Schnellschach bei der Chess Tour in Paris

Nakamura vor Carlsen, Topalov und Caruana Flop

Bühne
Die beiden im Untertitel zuerst Genannten zählten natürlich, was Nakamura betrifft speziell bei verkürzter Bedenkzeit, zum engeren Favoritenkreis. Vorne liegen sie auch, da einige ihrer Gegner einfach schlecht gegen sie spielten bzw. übel patzten, währelivend sie selbst derlei in allen neun Runden vermeiden konnten (Ausnahme Carlsen gleich zu Beginn). Topalov am Tabellenende ist aus meiner Sicht nicht überraschend: erstens ist er kein guter Schnellschachspieler, zweitens hat er sich für die Chess Tour mit Ergebnissen aus der Vergangenheit qualifiziert, deren Haltbarkeitsdatum eventuell überschritten ist (sagte er selbst nach dem Kandidatenturnier). Caruana konnte dagegen in der Vergangenheit auch im Schnellschach überzeugen, diesmal hatte er ein für seine Verhältnisse ganz schlechtes Turnier.

 

Wie auf dem Titelfoto zu sehen, haben insgesamt zehn mitgespielt (einer ist ziemlich verdeckt aber doch dabei), mit diesen Ergebnissen: Nakamura 7/9, Carlsen 6.5, So und Vachier-Lagrave 5.5, Kramnik 5, Giri und Aronian 4.5, Fressinet 2.5, Topalov und Caruana 2. Alle Fotos stammen von der Grand Chess Tour – hier bzw. ab da über Flickr. Generell habe ich bei den Fotos den Eindruck, dass Inszenierung wichtiger ist als Schach an sich: bei weitem die meisten Fotos von Tag Null vor dem eigentlichen Turnier, und relativ wenige direkt von den Partien. Auf dem Titelfoto im Vordergrund das kaum erkennbare Publikum. Eintritt war 20 Euro bzw. 15 Euro für Mitglieder des französischen Schachverbands – angemessen oder nicht, das darf der Leser selbst beurteilen. Es ist jedenfalls mehr als doppelt so viel wie in Dortmund (Tageskarte 7 Euro, Dauerkarte 26 Euro), und unendlich mal so viel wie in Wijk aan Zee oder Zürich (Eintritt jeweils gratis).

 

Eingangs zitiere ich, was WGM Tatev Abrahaman zu Tag eins (Tag zwei noch nicht veröffentlicht) hier schreibt: „The 2016 Grand Chess Tour kicked off in Paris with a rapid tournament and it was everything the fans could have asked for. The games were full of blunders, missed opportunities, brilliancies, subtleties and remarkable precision. The top players in the world battled it out on a beautiful stage at Maison De La Chimie and it was clear that they came to play. Maybe the dark and mysterious stage had inspired the players to prove why they are the absolute best in the world and give the Parisians a worthy show.“ [Die 2016 Chess Tour begann in Paris und bot den Fans alles was sie fragen konnten. Die Partien waren voller Patzer, verpasster Chancen, Brillianz, Feinheiten und bemerkenswerter Präzision. Die Weltklassespieler kämpften auf einer wunderschönen Bühne im Maison De La Chimie; es war klar dass sie kamen um zu spielen. Vielleicht inspirierte die dunkle und mysteriöse Bühne die Spieler, zu beweisen warum sie die absolut besten sind, die Pariser bekamen eine tolle Show.] Patzer und verpasste Chancen gab es sicher (kann das nur die Weltelite?), der (positive) Rest ist immer Ansichtssache. Natürlich kamen sie um zu spielen, wofür denn sonst? Gut, auch des Geldes wegen und auch beim Rahmenprogramm machten alle mit. Und nun Runde für Runde, wobei ich vor allem die entschiedenen Partien erwähne:

 

Runde 1: Carlsen-So 0-1! Zuerst wurde lange manövriert, wobei Schwarz zuerst kurz rochierte und dann mit dem König doch nach c8 wanderte. Mit 45.Sxb7!? opferte Carlsen eine Figur und bekam dafür einen weit vorgerückten Freibauern. Allerdings hatte Schwarz Dauerschach – nicht mehr aber auch nicht weniger. Allerdings wählte So das verkehrte Dauerschach, nämlich eines das so nicht funktionierte. Wie schwer es war, 54.Ka3 (nun kein schwarzes Dauerschach und die unparierbare Drohung h6-h7-h8D) zu finden, sei dahingestellt; danach stand Weiss glatt gewonnen – aber später vergass Carlsen die Uhr komplett und überschritt die Bedenkzeit. Ich weiss nicht, ob sich jemand bei ihm dafür entschuldigt hat – bekanntlich haben sich bei Norway Chess 2015 Organisatoren und Vater Henrik Carlsen bei Magnus Carlsen dafür entschuldigt, dass dieser die Zeitkontrolle nicht kannte … .

