Weltcup Runde 3 Teil 1

Wer ist weiter, wer muss nachsitzen?

 

IKarjakinmmer noch fehlt mir Zeit und Platz, um alle Matches zu besprechen und alle Ergebnisse zu nennen – die findet der Leser anderswo im Internet, zum Beispiel recht übersichtlich auf Wikipedia. Da die Duelle langsam hochkarätiger werden, ist der Bericht zu Runde 3 zweigeteilt, und Teil I veröffentlichlivee ich schon heute aktuell. Das Titelfoto (Quelle für alle Fotos Turnierseite, diesmal auch aus der Rubrik „Pressekonferenzen“) bekommt heute Sergey Karjakin. Sein Bart überzeugt mich immer noch nicht, sein Auftritt in Runde 2 war eher durchwachsen, aber in Runde 3 spielte er für mich am überzeugendsten von allen.

 

Um diese Runde, was die klassischen Partien betrifft, kurz zusammenzufassen: Es gab Duelle etwa auf Elo-Augenhöhe, diese endeten entweder doppelt remis oder einer von beiden gewann und kann sich morgen ausruhen. Letztere Matches werden Schwerpunkt dieses Berichtes. 1-1 mit jeweils einem Sieg gab es in dieser Runde gar nicht. Zwei Spieler aus dieser Gruppe versuchten, in Runde 3.2 einen Rückstand auszugleichen; beiden gelang dies nicht einmal ansatzweise. Dann gab es auch Duelle, in denen ein Spieler klar favorisiert war – da gewannen mit einer Ausnahme die Favoriten. Was „klarer Favorit“ betrifft, habe ich ein kleines Definitionsproblem:

Der Leser mag einwenden, dass es dafür doch Elozahlen gibt? Ja schon, und geplante Definition war „mehr als hundert Elopunkte Differenz“. Aber die Elolücke zwischen Mamedyarov und Sethuraman sowie Wojtaszek und Granda ist etwas kleiner – dennoch war der jeweils zuerst Genannte für mich klarer Favorit und gewann dann auch. Dabei ist Granda durchaus unberechenbar, immerhin hatte er beim Weltcup 2013 Leko und Giri ausgeschaltet. Andererseits ist die Elolücke zwischen Nakamura und Nepomniachtchi momentan knapp über 100 Punkte – dennoch war Nakamura für mich kein klarer Favorit, und dieses Match geht dann auch in die Verlängerung. Da spielt eine Rolle, dass Elozahlen jeweils nur Momentaufnahmen sind: Nakamura hat aktuell ein Elohoch (2814), und Nepomniachtchi ein Tief (2705), im Mai dieses Jahr stand es 2799-2728. Topalov war gegen Lu Shanglei klarer Favorit, auch wenn der Chinese mit Elo 2599 wohl unterbewertet ist. Aber auch er muss nachsitzen, da er in der ersten Partie klare Gewinnchancen ausliess. Nur soviel zu diesen Matches, die ich eventuell zusammen mit den Tiebreak-Partien noch näher besprechen werde.

Wei Yi – Areshchenko 1,5-0,5: In der ersten Partie wurde munter geopfert, dabei war die Stellung immer etwa (dynamisch) ausgeglichen und am Ende einigten sie sich auf Remis. Auch in der zweiten Partie wurde geopfert, zunächst eröffnungstheoretisch bekannt – gespielt wurde die Najdorf-sizilianische Bauernraubvariante. Areshchenko hatte diese schon oft auf dem Brett, zuletzt beim Open in Abu Dhabi wo er gegen Landsmann Kravtsiv bekannt-spektakulär remisierte. Wei Yi wählte das andere Abspiel (10.e5 statt 10.f5) und brachte dann die Quasi-Neuerung (bekannt aus einer wenig aussagekräftigen Fernpartie) 16.Tbd1. Danach opferte er nicht eine, sondern gleich zwei Figuren. Wenn Areshchenko das zweite Opfer angenommen hätte, hat Weiss womöglich nicht mehr als Zugwiederholung/Dauerschach. Aber nun wollte er die Damen tauschen – was zuvor möglich und „unklar“ war, nun jedoch einen Turm und damit per saldo eine Qualität kostete. Die schwarze Kompensation (Läuferpaar) war unzureichend, Weiss gewann.
Giri-Leko

