Weltcup Runde 4 – Tiebreaks

Heute machten die Spieler es kurz und knapp

 

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Um mit den nackten Fakten zu beginnen: Nun konnten auch Wei Yi, Giri, Eljanov und Karjakin sich für das Viertelfinale qualifizieren – in Tiebreaks die, jedenfalls vom Ergebnis her, generell nicht allzu dramatisch verliefen. AusnahmeGiri3 war das China-Duell Wei Yi – Ding Liren das schon zuvor (in den Partien mit klassischer Bedenkzeit) aufregend war. Überall wählten die Spieler eher ruhige Eröffnungen – heute kein Sizilianisch oder Grünfeld oder gar Königsindisch oder Benoni, sondern Spanisch, Englisch, Slawisch, Damenindisch. Aber auch dann haben Partien mitunter Sieger und Verlierer.

 

Das Titelbild (Fotoquelle wie immer Turnierseite) bekommt heute Anish Giri, video_grossder sich jedenfalls vom Ergebnis her am souveränsten durchsetzen konnte. Aber auch in seinen Partien gab es Aufregungen, bei denen auch der Schiedsrichter eine Rolle spielte. Ausserdem versuche ich, jedes Mal einem anderen Spieler das Titelbild zu gönnen. Ob ich Giri damit einen Gefallen tue, ihn nun zu zeigen? Dazu mehr am Ende des Berichts – schon jetzt sei erwähnt, dass ich meine eigenen Regeln mitunter breche bzw. dazu gezwungen werde. Nun zu allen Matches in Reihenfolge der Paarungstabelle, damit kommt das womöglich interessanteste und am härtesten umkämpfte zu Beginn:

 

Wei Yi – Ding Liren 3,5-2,5: Ich hatte bereits erwähnt, dass in den Partien mit klassischer Bedenkzeit jeweils Weiss gewann. Die erste Partie, Ding Liren hatte Weiss, war ein Anti-Grünfeld (Weiss verzichtet vorläufig, hier ganz auf d2-d4) mit bereits im fünften Zug h2-h4. So spielten auch Aronian und Morozevich in Blind- oder Blitzpartien, aber in letzter Zeit ist es laut Datenbank offenbar eine asiatische Spezialität: Wang Yue, Ni Hua und Le Quang Liem, Wei Yi bekam es im Juli/August 2015 gleich dreimal präsentiert. Ding Liren kopierte Wang Yue – Wei Yi von der chinesischen Mannschaftsmeisterschaft und neuerte im 11. Zug. Zum Rest der Partie könnte ich Romane schreiben, aber beschränke mich auf: es war ein munterer Schlagabtausch mit beiderseitigen Opfern und wechselndem Vorteil, am Ende gewann Weiss.

 

Die zweite Partie begann spanisch-ruhig, dann bekam Weisspieler Wei Yi einen Mehrbauern und so Oberwasser. Im Endspiel mit beiderseits noch Dame und Turm sah es danach aus, dass Schwarz eventuell (wie tags zuvor bei Svidler-Topalov) eine im Remissinne ausreichende Blockade hat. Dann entstand ein Turmendspiel, das mal für Weiss gewonnen und dann wieder remis war. Zum Schluss ein Endspiel weisse Dame gegen schwarzen Turm plus Freibauer auf b2 – laut Tablebases war es remis, aber Schwarz griff fehl und verlor seinen Turm. Diese Partie war, im Gegensatz zur ersten, immer ein Spiel auf zwei Ergebnisse – Weiss gewinnt oder remis. Aber auf das gesamte Match bezogen war Wei Yi der glücklichere, nicht unbedingt der bessere Spieler – also zeige ich nun zwischendurch beide:

Ding-Wei

Die beiden Schnellpartien waren insgesamt ausgeglichen, vor allem die zweite “dynamisch ausgeglichen” – jeweils hatte diesmal Schwarz vorübergehend Vorteil, aber es wurde doppelt remis. In der ersten Blitzpartie stand wiederum Weiss (Wei Yi) besser, aber am Ende Dauerschach. Schon im 12. Zug opferte er seine Dame, aber Ding Liren verzichtete zu Recht: der Tausch Dame gegen König (Weiss konnte forciert mattsetzen, wenn Schwarz zugreift) ist immer ungünstig. In der zweiten Blitzpartie wieder wechselnde Vorteile, wobei Weiss zweimal den klaren Gewinn verpasste – jeweils konnte er eine Fesslung auf der langen Diagonale a1-h8 ausnutzen, tat es aber nicht. Später war die Stellung ausgeglichen, dann wickelte Weiss in ein verlorenes Läuferendspiel ab – diesen Matchball verwandelte der jüngere der beiden jungen Chinesen.

