Silberjubiläum für den DSB-Präsidenten

Herbert Bastian spielt seine 25. Deutsche Schachmeisterschaft, Daniel Fridman will vierten Titel und Vincent Keymer ist mit elf Jahren jüngster Starter – Von RAYMUND STOLZE

 

25-maliger Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft!

25-maliger Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft!

Ist Holland eine Option? – Diese Frage bekam Bundesturnierdirektor Ralph Alt von den Teilnehmern der 85. Deutschen Schachmeisterschaft in Verden/Aller im November 2014 häufig gestellt, und er livebekannte unumwunden, keine Antwort darauf zu geben. „In den letzten Jahren haben mehrfach Landesverbände die Ausrichtung übernommen – nur folgerichtig, da ja die Landesverbände an einer Deutschem Schachmeisterschaft an der Teilnahme ihrer Landesmeister interessiert sind“, so Ralph Alt.

 

Ob das Format dieser Veranstaltung zeitgemäß und im Sinn des Leistungssports ist, sei dahingestellt. Es ist so, wie es ist, denn die „Rufer in der Wüste“ im Schachland Deutschland finden einfach kein Gehör. Nur gut, dass mit dem DSB-Sponsor UKA in Dresden im August mit dem „German Masters“ ein Modus gefunden wurde, der sowohl in sportlicher Hinsicht attraktiv ist als auch jedem der sechs Aktiven ein ansprechendes Preisgeld garantiert hat.

 

Zum Glück ist in 2015 Holland keine Option – es war sicherlich auch nur eine nicht unbedingt ernst zu nehmende Fragestellung. Rechtzeitig hat sich nämlich erneut der 1921 gegründete Saarländische Schachverband bereit erklärt, die bereits 86. Deutsche Schachmeisterschaft auszurichten. Vom 2. bis 12. Dezember werden laut Meldeliste [Stand 23. November] 35 Aktive in neun Runden Schweizer System um Titel und Medaillen streiten.

Turnierseite

Das sind immerhin neun Mann weniger als noch vor einem Jahr. Vom deutschen EM-Team in Reykjavik wird allerdings lediglich Daniel Fridman [Elo 2629] dabei sein, der nach 2008, in Bad Wörishofen, 2012 in Osterburg und 2014 in Verden/Aller sein viertes Meisterschaftsgold im Visier hat. Er ist der einzige Teilnehmer mit einer Elo über 2600. Seine härtesten Konkurrenten sollten der Meister von 2011 Igor Khenin [2594], Alexander Donchenko [2582], Vitaly Kunin [2561], Rene Stern [2538], Rasmus Svane [2534], Hagen Poetsch [2514] und der Meister von 2013 Klaus Bischoff [2497] sein.

 

Noch niemals Deutscher Meister wurde Herbert Bastian [2328], der in der Hermann-Neuberger-Sportschule sein silbernes Jubiläum feiert. Der 20-fache Saarland-Meister ist bereits zum 25. Mal dabei. 1972 in Oberursel hatte der Internationale Meister bei der 53. Auflage, die Hans-Günter Kestler gewann, seinen Einstand gegeben. Seine beste Platzierung erreichte Bastian 1982 in Bad Neuenahr als geteilter Zweiter zusammen mit Peter Ostermeyer, der den begehrten Titel 1974 in Menden gewann.

 

Dass der DSB-Präsident, der am 10. Dezember seinen 63. Geburtstag feiert– da wird Runde acht gespielt – auch während der Meisterschaftstage in der Woche seinem Beruf als Lehrer nachgeht, sei hier zurecht angemerkt. Er ist, so habe ich ihn kennen und schätzen gelernt, ein Mann, der das Schach wirklich liebt und die Begeisterung weiter gibt! Ob er noch den Meisterschaftsrekord von Lutz Espig [21 x DDR, 5 x BRD] knacken wird, ist deshalb zweitrangig. Zuzutrauen wäre es Herbert Bastian jedenfalls durchaus.

