In Baku nichts Neues

Zwei Russen im Weltcup-Finale – Svidler souverän, Karjakin mühsam

 

Ab 12 Uhr

SvidlerZwei Russen im Weltcup-Finale, gab es das bereits? Ja, 2011 (Svidler und Grischuk) sowie 2013 (Kramnik und Andreikin). Das ist auch anderen aufgefallen – wie im Bericht von chess24 erwähnt, meinen „Kollegen“ Jaideep Unudurti und Stefan Löffler sowie Ian Nepomniachtchi. Mal eben etwas twitschern, äh ich meine tweeten, geht nun einmal schneller als einen kompletten Artikel zu schreiben. Das zeigt auch, dass Russland in der Breite nach wie vor eine führende Schachnation ist – wenn Mannschaftskämpfe an acht oder zehn Brettern ausgetragen würden, wäre Russland bei Olympiaden oder Europa-Meisterschaften immer noch haushoher und einziger Favorit. Durchgesetzt haben sich diesmal zwei Spieler, mit denen „man“ nicht unbedingt rechnete. Beide haben bereits Weltcup-Geschichte geschrieben: Karjakin ist der erste Spieler, der seit 2005 dreimal im Halbfinale stand (aller guten Dinge sind aus seiner Sicht drei), Svidler ist der erste, der zweimal das Finale erreichte.

 

Beim Titelbild (Fotoquelle Turnierseite) muss ich mich nun wiederholen, das stand bereits vor dem Halbfinale fest. Es bleibt dabei: Gezeigt wird der Spieler, der den souveräneren Eindruck in der jeweiligen Runde hinterliess – eindeutig Peter Svidler, mit seinem Match beginne ich:

 

Svidler – Giri 1,5-0,5: Wiederum (wie im Viertelfinale gegen Vachier-Lagrave) überraschte Giri seinen Gegner zweimal in der Eröffnung, diesmal war es nicht matchentscheidend. Mit Weiss spielte Giri 1.e4!? – darauf war Svidler nach eigener Aussage gar nicht (speziell) vorbereitet: an seinem Ruhetag hatte er „den ganzen Grünfeld-Inder“ wiederholt (hat er sich etwa stundenlang Svidler-Videos angeschaut?) und noch einiges, u.a. wohl auch eventuelle Anti-Grünfeldvarianten. Svidler entschied sich für 1.-e5, es wurde Spanisch, Svidler deutete Marshall an, Giri war einverstanden und Svidler dann doch nicht. Gespielt wurde die altehrwürdige Zaitsev-Variante, aber dann spielte Svidler nicht „wie alle“ 11.-Lf8 (bekannt mindestens seit den WM-Matches Kasparov-Karpov) sondern 11.-exd4 – auf Niveau Elo 2700+ bekannt aus Svidlers Partien, wobei er es (Gibraltar 2015) vom Isländer Gudmundur Kjartansson vorgesetzt bekam und danach selbst zweimal mit Schwarz spielte. Giri war vorbereitet und machte langsam Druck am Königsflügel, während Svidler am Damenflügel dagegen hielt. Entscheidend war der schwarze Materialgewinn am Damenflügel, denn die weissen Drohungen am Königsflügel wurden nie konkret.

 

Svidler-Giri

 

