Weltcup Runde 2

Buchstabenspiele, Zahlenspiele und Favoritenstürze

Heute ab 12 Uhr

Areshchenko
Noch 32 Spieler sind im Rennen – da könnte es sein, dass alle Buchstaben des Alphabets etwa gleichmässig vertreten sind. Das ist aber eher nicht der Fall. Es bietet sich an, mit A anzufangen, und da haben wir bereits drei Namen im Angebot: Andreikin, Areshchenko und Adams – in dieser Reihenfolge haben sie sich für die dritte Runde qualifiziert. Andreikin erwartungsgemäss und relativ problemlos, Areshchenko überraschend, Adams erwartungsgemäss aber erst (da haben wir schon wieder ein A) im Armaggedon. Das Titelfoto (alle Fotos wieder von der Turnierseite) bekommt Alexander Areshchenko, nicht nur wegen des doppelten A sondern vor allem weil sein Gegner Levon Aronian auch A-Status hat und dennoch das Nachsehen hatte.

 

Das Ende des Alphabets ist aber auch reichlich vertreten, nun in der Wikipedia-Reihenfolge Topalov, Lu Shanglei (falls Shanglei der Nachname ist), Radjabov, Svidler (der Nisipeanu eliminierte), Wei Yi (egal was Vor- und Nachname ist), Wesley So (dito), Vachier-Lagrave, Tomashevsky, (überraschend) Sethuraman und Yu Yangyi. Zhigalko verlor allerdings gegen Topalov. Und natürlich noch einiges zwischendrin.

Geographisch sieht es so aus: Armenien und Afrika sind komplett ausgeschieden – wobei der Ägypter Bassem Amin Jakovenko alles abforderte und eigene Chancen nicht ausreichend nutzte. Aserbaidschan hat noch drei Spieler im Rennen – neben dem bereits erwähnten Radjabov auch Mamedyarov und überraschend Guseinov. China ist noch vierfach vertreten, neben den bereits Genannten auch Ding Liren. Die USA sind mit ihrer top3 Caruana, Nakamura und So vertreten. Russland stellt acht Spieler –  Andreikin, Grischuk, Jakovenko, Karjakin, Kramnik, Nepomniachtchi, Svidler, Tomashevsky. Die Ukraine hat noch Areshchenko, Eljanov und Ivanchuk. Das sind zusammen 21 von 32, 11 Länder (aber die nenne ich nicht alle) haben noch jeweils einen Spieler.

 

Noch ein bisschen Geographie: In Runde zwei trafen viermal Landsleute aufeinander. Zweimal gewann der Elo-Aussenseiter. Lu Shanglei besiegte Wang Hao, der vielleicht den Höhepunkt seiner Karriere hinter sich hat, und Sethuraman gewann überraschend gegen Harikrishna. Dagegen besiegte Nakamura Shankland – zwar erst im Schnellschach aber das war vielleicht so geplant: die beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit dauerten 18 und 20 Züge. Und Grischuk gewann gegen Fedoseev, Grischuk-typisch erst nach Verlängerung – diesmal bereits im Semi-Blitz (Endstand 3,5-2,5) aber bis auf die zweite Schnellpartie war zuvor alles ausgekämpft.

 

