Weltcup – Viertelfinale

Elozahlen sind Hausnummern?

EljanovInzwischen ist das Material so überschaubar, dass ich mich auf einen Bericht beliveschränken kann. Zunächst fasse ich Runde 5 ganz kurz zusammen (später natürlich noch ausführlicher nebst Drumherum):

Eljanov – Nakamura 1,5-0,5: Eljanov hat besser gespielt (sagte hinterher auch Nakamura).

Giri – Vachier-Lagrave 1,5-0,5: Giri überraschte MVL zweimal in der Eröffnung.

Svidler – Wei Yi 3,5-2,5: Svidler stand in fast allen Partien besser, aber es wurde immer remis. In der zweiten Semi-Blitzpartie stand er schlechter … und gewann.

Karjakin – Mamedyarov 4-2: Insgesamt das ausgeglichenste Match, Karjakin gewann in der zweiten Verlängerung.video_gross

 

Was sich hinter dem Untertitel verbirgt, da muss der Leser sich noch etwas gedulden. Das Titelbild (Fotoquelle wieder Turnierseite) bekommt heute Pavel Eljanov – logisch aus zwei Gründen: ihn hatte ich noch nicht, und er hinterliess aus meiner Sicht im Viertelfinale den besten Eindruck. Und nun ausführlicher zu den vier Matches:

 

Eljanov – Nakamura 1,5-0,5: In der ersten Partie spielte Eljanov mit Weiss Katalanisch – das heisst auch, dass Nakamura kein Königsindisch oder Holländisch spielte. Nach 15.Sbd2 wurde bisher “immer” 15.-Lxf3 16.Lxf3 c6 gespielt – etwas krumm, etwas passiv, aber spielbar. Nakamura neuerte mit 15.-Lh7 um sein Läuferpaar zu behalten, aber der Lh7 wurde später eine traurige Figur. Im 20. Zug tauschte (Opfer wäre hier verkehrt) Eljanov zwei Leichtfiguren gegen Turm und zwei Bauern. Spätestens ab hier war es ein Spiel auf ein Tor: Eljanov verwertete seinen Vorteil; zum Schluss spielte es keine Rolle, dass er ein forciertes Matt ausliess. Mit 29.-f6 bot Nakamura remis – war er sich wirklich keiner Gefahr bewusst, oder wusste er, dass er schlecht stand? Einen ähnlichen Trick hatte er auch beim Sinquefield Cup gegen Aronian versucht, damals auch erfolglos.

 

Nakamura-Fans hofften, dass ihr Held in der zweiten Partie mit Weiss kontern würde. Für das Nakamura-freundliche chess.com schrieb Peter Doggers: “Laut Datenbanken ist 1.Sf3 der erfolgreichste Zug gegen Eljanov. Wer weiss, was Nakamura gerade in seinem Labor auskocht.” Es wurde (1.c4 Sf6 2.g3 e6 3.Lg2 d5) 4.Sf3 und eine Art Quasi- oder Pseudo- oder Halb-Katalanisch, erst im 12. Zug spielte Weiss 12.d3. Dafür bekam der Koch keinen Michelin-Stern, denn Eljanov hatte nie Probleme und die Partie endete remis. Nun durfte der amerikanische FM Mike Klein für chess.com übernehmen und vermuten, dass der langjährige ukrainische Nationalspieler Eljanov damit etwas Rache nahm für das 3,5-0,5 der USA gegen die Ukraine bei einer Olympiade. War Peter Doggers, vor Ort in Baku, etwa nach Nakamuras Niederlage sofort abgereist – obwohl sein Landsmann Giri noch im Rennen ist? Dem war nicht so, er hat später den Artikel ein bisschen ergänzt. Wie dem auch sei: Herr Klein, das war nicht gestern, vorgestern oder letzte Woche – das war, wie er selbst schreibt, 2008. Eine englische Zeitung schrieb mal: “Gut, dass das Fussballspiel England-Deutschland um 19:45 angepfiffen wird, 1945 haben wir die Deutschen besiegt!”. Hier noch der Grund, warum chess.com Nakamura die Daumen drückt:

