Yochanan Afek wird 50 und 64

Ein Schwergewicht in vielerlei Hinsicht


„Kalenderblätter“ schreibe ich (am liebsten), wenn ich die betroffene Person jedenfalls ein bisschen kenne/kennengelernt habe oder ihr zumindest mal begegnet bin. Dieses entstand spontan, und ist etwas zu spät bzw. etwas zu früh. Um den Titel zu erklären: Sein 50-jähriges Karrierejubiläum wurde am 12. April in seinem Geburtsort Tel Aviv gefeiert, sein 64. Geburtstag ist morgen (16.4.). Wie genau sie bis 50 zählten, ist mir nicht bekannt: Hatte er mit noch nicht ganz 14 Jahren seine erste Turnierpartie gespielt, oder etwa bereits seine erste Endspielstudie komponiert und veröffentlicht? Eher unwahrscheinlich erscheint mir, dass er in diesem Alter bereits (professioneller) Journalist, Trainer, Organisator oder Schiedsrichter war. Damit ist bereits erwähnt, dass Afek ein schachliches Multitalent ist – der recht kurze und knappe Wikipedia-Artikel betont, dass er der Einzige mit vier internationalen Schachtiteln ist: IM, Grossmeister für Schachkompositionen, International Arbiter und International Arbiter for Chess Compositions. „Einer von sieben lebenden“ Grossmeistern für Schachkompositionen bezieht sich wohl auf Endspielstudien, ansonsten (einschliesslich anderer Disziplinen) gibt es laut dieser Liste noch mehr, wobei es – verglichen mit GMs am Brett – immer noch überschaubar ist.

 

Das Titelfoto (Wind87 via Wikipedia) zeigt Afek als Schachspieler, 2012 in Groningen. Das ist er auch, nach wie vor recht aktiv, aber am bekanntesten ist er sicher als Problemkomponist. Seit vielen Jahren (seit wann genau konnte ich nicht herausfinden) lebt er in den Niederlanden, da bin ich ihm an verschiedenen Orten immer mal wieder begegnet. Und das ist Grundlage bzw. Motivation für dieses Kalenderblatt, aber eingangs gebe ich das Wort an Emil Sutovsky:

 

When I was asked to write a few words about Yochanan, I agreed to it immediately, but then I was struck with a dilemma. Who is the person I am supposed to write about? Yochanan – a strong chessplayer or Yochanan – the Great chess composer or Yochanan – the personality? Indeed, Yochanan is larger than chess, and I don’t mean his spatial dimensions. Yochanan is a rare kind of person with whom you can talk for hours. Of course, chess is the main part of his life – he remembers a lot of interesting stories from the past and follows all the news related to modern chess. But he also possesses great knowledge of history, culture, music…You name it. His marvelous studies already ensured him a place among the greatest chess composers of all time. However, it’s Yochanan amicable personality that makes him a popular figure everywhere he goes – Israel or Holland, France or Russia.“ [Als ich gebeten wurde, ein paar Worte zu Yochanan zu schreiben, war ich sofort einverstanden, aber dann hatte ich ein Problem. Über wen soll ich schreiben? Yochanan – der starke Schachspieler oder Yochanan – der grossartige Schachkomponist oder Yochanan – die Persönlichkeit? Yochanan ist mehr als Schach, und ich meine nicht seine Leibesfülle. Yochanan ist eine seltene Art Person, mit der man sich stundenlang unterhalten kann. Natürlich hat Schach in seinem Leben eine zentrale Rolle – er kennt viele interessante Geschichten aus der Vergangenheit und verfolgt alle aktuellen Schachnachrichten. Aber er kennt sich auch aus in Geschichte, Kultur, Musik … undsoweiter. Seine grossartigen Studien sichern ihm bereits einen Platz unter den grössten Schachkomponisten aller Zeiten. Überall beliebt ist Yochanan durch seine liebenswerte Persönlichkeit – Israel oder Holland, Frankreich oder Russland.]

 

Diese (hier auszugsweise zitierte) ‚Laudatio‘ ist offenbar bereits acht Jahre alt, Sutovsky hat sie nun nochmals auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht und das ist der konkrete Anlass bzw. Auslöser für diesen meinen Artikel. Ich kann das alles unterschreiben (na gut, „starker Schachspieler“ ist relativ) – wobei ich, verglichen mit Sutovsky (siehe weiter unten) Afek nicht so lange und sicher nicht so gut kenne und nur einige Auftritte in NL mitbekommen habe (anderswo in der Laudatio erwähnt Sutovsky auch Belgien und Deutschland). Auch Afek selbst äusserte sich auf Facebook zu seiner „Geburtstagsfeier“ – „Never experienced before anything of the kind!“. Mit Musik – der Beatles-Song „When I am 64“, Präsentation ausgewählter Endspielstudien, jeder Menge spontaner Anekdoten von Gästen und Grussworten von denen, die verhindert waren – u.a. Boris Gelfand, Lev Psakhis, Emil Sutovsky und Evgeny Postny, zum Abschluss dann ein kleines Blitzturnier. Das habe ich nicht mitbekommen, da ich nicht zum engeren Kreis gehöre und ohnehin nicht mal eben nach Tel Aviv fliegen könnte. Nun ausgewählte eigene Erlebnisse und Anekdoten:

