WM-Medaille für Matthias und unerfüllte Erwartungen für mich

Ein persönlicher Rückblick auf die Junioren-Weltmeisterschaften in Chanty Mansijsk von FILIZ OSMANODJA

 

FILIZ OSMANODJA (by Maria Emelianova)

FILIZ OSMANODJA (by Maria Emelianova)

In unserem Abschlussbericht von den diesjährigen Junioren-Weltmeisterschaften [ http://www.chess-international.de/Archive/44129#more-44129 ] war erwähnt worden, dass wir gespannt sind, wie Filiz Osmanodja selbst, die in der Frauen-Bundesliga-Saison 2015/16 an Brett 3 der SF Friedberg gemeldet ist, ihr WM-Abschneiden mit Rang 16 beurteilen wird. Dem Schach-Ticker hatte sie nämlich diesen Beitrag zugesagt. Am gestrigen Freitagabend [18. September] ist ihr persönlicher Rückblick eingetroffen, den wir gern veröffentlichen!

 

Vor einem halben Monat ging unsere Reise los. Was mich betrifft, war es mein erstes Turnier in dem Schachland Russland, und ich war gespannt darauf, was mich erwarten würde. Matthias und ich trafen uns am Berliner Flughafen, um von dort erst nach Moskau und dann nach Chanty-Mansijsk zu fliegen. Das verlief alles relativ unkompliziert und wir kamen um 3 Uhr nachts Ortszeit in unserem Hotel an. Wir legten uns schnell hin, weil wir noch am selben Tag zur ersten Runde antreten mussten.

 

Bei Matthias ging das mit dem Schlafen in dieser Nacht recht gut, so dass er sogar das Frühstück ausfallen lies. Ich wurde allerdings gegen 5 Uhr nochmals geweckt, nämlich von meiner Zimmerkollegin, der Vietnamesin Thuy Trien Nguyen Thi (ELO 1900). Im Gegensatz zu Matthias leistete ich mir kein Einzelzimmer und nahm die Unannehmlichkeiten, die durch eine Mitbewohnerin in einem Doppelzimmer automatisch entstehen, mehr oder weniger gern in Kauf. Im Nachhinein bereue ich diese Entscheidung ein wenig, da ich doch ohne Jammern zu wollen, eine sehr eigenartige Zimmergenossin erwischt hatte, was wahrscheinlich auch an der völlig anderen Kultur und Traditionen in Vietnam im Vergleich zu Deutschland liegen mag. Nur um einige Beispiele zu nennen: sie machte sich eigentlich jeden Tag mitgebrachte chinesische Nudeln, weswegen es bei uns fast durchgängig nach Chinamann roch. Oder es waren bei uns eigentlich den ganzen Tag über die Vorhänge zugezogen, weil sie fast den ganzen Tag lang schlief. Ach ja und der wahrscheinlich unangenehmste Aspekt: ihre Englischkenntnisse gingen nicht über „win“ und „lost“ hinaus, weswegen Kommunikation einfach nicht möglich war und auch nicht betrieben wurde.

 

Genug gejammert… Kommen wir zum Schachlichen. Vielleicht haben es schon einige mitbekommen, dass es mit 0 aus 3 für mich katastrophal losging. Es war noch nicht mal so, dass ich in den Partien irgendwas übersehen hätte, sondern ich stand nach der Eröffnung eigentlich in allen drei Fällen schlechter und baute meinen Nachteil dann konstant aus. Somit war nach drei Runden das Turnier für mich bereits gelaufen, da ich wie immer mit dem ehrgeizigen Ziel angereist war, mindestens unter die ersten drei zu kommen, aber insgeheim scharf auf den Weltmeistertitel aus war.

