Erste Runde beim Weltcup

Wer ist Cristobal Henriquez Villagra?

12 Uhr heute

Nisipeanu
Bisher wurden beim Weltcup in Baku 201 Partien gespielt. Das ist viel mehr als ich besprechen kann, und auch mehr als 2*64=128, was das Minimum gewesen wäre. Aber einige Teilnehmer mussten in Tiebreaks nachsitzen, darunter auch einige der Favoriten (definiere ich hier mal als die ersten 20 der Setzlise). Die meisten aus diesem Kreis konnten sich für die nächste Runde qualifizieren – nicht alle souverän, in zwei Fällen mit Blitz aber eher ohne Donner. Aber einer wurde nach dem Nachsitzen auch noch von der Schule verwiesen – dabei hat er den Spitznamen “Professor”, und sein junger Gegner ist vielleicht noch Gymnasiast.

 

Wer ist Cristobal Henriquez Villagra? Womöglich kommen noch weitere Erfolge, zum Beispiel der GM-Titel. Bis dahin ist er der chilenische IM (*1996), der Boris Gelfand im Weltcup besiegte. Das Titelbild (Quelle für alle Fotos Turnierseite) zeigt aber nicht ihn, sondern den wohl einzigen Teilnehmer mit Pferdeschwanz – obwohl auch drei junge Damen im Turnier dabei waren, von denen eine etwas mühsam-glücklich die nächste Runde erreichte, eine trotz Niederlage zufrieden sein kann, und eine erwartungsgemäss überfordert war. Gemeint sind Hou Yifan (gegen Rafael Leitao), Mariya Muzychuk (gegen Mickey Adams) und Deysi Cori (gegen Vlad Kramnik). Nebenbei war und ist der fotografierte Liviu-Dieter Nisipeanu der einzige Deutsche im Turnier.

 

Zunächst zu den Favoriten: Topalov, Nakamura, Caruana, Giri, So, Kramnik, Ding Liren, Aronian, Karjakin, Svidler, Mamedyarov und Wojtaszek qualifizierten sich recht souverän – auch wenn einige dem Gegner einen halben Punkt aus zwei Partien gönnten (Giri nicht freiwillig und sehr widerwillig). Das sind 12 von 20. Adams musste auch nicht nachsitzen, hatte aber doch einige Mühe mit Mariya Muzychuk – die mit Schwarz solide remisierte und mit Weiss lange besser stand, bevor ihr die Partie noch entglitt. Sieben mussten in die Verlängerung, teilweise die verlängerte Verlängerung. Zum Teil lag es daran, dass man mit solidem Spiel Gegner mit immerhin Elo 2400+ nicht unbedingt besiegen kann, wenn diese auch solide spielen. Leinier Dominguez machte es anders, und das konnte erst recht schief gehen. Gegen den Argentinier Federico Perez Ponsa (auch ein Name aus der Rubrik “nie gehört”, aber immerhin GM mit Elo 2563) spielte er Najdorf-Sizilianisch. Das kennt er gut, dennoch verlor er – da sein in der Mitte verbliebene König irgendwann anfälliger stand als der lang rochierte weisse König.

Dominguez-Perez

Tags darauf erreichte er, wieder in einer recht hochtheoretischen Variante, mit Weiss nichts – bis der Gegner eine Figur einstellte. Dafür bekam Perez “eigentlich” genug Bauern um remis zu halten (bzw. Weiss behielt zu wenige Bauern, zu seinem Läufer nur den falschen Randbauern), aber nach 119 Zügen gewann Dominguez – am Ende mit Mattdrohungen. Offenbar war erst 114.-Tb3? was unnötig den f-Bauern einstellte der entscheidende schwarze Fehler. Wiederum tags darauf konnte Perez die erste Schnellschach-Partie mit Weiss remis halten, und verlor die zweite mit Schwarz relativ glatt. Tomashevsky (gegen Rahman) und Radjabov (gegen Sevian) remisierten zweimal mit klassischer Bedenkzeit, und gewannen zweimal im Schnellschach – dafür kann man noch Note 2-3 geben, jedenfalls erreichten sie die nächste Runde ohne jemals wirklich Gefahr zu laufen oder Caissas Hilfe zu benötigen.

 

Grischuk und Jakovenko machten kurzen Prozess mit ihren IM-Gegnern Atabayev und Iljiushenok – allerdings erst im Blitz nach zuvor klassischer Bedenkzeit, Schnellschach (25 Minuten plus 10 Sekunden pro Zug) und Semi-Blitz (10/10).

Atabayev-Grischuk

Grischuk remisierte die ersten sechs Partien – unglaublich, welche klaren Gewinnchancen er in der ersten Schnellpartie und in der ersten Semi-Blitzpartie ausliess. Aber Blitz ist halt seine Lieblingsdisziplin.