In der zweiten Partie musste Giri mit Schwarz gewinnen und spielte Caro-Kann, was einige verwunderte. Damit bekommt man (auch) mit Schwarz Gewinnchancen, wenn Weiss – wie heutzutage auf GM-Niveau üblich – die Vorstossvariante 3.e5 spielt. Aber es gibt auch noch die alte Hauptvariante 3.Sd2/c3 dxe4 usw., die ist oft remislich. Svidler wählte das remislichste Abspiel und es wurde remis. In der anschliessenden Pressekonferenz nannte er Giris Eröffnungswahl „psychologisch interessant“: Er, Svidler, spielt nicht gerne mit Weiss „schamlos-konsequent“ auf Remis, und die Gefahr bestand, dass er sich im entstehenden Stellungstyp zu Tode langweilen würde. In dieser Pressekonferenz wirkte Svidler eher erleichtert, aber er war wie üblich wortgewaltig. Zum anstehenden Kandidatenturnier sagte er „es wird nicht einfach, zumal diesmal junge Spieler dabei sind die letztes Mal die Qualifikation knapp verpasst hatten“ (Nakamura, Caruana, zu 90% trotz seiner Niederlage im Weltcup-Halbfinale auch Giri). Motiviert ist er: Zum einen sagte er vor oder nach dem letzten oder vorletzten Kandidatenturnier „wenn andere hart für mich arbeiten (seine, vom russischen Schachverband bezahlten, Sekundanten Vitiugov und Matlakov), dann muss auch/sogar ich hart arbeiten!“. Zum anderen hatte er in einer chess24 Frage- und Antwortstunde vor ziemlich genau einem Jahr meine Frage „Welche Ziele hast Du noch im Schach?“ mit „Thomas, ich will Weltmeister werden!“ beantwortet. Ob die Antwort im Video Teil I oder Teil II war – keine Ahnung und keine Zeit, um mir alles nochmals anzuhören. Warum ich weiss, dass es vor einem Jahr und ein paar Tagen war – siehe Kommentar von thomasr (zweiter von 90, scrollen angesagt) unter Teil I.

 

Karjakin – Eljanov 3,5-2,5 (gefühlt ca. 10-9): In der ersten klassischen Partie tat Karjakin, was er schon im Viertelfinale gegen Mamedyarov tat: mit Schwarz eine schlechte, vielleicht zwischenzeitlich verlorene Stellung zäh verteidigen und remis halten – auch so sehen (spätere) Sieger aus!? Mit Weiss wiederholte er dann ebenfalls seinen Auftritt aus dem Viertelfinale: remis in 14 Zügen. Der Unterschied: Mamedyarov hatte mit Schwarz remis angeboten, nun tat Karjakin dies mit Weiss. Parallele: Beide waren „nicht mehr im Buch“ sondern begannen lange zu grübeln – für 13.-Sg6 investierte Eljanov 19 Minuten, für 14.Sxg6 mit Remisangebot brauchte Karjakin 31 Minuten. Eljanov zeigte danach, welche scharfen Stellungen nach 14.Sf5 entstehen konnten und meinte „mit 1-1 bin ich zufrieden“.

 

Karjakin-Eljanov

Dann also Tiebreak, irgendwann mit Livekommentar von … Peter Svidler. In der Pressekonferenz hatte er gesagt, dass er ohnehin im Turniersaal auftauchen musste, denn direkt danach wurde die Farbverteilung für das Finale ausgelost. Ausserdem schaut er sehr gerne Liveübertragungen von „irgendwelchen“ Schachturnieren. Das Video gibt es eingebettet bei chess24 – ich habe es mir noch nicht angeschaut: Zum Zeitpunkt der Liveübertragung musste ich arbeiten, morgen auch wieder – also kann ich nicht erst Video gucken und danach bis weit nach Mitternacht den Artikel zu Ende schreiben!

 

Die erste Schnellschach-Partie gewann Eljanov glatt mit Weiss – chess.com und chess24 schreiben, dass er Karjakin „vom Brett fegte“, EuropeEchecs weisst darauf hin, dass Karjakin „gourmandise“ war (hungrig bzw. gierig, er schnappte sich mit der Dame einen vergifteten Bauern, 25.-Dxa4?). Wie dem auch sei und beides stimmt: Vorteil Eljanov. Also musste Karjakin die zweite Partie gewinnen und spielte mit Weiss einen optisch harmlosen Reti-Aufbau. Die Stellung nach 20.Sc5 hatte er noch vorbereitet – Weiss steht etwas besser, aber ist das gewinnträchtig? Am Ende wurde Karjakin für seine „riskante“ Partieanlage belohnt: eine Niederlage riskierte er nicht, aber durchaus ein Remis was im gegebenen Fall dieselben Konsequenzen gehabt hätte. Karjakin gewann – wann genau die Remisbreite überschritten war, da bin ich überfragt.