Nakamura

Niemand ist total neutral, jeder darf seine Favoriten haben – aber bei chess.com ist es für meinen Geschmack etwas plump, wobei es ihrer Zielgruppe vielleicht gefällt. Ich nehme das zum Anlass für einen kleinen Exkurs und Ausflug in die Weltcup-Geschichte: 1) War Nakamuras Ausscheiden überraschend? 2013 hatte er seine ersten drei Matches gegen relativ oder nominell schwache Gegner gewonnen. Dann verlor er gegen den “somebody” Korobov (ein Spieler mit Elo ca. 2700 ist für mich kein nobody). 2) Ist Eljanovs Erfolgsserie einmalig in der jüngeren Weltcup-Geschichte? Ja und nein. 2013 erreichten mit Tomashevsky und Andreikin etwa vergleichbare Spieler das Halbfinale (da sie dann gegeneinander spielten, Andreikin gar das Finale). Dito 2009 für Malakhov. Allerdings brauchten alle drei mehrere lange Tiebreaks, während Eljanov nur gegen Jakovenko kurz nachsitzen musste. 3) Eljanov selbst konnte allerdings bisher beim Weltcup kaum überzeugen: 2013 scheiterte er in Runde 3 an Karjakin – das war durchaus akzeptabel, zumal er nur 3,5-4,5 verlor. 2011 war in Runde 1 Schluss gegen Zherebukh (der später immerhin auch Mamedyarov besiegte). 2009 scheiterte er in Runde 3 am späteren Halbfinalisten Malakhov. 2007 verlor er in Runde 1 überraschend gegen Enamul Hossain aus Bangladesch (Revanche nahm er übrigens bei der Olympiade 2014). 2005 war Runde 2 Endstation gegen Gurevich (der erst im Viertelfinale gegen Aronian verlor).

 

Zweiter Exkurs, nun zu Chessbase – sie hatten fast immer die schnellsten Weltcup-Berichte, allerdings nicht unbedingt die interessantesten, ausführlichsten oder originellsten. André Schulz wunderte sich, dass fast alle top10 Spieler bereits nach Runde 4 ausgeschieden waren: “Von den übrigen im Wettbewerb Verbliebenen gehören Karjakin (12.) und Vachier-Lagrave (16.) vielleicht zum erweiterten Favoritenkreis. Mamedyarov (22.) ist eher schon Außenseiter, hat aber den Heimvorteil als Bonus, falls das einer ist. Wei Yi nimmt Rang 23 ein, Svidler Rang 26. Eljanov wird in der FIDE-Septemberliste auf Rang 32 geführt.” Vielleicht sollte man neben der aktuellsten auch etwas ältere Elolisten berücksichtigen? Ich betrachte mal alle seit Januar 2014, unterschiedliche für die jeweiligen Spieler: Karjakin war vor etwa einem Jahr, August 2014, noch Nummer 6. MVL war da Nummer 9. Mamedyarov war im Oktober 2014 Nummer 10, Svidler war Anfang 2014 Nummer 11. Bei Eljanov liegt es etwas länger zurück, und Wei Yi ist (vielleicht) demnächst ein top10 Spieler. Nur weil Spieler eine kleine Krise hatten, haben sie das Schachspielen nicht unbedingt verlernt!!? André Schulz räumt dann auch selbst ein, dass das alles “Zahlenspiele” sind – im (internen) Wissenschaftler-Jargon, ich war selbst mal Wissenschaftler, vielleicht “Hausnummern”: “Ich habe 6,23 gemessen, was genau bedeutet sechskommadreiundzwanzig?”. Zurück nach Baku:

 

