Bundesliga ohne Erfurter SK

Anmerkungen zum Rückzug des Erfurter SK aus der 1. Schachbundesliga – Von THOMAS CASPER & CHRISTIAN TROYKE 

 

Mannschaft des Erfurter SK

Mannschaft des Erfurter SK

Der Erfurter SK gibt hiermit bekannt, die durch den Rückzug von Emsdetten erhaltene Spielberechtigung für die Saison 2016/17 in der 1. Schachbundeliga nicht wahrzunehmen und wieder in der 2. Bundesliga anzutreten. Die Entscheidung in der Vorstandssitzung am 28.04.2016 fiel recht leicht, da wenig für einen Verbleib in der 1. SBL spricht, aber für einen Verein von der Größe des ESK viel dagegen.

 

Als reiner Amateurverein ist die Finanzierung einer Saison in der 1. SBL eine Gratwanderung. Gesunde Finanzen haben für den ESK jedoch Priorität – monetäre Abenteuer können und wollen wir uns nicht leisten. Bis wenige Tage vor Abschluss der Saison 2015/16 war nicht sicher, ob wir sportlich die Klasse halten können. Sponsorenakquise ist unter diesen Voraussetzungen äußerst schwierig. Nachdem nun am 24.04.2016 klar war, dass der ESK nicht absteigen muss, hatten wir genau eine (!) Woche Zeit, eine solide Finanzierung für die Saison 2016/17 auf die Beine zu stellen. Warum der Schachbundesliga e.V. die verbindliche Meldefrist für die kommende Saison bereits auf den 01.05.2016 terminiert hat, erschließt sich uns leider nicht. Ein wesentlicher Aspekt für unseren Rückzug ist daher der ungemein knappe Meldetermin, der uns die finanzielle Sicherung für eine weitere Saison in der 1. SBL unmöglich macht.

 

An dieser Stelle sei gesagt, dass wir mit dem sportlichen Abschneiden in der abgelaufenen Saison sehr zufrieden sind. Aufgrund der großartigen Leistungen unserer beiden ersten Bretter – Evgeny Romanov und Andrey Vovk – die zusammen „plus 4“ erreicht haben, sind wir am Ende der Saison 13. in der Abschlusstabelle geworden. Regulär ist das zwar ein Abstiegsplatz, aber es hat sich wieder mal bewahrheitet – wer vor Bayern München landet, muss nicht absteigen. Es hat sich aber auch gezeigt, wie am letzten Spieltag in Bremen, dass der ESK ohne eine gewisse Anzahl der gemeldeten Großmeister in den allermeisten Kämpfen chancenlos ist. Und da die Finanzierung dieser Großmeister nicht mehr gewährleistet ist, verzichten wir lieber freiwillig auf Auftritte ausschließlich mit Freizeitspielern. Die meisten unserer deutschen Stammspieler reizt die 1. SBL in ihrer jetzigen Form nicht mehr besonders. Wir sind, mit etlichen Unterbrechungen, seit 1991 dabei und wollen in Zukunft nicht ständig über Niederlagen in Höhe von 1,5:6:5 auch noch zufrieden sein müssen.

 

Unsere Entscheidung gilt ausdrücklich der kommenden Saison. Einen erneuten sportlichen Aufstieg aus der 2. SBL vorausgesetzt, können wir uns – soweit die Rahmenbedingungen stimmen – durchaus vorstellen, auch in Zukunft wieder in der 1. SBL zu spielen. Zum Thema Rahmenbedingungen ist uns in der vergangenen Saison auch noch so einiges aufgefallen. Die folgenden Punkte sind sicher nicht ursächlich für unseren Rückzug, aber immerhin bedenkenswert.

 

Der Schachbundesliga e.V. hat eine eigene Turnierordnung (TO) für die Durchführung der 1. SBL erarbeitet. Es wäre zu erwarten, dass sich die Mitglieder des SBL e. V. auch an diese Regeln halten. Dies ist aber nicht durchgängig so. Zudem sollten unseres Erachtens einige Regelungen zumindest überdacht werden.

 

Dazu im Einzelnen folgendes (die Beispiele stammen aus der abgelaufenen Saison 2015/2016):

 

1. Punkt 20 TO Spielkleidung

 

Diese Regelung ist nach unserer Auffassung zu begrüßen. Es sollte so für jeden Zuschauer klar sein, wer zu welcher Mannschaft gehört. Diese Regelung sollte auch für die Mannschaften hinsichtlich der Umsetzung keine Probleme bereiten. Um so erstaunlicher ist es, dass dieser Punkt nicht von allen Teams der 1. SBL erfüllt wurde.
An diversen Spieltagen mit Beteiligung des ESK traten Mannschaften, ohne hier Namen zu nennen, nicht in einheitlicher Spielkleidung an. Aufgrund der obigen Ausführungen ist dies schon ein wenig erstaunlich.

 

2. Punkt 5.1 TO Spiellokal

Es ist auch bedauerlich, feststellen zu müssen, dass aus unserer Sicht das Spiellokal einer aktuellen Topmannschaft den Anforderungen der TO nicht genügt. Für einen Wettkampf mit 2 Mannschaften waren die Dimensionen des besagten Spiellokals ausreichend, für Wettkämpfe mit 4 Mannschaften jedoch nicht. So saßen unsere Spieler während der Wettkämpfe so beengt, dass ein Aufstehen eine unmittelbare Störung der sich am selben Tisch spielenden Nachbarpaarung bedeutete. Auch kam man teilweise nicht an den anderen Spielern vorbei, wenn man aufstand. Dies stellt unseres Erachtens einen klaren Verstoß gegen die Punkte 5.1.1 und 5.1.5 der TO dar. Es ist für uns auch verwunderlich, dass der jeweilige Schiedsrichter offenbar keinen Anstoß an den Gegebenheiten nahm und unseres Wissens nicht einmal einen Vermerk in den Spielbericht einfließen ließ.
Es ist keine Frage, dass es auch anders geht. Hier sei aus unserer Sicht in erster Linie der SV Werder Bremen genannt, dessen vorzügliches Spiellokal keine Wünsche offen ließ.

