Svidler, nein Karjakin, doch Svidler, am Ende Karjakin

0-1 0-1 1-0 1-0 1-0 0-1 0-1 1-0 1-0 1-0 (aus Sicht des Siegers)

Svidler-Karjakin

 
Es war ein verrücktes Weltcup-Finale: Samstag hatte ich Zeit eingeplant, um den Abschlussbericht zu schreiben – daraus wurde nichts. Sonntag hatte ich Zeit eingeplant – daraus wurde nichts. Heute habe ich „eigentlich“ keine Zeit und muss improvisieren, d.h. andere Termine absagen, na gut … .

 

Angesichts der ziemlich remislichen bisherigen Bilanz der beiden Protagonisten mit klassischer Bedenkzeit (vor dem Finale +5=20-2 für Karjakin) war es keine Überraschung, dass das Weltcup-Finale erst im Tiebreak entschieden wurde. Andererseits doch – beide haben das Remis spielen völlig verlernt! Wie es dazu kam, siehe unten. Ich habe beschlossen, dass beide zusammen auf das Titelbild kommen (Quelle wie immer Turnierseite) – beide (oder wenn man so will keiner von beiden) hatte(n) den Sieg verdient. Karjakin hatte zum Schluss die etwas besseren Nerven, war dabei allerdings eher der Einäugige unter den Blinden oder eben total erschöpften.

 

Da ich immer einen eigenen Blickwinkel versuche zu finden, beginne ich mit einem Romanischin-Zitat: „Geschlossene Eröffnungen sind anspruchsvoller als offene Positionen: man muss geschlossene Stellung beherrschen UND die Stellung zum richtigen Zeitpunkt öffnen.“ – das passte zu mehreren, mindestens drei Partien. Jeweils war Svidler derjenige, der die Stellung öffnete – mit wechselndem Erfolg, auch unabhängig vom späteren Ergebnis der Partie. Und nun Runde für Runde – insgesamt zehn, nur Armaggedon gab es dann doch nicht. Vier Partien mit klassischer Bedenkzeit, zwei Schnellpartien, zweimal Semi-Blitz (10 Minuten plus Inkrement), zweimal Blitz:

 

Svidler-Karjakin 1-0: Svidler wollte Karjakins Theoriekenntnisse nicht testen – allerdings ist auch der königsindische Angriff relativ theoretisch bzw. wurde, auch auf höchstem Niveau, vielfach gespielt. Eher selten war dann 9.exd5 (statt 9.e5), ebenfalls selten Karjakins Antwort 9.-Sxd5 (statt 9.-exd5). Damit wurde die Stellung immerhin ein bisschen geöffnet. Mit 16.d4 wurde sie dann komplett geöffnet – Karjakin bereute später wohl, dass er auch 16.-bxc3 17.bxc3 einschob, so bekam Weiss neben der c-Linie auch die b-Linie. Schwarz hatte einen Mehrbauern, den opferte Svidler – gerne, da seine Figuren so dominierten und die gegnerischen fesselten. 1-0 nach 29 Zügen.

 

Karjakin-Svidler 0-1 war ein Theorieduell im Breyer-Spanier – wieder hatte Svidler das Marshall-Gambit angedeutet und dann doch nicht gespielt. Mit 17.-c5(!? oder !, wohl eher !) öffnete er die Stellung. Zu diesem Zug sagte er hinterher: „gut, dass es Skype gibt, gut dass ich Freunde habe“. Wer ihm diesen Tip aus der Ferne gab, hat er nicht verraten. Er sagte auch, dass Karjakin in langen Manövriergefechten in geschlossener Stellung besonders gefährlich ist. Svidler konnte ausgleichen, setzte dann allerdings ungenau fort und Karjakin bekam doch latenten Druck. Dann spielte er allerdings, nach knapp einer Minute und ohne Zeitnot, 37.Tb5?? was eine Figur einstellte. Auf Chessbase meinte GM Ramirez, dass das Endspiel mit Mehrfigur für Schwarz technisch schwierig und womöglich nicht zu gewinnen war; Svidler war allerdings überzeugt, dass es relativ einfach war. Ich wage da kein eigenes Urteil, vertraue aber eher dem stärkeren Spieler, der nicht für übertriebenen Optimismus bekannt ist. Es war dann egal, da Karjakin direkt danach mit 38.Td5?? noch eine Qualität einstellte. 2-0 für Svidler, ein Remis fehlte noch zum Weltcup-Sieg.