 

Giri – Wojtaszek 3-1 (also 2-0 im Schnellschach): Aus scheinbar harmloser Stellung heraus machte Giri Druck und erdrückte damit seinen Gegner. “Schuld” war 16.Sb5 – laut Giri Idee eines anonymen Freundes. Die Antwort kostete Wojtaszek satte neun Minuten – 16.-Te8 war OK, und laut Engines konnte er die Stellung halten. Aber dafür musste er einige taktische Wendungen sehen und richtig beurteilen, schwierig bis unmöglich mit beschränkter Bedenkzeit und ohne Computerhilfe.

 

In der zweiten Partie opferte Giri einen Bauern, in der Annahme dass er ihn forciert zurück bekommt – aber dem war nicht so. Dann übersah Wojtaszek aber, dass er durch eine taktische Wendung zwei Leichtfiguren gegen einen Turm verliert – übrigens hatten Svidler und Radjabov in ihrer matchentscheidenden Schnellpartie beide eine recht ähnliche Wendung übersehen. Danach war die Stellung wohl noch remislich, aber Remis reichte Wojtszek ohnehin nicht und am Ende verlor er auch diese Partie.

 

Als ob das nicht aufregend genug war, hat auch noch der Schiedsrichter eingegriffen: Da Giri offenbar mehrfach einen Zug ausführte, dann die Uhr drückte und dann die Figur zurecht rückte, bekam Wojtaszek zwei Minuten Zugabe auf der Uhr. Es gibt Augenzeugenberichte nebst Giri-Interviews von Evgeny Surov (auf Russisch aber Google Translate funktioniert recht gut) und Peter Doggers, beide vor Ort in Baku. Offenbar wurde Giri (wurden alle?) vor den Schnellpartien gewarnt, und Giri drohte im Wiederholungsfall der Partieverlust. Auch das Nakamura-freundliche chess.com sieht einen Zusammenhang mit dem Match Nakamura-Nepomniachtchi und Nepomniachtchis erfolglosem Protest. Wurde Giri Opfer, und Wojtaszek Nutzniesser von Nakamuras Verhalten (wobei es am Ende keine Rolle spielte)? Ich würde Giri zugute halten, dass er eben nervös war – während Nakamura mit seiner ganzen Art, Schnell- und Blitzschach zu spielen, derlei Dinge zumindest billigend in Kauf nimmt. Aber das ist meine Meinung.

 

Eljanov – Jakovenko 2,5-1,5: Die ersten drei Partien, zweimal klassisch und einmal Schnellschach, endeten ohne allzu grosse Aufregungen remis. In der zweiten Partie bekam Weisspieler Eljanov einen Freibauern auf d6, und der entschied dann zu seinen Gunsten.

Eljanov

Eljanov ist wohl die positivste Überraschung in diesem Weltcup, dazu später mehr. Jakovenko bleibt nun ein Dilemna erspart: Der Sieger spielt im Viertelfinale gegen Nakamura. Bei einem eigenen Sieg müsste Jakovenko eventuell abwägen, wer bessere Chancen hat, nach dem Halbfinale auch das Finale zu erreichen – er selbst oder Nakamura. Denn wenn Nakamura sich als Weltcup-Finalist und Zweiter der GP-Serie doppelt für das Kandidatenturnier qualifizieren sollte, darf der Dritte der GP-Serie nachrücken – Dmitry Jakovenko. Ich unterstelle niemand, eventuell absichtlich zu verlieren – aber im Unterbewusstsein könnte es eine Rolle spielen, nun jedoch irrelevant. [P.S.: Ich habe das geschrieben, bevor ich – via Colin McGourty für chess24 – Stefan Löfflers Tweet entdeckte]

 

Andreikin-Karjakin

Karjakin – Andreikin 2,5-1,5 (gefühlt 3-1): Für Andreikin war es die zweite Weltcup-Revanche hintereinander – er hatte sich bei Kramnik für die Finalniederlage 2013 revanchiert, nun spielte er unter umgekehrten Vorzeichen gegen Karjakin. Den hatte er 2013 in Runde 4 eliminiert, und zwar im Schnellschach. Ein Blick auf die damaligen Partien: die erste Partie war ein Massaker, die zweite Partie war tendenziell ein ungefährdetes Schwarzremis, aber am Ende gewann Andreikin auch diese Partie. Diesmal war die Farbverteilung umgekehrt, aber auch mit Schwarz stand Andreikin zunächst klar besser mit Tendenz drohendes Massaker – er hatte eine Figur geopfert, bzw. Karjakin bestand darauf, eine “vergiftete” Figur zu gewinnen. Einfach war es nicht für Andreikin, später verlor er Kompensation und Kontrolle – endgültig nach 43.-T8c3? (Diagramm)

Karjakin-Andreikin

Weiss, der zwischenzeitlich eine Qualität retourniert hatte, am Zug gewinnt nach bekannten Mustern – wie? Das darf der Leser selbst herausfinden – oder er kann eventuell meinen Abschlussbericht vom Sinquefield Cup (nochmals) lesen.