 

Und wenn wir schon bei der Statistik sind, die ja eng mit der Geschichte der nationalen Titelkämpfe verbunden ist, so gestatten Sie mir an dieser Stelle, einfach einmal ein wenig in die Chronik dieser Veranstaltung zu blicken. Die informative Liste der Deutschen Schachmeisterschaften finden Sie bei Wikipedia unter dem Link

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_deutschen_Meisterschaften_im_Schach.

 


 

Also, alles begann 1879 in Leipzig, wo zwei Jahre zuvor der Deutsche Schachbund [DSB] gegründet wurde. Als erster Meister ging Berthold Englisch [9. Juli 1851 bis 19. Oktober 1889] in die deutsche Schachgeschichte ein, Der Börsenmakler aus Wien war ein österreichischer Schachmeister. Man muss freilich wissen, dass bis 1914 die deutschen Meisterschaften meist als internationale Turniere bei den DSB-Kongressen ausgetragen wurden. So wundert es nicht, dass 1881 in Berlin Joseph Henry Blackburne, 1983 in Nürnberg Szymon Winawer, 1985 in Hamburg Isidor Gunsberg und 1887 in Frankfurt am Main George Henry Mackenzie gewannen, ehe 1889 in Breslau mit Siegbert Tarrasch der erste Deutsche zu Titelehren kam.

 

DM_1881_bis_1889

Alte Deutsche Meister: Blackburne (1881), Winawer (1883), Gunsberg (1885),  Mackenzie (1887), Tarrasch (1889)

 


 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ab 1950 separate Meisterschaften in der BRD und der DDR austragen, wobei die DSB-Veranstaltungen durchnummeriert wurden. Dass 1951 und 1953 die letzten beiden Gesamtdeutschen Meisterschaften bis zur Wiedervereinigung stattfanden, sei ebenfalls erwähnt.

 

Und noch eine Besonderheit gab es in der „alten“ Bundesrepublik Deutschland. Zwischen 1971 und 1983 wurden in den Jahren, in denen keine BRD-Meisterschaft stattfand, eine Internationale Deutsche Meisterschaft oder ein Großmeisterturnier mit jeweils 16 Teilnehmern durchgeführt. Die jeweiligen Premieren gewannen 1971 in Berlin [West] Svetozar Gligoric und 1977 in Bad Lauterberg der damalige Weltmeister Anatoli Karpow.

 

Zweimal – 1986 und 1988 – gab es außerdem Offene Deutsche Meisterschaften, die John Nunn und Bernd Schneider als Sieger sahen. Seit 1991 läuft es mit der 64. Deutschen Schachmeisterschaft endlich normal. Die erste gesamtdeutsche Meisterschaft nach der Wiedervereinigung in Bad Neuenahr wurde allerdings noch als einfaches Rundenturnier mit 16 Teilnehmern ausgetragen. Zwei Jahre später ging man dann in Bad Wildbad – hier triumphierte Thomas Luther aus Erfurt, dem das dann erneut 2002 in Saabrücken und 2006 in Osterburg gelang – zu neun Runden im Schweizer System über. Das ist heute noch gültig ist. Bei Punkgleichheit entscheidet über den Titel der Eloschnitt der Gegner als Wertung.

 

Womit wir geschickt die Brücke zur 86. Auflage nach Saarbrücken gebaut haben – ein Ausrichter für 2016 ist noch nicht gefunden – auch die DEM 2017 und 2018 sind noch nicht unter Dach und Fach, wie auf der DSB-Seite zu lesen ist.

 

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Klaus Bischoff als “Jungsenior” in Dresden 2015

Dass es diesmal neue Rekorde gibt, ist nicht anzunehmen, es sei denn Klaus Bischof [*9. Juni 1961] sorgt erneut wie vor zwei Jahren eben in Saarbrücken für einen Paukenschlag. Mit damals immerhin schon 52 Jahren ist er sicher bis heute der älteste deutsche Meister und nahm Robert Hübner [*6. November 1948] diese Bestmarke ab. Der Doc war 1999 in Altenkirchen immerhin schon im 51. Lebensjahr, und er gewann 22 Jahre nach seinem ersten Titel zum zweiten Mal. Und das ist selbstverständlich ein „deutscher Rekord“!