 

Svidler-Karjakin 0-1 war wieder kein Theorieduell. Svidler, der nur ein Remis brauchte, spielte 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4!? Welcher Weltklassespieler hatte das bereits versucht? Svidler selbst offenbar zuletzt 1999 gegen Kasparov, Karjakin mehrfach im Schnell- und Blitzschach, Grischuk einmal mit klassischer Bedenkzeit – aber ganz oben in der (nach Elo sortierten) Liste steht Carlsen, Carlsen und Carlsen. Beide folgten grob Carlsen-Jones, London Chess Classics 2012 – eher Detail, dass Svidler und Karjakin etwas später rochierten. Gawain Jones spielte damals am Damenflügel und opferte flott seine Dame für zwei Leichtfiguren – das war, jedenfalls so wie er fortsetzte, inkorrekt und Carlsen verwertete seinen materiellen Vorteil. Hinterher sagte Jones, dass er gegen den Weltranglistenersten (damals noch nicht Weltmeister) „eine interessante Partie spielen wollte“.

 

Heute gab es keine Geschenke – noch nicht: Karjakin wollte nicht „schön und interessant“ verlieren – nein er wollte und musste gewinnen. Er spielte vor allem am Königsflügel und stand schnell leicht besser – kann aus weisser Sicht passieren, wenn man zu plump auf Remis spielen will. Svidler kam offenbar ins Grübeln – siehe Screenshot aus der Liveübertragung:

Svidler1 screenshot

Oder ist das eine normale Konzentrationspose? Siehe dieses Foto von der Turnierseite:

Svidler

Hier stand er noch nicht schlechter, kann auch sein, dass er nach drei Wochen fast nonstop Schach auch die Grundstellung nicht ansehen wollte? Später ging es für Karjakin nicht so recht weiter, und dann hatte er die Qual der Wahl: die besten Züge führten zu Vereinfachungen und remis, dann notgedrungen schlechtere Züge damit die Stellung zumindest kompliziert bleibt – objektiv war sie nun verloren!

Karjakin-screenshot

Ob Karjakin das zu diesem Zeitpunkt wusste? Die abgebildete Stellung ergab sich nach 26.Td1-f1 Df5-e4, und nun geschah 27.Tbe1 (gut genug, wobei das etwas paradoxe 27.Tfe1 offenbar noch besser war) 27.-exd5?! 28.Txf2? (28.Dc3! und Schwarz kann aufgeben) 28.-Dh4! (nicht 28.-Dxe3? 29.Txe3 Txe3 30.Txf6 Kxf6 31.Sxd5+ nebst 32.Sxe3, was Svidler gesehen hatte) 29.Dd2?? (nach 29.Dxe8 Dxf2+ 30.Kh2 Dxb6 hat Schwarz einen Mehrbauern, aber die Remisbreite ist wohl nicht überschritten) 29.-Txf2 30.Dc3+ (30.Dxf2 Txe1+ mit Röntgenblick) – Svidler stand auf und merkte plötzlich, was er angerichtet hatte:

Svidler-screenshot

30.-d4 0-1. Ich muss zugeben, dass ich das abrupte Ende der Partie live verpasst hatte – vielleicht war ich auf der Toilette, vielleicht hatte ich zwischendurch in Poikovsky vorbeigeschaut – und diesen Moment zunächst auf chess24 sah, anfangs via Twitter, später auch in den Artikel eingebaut. Aber ich erzeugte nachträglich einen eigenen Screenshot – mit Zeitbalken unten, auf das Bild klicken um es zu vergrössern. Nach 3:01:22 in der Liveübertragung (vorletztes Foto) war der Weltcup quasi entschieden, nach 3:09:32 war wieder alles offen – in diesen acht Minuten hatte Svidler zwei halbe Punkte verschenkt!

 

