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Von Hans-Joachim Hecht [„Rochaden – Schacherinnerungen“] und Wolfgang Uhlmann [„Meine besten Partien“] sind neue Bücher erschienen – Eine Betrachtung von RAYMUND STOLZE

 

Leseprobe

Leseprobe

Neuerscheinung in der Edition Marco, 2015Ich gebe zu, dass die Gefahr bei Buchbesprechungen vor allem darin besteht, dass dem Autor häufig ungerechtfertigt vorgeworfen wird, nicht jenen Erwartungen zu entsprechen, die der Rezensent hat. Nun, wenn es denn so ist, dann kann ich dem Kritiker nur empfehlen, selbst zu schreiben …

 

Und noch ein einleitender Gedanke: Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich jede Ausgabe des inzwischen nicht mehr erscheinenden Magazins „SCHACHWELT“ käuflich am Kiosk erworben habe, allein wegen Robert Hübners Serie „Erinnerungen“. Die erste Folge erschien in der Nummer 1 im September 2009, die letzte mit der letzten Ausgabe im Juli 2010. Leider hat der vielleicht bedeutendste deutsche Schachspieler nach Weltmeister Emanuel Lasker bis heute aus diesem mehr als interessanten Lesestoff – und ich hatte ja gerade erst einmal die Mitglieder in seinem Kölner Klub kennen gelernt – immer [noch] keine Autobiographie verfasst …

 

Anders haben es dagegen kürzlich die beiden Schachlegenden Hans-Joachim Hecht [*10. Januar 1939 in Luckenwalde] und Wolfgang Uhlmann [*29. März 1935 in Dresden] getan, denn beide haben fast zur gleichen Zeit ihr Buch vorgelegt!

 

Ich gebe gern zu, dass mich nicht nur Hechts Konzept seines Titels „Rochaden – Erinnerungen“ eindeutig mehr überzeugt. Und das aus mehreren Gründen.

 

Hajo, wie ihn seine Freunde nennen, hat nicht nur sein Material aus mehr als 60 Jahren geordnet und dabei viele persönliche Begebenheiten in seiner lakonischen Art und Weise erzählt, sondern das Buch ist zugleich eine unverwechselbare Chronik der Berliner und deutschen Schachgeschichte geworden. Und das soll ihm erst einmal einer nachmachen! Meines Wissens jedenfalls gibt es nichts Vergleichbares über den Zeitraum von den 1950er-Jahren bis heute.

 

Und so will ich mit einigen Informationen vor allem auf das mehr als 400 Seiten gewichtige Werk [935 Gramm!] neugierig machen. Nacherlebbar werden Hechts Anfänge als junger Schachspieler im geteilten Berlin. Er war der Mann aus dem Osten, der für den Westen spielte, wie ich meine etwas anderen Vorschau auf die Schach-Europameisterschaft 2011 in auf der DSB-Webseite titelte [ http://www.schachbund.de/news/hajo-hecht-der-mann-aus-dem-osten-der-fuer-den-westen-spielte-die-etwas-andere-em-vorschau.html ]. Und der Deutsche Meister von 1970 wollte es wissen, ob er als Schachprofi bestehen kann, also nahm er diese Herausforderung an, um sie glänzend zu bestehen, was nicht nur eine Bestätigung in seinen beiden Vereine SG Solingen und Bayern München findet. So spielte er bei zehn Schacholympiaden für die Bundesrepubik Deutschland und was die Zahl der Länderspiele angeht, so ist er mit derzeit 248 vom DSB digital erfassten Einsätzen hinter Wolfgang Unzicker [386], Wolfgang Uhlmann [310] und Lothar Schmid [278] die Nummer 4 in dieser Statistik im vereinten Deutschland.

 

Über sein Projekt, diese Erinnerungen aufzuschreiben, wusste ich seit einigen Jahren – wir hatten gemeinsam – er als Autor und ich als sein Lektor – bei der Edition Olms 2009 bei der Herausgabe seines Endspielbuch „Königswege im Schach“ zusammen gearbeitet. Als er von der Materialfülle hörte – der vorliegende Band enthält ca. 200 kommentierte Partien und viele Partiestellungen sowie ca. 180 Fotos – konnte ich ihm als Verleger eigentlich nur meinen Freund Arno Nickel empfehlen. Ich war mir ziemlich sicher, dass sich nur der darauf einlassen würde, wenn er von dem Buch überzeugt ist. Und, wie es sich herausstellt, war Arno Nickel das von Anfang an – das Ergebnis jedenfalls überzeugt ganz bestimmt nicht nur mich!