 

Topalov-Caruana

 

Topalov-Caruana 0-1: Topalov zeigte gleich zu Beginn, was er in Paris vorhatte: Geld verdienen und unabhängig vom Ergebnis der Partien gute Laune verbreiten. Absichtlich hat er sicher nicht verloren, aber der Bauernraub mit der Dame am Damenflügel war äusserst dubios und später fatal für seinen eigenen König. Die drei Remispartien waren „korrekt“- lange Theorievarianten werden eben oft remis. Am ehesten wurde dabei in Nakamura-Kramnik substantielles Neuland betreten.

 

Runde 2: Vachier-Lagrave – Carlsen 0-1 wurde als Glanzpartie von „angry Magnus“ verkauft, wobei MVL sich vielleicht doch namens der Ausrichter für Carlsens Malheur in Runde 1 „entschuldigte“ bzw. sich als guter Gastgeber erwies. Wenn Weiss nach 15 Zügen schlechter steht, nach 20 Zügen verloren und nach 26 Zügen die Uhr abstellt, dann hat er einiges falsch gemacht – zumal (so sehe ich das) keiner von Carlsens Zügen unbedingt ein oder gar zwei Ausrufezeichen verdient hatte. Nakamura-Topalov 1-0: diesmal verspeiste Topalov keinen Bauern, sondern hat schnell einen eingestellt. Die „technische Phase“ war danach (Damenendspiel) langwierig, meinetwegen Feinheiten und/oder Präzision, aber 14.-Sd4? war sicher nicht Weltklasse. Zu Aronian-Fressinet 1-0 schreibt Abrahamyan „Aronian … bewies, dass zwei Leichtfiguren stärker sind als ein Turm“ – kann das nur ein Weltklassespieler beweisen? Die Remispartien Caruana-Giri und Kramnik-So diesmal eher aus der Rubrik „verpasste Chancen“ (vor allem für Weiss).

 

Runde 3: So-MVL 0-1 und Fressinet-Caruana 1-0(!) aus der Rubrik saubere Technik im Damen- bzw. Turmendspiel – Fressinet hatte sein Erfolgserlebnis, und ab hier Sand im Getriebe für Caruana. Carlsen-Aronian 1-0 war, wenn man so will bzw. so wird es gerne genannt, eine typische Carlsen-Partie: anfangs stand er nur leicht oder symbolisch besser, nach und nach ging es dann für Schwarz bergab. Derlei Carlsen-Siege werden dann als ‚unvermeidlich‘ bezeichnet, wobei doch unklar ist ob Aronian das verlieren „musste“. Topalov-Kramnik 0-1: Mal was neues, sonst gewinnt in diesen Händedruck-freien Partien meistens Weiss. Kramnik opferte einen Bauern für Königsangriff, Topalovs 23.Df3? war falsch (23.Df5 oder 23.Dd1) und Kramnik opferte danach korrekt und erfolgreich. Giri-Nakamura remis.

 

Runde 4: Caruana-Carlsen 0-1: Caruana entschuldigte sich bei Carlsen dafür, dass Topalov gegen dessen Konkurrent Nakamura einen Bauern eingestellt hatte und machte es „besser“: nicht im 14., sondern bereits im 13. Zug tat er dasselbe – der Rest war Technik. Kramnik-MVL 0-1 war dramatisch: Weiss hatte zwei Mehrbauern und zwei Türme auf der siebten Reihe – das war eine Gewinnstellung, auch wenn sein eigener König auf h1 eingeklemmt war. Aber dann halluzinierte Kramnik und verdarb die Stellung noch zum Verlust – MVL hatte sich durchaus trickreich verteidigt und nutzte seine Chance als sie kam. Nakamura-Fressinet 1-0 wieder nach gegnerischem Bauerneinsteller, diesmal im 19. Zug. Aronian-So 0-1 verstehe ich nicht, Mut zur Lücke in diesem Bericht. Topalov-Giri 1-0: Plötzlich spielte Topalov sauber-positionell und korrekt.

 

Runde 5 mit fünf Remisen ignoriere ich mal weitgehend – am ehesten überraschend, dass Nakamura mit Schwarz gegen Carlsen diesmal nicht verlor. Und das war dann Tag eins.

 

Runde 6: Topalov-Carlsen 0-1 aus der Rubrik „Schwarz spielte gut, Weiss nicht“. Nach 27.Sxg4 war an sich nix los, aber Topalov spielte 27.Sf1? h4 und später wurden schwarzfeldrige Schwächen fatal. Caruana-MVL 0-1 war wieder ein Kontersieg des Franzosen aus zuvor verdächtiger Stellung heraus.

 

Kramnik Aronian (Carlsen)

 

Kramnik-Aronian 1/2 war korrekt und hat eigentlich kein Foto verdient – ich bringe es da beide offenbar erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass Carlsen auch mal lächelt, zumindest auf Bestellung für gestellte Fotos. Nakamura-So ebenfalls remis. Giri-Fressinet 1-0 kurz und schmerzhaft in 22 Zügen, also eine Eröffnungskatastrophe aus schwarzer Sicht.