Giri – Vachier-Lagrave 1,5-0,5: In der ersten Partie spielte Giri Russisch, das beherrscht er (sprachlich und schachlich) nach wie vor, also Remis. In der zweiten Partie begann er mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sf3 Lg7 4.e3!? – bitte kein Grünfeld! MVL spielte dann doch eine Art Grünfeld und im neunten Zug 9.-c5 nebst Grünfeld-typischem Bauernopfer (10.dxc5 Sxc3 11.Lxc3 Lxc3 12.bxc3 Sd7!? 13.cxb6 axb6). Das gibt es in diversen Grünfeld-Abspielen, aber hier und heute war es womöglich nicht ganz korrekt – Giri wies nach der Partie darauf hin, dass Schwarz seinen Grünfeld-Lg7 vermisst. 12.-bxc5 13.Da4 war auch unangenehm für Schwarz – Weiss hat Entwicklungsvorsprung, kann um offene Linien kämpfen, mit der Dame eventuell nach h4 schwenken, und der schwarze c-Bauer bleibt anfällig. Spielbar war (laut mir und anderen Quellen) 9.-Sbd7 um -c5, vielleicht auch -e5, zunächst vorzubereiten.

 

Da das Mittelspiel kaum stattfand, springe ich zum Turmendspiel. Weiss hatte immer noch (s)einen Mehrbauern, und derlei Stellungen sind entweder gewonnen oder remis, Giri gewann am Ende. Diverse Grossmeister haben dieses Endspiel besprochen, mit ihnen will und kann ich nicht konkurrieren – aber auch sie waren teilweise unsicher in der Bewertung. Zum Beispiel Jorden Van Foreest (wird demnächst offiziell GM) für schaaksite.nl: “50…Kd3?! Vielleicht der entscheidende Fehler. 50…Ke3! war besser. Dann kann Weiss den schwarzen König nicht abschneiden. Ich habe diese Stellung ein bisschen analysiert, und ich glaube dass Weiss auch dann auf Gewinn steht. Allerdings ist das nach einer Reihe sehr komplizierter Züge, die ich selbst nicht alle verstehe.”

Giri

Giri war adrett gekleidet. Hinterher sagte er “ich konnte ja auch ausscheiden, da wollte ich jedenfalls einmal im Anzug erscheinen.”

 

Karjakin – Mamedyarov 4-2: In der ersten Partie mit klassischer Bedenkzeit opferte Mamedyarov mit Weiss interessant eine Qualität. Dann opferte Karjakin eine Figur, oder war das ein Einsteller? Dann konnte Karjakin das Endspiel mit Turm gegen Läufer und Springer remis halten. Ein ausgekämpftes (88 Züge) Remis auf recht hohem Niveau, wobei Mamedyarov vielleicht irgendwo den Gewinn verpasste. In der zweiten Partie dachten sie vielleicht “insgesamt 102 Züge reicht” und remisierten nach (den verbleibenden) 14 in unklarer Stellung – allerdings war die Bedenkzeit bei beiden bereits etwas knapp. In der ersten Schnellpartie spielte Mamedyarov mit Schwarz die Berliner Mauer, daraus entstand ein interessantes und am Ende remises Turmendspiel.

MVL beim Kommentar

 

Zu Gast beim Livekommentar war der bereits ausgeschiedene Maxime Vachier-Lagrave, der diese Partie und die parallel laufende zwischen Svidler und Wei Yi sachlich-kompetent-interessant analysierte. Insgesamt wechselte ich heute zwischen dem englischen Livekommentar und dem auf Deutsch von Jan Gustafsson. Gusti machte keinen Hehl daraus, dass er Svidler die Daumen drückte – schliesslich sind sie Kollegen bei OSG Baden-Baden und chess24 – aber blieb dabei sachlich.