Karjakin-Svidler 1-0 wurde hinterher unterschiedlich bewertet, auch Chessbase hatte gemischte Gefühle: Auf Deutsch sprach FM Johannes Fischer von einem „ruhigen und überzeugenden Positionssieg“. Auf Englisch schrieb GM Alejandro Ramirez „It won’t go down in history as one of the best games of chess, but at least there weren’t any major blunders in the fourth game of the finals of the World Cup. Svidler’s choice of opening left him in a passive position and shortly after concluding theory his position deteriorated. … Karjakin’s technique was not a masterpiece, and Svidler had chances to equalize later on, but he did not take advantage of them.“ [Es wird nicht als eine der besten Partien in die Schachgeschichte eingehen, aber zumindest gab es in der vierten Partie keine groben Patzerzüge. Svidlers Eröffnungswahl führte zu einer passiven Stellung, die kurz nachdem die Theorie verlassen wurde, schlecht wurde. Karjakins Technik war nicht meisterhaft, und Svidler hatte später Chancen zum Ausgleich, die er jedoch nicht nutzte.“] Wer hat Recht? Die Wahrheit liegt sicher, wie so oft, in der Mitte. Vergleichbare Carlsen-Partien werden wohl gerne als Meisterwerk bezeichnet, aber Karjakin hat in westlichen Medien keine Lobby? Allerdings schreibt chess.com auch, jedenfalls eingangs, dass Karjakin seinen Vorteil langsam aber sicher verdichtete. Und chess24, die mit Colin McGourty einen Russland-Experten haben? Da wird Karjakin gewürdigt, und die Partie dann vor allem aus Svidlers Sicht besprochen – Colin nennt vier Gründe für Svidlers Niederlage, aber das will ich nicht alles übernehmen/abschreiben. Es ist nachvollziehbar, dass chess24 eine Vorliebe für Svidler hat, er ist dort Video-Autor. Für Svidler und tendenziell gegen Karjakin sprechen zwei Gründe: Svidler ist Gustafssons BBBB (Baden-Badener Bundesliga Buddy), und er redet gerne, auch auf Englisch – Karjakin nicht unbedingt.

 

Kurze Zusammenfassung aus meiner Sicht, wobei ich mit einer weiteren Quelle beginne – Paco Vallejo auf Twitter: „No me ha gustado para nada la elección de apertura de Piotr, Karjakin ya demostró nervios de acero para remontar y fina técnica “ [Mir gefällt Peters Eröffnung gar nicht. Karjakin hat Nerven aus Stahl und eine beeindruckende Technik]. Ich kann ein bisschen Spanisch, aber war doch dankbar, dass das anderswo übersetzt wurde – zunächst von Europe Echecs ins Französische, später erschien es auf chess24 auf Englisch und inzwischen auch auf Deutsch. Gemeint war 1.Sf3 d5 2.d4 c5?! 3.c4 cxd4 4.cxd5 Sf6 5.Dxd4 Dxd5 6.Sc3 Dxd4 7.Sxd4 Ld7?! (7.-a6!?) 8.Sdb5 Kd8 9.Le3 Sc6 10.f3 (Karjakins Neuerung, wobei er nach eigener Aussage hinterher diese Variante gar nicht erwartet hatte) 10.-h5?! – usw., trotz Damentausch steht Weiss hier einfach besser. Dann, wie von GM Ramirez angedeutet, verflüchtigte sich der weisse Vorteil. Partieentscheidend war erst Svidlers 44.-Te8? (44.-d5! mit Ausgleich, wobei man dafür lange Varianten berechnen und richtig bewerten musste). So gewann Karjakin im Turmendspiel, wobei das Turmendspiel von Anfang an glatt gewonnen war. Weiter gehts – Tiebreak! „Im Prinzip“ mit nun psychologischem Vorteil für Karjakin.

 

Karjakin-Svidler 1-0 war dann aber eher durchwachsen. Anfangs stand er trotz Mehrbauer eher schlechter, später hatte er im Endspiel immer noch einen Mehrbauern, und der war trotz ungleichfarbiger Läufer partieentscheidend – wegen dem Durchbruch 80.d5+! . Eine sehr kurze Zusammenfassung der insgesamt 89 Züge, aber es kam noch viel mehr … .

 

Svidler-Karjakin 1-0: Zum ersten Mal überhaupt im Weltcup 2015 musste Svidler unbedingt gewinnen, und tat das. In einer Stellung mit nur leichtem weissem Vorteil musste Karjakin wohl passiv abwarten, aber er wurde mit 37.-Ta3? aktiv. Damit aktivierte er die weissen Figuren – ein weisser Turm konnte zunächst auf der siebten, dann auf der achten Reihe entscheidend eindringen. Weiter gehts!

 

Karjakin-Svidler 0-1 – aus weisser Sicht eine Katastrophe. Es war ein Benoni mit e3, offenbar spielbar (auch auf höchstem Niveau) auch wenn Weiss oft ein Tempo für später e3-e4 ver(sch)wenden muss. In derlei Strukturen spielt Schwarz oft -exd5 und Weiss dann cxd5, Svidler verzichtete darauf und dann öffnete zuerst Weiss, dann Schwarz die Stellung mit 10.dxe6?! Lxe6 11.0-0 d5! 12.cxd5 Sxd5 13.Sxd5 Lxd5. Nun hatte Schwarz Entwicklungsvorsprung und – in einem Benoni!!? – Raumvorteil. Ab hier war es ein Spiel auf ein Tor: Karjakin verlor eine Figur und spielte weiter, als ob nichts los war, am Ende verlor er – aber das war nicht partieentscheidend – noch eine Figur.

