Weltcup Runde 4 Teil I

Favoriten scheiden aus …

aber AussenseiterMamedyarov gibt es zu diesem Zeitpunkt keine mehr. So sieht es jedenfalls zum Beispiel (der in Runde 3 ausgeschiedene) Vladimir Kramnik, und da widerspreche ich nicht. Vor Runde 4 twitterte ein gewisser Garry Kasparov, dass 6 von 8 teilnehmenden Teilnehmern des Sinquefield Cups livenoch im Rennen sind – Carlsen und Anand verzichteten auf den Weltcup, Aronian und Grischuk sind ausgeschieden. Das heisst aber auch, dass 10 der letzten 16 bei der Chess Tour nicht dabei sind. Nun könnte die Chess Tour rein mathematisch maximal 50% erzielen, aber nun würde sich zeigen ob sie wirklich meilenweit besser ist als der Rest. Man kann das Feld eher in drei Gruppen einteilen: die Chess Tour Truppe, Spieler die nahe dran waren und der Rest. Nahe dran waren jedenfalls Ding Liren, den die Chess Tour auch wollte, Karjakin den die Chess Tour nicht wollte, und auch Mamedyarov der Anfang 2015 noch knapp dran war an der top10. Der Rest hat immerhin ohne Ausnahme Elo über 2700 – und Adams darf (weil er Engländer ist) beim letzten Turnier der Chess Tour mitspielen.

 

Auch heute widme ich mich den Matches, die bereits nach zwei Partien entschieden sind. Das sind vier von acht, von den vier anderen war bisher nur das chinesische Duell Ding Liren – Wei Yi spektakulär, das kommt dann aber im nächsten Bericht zusammen mit den Tiebreak-Partien. Das Titelfoto (Fotoquelle wie immer Turnierseite) bekommt heute Shakriyar Mamedyarov. Ich mache es wie die Turnierseite, die vor allem einheimischen Spielern Aufmerksamkeit widmet, aber es gibt auch noch einen anderen Grund. Nun die vier bisherigen Entscheidungen:

 

Svidler – Topalov 1,5-0,5 (gefühlt 2-0 wäre etwas übertrieben): Die erste Partie “drohte” mit Remis zu enden, dann kam es doch anders. Ab dem 29. Zug wurden die Züge wiederholt, aber nur einmal – von Topalov recht flott, Svidler verbrauchte einige Bedenkzeit und lehnte dann das stille Remisangebot ab. Er stand schliesslich besser, immerhin hatte er einen Mehrbauern. Klar besser stand er aber erst, nachdem Topalov mit 39.-b5?! die Geduld verlor. Danach war die Stellung mit allen sechs Schwerfiguren und sonst nichts scheinbar verrammelt, beide Seiten mussten gegnerische Freibauern im Auge behalten. Aber Svidler konnte mit seiner Dame entscheidend eindringen, jedenfalls sollte das die Partie entscheiden. Aber dann wackelte Svidler, wie in der zweiten Schnellpartie gegen Radjabov. Im Falle des Falles kostete das nur einen halben Punkt – er hätte das Remis bekommen das schon zuvor in Reichweite war. Topalov beantwortete jedoch 57.g6 (letzter Versuch) a tempo mit 57.-fxg6? (57.-f5! und Computer sagen 0.00) und Svidler gewann doch. Am Ende wurde Topalov mattgesetzt – das einzügige Matt hatte er offenbar glatt übersehen, aber er stand ohnehin hoffnungslos, jedenfalls wenn Svidler dann genau weitergespielt hätte.

Topalov-Svidler

Danach meinten die Livekommentatoren Dirk Jan ten Geuzendam und Evgeny Miroshnichenko: “Svidler will sich offenbar zur Partie äussern, aber dann wird er endlos reden – dabei ist er sicher müde und muss sich auf die zweite Partie vorbereiten, lassen wir das … .” Sie meinten vielleicht “WIR sind müde bzw. hungrig”. ten Geuzendam verschwand, Miroshnichenko wollte gerade Schluss machen, Svidlers vertraute Stimme aus dem Hintergrund: “Ich versuche herauszufinden, ob ich gebraucht werde!”. Dann gab es doch einen Svidler-Monolog, ab und zu von Miroshnichenko kurz unterbrochen. Zur Eröffnung (es begann mit 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Sd7) meinte er, dass er eine aus weisser Sicht sehr schlechte Igelstellung hatte – denn der schwarze Springer steht bereits auf d7, normalerweise macht er die Route Sb8-c6-e5-d7. Zur Phase, in der die Züge wiederholt wurden: “Ich brauchte einige Zeit, um in der kritischen Variante (nach 32.-Sxe4) das spätere Manöver Sc3-d1-e3-g4 zu entdecken. Und dann spielt Topalov recht schnell 32.-g6, da er meine Bedenkzeit für sich nutzte.”