 

Jetzt hieß es für mich Schadensbegrenzung zu betreiben und die restlichen Runden wenigstens als gutes Training zu nutzen. Meine Eltern, mit denen ich, zum Leid meiner Mitbewohnerin [es kamen regelmäßig Beschwerden über Google-Übersetzer von ihr], jeden Tag skypte, sprachen mir Mut zu und halfen mir damit auch gewaltig. Mein Vater pflegt bei so was immer zu sagen: „Geh davon aus, dass du alle Partien verlierst und 0 aus 13 holst, dann wirst du dich über jeden Punkt freuen und Verluste werden dich nicht mehr so ärgern.“

 

Schwacher Trost, aber immerhin habe ich am Ende doch noch ein paar Punkte gesammelt.   😀   Natürlich war ich zu diesem Zeitpunkt etwas geknickt und wäre gerne nach Hause gefahren, allerdings konnte ich es nicht darauf beruhen lassen und ein Turnier nicht mit drei derartig chancenlosen Partien abschließen und wollte wenigstens ein bisschen meine Qualitäten zeigen. So holte ich dann 6 aus 6 und war entsprechend froh mich einigermaßen vorgearbeitet zu haben und endlich gegen eine Favoritin, nämlich Nastassia Ziaziulkina aus Weißrussland, antreten zu „dürfen“. Diese Begegnung verlief dann allerdings wieder mal alles andere als gewünscht: eine falsche Fortsetzung im Scheveninger und die Partie verlief relativ einseitig zu meinem Ungunsten.

 

„Macht nichts, nächste Runde“, was sollte man sich auch anderes einreden. Und tatsächlich konnte ich nach sechs Stunden hartem Kampf gegen die Azerbaidschanerin Sabrina Ibrahimova in Runde 11, von welcher ich wusste, dass sie manchmal durchaus eine Spielstärke weit über ihrer ELO von 2200 zeigt, den vollen Punkt einfahren. Auf diese Partie bin ich zugegebener Maßen ein bisschen stolz, weil sie meiner Meinung nach meinen Kampfgeist wiederspiegelt, nach einer erneuten Niederlage eine ausgeglichene Stellung nicht einfach remis zu machen, sondern bis zum Sieg [eben leider auch öfter bis zum Verlust] weiter zu spielen.

 

Apropos remis… Bis dahin hatte ich noch kein Remis gespielt und das hatte auch Erwähnung in einigen Chessbase-Artikeln über die laufende Meisterschaft gefunden. Woraufhin Matthias mich ansprach: „Hattest du eigentlich beim ZMDI-Open ein Remis gemacht?“. und ich antwortete auch überrascht „Nein!“.

 

Nach diesem Gespräch beim gemeinsamen Abendessen recherchierte ich in der Datenbank nochmals genauer und stellte mit Erstaunen fest, dass ich auch bei der Frauen-EM in Georgien in 11 Runden kein Remis hatte und somit 35 entschiedene Ergebnisse am Stück bei mir zusammenkamen! Ich möchte nicht sagen, dass das eine Leistung ist. Ganz im Gegenteil, ich denke, dass ein paar mehr Remisen mir und auch meiner ELO nicht schaden würden. Matthias meinte sogar es sei „krank“, da für ihn Remis das natürliche Ergebnis sei. Auf diese Weise werden eben doch einige ausgeglichenen Stellungen solange weitergespielt werden, bis hin und wieder auch ein Verlust rauskommt.

 

Na ja wie aus Zauberhand „gelang“ mir dann das Remis gegen die Russin Alexandra Makarenko. Auch hier habe ich ein objektiv remises Endspiel auf Gewinn gespielt, einen Bauern verloren, um dann bis König gegen König abzuwickeln.

 

Und da war sie auch „schon“: die letzte Runde!! Lange hatten wir mit Matthias diesen Moment herbeigesehnt. Das war bestimmt das längste Turnier unserer beiden Schachlaufbahnen. 13 Runden, pro Tag nur eine Runde, plus ein freier Tag. Und wenn ein solches Turnier dann auch noch nicht läuft, wie es bei mir der Fall war, kann man in diesem halben Monat wirklich verrückt werden. Es gab natürlich den Tag über genug zu tun. Nach dem Frühstück ging es mit der Vorbereitung los, zwischendurch mal an die frische Luft, Mittagsschlaf, Mittagessen, weiter vorbereiten, Runde [Highlight des Tages], analysieren und abends noch eine Folge Big Bang Theory [an dieser Stelle sei das sehr gute Internet im Hotel erwähnt] online schauen.