 

3. Punkt 5.3 TO Organisation, Turnierverlauf

– 5.3.2 Einladung der Gastmannschaften
Dieser Punkt der TO ist leicht verständlich, logisch und sollte nicht unter allzu großen Schwierigkeiten erfüllbar sein. Auch hier ist es erstaunlich, dass bei all unseren Auswärtskämpfen vorab keine Information der Gastgeber über Quartiermöglichkeiten bzw. –angebote erfolgte.
Es sei angemerkt, dass uns die Verantwortlichen des SV Schwäbisch Hall nach dem ersten Bundesligawochenende über unsere Zufriedenheit hinsichtlich der Unterbringung befragten.
Auch der SK Norderstedt sprach zumindest eine Einladung zum Wettkampfwochenende aus.
– 5.3.3 Getränke und Verpflegung
Auch dieser Punkt der TO ist leicht verständlich. Da wir jedoch deutliche Unterschiede in der Auslegung dieses Punktes feststellen konnten, empfehlen wir dem SBL e. V. eine konkrete Unterlegung insbesondere hinsichtlich der Verpflegung.
– 5.3.4 Computertechnik im Spiellokal
Der Punkt trägt bereits den Widerspruch in sich. Es wird einerseits alles getan, dass die Spieler keinen Zugang zu elektronischen Geräten bekommen (siehe auch Spielervereinbarung). Andererseits sind die Computer zur Liveübertragung der laufenden Partien im Allgemeinen direkt im Spielsaal aufgebaut. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass Spieler, Betreuer oder Mannschaftsleiter (auch unabsichtlich) Einblick in die Rechner nehmen können. Hier besteht unseres Erachtens Handlungsbedarf.

 

4. Punkt 6 TO Schiedsrichter

Im Allgemeinen war das Auftreten der Schiedsrichter sehr korrekt und gab keinen Grund zur Beanstandung. Es muss jedoch angemerkt werden, dass in einem unserer Wettkämpfe eine grobe Unsportlichkeit eines Schachspielers einer gegnerischen Mannschaft (Aufgabe der Partie unter großem Getöse – Knallen der Figuren auf das Brett bei laufendem Kampf) nicht zur Kenntnis genommen wurde. Auf unsere diesbezügliche Rückfrage erhielten wir die lapidare Auskunft „Auch Magnus Carlsen hat schon mit Figuren um sich geworfen“. Es erfolgte nicht einmal ein Vermerk auf dem Spielberichtsformular.

 

5. Punkt 5.3.4 TO Spielerverträge

Punkt 5.3.4 TO enthält in Satz 2-5 Festlegungen zum Verbot der Verfügbarkeit von elektronischen Geräten für die Spieler, Kontrollbefugnisse der Schiedsrichter sowie die Möglichkeit, Ordnungsmaßnahmen zu verhängen.
Es ist nicht nachvollziehbar, wieso dann die Spieler noch zusätzlich eine sogenannte Spielervereinbarung (besser Spielerunterwerfung) unterzeichnen sollen. Es sei darauf verwiesen, dass bei einer Vereinbarung im Allgemeinen beide Parteien profitieren; hier jedoch beinhaltet der Vertrag eine einseitige Unterwerfung des Spielers.
Meine Anfrage als Mannschaftsleiter des Erfurter SK beim SBL e. V. (per E-Mail) mit der Bitte um Stellungnahme in einem konkreten Fall wurde seitens des SBL e. V. einfach an den Turnierdirektor weitergeleitet, ohne mich einer Antwort zu würdigen. Diese Vorgehensweise seitens des SBL e. V. finde ich gelinde gesagt ziemlich befremdlich.

 

6. Punkt 5.3.1 TO Internetübertragung

Die Sinnhaftigkeit und der Nutzen der Internetübertragung erschließt sich uns seit Anbeginn bis zum heutigen Tag nicht. Die 1. SBL präsentiert sich als stärkste Schach-Liga der Welt. Das mag so sein. Für den geneigten Zuschauer im Internet mag die Übertragung auch sehr interessant und spannend sein. Es sind im Laufe der Zeit seitens der Mannschaften zur Gewährleistung der Internetübertragung reichlich Gelder an externe Dienstleister bezahlt worden. Diese Beträge müssen jedoch durch die Vereine finanziert werden. Hat die 1. SBL schon mal eine fundierte Kosten-Nutzen-Rechnung zur Internetübertragung gemacht? Werbeinnahmen? Pay per View? So schön es für den Zuschauer sein mag, eine durch den ESK finanzierte Übertragung der Heimkämpfe ist für uns als Verein mit ca. 50 Mitgliedern absolut sinnlos.

 

Zum Abschluss sei angemerkt, dass wir im ESK viele gute und leidenschaftliche Spieler haben. Im Augenblick passt aber die 1. SBL als Gesamtpaket für uns nicht. Ist zwar auch irgendwie schade, aber kein Weltuntergang. Der Stadt Erfurt wird Schach auf Bundeliganiveau übrigens trotzdem erhalten bleiben – Medizin Erfurt ist gerade in die 1. Frauenbundesliga aufgestiegen. Viel Glück, Mädels!

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