Wie bereits angedeutet: In den Partien mit klassischer Bedenkzeit gab es diverse Kurzremisen, nicht nur von Hikaru „sometimes a fighter“ Nakamura sondern unter anderem auch von Topalov. Dessen Manager Danailov hatte auf Twitter kritisiert, dass der Weltcup keine Sofia-Regeln kennt, und was macht sein Schützling? Remis in 11 Zügen gegen Zhigalko, allerdings mit Schwarz. Ich kann mir vorstellen, dass Zhigalkos Remisangebot eher psychologisch war – den Gegner „zwingen“, mit Schwarz auf Gewinn zu spielen, aber dann sagt Topalov „einverstanden!“. Den Regeln entsprechend konnte Zhigalko nicht mit „so war das nicht gemeint!“ kontern, und verlor tags darauf glatt mit Schwarz. Ebenfalls schnell einig waren sich, wiederum je zweimal, Svidler und Nisipeanu sowie Giri und Motylev – da dominierte dann im Schnellschach jeweils der Favorit. Eine andere Kategorie war dagegen das „scheinbare“ Kurzremis zwischen Tomashevsky und Nguyen Ngoc Truong Son: zwar wurden nur 23 Züge gespielt, aber die Stellung war scharf bis chaotisch – zwei luftige Könige – bei beiderseits bereits knapper Zeit: Weiss (Tomashevsky) hatte noch 5 Minuten für 17 Züge, Schwarz immerhin 14 Minuten. Jeweils plus Inkrement, aber ich kann nachvollziehen wenn beide Zeitnot-Roulette vermeiden wollten. Der Leser weiss bereits, dass Tomashevsky am Ende gewann – im Semi-Blitz, nachdem in den Schnellpartien jeweils Weiss klar auf Gewinn stand und dann, wie natürlich auch Schwarz, Remis spielte.

 

Die relativ glatten Favoritensiege – nach zwei oder spätestens (einschliesslich Schnellschach) vier Partien – will ich nicht näher besprechen. Im Rest dieses Berichtes stehen Überraschungen und knappe Matches im Mittelpunkt. Einheimische Fans freuten sich sicher über Guseinov-Navara 1.5-0.5 – noch ein Foto für Guseinov, auch wenn ich ihn bereits im ersten Bericht hatte:

Guseinov

In der ersten Partie spielte Navara Caro-Kann. Da ist heutzutage 3.e5 quasi die Hauptvariante, aber auch das „alte“ 3.Sd2 dxe4 (oder 3.Sc3 dxe4) kann bei heterogenen Rochaden spannende Stellungen liefern. In dieser Partie rochierte Schwarz einen Zug zu früh – 17. – 0-0 verdient, vom weiteren Partieverlauf her, ein Fragezeichen. Weiss liess sich nicht lumpen und opferte direkt mit 18.Lxh6 – wobei: war das ein Opfer? Es führte forciert zu einer Stellung mit für Weiss Dame und drei Bauern und für Schwarz Turm und zwei Leichtfiguren. Das gab es bereits einmal (Kokarev-Gavrilov, Moskau Open 2014); Navara kannte diese Partie und dachte, dass Schwarz OK ist. Ich kann das nicht beurteilen, und Computer bevorzugen in derlei Stellungen oft die Dame. Navara verpasste die Gelegenheit, seine Figuren optimal zu koordinieren – die Chance hatte er jedenfalls mit 29.-Se3! nebst -Tdd2 – und Weiss gewann. In der zweiten Partie bekam Weiss keinen Vorteil, Guseinov wiederholte in für ihn zumindest leicht besserer Stellung die Züge.

 

Sethuraman-Harikrishna 1,5-0,5: In der ersten Partie erreichte der Favorit mit Weiss nichts, oder jedenfalls zu wenig – das Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und Mehrbauer wurde Remis. In der zweiten Partie fiel Harikrishnas Berliner Mauer, da er kurz hintereinander erst einen Bauern und dann eine Figur einstellte.

 

Areshchenko-Aronian 3-1! Die beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit endeten Remis. In der zweiten Partie erreichte Aronian mit der russischen Variante (4.Sf3/5.Db3) nichts gegen Areshchenkos Grünfeld-Inder, also versuchte er in der ersten Schnellpartie die Abtauschvariante nebst Lc4 und opferte später einen Bauern. Das war womöglich korrekt oder spielbar, aber so wie er weiterspielte hatte er schlichtweg einen Bauern weniger – auch noch im späteren Springerendspiel. Nach 57 Zügen sagten Engines „Matt in 10 Zügen!“, nach 101 Zügen gab Aronian auf. Areshchenko hat das Endspiel also nicht optimal behandelt, aber es reichte zum Sieg. Allerdings konnte Aronian offenbar zwischendurch dreimalige Stellungswiederholung reklamieren. Das macht man jedoch unter den gegebenen Umständen wohl nur, wenn man sich ganz sicher ist – bei falscher Reklamation bekommt der Gegner wohl einen Zeitbonus, und dann steigen seine Chancen, den Vorteil zu verwerten, deutlich. So hatten beide permanent nur noch Sekunden auf der Uhr.