 

Zur zweiten Partie fasse ich mich kürzer: In einem Spanier stand Svidler laut Engines zwischenzeitlich schlecht (mir fehlt die Zeit um zu untersuchen, wie konkret das eventuell war). Zum Schluss patzte der unter Siegzwang stehende Topalov in inzwischen ausgeglichener Stellung zweimal nacheinander mit 41.Sb3? und 42.Ta7? – und bot in Verluststellung remis, Svidler war (diesmal) einverstanden. 2-0 wäre allerdings vom gesamten Prtieverlauf her auch etwas übertrieben.

 

Zwischendurch erwähne ich einen anderen Gast in der Liveübertragung, den ich eingangs bereits erwähnt habe:

Kramnik Geuzendam

Dirk Jan ten Geuzendam und Vladimir Kramnik

Kramnik macht mit Sonnenbrille den Nakamura, aber nicht um seinen Nachbarn zu irritieren. Ich bringe nur Auszüge des Interviews, nicht wörtlich aber sinngemäss – Kramnik: “Schon vor dem Schnellschach-Tiebreak gestern fühlte ich mich schlecht, und dann ist Andreikin gerade im Schnellschach ein unangenehmer Gegner. So ist es im Weltcup – ein schlechter Tag und Du bist draussen. Ich trage dunkle Gläser, weil ich mich schäme. Dabei habe ich den ganzen Monat August hart gearbeitet – nicht nur an Eröffnungen, zum Beispiel auch an meiner Fitness. Hoffentlich werde ich bei den nächsten Turnieren die Früchte davon ernten.” Danach unter anderem das, was ich bereits eingangs erwähnte.

 

China

Ding Liren – Wei Yi 1-1 mit zwei Weissiegen kommt später.

 

Vachier-Lagrave – So 1,5-0,5: Die erste Partie war eher nicht der Rede wert, die zweite verlief anfangs auch ruhig – positionell – (fast) ausgeglichen. Dann patzte So und verlor eine Figur für zwei Bauern. Die “technische Phase” war keineswegs trivial. Zur Stellung nach dem 60. Zug (Weiss – So – hat vier Bauern, Schwarz – MVL – Springer und zwei Bauern) schreibt das nicht ganz neutrale Europe Echecs: “Computer sagen -13.19, aber wie gewinnt man das? Das ist für uns ausser Reichweite … .” Wer auch immer dort die Berichte schreibt, hat sicher Elo unter 2700, aber einfach war es sicher nicht (natürlich habe auch ich Elo unter 2700), MVL gewann jedenfalls.

Maxime Vachier-Lagrave

Maxime Vachier-Lagrave

Die Nummer 10 der Live-Ratingliste ist ausgeschieden, die Nummer 10 der Live-Ratingliste steht im Viertelfinale. Wie geht das denn? Vor der Partie war Wesley So Nummer 10, nach der Partie ist Vachier-Lagrave Nummer 10. Sein Elotief hat er definitiv überwunden, nun kann er, wie in einem Interview angekündigt, daran arbeiten die top5 zu erreichen.

 

Nakamura – Adams 1,5-0,5 war das Duell zweier Marathon-Tiebreakspieler. In der ersten Partie konnte Nakamura einen leichten Vorteil – anfangs nicht unbedingt mehr als man “normalerweise” mit Weiss aus der Eröffnung heraus bekommt – langsam zum Gewinn ausbauen. Das mag man eine positionelle Glanzleistung nennen, da will ich nicht widersprechen. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass Adams müde(r) war – aus drei Gründen: Für ihn war es der zweite Marathon-Tiebreak nacheinander, er ist älter, und Nakamura spielt gerne stunden- bis nächtelang Internet-Blitz.