 

Jüngster Deutscher Meister aller Zeiten ist Schach-Ticker-Mitstreiter Niclas Huschenbeth [*29. Februar 1992]. Der Hamburger Großmeister war 2010 in Bad Liebenzell gerade einmal 18 Jahre alt.

 

Was schließlich den jüngsten Teilnehmer aller Zeiten angeht, so war das im Vorjahr Vincent Keymer [*15. November 2004], der gegenwärtig als das größte deutsche Nachwuchstalent gilt. In Verden/Aller belegte der Bursche vom SK Gau-Algesheim mit 3,5/9 Platz 34. Vor Ort wurde Vincent, der auf den Berichterstatter der Zeitschrift SCHACH [Heft 1/2015, Seiten 32 ff.] Sebastian Siebrecht einen aufgeweckten, wissbegierigen Eindruck machte, von seiner Mutter und schachlich vom Bundesnachwuchstrainer betreut. Bernd Vökler hatte auch die Teilnahme des damals gerade Zehnjährigen initiiert. Man darf schon gespannt sein, wie der Junge sich in diesem Jahr schlagen wird. Immerhin sind zwölf Monate ins Land gegangen …

 

Zwei weitere Nachwuchstalente mussten leider die Einladungen des Veranstalter absagen. Ich gebe zu, es wäre schon interessant gewesen, den Weltmeister Roven Vogel und den Europameister Leonid Sawlin – beide gewannen in diesem Jahr den Titel in der Altersklasse U16 – in Aktion zu erleben. Aber in beiden Fällen setzt wohl die Schule Prioritäten, zumal Roven sich für das hochkarätig besetzte Qatar Masters [19.-30. Dezember] in Doha entschieden hat, für das überraschend auch Weltmeister Magnus Carlsen zugesagt hat [Teilnehmerliste siehe offizielle Homepage des Veranstalters unter [http://www.qatarmastersopen.com/en/players].

 

In der Setzrangliste wird der deutsche U16-Weltmeister mit Elo 2420 auf Platz 119 von 155 Aktiven geführt, von denen allein 20 zum Kreis der Supergroßmeister von +2700 gehören. Die beiden besten Deutschen sind Matthias Blübaum [2580] und Dennis Wagner [2579] auf 60 und 61, die Saarbrücken Zu Gunsten von Katar auslassen. Im Vorjahr war Dennis Vizemeister und Matthias kam auf Platz 4. Der Doppelbelastung – Saarbrücken und Katar stellt sich nur Rasmus Svane vom Hamburger SK.

 

Und hier ist die aktuelle Teilnehmerliste der Deutschen Meisterschaft.

 