Aronian-Areshchenko

Das ist der Beginn der zweiten Partie – Aronian, mit Schwarz unter Siegzwang, wählte das moderne 1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 a6 4.f4 b5 5.Sf3 b4. Es half nichts, Weiss stand durchgehend besser und gewann auch diese Partie (vielleicht verpasste Aronian den letztmöglichen Zeitpunkt, um Remis anzubieten?). Nach seinem Triumph beim Sinquefield Cup hatte Aronian sich übrigens rasiert, was wird er nun machen? Verschiedentlich liest man, dass der Weltcup seine letzte Chance war, um sich doch für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Das stimmt nicht unbedingt, auch im Elorennen hat er noch gewisse Aussenseiterchancen – jedenfalls wenn Topalov oder Giri (und bevorzugt auch noch aus der anderen Paarungshälfte Grischuk oder Kramnik) das Weltcup-Finale erreichen sollten. In diesem Sinne war es immerhin „richtig“, erst im Schnellschach auszuscheiden – klassisch ist Aronian beim Weltcup nun genau im Elosoll (2-0 gegen IM Wiedenkeller und zweimal remis gegen Areschchenko).

Adams-Laznicka

 

Adams-Laznicka 5-4 war, nicht nur wegen Überlänge, wohl DAS Match dieser Runde. Mal gewann der eine, mal der andere – erst die beiden Blitzpartien endeten „aus Versehen“ remis. In der ersten Partie verlor Adams kurz nach der Eröffnung einen Bauern, und damit letztendlich die Partie. Ein Weissieg musste her, und er zerlegte Laznickas Sizilianer spekakulär. Getreu dem Englischen „when it rains, it pours“ regnet es manchmal auch in Sizilien. In der ersten Schnellpartie spielte Laznicka eine andere sizilianische Variante und verlor erneut – diesmal nicht durch direkten Königsangriff, sondern im Endspiel. In der zweiten Schnellpartie stellte Adams wieder einen Bauern ein – bereits im achten Zug wurde er Opfer eines taktischen Motivs, das ein Spieler seines Kalibers kennen sollte, aber im Eifer des Gefechts … . Das waren genug Weissiege, im Semi-Blitz war Schwarz dran: Adams spielte einen Igel-Aufbau, und Igel haben Stacheln – erneut Vorteil Adams. Nun spielte Laznicka Skandinavisch und gewann, aber es lag eher nicht an der Eröffung: anfangs stand er schlecht aber meisterte die Verwicklungen letztendlich besser. Blitz und der nächste Schwarzsieg? Beinahe, aber Laznicka gab in klar besserer Stellung Dauerschach. Keine allzu grossen Aufregungen in der zweiten Blitzpartie – remis und Armaggedon. Und da gewann Adams mit Weiss souverän.

 

Es gab noch mehr Überraschungen in Runde 2.1, unter anderem Onischuk-Karjakin 1-0 – ich kann nicht erklären, warum Karjakin verlor aber er hat verloren. Unter Siegzwang spielte er die zweite Partie betont ruhig-positionell und gewann ein Endspiel mit beiderseits zwei Türmen und ungleichfarbigen Läufern. Dafür gab es Twitter-Lob von Magnus Carlsen, „Erfinder dieser Methode“.