 

Tja was soll ich jetzt übers Ende schreiben? Ich verlor mit den weißen Steinen eine grauenhafte Partie gegen Alina Bivol, welche letztendlich Zweite wurde, ging auf mein Zimmer – und das war‘s. Hätte ich die letzte Runde gewonnen oder Remis gespielt, wäre es ein noch akzeptables Turnier gewesen, aber so…. Das Ende stand ganz im Zeichen des Beginns.

 

Matthias konnte mit seinem dritten Platz bei den Jungen einen Ehrenplatz für Deutschland erkämpfen. Ich habe mich mit ihm gefreut.   😀   Herzlichen Glückwunsch auch noch mal an dieser Stelle an Matthias, starke Leistung!

 

Leider kann ich in diesem Bericht nicht viel auf seinen Turnierverlauf und seine Partien eingehen, da ich genug mit meinem Schach beschäftigt war. Erwähnt sei auch noch die Siegerin in meiner Altersklasse, die mir bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war: Nataliya Buksa aus der Ukraine. Sie galt mit einer ELO von knapp 2200 sicherlich nicht als Favoritin, hat es aber am Ende doch allen gezeigt.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Organisation in den meisten Belangen hervorragend war, das spiegelte auch die Siegerehrung wider, welche mit knapp einer Stunde sehr kurzweilig gestaltet war. Es gab während der Runde Snacks und Wasser, jedes Brett hatte seinen eigenen Tisch, das Hotel hatte schöne große Zimmer, das hoteleigene Küche war anfangs auch äußerst zufriedenstellend, lies zum Ende hin aber stark nach. Zum Beispiel konnte es schon mal passieren, dass man nach der letzten Runde, welche um 11 Uhr Ortszeit begann und nach der die meisten Spieler natürlicherweise erst gegen 15 Uhr oder noch später fertig waren, hungrig blieb, da es laut Plan eben nur bis 15 Uhr Essen gab.

 

Gerade sitze ich im Bus von Berlin nach Dresden und habe eine anstrengende Rückreise hinter mit [mit anstrengend meine ich wirklich anstrengend] und frage mich, ob ich retrospektiv noch einmal in das abgelegene Chanty Mansijsk fahren würde. Eigentlich habe ich für mich beschlossen, nie wieder ein solch langes Turnier auf mich zu nehmen. Andererseits werde ich, so wie ich mich kenne, in einem Jahr wahrscheinlich wieder motiviert sein und doch wieder an der 13-rundigen Weltmeisterschaft teilnehmen wollen. Außerdem denke ich, dass ich viel aus meinen Partien und Fehlern lernen kann.

 

Jetzt geht es allerdings erst einmal ans Lernen für die bevorstehende Prüfung meines Medizinstudiums. Was auch ein gewisser Trost ist, wenn es mal nicht so läuft: Es gibt glücklicherweise auch ein Leben abseits vom Schachbrett! 😀

 

P.S: Die folgenden Bilder wurden bei unserer kleinen Stadttour am freien Tag mit meinem Handy aufgenommen, weswegen die Qualität stark zu wünschen übrig lässt. Auch bitte nicht darüber wundern, dass Matthias auf keinem Foto zu sehen ist. Er hat sich vehement dagegen gewehrt, aufgenommen zu werden.

 

Wir ergänzen an dieser Stelle den sehr persönlichen Rückblick von Filiz Osmanodja um die von ich erwähnte Partie gegen Sabrina Ibrahimova aus Runde 11:

 

 

[Redaktion Raymund Stolze]

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