Weltcup Runde 3 – Tiebreaks

Eher Kurz und Knapp

 

Es gibt zwei Gründe für „Kurz und Knapp“: Erstens war ich während der Runde anderweitig beschäftigt und musste Svidler2das Geschehen (insgesamt 25 Partien) hinterher rekonstruieren. Zweitens – so jedenfalls mein Eindruck beim Durchklicken der Partien: Es gab Quantität, es gab teilweise Spektakel, aber Qualität litt darunter. Oft wurden Partien durch grobe Fehler entschieden, mitunter gewann der Spieler der zliveuvor auf Verlust stand – es ging drunter und drüber und ist aus schachlichem oder schach-ästhetischem Aspekt kaum zusammenzufassen. Natürlich ist es für mich einfach und den Spielern gegenüber unfair, Schnell- und Blitzpartien mit Computerhilfe zu begutachten. Und ich selbst habe auch nie Partien gespielt, bei denen der Einsatz mindestens 7000$ war – soviel mehr bekommen die Spieler, die Runde 4 erreichten, plus die Chance auf noch mehr.

 

Das Titelbild (Fotoquelle wie immer Turnierseite) bekommt heute Peter Svidler. Nicht weil er sich absolut souverän qualifizierte – sein insgesamt glatter Schnellschach-Sieg gegen Radjabov hatte einen kräftigen Wackler. Aber er ist nun der Einzige seit 2005, der den Weltcup eventuell zweimal gewinnen kann – nach Kamsky, Gelfand und Aronian ist auch Kramnik ausgeschieden. Ausserdem haben treue Leser vielleicht bemerkt, dass ich gerne Spieler zeige, die anderswo nicht unbedingt im grellen Rampenlicht stehen. Ich beginne mit noch etwas Weltcup-Historie und nenne alle Halbfinalisten seit 2005:

 

Unterstrichen ist jeweils der Sieger, fettgedruckt sind die Spieler die in Baku noch im Rennen sind: 2013 Kramnik, Andreikin, Vachier-Lagrave, Tomashevsky [da diese vier gegeneinander spielten, war klar dass nur und genau zwei weiterkommen würden]. 2011 Svidler, Grischuk, Ivanchuk, Ponomariov. 2009 Gelfand, Ponomariov, Karjakin, Malakhov. 2007 Kamsky, Shirov, Karjakin, Carlsen. 2005 Aronian, Ponomariov, Grischuk, Bacrot. Ponomariov, Shirov, Bacrot und Malakhov konnten sich dieses Mal nicht qualifizieren, Carlsen verzichtete ab 2009 auf den Weltcup, der Rest war vor Ort in Baku ist es aber nicht mehr (es sei denn als Zuschauer).

 

Und nun – Chronistenpflicht – kurz und knapp zu den sieben Tiebreak-Matches – Ergebnis jeweils einschliesslich 1-1 in den Partien mit klassischer Bedenkzeit, die ich teilweise mit besprechen werde:

 

Topalov – Lu Shanglei 2,5-1,5: Einige betrachteten den Chinesen bereits als Favoriten, da er – im Gegensatz zu Topalov – ein sehr guter Blitzer ist. Aber erst kam Schnellschach. Mit Schwarz spielte Lu Shanglei zweimal einen dubiosen Sizilianer, Topalov verwertete die zweite Gewinnstellung. Mit Weiss spielte er noch ungewöhnlicher: Ponziani (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.c3) in der klassischen, 1.Sc3!? in der Schnellpartie – das wurde jeweils remis.

 

Svidler – Radjabov 2,5-1,5: Da geschah in den klassischen Partien nicht allzu viel, in der zweiten die ganze 13 Züge dauerte eigentlich gar nichts. Die erste Schnellpartie war auch ein experimenteller Sizilianer, nach 7 Zügen nur noch 13 Datenbank-Partien, darunter immerhin eine Schnellpartie Topalov-Svidler, Amber 2004. In der zweiten Partie hatte Svidler einen Mehrbauern und spielte dann eine Kombination mit Loch, aber der Gegner glaubte ihm aufs Wort und erlitt Schiffbruch. Zum Schluss waren es drei verbundene weisse Mehrbauern – zu viel auch im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. Welche Eröffnung gespielt wurde, dazu komme ich später.

 

So – Le Quang Liem 2,5-1,5: Nach drei Remisen beging Le Quang Liem in der zweiten Schnellpartie Selbstmord. In Japan nennt man das Harakiri, in Vietnam?

 

Vachier-Lagrave – Tomashevsky 4-2: Anfangs vier Remisen, wobei MVL mit Schwarz leiden musste und mit Weiss nichts erreichte. In der ersten Semi-Blitzpartie gewann er dann irgendwann eine Qualität und damit die Partie. Dann gewann er auch die zweite Semi-Blitzpartie. Wieder hebe ich mir Eröffnungsaspekte auf – wer das Schwarzrepertoire von Maxime Vachier-Lagrave und Thomas Richter kennt, hat vielleicht eine gewisse Vorahnung.