Onischuk-Karjakin

In der ersten Schnellpartie hatte Karjakin ein Endspiel mit Türmen, gleichfarbigen Läufern und Mehrbauer, aber das wurde remis. Die zweite Schnellpartie war ein munterer Schlagabtausch mit am Ende Dauerschach. In der ersten Semi-Blitzpartie opferte Onischuk korrekt eine Qualität, aber setzte kurz danach inkorrekt fort – Vorteil Karjakin, der auch die nächste Partie mit Schwarz langsam aber sicher gewann. Damit Karjakin-Onischuk 4-2 – nicht unbedingt souverän, aber was zählt ist das Erreichen der nächsten Runde.

 

Nur Adams und Laznicka armaggedonisierten, aber noch zwei Matches gingen in die doppelt verlängerte Verlängerung. Wei Yi-Vovk 5,4-3,5: Der junge Chinese hätte sich einige Aufregungen sparen können, wenn er nach einem recht glatten Sieg in der ersten Partie tags darauf ein ausgelichenes Endspiel nicht misshandelt hätte. Aber so wurde dem Publikum noch einiges geboten. Nicht unbedingt in den Schnellpartien, zwei korrekte Remisen. Vovk gewann die erste Semi-Blitzpartie: Da hatte Weiss klaren materiellen Vorteil (zwei Figuren UND Bauer gegen Turm), aber die wacklige Stellung seiner Figuren und sein luftiger König waren in die andere Richtung partieentscheidend. In der nächsten Partie deutete sich eine Sensation an: Wei Yi stand zunächst klar schlechter, aber gewann am Ende doch. Dieses Kunststück – aus schlechterer Stellung heraus gewinnen – wiederholte er in der ersten Blitzpartie, und die zweite war Formsache, jedenfalls zu Beginn: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5!! (Remis reicht) usw. – Vovk erarbeitete sich, bzw. Wei Yi „gönnte“ ihm dann doch gewisse Chancen, aber dann wurde es doch remis.

 

Nepomniachtchi-Fressinet 4,5-3,5 begann mit sieben Remisen, bevor der „Elo-Favorit“ (Nepo hat Elo 2705, Fressinet hat 2702) in der zweiten Blitzpartie siegte. Die Remisen waren durchweg ausgekämpft inklusiv Spektakel vor allem in der zweiten klassischen und der ersten Schnellpartie. In Runde 2.2 hatte Fressinet eine Mehrfigur, aber aufgrund seines luftigen und auf d1 entrochierten Königs nicht mehr als Dauerschach. Umgekehrt in der nächsten Partie: Fressinet opferte eine Figur, dafür stand der schwarze (Nepos) König luftig und Weiss gab Dauerschach. Das war nicht mehr zu übertreffen, die nächsten Partien verliefen ruhiger. In der entscheidenden Partie stand Fressinet gut und patzte dann.

 

Auch dieser Bericht ist naturgemäss selektiv-unvollständig, mehr gibt es nicht mehr zu Runde 2. Allerdings noch eine Vorschau auf Runde 3 mit ein paar sicheren Prognosen:

  • Mindestens ein Russe erreicht die nächste Runde, denn (wie bereits im Vorbericht angekündigt) die Finalisten des letzten Weltcups, Kramnik und Andreikin, spielen nun gegeneinander.
  • Der Buchstabe N erreicht Runde 4, Nakamura spielt gegen Nepomniachtchi.
  • Einige Einzelkämpfer (Spieler ohne Landsleute im Turnier) erreichen Runde 4, aufgrund der Paarungen Granda-Wojtaszek, Leko-Giri und Adams-Dominguez.
  • Mindestens ein Nordamerikaner erreicht die vierte Runde: Caruana spielt gegen den Kanadier Kovalyov. Europa ist auch weiterhin im Turnier vertreten: neben Kramnik-Andreikin und Leko-Giri gibt es noch drei ex-sowjetische Paarungen (Radjabov-Svidler, Grischuk-Eljanov und Ivanchuk-Jakovenko). Ob Asien sicher Runde 4 erreicht ist Definitionssache: Ist Wesley So (spielt gegen Le Quang Liem) nach wie vor auch Filipino?

Das sind neun von sechzehn Paarungen, den Rest findet der Leser z.B. bei Wikipedia.

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