 

Die zweite Schnellpartie verlief sehr einseitig: Karjakin stand mit Schwarz aus der Eröffnung heraus besser, dann immer besser. Zum Schluss bot er in totaler Gewinnstellung remis, was Andreikin unmöglich ablehnen konnte.

 

Die Viertelfinal-Paarungen lauten Svidler – Wei Yi, Giri – Vachier-Lagrave, Nakamura – Eljanov und Mamedyarov – Karjakin. Geographisch betrachtet: Nur Russland hat noch zwei Spieler im Rennen, und im Halbfinale steht auf jeden Fall ein Spieler aus der ehemaligen Sowjetunion sowie einer aus Westeuropa. China und USA – vielleicht, oder noch mehr ex-sowjetische Spieler.

 

Nun ist beim Weltcup Halbzeit, jedenfalls was die Anzahl klassischer Partien betrifft (das Finale geht über vier Partien). Zeitlich ist noch nicht ganz Halbzeit, da es nach Viertel- und Halbfinale jeweils einen Ruhetag für alle gibt – “alle” bezieht sich auf die übrig gebliebenen Spieler, aber auch auf Reporter die bis zum Ende durchhalten dürfen und müssen. Halbzeit ist Anlass, um das bisherige Turnier zusammenzufassen: Im Vorbericht nannte ich pro Sechzehner-Gruppe drei bis vier Favoriten – jeweils ist einer dieser im Halbfinale, allerdings nicht immer DER Favorit nach Elo. Thomas Richter hat Ahnung vom Schach? Vielleicht, es bedeutet auch, dass es keine ganz grossen Überraschungen gab. Die grösste ist wohl Pavel Eljanov, jedenfalls wenn man nicht weiss oder vergessen hat, dass er zu seinen besten Zeiten ein top10 Spieler war – oder wenn man plausibel einwendet “das war vorvorgestern” (genauer gesagt 2010).

 

Wei Yi und Karjakin profitierten vielleicht davon, dass die Favoriten Aronian und Kramnik frühzeitig gegen andere Spieler ausschieden – wobei ich Karjakin durchaus (nicht körperlich, aber schachlich) etwa auf Augenhöhe mit Big Vlad sehe. Svidler, Eljanov und Mamedyarov haben die Favoriten Topalov, Grischuk und Caruana selbst eliminiert. Nakamura und Giri waren Favoriten – die einzigen, die nun noch im Rennen sind. Vachier-Lagraves Gruppe hatte keinen Favoriten (jedenfalls wenn man nicht nur aktuelle Elozahlen berücksichtigt, sondern auch die vor z.B. etwa einem halben Jahr); die Konkurrenten Tomashevsky und So hat MVL jeweils persönlich nach Hause geschickt.

 

Den bisherigen Weltcup kann man, aus Sicht der letzten acht, auch so zusammenfassen: Vier – Svidler, Giri, Eljanov und Mamedyarov – haben sich immer souverän für die nächste Runde qualifiziert (auch ein glatter Sieg im Schnellschach ist noch souverän). Zwei hatten leichte Wackler – Karjakin in Runde 2 gegen Onischuk, MVL in Runde 3 gegen Tomashevsky; jeweils kann man es im Nachhinein als leichten Wackler abhaken. Nakamura wackelte gegen Nepomniachtchi kräftig. Wei Yi wackelte zweimal kräftig – überraschend gegen Yuri Vovk, erwartungsgemäss gegen Ding Liren. Der Zufall will, dass im Viertelfinale (bisher) sichere Spieler gegen Wackler antreten – sind erstere damit favorisiert? Nicht unbedingt, wie Giri recht früh im Turnier sagte: “im Weltcup kann es passieren, dass ein Spieler marschiert, ein anderer ständig in Tiebreaks leiden muss, und der zweite gewinnt dann.” Neben Wei Yi hat zumindest Michael Adams bewiesen, dass man auch zwei enge Matches überleben kann.

 

Um noch auf Titelfotos einzugehen: Eines verspreche ich – der Weltcup-Sieger bekommt (s)ein Titelfoto, egal ob ich ihn schon einmal hatte und egal wie er gewinnt: souverän, wacklig, glücklich, mit oder ohne Tiebreaks. Karjakin, Svidler, Mamedyarov und nun Giri hatten bereits ein Titelfoto – das muss kein schlechtes Omen sein, oder?

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