 

Naka-Nepo2

Nakamura – Nepomniachtchi 5-4 – zu viele Partien um sie zu besprechen, nur die Ergebnisse: viermal Remis, dann vier Weissiege, dann ein Schwarzsieg im Armaggedon (da reichte Nakamura ein Schwarzremis). Es gab noch eine zehnte „Partie“ auf Twitter, O-Ton Nepomniachtchi: „Making a castle with both hands shows huge skill in life “ sowie „These are the basic chess rules. Also: why do we need 4 arbiters near the board, if no one can say/do a shit.“ Nakamura hatte in der Armaggedon-Partie mit beiden Händen rochiert (per Video dokumentiert). Das ist in den USA offenbar gängig und erlaubt, anderswo nicht – eigentlich hat Nakamura genug wichtige Blitzpartien anderswo gespielt und sollte wissen, dass USCF-Regeln nur in den USA gelten? Gerade legte Nepo noch einen drauf und zitiert aus den Regeln: „If an arbiter observes a violation of Article 4 he must always intervene immediately. He should not wait for a claim to be submitted by a player“ [frei übersetzt/zusammengefasst: Schiedsrichter müssen demnach eingreifen, auch wenn der betroffene Spieler nicht reklamiert]. Nepomniachtchi hat nach der Partie offiziell protestiert, sein Protest wurde abgewiesen und Nakamura wurde verwarnt. Dieser Moment war sicher nicht partieentscheidend, aber Nepomniachtchi war wohl ernsthaft irritiert (sonst wäre es ihm während der Partie nicht aufgefallen?).

 

Adams-Dominguez

Adams – Dominguez 5-3: Keine besonderen Vorkommnisse in den ersten sechs Partien, alles remis. In der ersten Blitzpartie hatte Dominguez gut 40 Züge lang eine Qualität mehr. Es blieb „technisch kompliziert“, aber es war wirklich nicht nötig, die Stellung im 84. Zug einzügig zum Verlust zu verderben. Die zweite Blitzpartie verlor Dominguez wohl vor allem, weil er sie unbedingt gewinnen musste.

 

Andreikin-Kramnik

Andreikin – Kramnik 2,5-1,5: Die erste klassische Partie war immer remislich, tendenziell gut für Kramnik der Schwarz hatte. In der zweiten Partie spielte Kramnik kreativ-riskant, Andreikin verteidigte gut, remis. Die erste Schnellpartie: Andreikin spielte 30.-Td6? was eine Qualität kostete, was hatte er dabei übersehen? Dass sein anderer Turm auf a7 stand, oder dass 31.Sc8 ein legaler und aus weisser Sicht guter Zug war? Auch hier war es danach „technisch kompliziert“, jedenfalls mit knapper Bedenkzeit. Gerade als Kramnik definitiv auf der Siegerstrasse schien, fiel er auf Andreikins letzten Trick herein – und musste die Qualität zurückgeben um Dauerschach oder gar Matt zu verhindern. Das entstehende Turmendspiel war remis. Die zweite Schnellpartie gewann Andreikin glatt und nahm damit Revanche für die Finalniederlage vor zwei Jahren.

 

Nun die versprochenen Eröffnungs-Bemerkungen: Ich spiele seit über 30 Jahren Grünfeld-Indisch, einige Weltcup-Protagonisten spielen das auch (MVL noch keine 30 Jahre). Peter Svidler ist Mister Grünfeld (was ist Russisch für „Mister“? Naja, er spricht auch fliessend Englisch). Maxime Vachier-Lagrave ist Monsieur Grünfeld. Svidlers Gegner verzichteten bisher mit Weiss auf 1.d4 – Zufall oder nicht, er bekam nur 1.Sf3 und 1.e4 vorgesetzt. Aber Radjabov wollte wissen, was Svidler gegen seine eigene Eröffung spielt. MVL konnte dagegen gegen Tomashevsky dreimal Grünfeld spielen. Viermal ging es um das Abspiel (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5) 4.Lg5. Ich glaube da ehrlich gesagt nicht an das Bauernopfer 4.-Lg7!? bzw. sehe nicht, warum Schwarz genug Kompensation hat (allerdings bin ich Amateurpatzer). Radjabov glaubte daran und verlor, MVL glaubte einmal daran und musste ein Endspiel mit Minusbauer halten, was ihm letztendlich gelang. Aber in den Schnell- und Semiblitzpartien wählte er dann doch 4.-Se4, stand das erste Mal schlecht und remisierte wieder und das zweite Mal gut und gewann später. Details muss ich noch untersuchen (wenn ich dazu komme, schon morgen ist die nächste Weltcup-Runde) – Leser die meine Vorliebe teilen sind nun informiert.

 

Noch kurz zur nächsten Runde – immer noch gilt tendenziell, dass ausgeruhte Spieler aufeinander treffen und vergleichbar erschöpfte Spieler gegeneinander antreten. Sortiert nach wann die Entscheidung in Runde 3 fiel, in Klammern noch das Alter der Spieler:

  • Klassisch gegen Klassisch (vgl. letzter Bericht): Ding Liren(22) – Wei Yi(16), Giri(21) – Wojtaszek(28), Jakovenko(32) – Eljanov(32), Mamedyarov(30) – Caruana(23)
  • Klassisch gegen Schnellschach: Karjakin(25) – Andreikin(25)
  • Schnellschach gegen Schnellschach: Topalov(40) – Svidler(39)
  • Schnellschach gegen Semi-Blitz: So(21) – Vachier-Lagrave(24)
  • Blitz gegen Armaggedon: Adams(43) – Nakamura(27)

Dabei hat Adams allerdings bereits zwei superlange Tiebreaks – in Runde 2 gegen Laznicka fiel die Entscheidung erst im Armaggedon. Alle Duelle sind interessant und etwa auf Augenhöhe. Karjakin-Andreikin ist wiederum deja vu, diesmal komplett: Schon beim Weltcup 2013 trafen sie in Runde 4 aufeinander, damals gewann Andreikin im Schnellschach-Tiebreak. Geographisch hatte ich das Viertelfinale bereits etwas besprochen, nun altersmässig: Was auch passiert, der jüngste Spieler hat maximal 22 Lenze, und der älteste mindestens 39. Ausserdem haben sich die 25- und 32-jährigen bereits sicher qualifiziert. Und im Viertelfinale gibt es auf jeden Fall ein Generationsduell: Ding Liren oder Wei Yi spielt dann gegen Topalov oder Svidler.

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