 

Zweimal war ich Kibitz, als Afek Endspielstudien diskutierte/präsentierte/zelebrierte; direktes Gegenüber war jeweils ein anderes Schwergewicht – definiert als „(zwar Afek unterlegen, aber ebenfalls) für sein Körpergewicht ein paar Zentimeter zu klein“. Das erste Mal in der Pause eines Blitzturniers in Bunschoten, umringt von einer grossen Schar Zuschauer. Da erkannte ich Afeks Gegenüber ohne weiteres – es war Jan Timman, der neben vielen anderen Aktivitäten ebenfalls Endspielstudien komponiert (mehr zu ihm voraussichtlich in einem eigenen Kalenderblatt – aber da muss sich der Leser noch bis zu seinem 65. Geburtstag am 14.12.2016 gedulden). Das zweite Mal 2014 in relativ geschlossener Gesellschaft im Pressebereich in Wijk aan Zee, da hatte ich Afeks Gegenüber nicht sofort erkannt – ich rechnete nicht unbedingt mit ihm, und auf Fotos im Internet trägt er meistens einen Anzug, nun erschien er in Freizeitkleidung. Es war Emil Sutovsky, vor Jahrzehnten mit etwa 10 Jahren Schachschüler von Yochanan Afek. Ein Studiendiagramm hatte ich im damaligen Artikel, mehr findet der interessierte Leser z.B. über Afeks Homepage oder hier in der Hall of Fame von ARVES Chess Endgamestudy Association.

 

Schon zuvor, womöglich an meinem allerersten Tag als Reporter in Wijk aan Zee, fragte ich Afek „wieviel Prozent ihrer Einnahmen erzielen sie als Komponist von Endspielstudien?“. Da musste er herzlich lachen, es ist offenbar ziemlich brotlose Kunst. Ein bisschen verdient man damit wohl schon: Auftragskompositionen (z.B. für die offene NL-Meisterschaft oder das Pokerstar Open auf der Isle of Man), Preisgeld bei Wettbewerben, Entlohnung als Preisrichter, … und bekommt vielleicht auch eher Aufträge als Journalist oder Trainer, wenn man dadurch bekannt ist. Generell ist Afek wohl einer von mehreren, die „mit Schach“ (und darunter fällt alles Mögliche) insgesamt zumindest einigermassen ihren Lebensunterhalt verdienen (und jedenfalls nicht Hunger leiden müssen). Was er alles tut – wie gesagt er hat eine eigene Homepage dazu. Mir direkt bekannt: Er schrieb Rundenberichte zum Batavia-Turnier in Amsterdam, allerdings nicht 2015 – da war er stattdessen an der Organisation der Europameisterschaft in Jerusalem massgeblich beteiligt. 2014 in Wijk aan Zee erwähnte er, dass in seiner ersten Aufenthaltserlaubnis für die Niederlande als Beruf „endgame study composer“ stand – Künstler konkurrieren nicht mit Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt!?

 

Nächster Schauplatz war Romanischins Masterclass in Amsterdam – Afek im Publikum, Romanischin begrüsste ihn mit „Hello, my dear old friend“. Januar 2015 wieder in Wijk aan Zee, da befragte ich „den Experten“ Afek zu diversen laufenden Endspielen worauf er meinte „Ich komponiere Endspielstudien, aber in praktischen Endspielen bin ich genauso gut oder schlecht wie andere IMs.“ In der Tat lag er (Details in diesem Bericht) mit seinen Blitzanalysen ziemlich daneben, aber die Grossmeister am Brett sind erstens am Brett besser, zweitens müssen sie sich mehr in die Stellungen vertiefen – und kannten diese bereits seit einiger Zeit, statt sie erst zum 30. oder 59. Zug plötzlich zu entdecken.

 

Das war noch nicht alles, unter anderem war Afek auch dieses Jahr vor Ort in Wijk aan Zee. Aber da ich zu diesem Zeitpunkt seinen „50. Geburtstag“ noch nicht auf der Rechnung hatte, habe ich ihn zwar gelegentlich gesprochen, aber – im Gegensatz zum damals fast 70 Jahre alten oder ewig jungen Tukmakov – nicht speziell befragt. Eines haben beide vermutlich gemeinsam: Sie wollen noch viele Jahre das tun, was ihnen Spass macht – Schach, jeder auf seine Weise.

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