Giri-Leko 1,5-0,5: „Experte“ Magnus Carlsen prognostizierte via Twitter neun Remisen (wer im Armaggedon Schwarz hat, ist eine Runde weiter). So kam es nicht … . Carlsen äussert sich gerne mal abfällig über Kollegen (seine Fans nennen das „norwegischen Humor“), in diesem Fall wurde es von verschiedenen Quellen übernommen – es war eben populistisch. Es bietet sich an, die beiden Partien durch die Carlsen-Brille zu betrachten. In der ersten Partie hatte Leko Weiss, gespielt wurde 1.e4 c5 2.Sf3 d6!? (Fingerfehler von Giri? Zuletzt spielte er vor allem 2.-e6 nebst Taimanov-Variante) 3.d4!? (Carlsen bevorzugt 3.Lb5+ – bitte keine Theorie, stattdessen manövrieren und auf gegnerische Fehler warten) usw. – auch hier wurde es ein Najdorf-Theorieduell, und zwar im englischen Angriff. Bis zum 24. Zug gab es das bereits – zuletzt allerdings nur noch zwei Partien auf „dreiviertelhohem Niveau“ (Saric-Korobov und Jakovenko-Artemiev, jeweils 2013). Giri hatte da erheblichen Zeitvorteil – schliesslich wusste er, dass Najdorf aufgetischt wird, für Leko war es wohl überraschend. Nach Lekos Neuerung 25.g6 überlegte auch Giri länger, und nach 29 Zügen wurde es remis. Man kann „gemischte Gefühle“ haben bei so einer Partie, aber es war sicher kein geschobenes oder langweiliges Remis.

Die zweite Partie verlief dann anfangs „wie erwartet“: Katalanisch, gepflegt-positionell, lange sehr nahe am Remis. Die Livekommentatoren hatten die Partie schon lange als unvermeidlich remis abgehakt – das war wohl objektiv korrekt, wenn Carlsen derlei Stellungen hat sind auch GM-Kommentatoren geneigt zu sagen „er wird sein Ding machen“. Irgendwann entdeckten Miroshnichenko und Sutovsky verblüfft: „sie spielen immer noch, und Giri gewinnt!“. Er konnte seinen latenten leichten Vorteil plötzlich konkretisieren – sicher hat Leko irgendwo-irgendwie-irgendwann ungenau gespielt, ganz ohne gegnerische Fehler kann niemand gewinnen. Danach unterhielten sich Carlsen und Giri auf Twitter: Carlsen: „@anishgiri makes a mockery of my prediction with a smooth technical performance. Congrats!“ [Anish Giri führt meine Vorhersage ad absurdum mit einer sauberen technischen Leistung. Gratulation!] Giri: „@MagnusCarlsen You are forgiven, Magnustrodamus, we are all humans! “ [Ich verzeihe Dir, Magnustradamus, wir sind alle nur Menschen] – die hashtag #salmon (Lachs) kapiere ich nicht.

 

Eljanov – Grischuk 2-0 !? Der nächste Favorit scheidet aus, Grischuk ist und bleibt Grischuk. Die erste Partie, Grischuk mit Weiss, wurde quasi im 7. und 8. Zug entschieden: 7.0-0 (21 Minuten) b6 (immerhin 7 Minuten) 8.Sc3 (22 Minuten). Später entstand ein semi-Endspiel mit Damen und Türmen: Weiss setzte auf seinen a-Freibauern, Schwarz bastelte an einem Mattangriff. Objektiv war es zunächst etwa ausgeglichen, dann stand Weiss gewonnen, dann Schwarz. Nach der Zeitkontrolle musste Grischuk seine Dame gegen den schwarzen Turm tauschen, dank des inzwischen nach a7 vorgerückten Freibauern hatte er womöglich eine Art Festung. Aber beide verbrauchten für den 41.-43. Zug fast die kompletten 30 extra Minuten, schon wieder Zeitnot, Grischuk fand das vielleicht rettende 48.h6 nicht.