 

In der zweiten Schnellpartie hatte Mamedyarov bei zwei Türmen plus Leichtfigur die aktiveren Türme, und sein Läufer war besser als Karjakins Springer – wie vielversprechend das war, keine Ahnung. Dann opferte er eine Qualität, die Karjakin zurückgeben musste, und dieses Turmendspiel war dann sofort remis. In der ersten Semi-Blitzpartie spielte Karjakin den Anti-Berliner 4.d3 und stand aus der Eröffnung heraus sehr gut. Mamedyarov verteidigt sich zäh und hatte im Doppelturmendspiel mit Minusbauer womöglich Remischancen, aber dann waren 35 Sekunden für 36.-Tb5 eine zuviel – Zeitüberschreitung. Die zweite Semi-Blitzpartie war etwas kurios: Die Stellung war verrammelt, und beide Spieler rochierten insgesamt sechsmal. Das ist nicht regelkonform (auch nicht nach USCF-Regeln), aber das kann man umgehen: 7. – 0-0 8. 0-0, soweit normal. Danach spielte Karjakin Kg8-f7-e7-d8-c8 (lange Rochade) nebst Kc8-d7-e7-f7 (quasi kurze Rochade) nebst Kf7-f8-e7-d7-c8. Ansonsten bewegte er über weite Strecken der Partie vor allem seinen Turm, von d6 nach d8 und wieder zurück und wieder nach d8 undsoweiter. Mamedyarov überführte seinen König von g1 nach a1 und dann wieder nach g4. Er wartete geduldig auf seine Chance, die Stellung vorteilhaft zu öffnen, aber die kam nicht – und zum Schluss patzte er und verlor auch diese Partie.

Zuschauer

Die zahlreich erschienen Zuschauer drückten Mamedyarov die Daumen, es half am Ende nichts.

Karjakin + Svidler vorher

Die beiden späteren Halbfinalisten Karjakin und Svidler im Gespräch (wohl) vor der Runde

 

Svidler – Wei Yi 3,5-2,5: Da will ich nicht alle Partien im Detail besprechen. Ein bisschen aus Eröffnungs-Sicht: Mit Weiss spielte Wei Yi zweimal Italienisch – vor kurzem bekam er von Svidler beim Match Russland-China noch einen Spanisch-Kurs den er nicht bestand, Italienisch war vom Ergebnis her besser. Aber nur vom Ergebnis her, Svidler stand mit Schwarz bequem bis klar besser aber konnte davon nicht profitieren. Mit Schwarz spielte der Chinese zweimal Grünfeld. Das erste Mal stand er aus der Eröffnung heraus gut und bekam erst später gewisse Probleme; das zweite Mal verlief die Eröffnung für ihn katastrophal und er überlebte trotzdem.

Nakamura beim Kommentar

Nun war Nakamura Gast beim Livekommentar und lästerte über Svidler: “der will nur remis und spielt zu solide”. In entschiedenen Partien hatte er gegen Svidler sechsmal hintereinander verloren, zuletzt zweimal mit kräftiger gegnerischer Hilfe gewonnen, nun wird er frech!!? Ganz unrecht hatte er aber wohl nicht: Dass Svidler diverse Chancen nicht nutzte, lag – neben Wei Yis zäher und trickreicher Verteidigung – auch daran, dass er mehrfach zu zögerlich spielte. In der letzten Partie entkorkte Wei Yi 1.b3!? und stand zunächst sehr gut, aber dann kippte die Partie und diesmal komplett. Svidler hat aus meiner Sicht insgesamt verdient gewonnen, dabei hat er allerdings “die falsche Partie gewonnen”.

Svidler - Wei Yi

Beide Protagonisten

Karjakin + Svidler

Karjakin und Svidler hinterher bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Auf die Frage, wie er den Ruhetag (Samstag ist Ruhetag für alle) verbringt und ob er das Exkursionsangebot nutzt, meinte Karjakin “Vor allem viel schlafen, ansonsten … mal sehen”. Svidler zustimmend: “Er weiss, was im Leben wichtig ist. Recht hat er.”

 

Die Halbfinalpaarungen lauten Svidler – Giri (aktueller gegen ehemaliger St. Petersburger) und Karjakin – Eljanov (Ex-Ukrainer gegen Ukrainer). Das zweite Duell ist, wie bereits erwähnt, die nächste Weltcup-Revanche. 2013 war es für Karjakin wahrlich nicht einfach, dabei verlor er das erste und weiterhin einzige Mal in seiner Leib-, Magen- und Lieblingsvariante, und zwar in 21 Zügen. Auf Prognosen verzichte ich.

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