 

Runde 7: MVL-Nakamura 0-1 MVL war sportlich fair nach dem Motto „wenn ich mit Weiss gegen Carlsen grottenschlecht spiele, dann spiele ich auch mit Weiss gegen Nakamura grottenschlecht“: erst der Tempoverlust 7.Lc4, dann diesen Läufer auf a2 selbst lebendig begraben (17.c4?) und gleichzeitig die eigene Bauernstellung schwächen, dann das verzweifelte Bauernopfer 21.c5 damit der Läufer doch wieder atmen kann, usw. . Oder wollte er Kritik widerlegen, dass sein Elo-Zugewinn bei der französischen Mannschaftsmeisterschaft nur daran lag, dass er da in 10 Partien achtmal Weiss bekam? In diesem Turnier erzielte er mit Weiss 1/4, und mit Schwarz 4.5/5. Aronian-Caruana 1-0 in einer turbulenten Partie, Fressinet-Kramnik 0-1 nach spekulativem schwarzem Königsangriff, der dann wunderbar funktionierte. So-Topalov remis, Carlsen-Giri natürlich remis.

 

Runde 8: Nakamura-Aronian 1-0 aus der Rubrik „Schwarz hat ein schlechteres, aber womöglich haltbares Endspiel und verliert dann doch“ – korrekter Sieg für Nakamura ohne allzu offensichtliche gegnerische Hilfe. Fressinet-Carlsen 1/2 – diesmal konnte Carlsen ein besseres Endspiel nicht gewinnen. Kramnik-Caruana 1-0: Weiss stand durchgehend besser, irgendwann war es partieentscheidend. Giri-So remis.

 

Topalov-MVL

 

Topalov-MVL 0-1: beiderseits gute Laune vor der Partie, später hatte dann eigentlich nur MVL gut lachen. Aber Topalov bleibt gut gelaunt, schliesslich darf er mitspielen. Bei der Chess Tour 2017 nach aktuellem Elostand dann nicht mehr – es sei denn er erwischt noch ein Turnier wie Norway Chess 2015 wo alle lieb zu ihm sind. Ansonsten findet die Chess Tour vielleicht eine andere Lösung für ihn – schliesslich ist er, wie die Chess Tour, dem anti-FIDE anti-Russland Lager zuzuordnen.

 

Runde 9: So-Fressinet 1-0 und Aronian-Topalov 1-0: Tag zwei war einfach nicht der Tag dieser Schwarzspieler – lange standen sie nicht schlechter bzw. Topalov stand eher besser, dann verloren sie doch. Carlsen-Kramnik 1-0 war noch eine typische Carlsen-Partie nach dem Motto „nur leichter Vorteil und doch gewinnen“ – Kramnik sah früh Gespenster und verbrauchte viel Bedenkzeit die später dann vielleicht fehlte. MVL-Giri 1/2 böte Stoff genug für einen eigenen Artikel: In einem sonst ruhig-positionellen Spanier mit 5.d3 spielte MVL plötzlich 12.Tg1!?! (Idee g2-g4-g5 und mattsetzen). Das schaffte er dann doch nicht, sein in der Mitte verbleibender König stand dann auch luftig, am Ende Dauerschach. Dann war da noch Caruana-Nakamura 0-1: Caruanas 15.g4 und 16.g5 nebst 18.c5 war zu spekulativ, Schwarz stand besser. Dann vergab Nakamura seinen Vorteil, vermied dennoch eine Zugwiederholung, stand dann schlechter, dann war es wieder ausgeglichen – und ganz zum Schluss übersah Caruana bei reduziertem Material im Endspiel ein schwarzes Mattmotiv. Nach diesem Lotteriegewinn war Nakamura Nummer eins im Turnier, Rubrik Schnellschach.

 

Nun noch eine Reihe Bilder:

 

Schach auf der Terrasse

 

Tags vor dem Turnier Schach auf der Dachterrasse des Sponsors – ganz im Hintergrund der Arc de Triomphe, etwas näher an der Kamera Garry Kasparov – der auch x-mal im Foto-Mittelpunkt stand, aber das muss hier nicht sein.

 

Group photo 2

 

Gruppenfoto ohne Carlsen, der wohl nicht das Sponsor-Jackett anziehen wollte. Das Sonnenbrillen-Duell Topalov-Kramnik gewann der Bulgare, im Schach lief es dann umgekehrt.

 

Group photo

 

Gruppenfoto mit Carlsen

 

Nakamura

Nakamura (2)

 

Zweimal Nakamura – das erste Mal zeigt er auch seinen eigenen Sponsor

 

Carlsen

Carlsen (2)

 

Zweimal Carlsen

 

Giri-Topalov-Aronian

 

Giri, Topalov, Aronian und gute Laune

 

Partien Schnellschach

 

 

Partien Blitz

 

 

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