 

Chess.com schrieb, dass “die gesamte Situation Nakamuras mentale Form sicher beeinflusst hat” und meint den Armaggedon tags zuvor nebst Nepomniachtchis Protest. Ich bin mir da nicht so sicher und kann mir vorstellen, dass Nakamura das egal war oder dass er es eher genossen hat. Ich hatte das im letzten Artikel nur eher nebenbei erwähnt – ich erfuhr es während ich bereits tippte und änderte mein Konzept nicht. Es ging wohl nicht nur um den einen illegalen Zug (Rochade mit zwei Händen) sondern um Nakamuras gesamtes Verhalten am Brett – wobei beidhändig rochieren der konkrete Regelverstoss war. Man kann das Ganze so sehen wie Nakamura-Fans oder auch einige neutrale Beobachter: Nepomniachtchi war ein schlechter Verlierer. Man kann es auch so sehen wie Baadur Jobava auf Facebook: “First, of course Jan should be in next round, no question about that( only mistake what he made, that didnt stop the clock and don’t gave protest that moment). Second, Nakamura is dirty player, try tu use every chance to win the batlle (he forgets that this isn’t real war and first of all chess was and I still hope gentelmen’s game, but, unfortunately many players forget this…)” [Erstens, natürlich sollte Jan die nächste Runde erreichen, kein Zweifel daran (sein einziger Fehler war, dass er nicht die Uhr anhielt und sofort reklamierte). Zweitens, Nakamura ist ein dreckiger Spieler, er versucht alles um die Partie zu gewinnen (dabei vergisst er, dass Schach nicht wirklich Krieg ist. Schach war und ist hoffentlich immer noch ein Spiel unter Gentlemen, leider vergessen viele Spieler das …)]” Hmm, in Wijk aan Zee sagte Jobava zu mir: “Schach ist wie Boxen, ich spiele immer auf Sieg”. Allerdings gibt es auch im Boxen (geschriebene und ungeschriebene) Regeln.

Nakamura2

Nakamura hatte gut lachen, nachdem er in der zweiten Partie ein ungefährdetes Berliner Remis ermauert hatte.

 

Mamedyarov – Caruna 1,5-0,5: Die erste Partie begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Lg5!? – so hatte Mamedyarov bereits zweimal gespielt, Caruana auch schon einmal. Nach 3.-Lg7 4.Sc3 d5 wird es ein normaler Grünfeld-Inder, in dem Schwarz sich (vgl. letzter Bericht) auf ein Bauernopfer festgelegt hat. Auch wenn es regelkonform wäre, niemand kann dreihändig 4.-d5 und zugleich 4.-Lg7-f8 und 4.-Sf6-e4 spielen! Nach stattdessen 3.-Se4 wie in der Partie werden ausgetretene Theorie-Gleise bereits verlassen. Caruana stand zunächst gut, offenbar verpasste er den richtigen Moment für -Sb4. Dann bekam Mamedyarov Oberwasser und schnell vernichtenden Königsangriff. Am Ende sah Caruana das unvermeidliche 40.Th8matt und gab nach 39.Dh5 auf (schade eigentlich, dass er statt 38.-Txf7 nicht 38.-Dxf7 spielte, was das “triviale” aber dennoch optisch spektakuläre Damenopfer 39.Dh5 ermöglicht hätte). Nach der Partie anhaltend lauter Applaus aus dem Publikum, wo wird nochmal gespielt? Ach so, in Baku. Bei meinen vielen Besuchen in Wijk aan Zee erlebte ich einmal kurzen zögerlichen Applaus aus dem Saal – van Wely hatte Aronian besiegt. Azeris sind temperamentvoller.

Mamedyarov-Caruana

Die zweite Partie war nicht unbedingt Formsache – Caruana hatte mit Weiss durchaus gewisse Chancen, auch hier weiss ich nicht wie “aussagekräftig” das zwischenzeitliche Computerurteil +1 war – aber wurde am Ende remis. Zwei Amerikaner sind damit ausgeschieden, wobei ich mir eine Bemerkung nicht verkneifen kann: Caruana hat seinen heutigen Status (und damit auch Sinquefields attraktives Angebot) sicher auch bis vor allem jahrelanger Förderung durch den italienischen Schachverband zu verdanken – der Einwand “das war vorgestern” zählt da nicht.

 

Vorschau auf die nächste Runde heute nur so viel: diesmal werden Spieler mit Ruhetag gegen Tiebreak-Sieger antreten. Den ersten Ruhetag für alle (bzw. die letzten vier) gibt es dann nach dem Viertelfinale.

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