Jakovenko-Iljiushenok

Jakovenko (im Bild links) remisierte zweimal klassisch und gewann dann die erste Schnellpartie. Da hatte sein Gegner optisch gefährlichen Königsangriff, aber Jakovenko konnte das neutralisieren, die Damen abtauschen und behielt langfristige positionelle Vorteile. Dann konterte Iljiushenok! In einer scharfen Variante, die Jakovenko bereits mehrfach gespielt hatte (aber warum ein scharfes Abspiel, wenn Remis reicht?) bekam er wiederum “optischen” Königsangriff, und diesmal war er durchschlagend. Welche Gespenster Jakovenko im 14. Zug sah (14. – 0-0 ist laut Engines völlig OK, 14.-Tf8? was er spielte bereits hoffnungslos) weiss nur er selbst. Die erste Semi-Blitzpartie war dann immer etwa oder fast (leichte Vorteile für Iljiushenok mit Weiss) ausgeglichen, in der zweiten Semi-Blitzpartie vergab Jakovenko zweimal den forcierten Sieg. Nach langem Manövrieren konnte er mit der Dame entscheidend eindringen. Dann opferte er unnötig einen Springer für ein paar Bauern, aber nach Damentausch war dieses Endspiel wiederum gewonnen, falls man den Gewinnweg findet. Natürlich war die Bedenkzeit beiderseits sehr knapp. Die Blitzpartien waren dann, wie auch bei Grischuk, zu einseitig um sie näher zu besprechen.

Turniersaal mit Gelfand-Henriquez

Ein Eindruck vom Turniersaal, mit ganz vorne dem Duell das ich als nächstes bespreche. In der ersten Partie mit klassischer Bedenkzeit hatte Gelfand Läuferpaar gegen Springerpaar – in relativ offener Stellung ist das Läuferpaar besser, aber wie diesen Vorteil ausbauen? Durch langes, geduldiges Manövrieren, aber der Chilene hielt stand – bis kurz vor Schluss. Zuvor blieb zweimal hinter den Kulissen, dass Springer latent trickreich sind: Mit 56.-Se5! oder später 69.-Sd6! konnte Schwarz jeweils eine Qualität gewinnen (auch wenn Weiss dafür dann vielleicht im Remissinne ausreichende Kompensation hatte). Später verirrte sich ein schwarzer Gaul mit 71.-Sb1? und Weiss konnte ihn dort verhaften. Einige Verwirrung entstand: Warum Remis, obwohl Engines in der vermeintlichen Schlusstellung “Weiss gewinnt!” rufen? Es war nicht die Schlusstellung: Gelfand spielte das sub-suboptimale 73.Db5? und bot schnell remis, bevor der Gegner eventuell auf dumme Gedanken kommt – nach 73.-De4! stünde nun Schwarz zumindest leicht besser.

 

In der zweiten klassischen Partie spielte Gelfand “seinen” Sweschnikov-Sizilianer, und das wird oft quasi forciert remis, so auch hier und heute. In der ersten Schnellpartie stand Gelfand mit Schwarz besser, aber es reichte nicht zum Sieg. Dann eben in der zweiten Partie mit Weiss!? Wieder hatte er Läuferpaar gegen Springerpaar, aber diesmal waren die Läufer in geschlossener Stellung total abgemeldet. Auf der Suche nach Aktivität wählte Gelfand die völlig falschen Mittel und wurde am Ende eher vernichtet als nur besiegt.

 

Es ist vermutlich kein Trost für Gelfand, aber auch zwei andere ehemalige Sieger in KO-Wettbewerben können bereits nach Runde 1 ihre Koffer packen. Nun ist Kamsky nicht mehr der Kamsky, der er mal war, und hatte daher mit Hrant Melkumyan bereits zum Autakt einen (zu) starken Gegner. Er hat vielleicht bereits die Heimreise angetreten, da für ihn nach zwei Partien Schluss war. Kasimdzhanov remisierte dagegen unaufhaltsam gegen den Kanadier Anton Kovalyov, bis er die zweite Blitzpartie verlor.

Kasimdzhanov2

Auf diesem Foto denkt Kasimdzhanov vielleicht “wo ist meine Uhr?”. Die mussten er und alle anderen im Hotelzimmer hinterlassen oder spätestens bei der Sicherheitskontrolle abgeben – verschärfte Anti-Betrugsregelen, auch Uhren und eigene Kugelschreiber sind potentiell illegale Hilfsmittel (natürlich haben die Ausrichter Schreibgeräte für die Spieler). Darüber hat chess.com sehr kritisch berichtet, Livekommentator (zusammen mit Miroshnichenko) Sutovsky hat es dagegen begrüsst – schliesslich hat er als ACP-Präsident derlei schärfere Kontrollen lange eingefordert. Ich will dieses Thema nicht weiter vertiefen.

