Weltcup-Vorschau

128 reisen nach Baku, einer wird gewinnen, zwei sind im Kandidatenturnier

12 Uhr heute

Venue
Nach zwei etwas verspäteten Beiträgen kommt dieser recht früh: „Anstoss“ in Baku ist erst am 11. September (bzw. tags zuvor „Technical Meeting“ und Eröffnungszeremonie). Aber im Laufe der Woche habe ich voraussichtlich wenig Zeit, und nach menschlichem Ermessen gibt es zwischenzeitlich auch keine neuen Fakten. Worum geht es beim Weltcup? Zum Teil habe ich es im Untertitel bereits erwähnt: die beiden Finalisten qualifizieren sich für das Kandidatenturnier, der Sieger bekommt darüber hinaus noch mehr Preisgeld und mehr ewigen Ruhm. Gespielt wird im KO-Modus: zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit (vier im Finale), danach eventuell Tiebreaks – Schnellschach, wenn nötig Blitzschach, wenn unbedingt nötig Armaggedon. Also halbiert sich das Teilnehmerfeld nach jeweils zwei bis drei Tagen. Der Weltcup ist für einige Spieler die wohl letzte Chance, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Für andere Spieler, mit denen man nicht unbedingt rechnen würde, ist es die einzige Chance (wer hatte 2013 Andreikin, Nummer 21 der damaligen Setzliste, auf der Rechnung?). Viele andere träumen wohl höchstens vom Finale, werden aber nach einigen Runden eventuell dennoch relativ zufrieden und etwas reicher abreisen.

 

Das Titelbild zeigt den Austragungsort – das Fairmont Baku Hotel befindet sich im nördlichen der drei laut Turnierseite (daher stammt auch das Foto) ikonischen Flame Towers. Die Teilnehmer werden sicher den richtigen Turm finden – und diesen dann womöglich kaum verlassen, da sie wohl auch in diesem Hotel übernachten.

 

Wer ist dabei? Eher könnte man fragen, wer nicht dabei ist. Aus den top10 fehlen nur Carlsen und Anand – sie sind bereits für WM-Match bzw. Kandidatenturnier qualifiziert. Wie auch (betrifft Kandidatenturnier) Caruana und Nakamura, aber sie sind in Baku dabei. Aus der top20 fehlt ausserdem nur Li Chao – der sich erst in letzter Zeit elomässig stark verbesserte (entscheidend war aber der Durchschnitt Februar 2014 bis Januar 2015) und offenbar auch bei den Asien-Meisterschaften nicht gut oder erfolgreich genug spielte. Damit habe ich bereits angedeutet, dass man sich nicht nur mit Elo für den Weltcup qualifizieren konnte, sondern auch über kontinentale Meisterschaften und teilweise Zonenturniere – die USA sind immer recht zahlreich vertreten, da die US-Meisterschaft zugleich ein Zonenturnier ist. Wenn es so auch nicht klappte, dann hatten Ausrichter und FIDE-Präsident noch ein paar Freiplätze zu vergeben – Chance für Azeris und/oder Spieler mit gutem Draht zu seiner Exzellenz Kirsan Ilyumzhinov.

 

Aus Deutschland konnte sich nur Liviu-Dieter Nisipeanu qualifizieren, und zwar bei der EM 2015. Damit ist er auch einziger Teilnehmer aus dem deutschen Sprachraum, denn der Österreicher Markus Ragger konnte sich bei der EM 2014 nicht qualifizieren, und war bei der EM 2015 nicht dabei. Mit inzwischen Elo fast 2700 wäre er eine logische Wildcard (von vielen), aber Kirsan hat sich anders entschieden. Seine Wahl fiel auf Hou Yifan (das begrüssen sicher viele, wobei sie schon 2013 eine Wildcard bekam), Guseinov (warum – laut Turnierseite auf Vorschlag des Ausrichters – noch ein Azeri, sie hatten doch schon vier Freiplätze?), Kovalenko, Inarkiev (beide +- logisch) und den Luxemburger IM Michael Wiedenkeller (wie bitte?). Der darf nun in der ersten Runde gegen Aronian spielen und bekommt dafür 6.000$ Antritts- oder, nach menschlichem Ermessen, Schmerzensgeld.