Nr. Titel Name Elo Verein
1 GM Fridman, Daniel 2627 SV Mülheim-Nord 1931
2 GM Khenkin, Igor 2594 SG Porz
3 GM Donchenko, Alexander 2582 SC Hansa Dortmund
4 GM Kunin, Vitaly 2561 Freibauer Mörlenbach-Birkenau
5 GM Stern, Rene 2538 SK König Tegel 1949
6 IM Svane, Rasmus 2534 Hamburger SK von 1830
7 IM Poetsch, Hagen 2514 SF Schöneck
8 GM Bischoff, Klaus 2497 FC Bayern München
9 Kollars, Dmitrij 2445 Hamburger SK von 1830
10 FM Carow, Johannes 2431 Sfr. Heidesheim
11 IM Braun, Christian 2397 DJK Aufwärts Aachen
12 IM Dr. Zude, Erik 2394 SV 1920 Hofheim
13 Hilverda, Alexander 2385 SC Erlangen 48/88
14 FM Voigt, Martin 2342 SV Blau-Weiß Börgel
15 Keymer, Vincenz 2342 SG Gau-Algesheim
16 FM Bode, Wilfried 2338 Hamelner SV
17 IM Bastian, Herbert 2328 SVG Saarbrücken 1970
18 Müller, Reinhold 2324 SC Caissa Schwarzenbach
19 FM Stips, Felix 2319 TSV Bindlach Aktionär
20 FM Paulsen, Dirk 2303 SC Kreuzberg
21 FM Liedtke, Matthias 2286 SG Leipzig
22 Margraf, Daniel 2277 Delmenhorster SK
23 Frischmann,Rick 2274 SC Caissa Schwarzenbach
24 FM Hirneise, Jens 2266 SF Deizisau
25 Tschann, Stephan 2262 SK 1926 Ettlingen
26 Füllgrabe, Thomas 2244 SV Welper 1922
27 Scherer, Max 2236 SGEM Dreisamtal
28 FM Dorst, Johannes 2224 SK Marburg 1931/72
29 Zuferi, Enis 2210 Heilbronner SV
30 Wild, Achim 2182 SC Caissa Schwarzenbach
31 Müller, Nick 2175 USV Potsdam
32 Weber, Max 2160 Greifswalder SV
33 Middelhoff, Cornelius 2137 TSG Apolda
34 Gröger, Stefan 2087 USV Volksbank Halle
35 Mailitis, Kai 2087 VfR-SC Koblenz
36 Riegler, Dieter 2075 SK 1947 Sandhausen

 

 

Wie Sie sehen, besteht zwischen dem Setzranglistenersten und dreifachen deutschen Meister Daniel Fridman und dem Rekordmeister des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbundes Dieter Riegler ein Elo-Unterschied von genau 552 Punkten. Und die Herren von Ranglistenplatz 21 bis 35 wären jederzeit für die A-Gruppe der Deutschen Amateur-Schachmeisterschaft spielberechtigt [geht bis maximal 2300!]. Dass ein solches Event wie in Saarbrücken für sie vielleicht ein Erlebnis in ihrer Schachkarriere ist, will ich keineswegs in Abrede stellen.

 

SSV_LogoDie Runden 1-8 (ab 2. Dezember) beginnen übrigens jeweils um 14 Uhr. Leider hat uns bisher keine Information wegen einer möglichen Live-Übertragung oder Meisterschafts-Webseite erreicht. Denkbar ist es, dass entweder der DSB oder der Saarländische Schachverband [http://www.ssv1921ev.de/index.php/de] aktiv wird. Auf jeden Fall ist wie in der Vergangenheit angedacht, täglich die Partie des Tages zu wählen. Und eine solche Abstimmung kann nur online stattfinden, was ja gleichzeitig auch Öffentlichkeit herstellt.


 

P.S.: Wie Sie der Meldeliste entnehmen können, ist nach dem 23. November mit Achim Wild [Setzranglistenplatz 30/ Elo 2182] vom SC Caissa Schwarzenbach noch ein Teilnehmer dazu gekommen, sodass nun 36 Aktive den Kampf aufnehmen werden. Und es gibt noch eine gute Nachricht: Schach-Ticker-Webmaster Franz Jittenmeier, der kürzlich den Deutschen Schachpresi 2015 erhielt, hat in kürzester Zeit ehrenamtlich eine Meisterschafts-Homepage erstellt, wo Sie hoffentlich alle nötigen Infos aus Saarbrücken finden werden. Denn antürlich ist er auf Zuarbeiten des Veranstalters angewiesen. Der Link dazu lautet http://dm2015.chess-international.de/ . Wenn alles klar geht, gibt es dort auch die Live-Berichterstattung von unserem Partner ChessBomb unter http://dm2015.chess-international.de/live/ .

Wie Sie sehen, hat das Schach-Ticker-Team jedenfalls nichts unversucht gelassen, um über unsere nationalen Titelkämpfe in der von Ihnen zurecht erwarteten Qualität berichten zu können.

 

 

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