat, wie viel sie einem wirklich bedeuten. Das ging mir am Anfang in England auch so. An dieser Stelle einen schönen Gruß an den SV Motor Eberswalde und an den ESV. Ich hätte auch über meinen deutschen Verein schreiben können, denn dort gibt es auch einige Charaktere, aber das ist zumindest für uns nichts Weltbewegendes…

 

_____

ZUR PERSON:

Julia Marie Mätzkow (Foto: Christian Mätzkow)

Julia Marie Mätzkow (Foto: Christian Mätzkow)

Julia Marie Mätzkow [26. Mai 1998] begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Schach. Nach Abschluss der 10. Klasse am Finower Gymnasium besuchte sie für ein Jahr die 12. Klasse in England an der Christ-the-King-School. Auf regionaler Ebene im Land Brandenburg ist Julia beim SV Motor Eberswalde aktiv und hat mehrmals an den Jugend-Landeseinzelmeisterschaften teilgenommen.

 

Print Friendly, PDF & Email