 

In der ersten Semi-Blitzpartie stand Eljanov mit Weiss wiederum „eigentlich“ besser, aber dann übersah er einen schwarzen Konter – 0-1, insgesamt 2-3, Vorteil Karjakin. Nun musste Eljanov mit Schwarz kontern und bekam zunächst, was er wollte: eine zweischneidige Stellung. Er spielte eine Art Benoni aber es war kein Benoni: 1.Sf3 c5 2.c4 g6 3.d4 Lg7 4.d5 (schon das muss in dieser Turniersituation nicht sein) 4.-d6 5.Sc3 (?! in dieser Turniersituation) 5.-Lxc3+!? 6.bxc3 f5 usw. . Weiss hat das Läuferpaar, aber den schwarzfeldrigen Läufer kann er zumindest nicht auf der langen Diagonale einsetzen und den weissfeldrigen Kollegen eigentlich nirgendwo effektiv. Schwarz bekam immer mehr Oberwasser und Mehrbauern, dann wickelte er ab in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern – musste nicht sein aber war immer noch gewonnen. Um Zeit auf der Uhr zu gewinnen, wiederholte er die Züge – einmal zu oft: Karjakin reklamierte (nach 70.Le1, was er ankündigte aber nicht ausführte) dreimalige Stellungswiederholung und remis. Die Partie wurde rekonstruiert (ein Schiedsrichter hatte mitgeschrieben) und Karjakin bekam sein Remis.

 

Chess24 nennt das ein „tragisches Ende für Eljanov“, chess.com schreibt, dass das Match „nicht durch Schachzüge“ entschieden wurde, sondern durch einen Patzer und eine dreimalige Stellungswiederholung – aber ein schlechter Zug ist auch ein Schachzug, und eine dreimalige Stellungswiederholung ist das Ergebnis von einer Reihe Schachzügen. Da erkenne ich jeweils Sympathie und Mitleid für Eljanov – aber was er angerichtet hat, hat er doch selbst angerichtet? Man kann es so sehen: Karjakin (Foto unten) hat seine Chancen im Tiebreak besser genutzt – auch die, die er jeweils mit Weiss eigentlich gar nicht mehr hatte …. .

 

Karjakin

 

Auch Karjakin war in der anschliessenden Pressekonferenz eher erleichtert als glücklich oder gar stolz, dabei (das ist halt sein Naturell) bei weitem nicht so wortgewaltig wie Svidler. Auch ich habe etwas Mitleid mit Eljanov, aber riskiere doch eine gewagte These: So ist es besser für das Kandidatenturnier – bei Eljanov müsste man abwarten, ob er da noch ein „Turnier seines Lebens“ spielt; Karjakin kann, auch wenn er nur „Normalform“ zeigt (in letzter Zeit hatte er mitunter schlechte Form), ordentlich mitmischen. Ausserdem kann ich mir nun selbst auf die Schulter klopfen: Ich hatte als womöglich einziger (westlicher) „Experte“ prognostiziert (letzter Kommentar von „Thomas“), dass Karjakin das Weltcup-Finale erreicht. Mein Argument war, dass er jede Menge Weltcup-Erfahrung hat, bereits zweimal das Halbfinale erreicht hatte, ein guter Schnell- und Blitzschachspieler ist und nun an der Reihe ist. Und wenn „alle“ (jedenfalls Amerikaner und diejenigen, die religiös an aktuelle Elozahlen glaubten) auf Nakamura getippt hatten, tanze ich absichtlich aus der Reihe. Generell wird, aus meiner Sicht, Karjakin – wiederum zumindest in der westlichen Schachwelt – oft unterschätzt bis ignoriert.

 

Wie geht es weiter? Natürlich mit dem Finale Svidler-Karjakin. Karjakin sagte, dass ihre Bilanz etwa ausgeglichen ist, chessgames.com sagt „Vorteil Karjakin“. Aber +5=20-2 ist keine Dominanz für ihn, und die jeweiligen Siege waren über viele Jahre verteilt: Karjakin gewann 2007, 2008, 2009, 2014 und zuletzt 2015 (russische Meisterschaft), Svidler gewann 2008 und 2013. Im Tiebreak, wenn es dazu kommen sollte, würde (bisher) Gleichstand herrschen – +5=6-5 in der Rubrik „only rapid/exhibition games“. Da geht gegebenenfalls einer in Führung – es sei denn, das Match wird erst im Armaggedon entschieden und diese Partie endet remis. Ausschlaggebend ist vielleicht auch, wer sich noch einmal motivieren kann – beide sagten, dass sie ihr Ziel „Finale und damit Kandidatenturnier“ bereits erreicht haben.

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