 

„Was mich zutiefst befriedigt, ist, dass wir – Autor und Verlag – es wieder einmal geschafft haben, ein Stück lebendige Schachgeschichte, speziell mit Blick auf Deutschland und Berlin, zu präsentieren. Gerade die Nachkriegszeit bis in die 1970er-Jahre scheint mir schachliterarisch viel zu wenig dokumentiert zu sein. Man hat lange Zeit voller Ehrfurcht auf die Glanzzeiten des Schachs vor dem Zweiten Weltkrieg geschaut und die spätere Zeit grob vernachlässigt, vielleicht weil sie noch zu nahe an der Gegenwart war. Jetzt wird zunehmend bewusst, wie anders die Schachkultur in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war verglichen mit heute, natürlich nicht in jeder Hinsicht, aber doch in vielen Einzelheiten, die das Gesamtbild prägen. Es entsteht zunehmend das Gefühl eines historischen Abstands, womit gleichzeitig die Gefahr wächst, dass manches verloren geht, wenn es nicht jetzt erzählt wird. Mit Hajo Hecht haben wir den außergewöhnlichen Glücksfall, dass der Autor diese Zeit sehr bewusst erlebt und viel Material, unter anderem seltene Fotos, gesammelt hat. Und er hat nicht nur viel zu erzählen, sondern weiß auch wie… Der Leser ist immer ganz nahe dran am Geschehen“, so Arno Nickel.

 

Diesem exklusiven Statement des Berliner Verlegers ist nun wirklich nichts hinzu zu fügen als meine nachhaltige Aufforderung: Einfach das Hecht-Buch kaufen!

 

Und noch ein abschließender Hinweis: Ergänzend zu dem Buch bietet der Verlag auf seiner Homepage www.edition-marco-shop.de reichhaltiges Anlagenmaterial zu den einzelnen Kapiteln an. Dabei handelt es sich um Tabellen, Dokumente, weiterführende Links u.a.m. Darüber hinaus können die im Buch enthaltenen Partien sowie zusätzliche kommentierte Partien in gängigen Datenformaten [pgn/cbv] heruntergeladen werden.

 

Erschienen im Verlag ChessCoach, August 2015Kommen wir zu Wolfgang Uhlmann, der mich über sein Buch „Meine besten Partien“ – es sind jetzt insgesamt 87 – in Dresden bei der Gala anlässlich seines 80. Geburtstages informiert hatte und darüber sehr glücklich war.

 

Nun, was das Thema angeht, so habe ich bei der Edition Olms auch meine Erfahrungen gemacht. Konzeptionell dürfte das von mir betreute Boris-Gelfand-Buch meinen Vorstellungen und Ansprüchen am nächsten gekommen sein. Neben einem sehr persönlichen Portrait des Weltklassespielers, das der auch international geschätzte Schachjournalist Dirk Poldauf verfasst hat, gibt es vier Hauptkapitel: Meine Lieblingsvariante, Meine besten Partien – es sind in diesem Fall 49 – sowie Kombinationen und Endspiele.

 

Wichtig ist für mich vor allem, dass ich den Autor kennen lernen kann – und in diesem Fall ist ja besonders interessant, dass es einem Schachspieler aus dem Osten Deutschlands gelang, in die absolute Weltklasse vorzudringen.