 

Damit ist bereits angedeutet oder wiederholt: auch wer früh ausscheidet, wird relativ grosszügig belohnt. Für das Erreichen von Runde 2-6 gibt es 10.000/16.000/25.000/50.000$. Der Verlierer des Finales bekommt 80.000$, der Sieger 120.000$ – und beide verdienen dann im Kandidatenturnier nochmals Geld. Nisipeanu ist einer von vielen Spielern, die aller Voraussicht nach nicht das Finale erreichen werden. Betrachten wir sein Programm (Paarungsliste hier oder auch hier): Schon in der ersten Runde hat er mit dem jungen Spanier David Anton Guijarro eine „lösbare“, aber keineswegs einfache Aufgabe. Danach käme im Erfolgsfall wohl Svidler, dann eventuell Radjabov, danach vermutlich Topalov. In KO-Turnieren hatte er schon für die eine oder andere Überraschung gesorgt, aber das wären bereits mehrere hintereinander, und auch in eventuellen weiteren Runden wäre er Aussenseiter.

 

Sektion 1 habe ich bereits durchleuchtet – neben den erwähnten Topalov, Radjabov und Svidler zählt eventuell noch Wang Hao zu den Favoriten von 16 Sub-Teilnehmern. In Sektion 2 spielt Aronian zum Auftakt gegen Luxemburg, im weiteren Turnierverlauf womöglich gegen China (Wei Yi und Ding Liren). Zu den gefühlten top4 dieser Gruppe gehört auch noch David Navara. Sektion 3 hat So, Vitiugov, Vachier-Lagrave und Tomashevsky – sowie Le Quang Liem, aber um ihn wurde es in letzter Zeit relativ still. Zeit für eine 100%ige Prognose: MVL und Tomashevsky werden nicht, wie beim Weltcup 2013, beide das Halbfinale erreichen – nach dem möglichen direkten Duell in Runde 3 muss einer abreisen. Sektion 4 hat Gelfand, Wojtaszek, Leko und Giri. Sektion 5 mit Caruana, Mamedyarov und Harikrishna. Für einen Spieler der Startruppe von SOCAR Azerbaijan (auch Caruana zählt zum Aufgebot) ist nach Runde 4 Schluss. Sektion 6 ist russisch dominiert: Kramnik, Karjakin und Andreikin. Ich zeige noch Titelverteidiger Kramnik – ihn erwartet eventuell in Runde 3 die Revanche gegen den damaligen Finalgegner Andreikin und in Runde 4 ein ergebnisoffenes Duell mit Karjakin.

Kramnik Tromso 2013

Das Foto ist zwei Jahre alt und stammt von der Tromso-Turnierseite. Bisher konnte übrigens noch niemand seinen Weltcup-Titel verteidigen, und nur wenige erreichten mehrfach das Halbfinale. Sektion 7 ist russisch-ukrainisch dominiert: Grischuk, Eljanov, Ivanchuk und Jakovenko. Und in Sektion 8 spielen u.a. Nakamura, Adams, Dominguez und Nepomniachtchi.

 

Einige Teilnehmer werden wohl, zumindest wenn sie selbst ausscheiden, auch anderen die Daumen drücken: Wenn Caruana oder Nakamura das Finale erreichen, ist Jakovenko als Dritter der Grand Prix Gesamtwertung für das Kandidatenturnier qualifiziert. Wenn mit Topalov oder Giri einer der momentan im Kandidatenturnier-Elorennen Führenden das Weltcup-Finale erreicht, steigen die Chancen der nächsten im Rennen – nach aktuellem Stand Grischuk, dann Kramnik, dann Aronian. Jeweils gilt „oder“, denn Caruana und Nakamura sowie Topalov und Giri würden im Halbfinale gegeneinander spielen. Das heisst auch, dass Jakovenko sowie Grischuk/Kramnik/Aronian bei diesen Halbfinal-Paarungen entspannt zuschauen könnten – zumindest aus subjektiv-egoistischer Sicht ist dann egal, wer das Finale erreicht (Kramnik würde wohl doch Giri die Daumen drücken, nicht nur weil dieser russische Wurzeln hat).

 

Ich verzichtete auf „unsichere“ Prognosen. Nur eines ist im KO-Format beinahe garantiert: Es wird im Turnierverlauf die eine oder andere Überraschung geben. Gespielt wird um 15:00 Ortszeit, das ist 12:00 in Mitteleuropa. Und zwar nonstop – nur vor dem Finale gibt es einen Ruhetag für alle, bzw. für die letzten beiden von hundertachtundzwanzig. Wer sich in den beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit durchsetzt, hat aber einen Ruhetag vor der nächsten KO-Runde – während andere, eventuell auch der nächste Gegner, Schnellschach und wenn nötig Blitzschach spielen.

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