Kovalyov-Kasimdzhanov

Ich zeige Kasimdzhanov noch einmal zusammen mit seinem Gegner, womöglich der globalste Spieler des Turniers. Laut Wikipedia ist Kovalyov gebürtiger Ukrainer, 2000 wanderte er (wohl mit seinen Eltern, damals war er 8 Jahre alt) aus nach Argentinien und dort lernte er Schach, inzwischen wohnt er in Kanada und vertritt seit 2013 die kanadischen Farben. Da kann ein anderer Ex-Ukrainer (Alexander Ipatov, später Spanier, aktuell Türke) nicht mithalten!

 

Einen Vorteil hat Kasimdzhanovs Ausscheiden vielleicht aus deutscher Sicht: ab sofort kann er sich auf seine nächste Aufgabe vorbereiten – Eröffnungscoach der deutschen Truppe bei der Mannschafts-EM in Reykjavik im November. Vielleicht kann er schon heute Nisipeanu Tips geben zu seinem nächsten Gegner – schliesslich hat Svidler einige Eröffungsvideos aufgenommen und ist auch sonst nicht zu unterschätzen.

 

Drei Matches will ich noch kurz besprechen, am kürzesten zu Nisipeanu-Anton Guijarro denn da war nach zwei Partien Schluss (das Ergebnis kennt der Leser bereits). Mit Weiss gewann Nisipeanu (vor allem) dank einem vorgerückten Freibauern. Mit Schwarz stand er in komplizierter Stellung zunächst eher besser, später schlechter – aber ohne wirklich in Verlustgefahr zu geraten. Endstand 1,5-0,5. Lu Shanglei – Moiseenko 2,5-1,5: Der Chinese gewann zunächst mit Weiss, ebenfalls dank eines vorgerückten Freibauern. Unter Siegzwang konnte Moiseenko ausgleichen, und zwar spektakulär – wobei es Lu Shangleis Geheimnis ist warum er mit 17.-g5 das Figurenopfer auf h6 zuliess bzw. “einforderte”. Zumindest laut Engines war es aus seiner Sicht noch OK, aber dann reagierte er falsch – und am Ende war wieder ein weisser Freibauer mitschuldig an der schwarzen Niederlage. Schön der Reihe nach: Nisipeanu hatte einen auf der c-Linie, Lu Shanglei auf der d-Linie und Moiseenkos tödlicher Bauer stand auf e7. In der ersten Schnellpartie verlor Moiseenko aus (optisch) aussichtsreicher Stellung heraus völlig den Faden: nach einem schwarzen Qualitätsopfer im Endspiel entschieden diesmal Freibauern auf der a- und b-Linie. In der zweiten Schnellpartie hatte Lu Shanglei jederzeit alles unter Kontrolle und konnte eventuell mit Mehrbauer auf Gewinn spielen, aber Remis reichte ja.

Guseinov-Matlakov

Falls ich nichts übersehen habe (was durchaus sein kann) war Guseinov-Matlakov 3-1 vielleicht das dramatischste Duell bisher. In der ersten Partie (Spanisch, also wird manövriert) machte Guseinov mit Schwarz Fortschritte am Damenflügel, erlaubte dann aber zu viel weisse Aktivität am Königsflügel und im Zentrum und verlor. In der zweiten Partie spielte Lu Shanglei Königsindisch, und es entstanden königsindische Motive “etwas anders”: Was ist stärker, weisse Freibauern am Damenflügel oder schwarze Mattdrohungen? Mattdrohungen sollte man denken, und so war es auch “objektiv” bzw. aus Computersicht, jedenfalls für einige Züge vor der Zeitkontrolle. Aber dann spielte Schwarz falsch weiter, und nun waren die weissen Freibauern partieentscheidend – mal abgesehen vom beiderseits 40. und 41. weissen Zug, da war die Stellung vorübergehend ausgeglichen. Die erste Schnellpartie war eine Kopie der zweiten klassischen Partie unter umgekehrten Vorzeichen: Weiss stand zunächst klar besser, Schwarz gewann – der mitdenkende Leser weiss, dass Guseinov Schwarz hatte. In der zweiten Schnellpartie musste Matlakov also gewinnen, was tun? Er spielte eine riskante sizilianische Variante und wurde taktisch verprügelt, ab dem thematischen Opfer 15.Sd5! .

 

Es gibt sicher noch viel mehr zu entdecken, aber – wie eingangs erwähnt – ich kann unmöglich auf alle 201 Partien eingehen!!

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