 

Anregend fand ich deshalb, dass mir der betreuende Lektor Dr. Mario Ziegler – von ihm haben wir kürzlich einen Beitrag von der Buchpremiere des Uhlmann-Titels mit Leseprobe veröffentlicht [ http://www.chess-international.de/Archive/43299#more-43299 ] – den ebenfalls im Verlag ChessCoach St. Ingbert veröffentlichen Band „Wolfgang Unzicker“ [ Herausgeber ist Gerhard Josten] zugeschickt hat. Und ich sage es kurz: Dieses Buch hat mich überzeugt, und so frage ich mich deshalb: Warum haben sich Macher des Verlages nicht daran orientiert und sich bei Wolfgang Uhlmann stattdessen nur mit „besten Partien“ zufrieden gegeben, die mit ein paar Anekdoten ausgeschmückt werden? Zumal der Dresdner doch selbst über Jahre in der ROCHADE EUROPA in der Serie „Die besten Partien aus meiner 50-jährigen Schachkarriere“ in insgesamt 120 Folgen – die letzte erschien in der Juni-Ausgabe 2014 [Seiten 39-40] – insgesamt 240 kommentierte Partien veröffentlicht hat.

 

Es steht außer Zweifel, dass Wolfgang Uhlmann in seiner Schachkarriere hervorragende Partien gespielt und u.a. gegen die Weltmeister Michael Botwinnik, Wassili Smyslow, Robert James Fischer, Viswanathan Anand und Alexander Khalifman gewonnen hat, die inhaltlich das erste Kapitel bilden. Ebenso, dass der Dresdner ein absoluter Experte der Französischen Verteidigung ist. Aber die hier versammelten 16 Partien dürften doch zum größten Teil, wenn nicht sogar alle, in seinem Band „Ein Leben lang Französisch. Französische Verteidigung – richtig gespielt“ [Joachim Beyer Verlag] enthalten sein.

 

Mag sein, dass die vorliegende Partiensammlung die Anhänger des Schachspielers Uhlmann erfreut, der unbestritten zu den besten deutschen Schachspielern aller Zeiten zählt. Aber gerade unter diesem Aspekt hätte ich mir – nicht zuletzt in seinem Jubiläumsjahr – ein inhaltlich völlig anderes Buch vorgestellt, was Wolfgangs Lebensleistung gerecht wird, und das sind eben nicht nur seine besten Partien. Ein biografischer Beitrag wie ihn Harry Schaack beispielsweise im KARL Heft1/2015 verfasste, dessen Schwerpunkt „Wolfgang Uhlmann & die DDR“ lautete, ein reflektierendes Interview mit dem Autor, oder wie im erwähnten Unzicker-Band persönliche Berichte über den Wolfgang aus Deutschland-West und schließlich Unzickers Gedanken über seine Schachlaufbahn oder seine Begegnung mit dem Patriarchen des Sowjetschachs Michail Botwinnik …

 

Unterm Strich bleibt von mir anzumerken, und das liegt keineswegs am Autor: Wirklich schade, aber hier ist eine große Chance vergeben worden, die nicht so schnell wieder kommt, ein Kapitel deutsch-deutsche Schachgeschichte aus sehr persönlicher ostdeutscher Sicht widerzuspiegeln, zumal es nur noch wenige so kompetente Zeitzeugen wie Wolfgang Uhlmann gibt. Und der ist aus gegebenem Anlass zu Recht Schirmherr des Symposiums Schach [in] der DDR. Die Veranstaltung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung findet am 16./17. Oktober in Dresden in Kooperation mit Ran ans Brett e.V. und der Emanuel-Lasker-Gesellschaft statt.

 

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Hans-Joachim Hecht, ROCHADEN – Schacherinnerungen, Edition Marco, Berlin 2015. 432 Seiten, 200 Abbildungen, Hardcover, 36,00 €, ISBN 978-3-924833-69-5

 

Wolfgang Uhlmann, Meine Besten Partien, Verlag ChessCoach, St. Ingbert 2015, 327 Seiten, mehr als 30 Bilder, Softcover, 34.80 €, ISBN  978-3-944158-07-5

 

Die Leseprobe zum Hecht-Band hat uns freundlicherweise Verleger Arno Nickel zur Verfügung gestellt. Bei den Verlagen möchten wir uns für die Rezensionsexemplare bedanken!

 

Eine Buchbestellung ist problemlos via Internet bei unserem Partner CHESSWARE [http://www.chessware.de/] oder auch direkt bei den Verlagen möglich [ www.edition-marco.de und www.verlag-chesscoach.de].

 

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