Möwe schnappt Fisch?!

Computerschach: Gull schlägt Stockfish nach 129 Zügen durch Zeitüberschreitung – Von BRUNO MÜLLER-CLOSTERMANN

 

Gull acquires Fish! - Möwe schnappt Fisch!Wir kennen alle Fritz, natürlich auch Houdini, Stockfish und seit neuestem vielleicht auch Komodo. Aber wer ist Gull?

 

Gull ist ein Schachprogramm, das nach einem Vogel benannt ist, zu dessen wichtigsten Beutetieren Fische gehören! Für ein Vogel-Schachprogramm wie Gull (dt. Möwe) zählen daher Fisch-Schachprogramme zu den potenziellen Opfern, dazu gehören z.B. DroidFish, Sharky, Rybka (das „Fischlein“) und natürlich auch Stockfish. Glauben Sie bitte nicht, dass ich mir das ausgedacht habe. Es gibt derzeit 23 Schachprogramme mit Vogelnamen und 15 Schachprogramme mit Fischnamen!

 

Bei den Säugetieren haben wir sogar 38, wobei hier die Aufnahme von „Schweinehund“ unter die Säugetiere nicht die einzige fragwürdige Klassifizierung in diesen spektakulären Listen darstellt. Es geht weiter mit Reptilien 8, Gliederfüßern 18, Mollusken 5, dazu viele Namen von Charakteren aus Mythologie und Star Trek, aus der Astronomie usw. usf., in Summe einige hundert Schach-Engines!

 

Stockfish_Gull_Season8_Stage3Jedenfalls hat Gull es geschafft in die Vorschlussrunde (Stage 3) der TCEC (Top Chess Engine Championship) vorzudringen, dort die Tabellenführung zu übernehmen und mit Stockfish eines der Top-Programme zu besiegen! In der Unterzeile zu diesem Beitrag steht allerdings schon der Hinweis auf den kuriosen Verlauf der Begegnung mit Stockfish: durch Zeitüberschreitung“. Schaut man auf den Schluss der Partie – das TCEC-Archiv ist vorbildlich gepflegt – findet man eine nach menschlichem Urteil tote Remisstellung, in der nach ca. 50 ziemlich ereignislosen Zügen mit ungleichen Läufern Stockfish schließlich stecken geblieben ist und keinen Zug mehr abgeliefert hat. Also „Game Over“ und Partieverlust durch ZÜ! Da „steckenbleiben“ mit „to stuck“ ins Englische übersetzt wird, kann ich mir den naheliegenden Kalauer Stuckfish nicht verkneifen! Und weil dieser aktuellen und eigentlich stark verbesserten  Stockfish-Version dieses Malheur bereits zum zweiten Mal passiert ist, muss im weiteren Turnierverlauf wieder die stabile Vorgängerversion eingesetzt werden, was die Konkurrenz nach einigen Verhandlungen sportlich akzeptiert hat.

 

In der nebenstehenden kleinen Grafik zur Schlussstellung der besagten Partie, sieht man einige Leistungsdaten von Gull und Stockfish: Gull wertet z.B. 41,209 Millionen Stellungen pro Sekunde aus (kN/s = kiloNodes per second) bei einer Rechentiefe von 36 Halbzügen (= plies). Die Werte von Stockfish sind deutlich größer, aber anscheinend hat sich das Programm tot gerechnet!?

 

Zum Austragungsmodus habe ich noch ein paar Informationen zusammen gestellt: TCEC ist ein Computerschachturnier, das über mehrere Monate täglich rund-um-die-Uhr läuft und von Chessdom in Kooperation mit Chessdom Arena  durchgeführt wird. In aufeinander folgenden „Stages“ wird die Anzahl der teilnehmenden Schachprogramme sukzessive verkleinert bis schließlich die zwei noch verbleibenden Engines in einem Zweikampf um den Titel „TCEC Grand Champion“ spielen. TCEC git auch als inoffizielle Computer-Weltmeisterschaft.

 

Der geographische Austragungsort ist nicht so relevant, es sein denn man deklariert den (mir unbekannten) Standort des TCEC-Servers als solchen. Der Server mit 20 Kernen (Taktung 2,6 Ghz) und 124 GB RAM darf von den beiden spielenden Programmen nur im Wechsel benutzt werden. Das sog. „pondering“ – das bedeutet Rechnen/Denken während der Gegner am Zug ist – wird technisch nicht zugelassen, damit sich die beiden jeweils im Zweikampf befindlichen Programme nicht gegenseitig Rechen- und Speicher-Ressourcen blockieren können.

 

Stage3_Chess_EnginesIm laufenden Turnier sind von anfänglich 132 teilnehmenden Engines noch 6 in „Stage 3“ dabei. Neben den bisherigen Titelträgern Komodo (2-mal, ELO 3218), Stockfish (1-mal, ELO 3222), Houdini (3-mal, ELO 3194) sind dies Protector (ELO 3003), Hannibal (ELO 2991) und Gull („unsere Möwe“ mit ELO 3123).

 

Die beiden erstplatzierten Engines qualifizieren sich für das „Superfinal“, in dem sie sage und schreibe 100(!) Partien miteinander ausfechten müssen. Durch eine Vorauswahl von 50 interessanten/ kritischen/ Theorie-relevanten Eröffnungsstellungen, die von beiden Engines jeweils mit Weiß und mit Schwarz gespielt werden müssen, wollen die Veranstalter für spannende Partien sorgen. In den Ankündigungen wird jedenfalls Blut, Freude und Feuerwerk in Aussicht gestellt:

  • „There will be more blood on the board!“
  • „We hope you enjoy the fireworks!“

Die Organisation macht auch ansonsten einen kompetenten und kooperativen Eindruck, ganz voran Nelson Hernandez alias „Cato der Jüngere“, der als Verwalter der benutzten Eröffnungsbibliotheken nach eigenen Angaben 11 Millionen von Menschen und Maschinen gespielte Partien gesammelt hat und auch Fragen gerne beantwortet, wie z. B. diese Bitte nach einer Veröffentlichung seiner Partie-Datenbank:

  • Would you be so kind to send me your database?   
    Wären Sie bitte so freundlich mir Ihre Datenbank zuzusenden?
  • No.  🙂    

 

 

Bildnachweise:

 

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