Seniorenschach: Vor der WM noch schnell eine EM!


Dominanz von Israel und Russland bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft. Jetzt ruft die Weltmeisterschaft!

 

ESTCC2016_PosterUnter dem Kürzel ESTCC 2016 fand vom 18.4. bis 28.4.2016 in einer Ferienanlage auf Chalkidiki im südlichen Griechenland die „European Senior Team Championship“ statt.

 

Ausrichter war die ECU (European Chess Union), also nicht die FIDE, die ihrerseits an gleichem Ort und zu gleicher Zeit eine Amateur(!)weltmeisterschaft in drei Elo-Klassen (U2300, U2100, U1700) mit 160 Teilnehmern durchführte, ein Turnierformat, das vor einigen Jahren von der ACO (Amateur Chess Organization) eingeführt worden war und von der Schachwelt anfangs skeptisch beobachtet wurde. Es gibt also künftig mehrere Amateurweltmeister, jeweils von der FIDE und der ACO. Die ACO wird auf der Insel Kos in wenigen Wochen ihre nächste Amateurweltmeisterschaft durchführen, in 7 Klassen von U1200 bis U2400.

 

Nach dieser Abschweifung bezüglich Terminplanung von FIDE, ECU und ACO zurück zu den Senioren. Wie fast zu befürchten, war das Teilnehmerfeld in beiden Sektionen 50+ und 65+ sehr überschaubar, in Summe nur 18 Mannschaften.

 

In Sektion 50+ waren acht, in Sektion 65+ zehn Mannschaften am Start. Für den Frauenwettbewerb hatte mit „Russia Women“, eingegliedert in die Sektion 50+, nur ein einziges Team gemeldet, das den Titel durch ihren Antritt bereits vor dem ersten Zug sicher hatte.

 

In Sektion 50+ waren Israel, Italien, Finnland (= Heart of Finland) und Griechenland die Favoriten. Erwähnen wir noch Norwegen, Wales und Finnland 2 (= Finnish Mates) so sind alle teilnehmenden Mannschaften genannt, die in einem vollrundigen Turnier (= 7 Runden) um den Europa-Titel kämpften. Mit Israel (Meister) und Italien (Vize-Meister) setzten sich die Favoriten durch.

 

In Sektion 65+ waren Russland und Israel die klaren Favoriten. Die Entscheidung um den Turniersieg fiel bereits in Runde 2 als das russische Team um Vasjukov (Jahrgang 1933) und Balashov den Kampf gegen Israel mit 2,5:1,5 knapp für sich entscheiden konnte. Für den entscheidenden Punkt in dieser Begegnung sorgte Vlaldimir Zhelnin, mit einer Elozahl von 2459 nominell stärkster Spieler des Turniers. Gegen Boris Gutkin gelang ihm aus verlorener Stellung kurz vor der Zeitkontrolle der entscheidende Konter, der Russland zum EM-Titel verhalf. Wer den kampfstarken aber hyper-nervösen Zhelnin in kritischen Situationen und Zeitnot schon mal am Brett erlebt hat, kann sich vorstellen, dass hier „großes Kino“ geboten wurde.

 

Zum Nachspielen hier die entscheidende Partie „Gutkin (ISR) – Zhelnin (RUS)“, die durch eine Fehlkombination des Weißen  im 38. Zug völlig auf den Kopf gestellt wird und den Titelkampf zu Gunsten von Russland entscheidet.

 

 

Nathan_Birnboim_ESTC-2016_Rd3

8,5 aus 9: Nathan Birnboim (Israel)

Russland konnte nach diesem spektakulären und äußerst glücklichem Sieg den ersten Platz bis zum Schluss behaupten,  gewann alle 9 Kämpfe und wurde neuer Mannschaftseuropameister der Senioren.  Israel verlor nur gegen Russland, gewann alle anderen Kämpfe und wurde souverän Zweiter. Das Team “Switzerland” errang die Bronzemedaille, knapp vor dem Team von Wales, dem man im direkten Vergleich unterlegen war.

 

Bester Einzelspieler mit überragenden 8,5/9 an Brett 1 war Nathan Birnboim, u.a. dreifacher israelischer Meister (1976, 1980, 1986) und für Israel Teilnehmer an den Schacholympiaden 1976-82.

 

Als einziges deutsches Team war bei dieser EM eine Mannschaft von „BSW/DBAG“ vertreten, die vom Veranstalter an den Spieltischen mit dem roten BSW-Stander – quasi als Ersatz für die Nationalflagge (?!) – prompt als „Germany“ geführt wurde (vgl. unten den Blick in den Turniersaal beim Kampf gegen die Schweiz) und leider nur Platz 10 erreichte.

 

ESTCC2016

 

Die sehr geringe Zahl (18) der teilnehmenden Mannschaften hat ihren offensichtlichen Grund in den in wenigen Wochen (24.6.-4.7.2016) in Radebeul bei Dresden stattfindenden Mannschaftsweltmeisterschaften der Senioren. Für dieses perfekt organisierte Turnier an attraktivem Ort haben inzwischen über 100 Mannschaften gemeldet!

 

In der Sektion 50+ (54 Teams) finden wir an der Spitze der Startrangliste Island (mit Schachlegende Fridrik Olafsson, Jahrgan 1935), England (mit John Nunn und Jonathan Speelman), Israel (die “junge” Mannschaft mit Alexander Huzman), Armenien (mit Rafael Vaganian), Deutschland 1 (mit Klaus Bischoff), Titelverteidiger Slovakei (mit Lubomir Ftacnik) und die Lasker-Gesellschaft (mit „King Arthur“ Jussupow). Auch die deutschen Damen mit Brigitte Burchardt am Spitzenbrett sind als „Germany 1 Women“ wieder am Start; schließlich haben sie den im Vorjahr gewonnen WM-Titel zu verteidigen! Die konkurrierenden „Russia Women“ sind bisher nicht gemeldet.

 

In Sektion 65+ (49 Teams) ist der ganz frische Vize-Europameister Israel ganz oben in der Startrangliste platziert, dicht gefolgt von drei deutschen Teams: Germany 1, Schachfreunde Leipzig und Germany 2. Danach Österreich und schon auf Startrang 6 die unverwüstlichen Senioren der Sportfreunde Katernberg, gefolgt von Schweden, Moldavien, England, Berlin, Finnland und Belgien. Auch hier ist Russland, der Titelverteidiger, bisher nicht in der Startliste aufgeführt.

Poster_Radebeul_2016

 

Alle Informationen zu den beiden Turnieren finden Sie auf den Turnierseiten, von denen auch die Bilder und Turnierplakate entnommen sind.

 

 

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