Eljanov

Pavel Eljanov, zu seinen besten Zeiten immerhin (vorübergehend) top10

Die zweite Partie war eher Formsache: Eljanov spielte betont solide, Grischuk wählte eine Art Igel-Aufbau und versuchte daraus zu kontern. Dann wurde er erst am Damenflügel eingeschnürt (ein gedeckter weisser Bauer auf c6 deaktivierte den La8), später fiel die Entscheidung am Königsflügel. Grischuk verpasste womöglich den letzten Moment, um remis anzubieten und seine Matchniederlage zu akzeptieren. So verkleinern sich auch seine Chancen im Elorennen zum Kandidatenturnier (falls Topalov oder Giri das Weltcup-Finale erreichen sollten) – zusammen mit den vier Remisen in Runde 1 und 2 hat er insgesamt 22 Elopunkte im Kaspischen Meer versenkt (bzw. natürlich, den Regeln entsprechend, an seine Gegner übergeben). Wie bereits erwähnt: im Falle des Falles haben auch Kramnik und Aronian noch Chancen, sich über Elo für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Es kann kurios werden: Diese drei sind Teamkollegen (für Siberia) beim Europacup für Vereinsteams und müssen gegebenenfalls (heimlich) hoffen, dass die beiden anderen schlecht spielen. Danach verzichtet Kramnik auf die EM für Nationalteams und drückt eventuell Grischuks Gegnern die Daumen!?

Jakovenko-Ivanchuk 1,5-0,5: Die erste Partie (Ivanchuk mit Weiss) war ein nicht allzu spektakuläres Remis, mit Damen- und Turmtausch vom 12.-14. Zug und dann noch knapp 20 Zügen. In der zweiten Partie wurden die Damen nicht abgetauscht, sondern Ivanchuk opferte seine gegen Turm und Leichtfigur – vielleicht einigermassen korrekt, aber am Ende gewann Jakovenko. Hier zeige ich beide Spieler:

Sutovsky and Jakovenko

Jakovenko mit (links) Livekommentator Emil Sutovsky

 

Ivanchuk

Ivanchuk entspannt bis gelangweilt (das war Runde 3.1)

 

Die weiteren Runden kann Ivanchuk nun vielleicht bequemer vom heimischen Sofa aus betrachten. Es sei denn, er bleibt (das machen einige Spieler) vor Ort um Landsleuten zu helfen. Zum Beispiel kann er Eljanov verraten, wie man gegen dessen nächsten Gegner Jakovenko nicht spielen sollte.

 

Karjakin – Yu Yangyi 1,5-0,5 (gefühlt 2-0): In der ersten Partie hatte Karjakin Weiss und wiederholte quasi seinen Auftritt aus Runde 2.2 gegen Onischuk: wieder eine saubere Positionspartie, in der er einen leichten Vorteil langsam verdichtete. In der zweiten Partie akzeptierte er vom Gegner angezettelte Verwicklungen und opferte einen Bauern für sehr gute Kompensation. Yu Yangyi liess sich nicht lumpen und opferte seinerseits eine Qualität – das war vielleicht eher Verzweiflung, er musste ja unbedingt gewinnen. Völlig sinn- oder ideenlos war es vielleicht nicht, aber Karjakin stand mit Mehrqualität auf Gewinn – was auch Yu Yangyi irgendwann akzeptierte, also bot er remis und Karjakin war einverstanden.

 

Einige Matches der nächsten Runde sind bereits bekannt, mit einer Ausnahme herrscht Gerechtigkeit: Spieler die morgen einen Ruhetag haben spielen übermorgen gegeneinander, Tiebreak-Sieger treffen auf Tiebreak-Sieger. Die Ausnahme ist Karjakin gegen (Kramnik oder Andreikin), die bereits bekannten Duelle lauten Ding Liren – Wei Yi, Giri-Wojtaszek, Eljanov-Jakovenko und Caruana-Mamedyarov. Sicher im Viertelfinale sind ein Chinese (nur wer?), ein Russe (wer?) und ein Nicht-Russe-Ukrainer-Aserbaidschaner-Amerikaner (sondern Niederländer oder Pole).

 

Während insgesamt 14 Spieler morgen im Tiebreak schwitzen und eventuell eine kalte Dusche bekommen, werde ich selbst auch schwitzen und hoffentlich keine kalte Dusche unterwegs bekommen sondern nur eine warme hinterher. Ich habe um 14:00 einen Lauftermin (19km) – die Schnellpartien ab 12:00 erlebe ich vielleicht noch live, den eventuellen Rest muss ich danach rekonstruieren. Einen Teil des Berichtes zu Runde 3 habe ich hiermit abgehakt, bis später … !

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