 

Svidler-Karjakin 0-1: Weiss wählte diesmal 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ – „schamlos auf Remis spielen“ und das ging schief, womöglich noch schiefer als Karjakins Weisspartie direkt davor. Karjakin gewann einen Bauern, dann noch einen, und dann gab Svidler bereits auf – recht früh, aber er hatte offenbar genug von dieser Partie. Weiter gehts!

 

Karjakin-Svidler 1-0: Diesmal spielte Svidler tatsächlich das spanische Marshall-Gambit, und der erste Höhe- oder Tiefpunkt kam nach 18 Zügen und dauerte zusammen vier Minuten, wohlgemerkt in einer Blitzpartie. Karjakins Neuerung 18.Lc2? (nach 1:44) gehört in den Papierkorb – 18.-Sxc3! und Schwarz steht viel besser bis gewonnen. Nach 2:33 spielte Svidler 18.-b4? und nun stand Weiss besser, da sein Mehrbauer relativ gesund war. (Zum Vergleich: Carlsen und Anand brauchten für ihren Doppelfehler in der sechsten WM-Partie in Sotschi zusammen nur zwei Minuten). Das war aber noch nicht alles: Svidlers 28.-Lh5 war eher Bluff (29.g4 und Weiss hat alles unter Kontrolle), aber Karjakin spielte in Zeitnot-Panik 29.Tb1 und hatte danach eine Qualität weniger. Ganz zum Schluss hatte er dann eine Mehrfigur, da Svidler mit 42.-Kg8?? einfach so einen ganzen Turm einstellte – 43.Dxb8+!! 1-0.

 

Svidler-Karjakin 0-1 fasse ich eher kurz zusammen: Svidler stand im Mittelspiel mal besser, im Endspiel nicht mehr – und da Remis nicht half, verlor er am Ende.

 

Wie soll man das nun bewerten? Svidler selbst äusserte sich in einer Serie Tweets. „Es sollte nicht sein … aber es war doch unterhaltsam?“. „Gratulation an Sergey Karjakin, er hatte seine Nerven besser im Griff als es darauf ankam – und das war am Ende entscheidend.“ „Wenn man so oft wie ich im Finale das leere Tor nicht trifft, hat man den Sieg nicht verdient.“ „Zumindest habe ich nun eine lange Pause, um das Atmen wieder zu lernen. Oh wait … (Moment mal)“ – ab Samstag spielen er und viele andere die WM im Blitz- und Schnellschach in Berlin! Während ich am Artikel schrieb, twitterte er weiter – allerdings nun auf Russisch. Ian Nepomniachtchi meinte „No idea, if we really need to turn a chess game into THIS. “ (Keine Ahnung, ob wir aus Schach SO WAS machen müssen) sowie „Let it be! Congratulations to , and great support & empathy to . “ (Sei’s drum. Gratulation an Sergey Karjakin, und viel moralische Hilfe und Mitleid für polborta [Svidler]). Chessbase hat noch mehr Tweets (wobei sie, warum auch immer, konsequent die hashtag #c24live weglassen) und interpretiert das als „Kritik, nicht an den Spielern, … sondern am Format“.

 

Wenn man will, kann man durchaus auch die Spieler kritisieren, die (bereits in den Partien mit klassischer Bedenkzeit) ihre Nerven teilweise gar nicht im Griff hatten. Ähnliches kann, jedenfalls im Prinzip, auch in einem WM-Match passieren. Ähnliches kann auch in einem Rundenturnier passieren, wenn Veranstalter auf einem Stichkampf und damit einem einzigen Sieger bestehen – der Stichkampf zwischen Carlsen und Naiditsch in Baden-Baden war auch „unterhaltsam“, aber auch diese Partien werden zumindest nicht in die Schachgeschichte eingehen.

 

Wie oft gab es das in der Weltcup-Geschichte? Im Finale nur einmal, 2009 gewann Gelfand 7-5 gegen Ponomariov – ich verzichte mal darauf, mir diese Partien anzuschauen und ihre Qualität zu beurteilen.

 

Wie geht es weiter? Wie bereits erwähnt, am Wochenende bis Mittwoch mit der WM im Blitz- und Schnellschach. Derzeit läuft auch, ebenfalls kurz erwähnt, ein „kleines“ Superturnier im sibirischen Poikovsky, da geht es teilweise auch drunter und drüber.

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