Zwei Teams geben auf!

SF Friedberg und SK Großlehna ziehen sich aus der Frauen-Bundesliga zurück, … und Augsburg rückt nach!  – Von RAYMUND STOLZE

 

Melanie Lubbe, Foto: http://www.lubbe-schach.de

Melanie Lubbe

Nun gibt es sie auch, die wirklich schlechten Nachrichten aus der Frauen-Bundesliga. In aller Stille haben sich nämlich die SF 1891 Friedberg und der SK Großlehna nicht nur aus der höchsten deutschen Spielklasse zurück gezogen, sondern gleichzeitig wie im Vorjahr der USV Volksbank Halle vorerst gänzlich vom Frauen-Schach auf überregionaler Ebene verabschiedet.

 

Beide Teams gehörten bisher zu den wichtigen Eckpfeilern in der 1. Liga. Die Burgfräuleins aus Hessen, die in der Saison 2011/12 erstmals erstklassig waren, belegten dabei auf Anhieb Platz 4. Im Jahr darauf war man bereits ernsthafter Konkurrent von OSG Baden-Baden um die Meisterschaft, wobei der Titelverteidiger nur durch den schwer erkämpften 3,5:2,5-Sieg im direkten Vergleich mit einem Punkt Vorsprung erneut triumphierte. Hinter dem blieb jedoch ein ehrenvoller Rang 2.

 

Dass die Vizemeisterschaft allerdings mit dem folgenden finanziell nicht gerade „billigen“ Aufgebot geholt wurde, sei erwähnt: Almira Sripcenco [Frankreich], Eva Repková [Slowakei], Melanie Ohme, Elena Lewuschkina [beide Deutschland], Ticia Gara [Ungarn], Adriana Nikolowa [Bulgarien], Irina Bulmaga [Rumänien], Deimante Daulyte [Litauen].

 

Sportlich folgte 2013/14 Bronze und 2014/15 allerdings dann ein Absturz auf Platz 8. Der Etat, den Mannschaftsführer Martin Herwig-Päutz und seine Mitstreiter aufbringen konnten, ließ einfach nicht mehr zu, um das sportliche Abschneiden vorsichtig zu umschreiben.

 

SF Friedberg Frauenteam 2015/16, Foto: http://www.schach-friedberg.de/1.frauenbundesliga.html

SF Friedberg Frauenteam 2015/16

In der zurück liegenden Spielzeit waren dann von dem einstigen Vizemeister-Aufgebot immerhin noch Melanie Lubbe [sie hat inzwischen geheiratet], Elena Lewuschkina, Ticia Gara [fünf Partien] und Adriana Nikolowa [zwei Partien] dabei, wobei die beiden DSB-Kaderspielerinnen jeweils neun Einsätze absolvierten. Neuzugang Filiz Osmanodja war sogar immer dabei. Mehr als Platz 7 war allerdings nicht drin.

 

Dass ein solches Abschneiden mit den einstigen Ambitionen in Friedberg nicht mehr übereinstimmte, ist keine „Kaffeesatzleserei“. Aber war der einzige Schritt deshalb, nun gleich das Handtuch zu werfen???

Ich habe den Friedberger Mannschaftsführer deshalb um Hintergrundinformationen gebeten und erhielt von Martin Herwig-Päutz am gestrigen Montag [13. Juni] die folgende Antwort:

 


Sehr geehrter Herr Stolze,

 

ich versprach Ihnen eine Stellungnahme des Vereines, möchte Sie hiermit jedoch darüber in Kenntnis setzen, dass wir aus verschiedenen Gründen vereinsintern beschlossen haben, uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht nähergehend dazu zu äußern. 

 

Nur soviel: Es war eine einstimmige vorstandsinterne Entscheidung uns aus verschiedenen Gründen grundsätzlich und komplett vom Frauenschach zurückzuziehen.


 

 

Logo_SK_GroßlehnaNatürlich habe ich mich auch mit dem SK Großlehna in Verbindung gesetzt, der seine letzte Bundesliga-Spielzeit auf Platz 7 beendete, aber hier wollte sich der verdienstvolle Mannschaftsführer Andreas Rothe nicht äußern. So bleibt mir nur ein kurzer Blick in die Bundesliga-Chronik dieses Teams, dass sportlich in der Vergangenheit durchaus eine Bereicherung gewesen ist …

 

Die Sächsinnen waren in der Vergangenheit immer für Überraschungen gut. Erstmals waren sie in der Bundesliga 2003/04 dabei, landeten zwar auf einem Abstiegsplatz. Da aber sowohl Vizemeister SK Turm Emsdetten als auch der SC Meerbauer Kiel nach der Saison seine Mannschaft zurückzog, blieb man ebenso wie SK Chaos Mannheim erstklassig. Es folgte im Jahr darauf Platz 5, um 2005/06 dann doch abzusteigen, obwohl die Großlehnarinnen das übermächtige Baden-Baden 3,5:2,5 geschlagen hatten.

Der Wiederaufstieg gelang 2007, und es wurde ein echter Triumphzug in Liga 1. Hinter Baden-Baden – erneut gab es einen 3,5:2,5-Sieg – wurde Großlehna sensationell Vizemeister.

 

So wurden sie in der Saison 2008/09 sensationell Dritte hinter USV Volksbank Halle und OSG Baden-Baden. Zwei Jahre später – es war die 20. Spielzeit der Frauen-Bundesliga – gab es jedoch trotz Platz 7 den ersten Rückzug, um in der Spielzeit 2012/13 wieder ganz oben mitzumischen.

 

Dass der unerwartete Rückzug der beiden Teams für die Frauen-Bundesliga nicht folgenlos bleibt, versteht sich, denn natürlich soll auch die 26. Spielzeit 2016/17 wie immer mit zwölf Mannschaften in Angriff genommen werden.

 

Dass die drei Zweitliga-Staffelmeister SV Medizin Erfurt [West], TuRa Harksheide [Ost] und FC Bayern München [Süd] ihr Aufstiegsrecht wahrnehmen werden und das termingemäß beim Verantwortlichen Bundesliga-Spielleiter Thomas Rondio gemeldet haben, ist die gute Nachricht.

 

Aber sie nehmen ja die Plätze der drei Absteiger Grün-Weiß Niederwiesa, Doppelbauer Kiel und SK Lehrte ein. Zwei aus diesem Trio hätten jetzt die Chance, weiterhin erstklassig zu bleiben, aber nur Lehrte wird sie definitiv nutzen, Niederwiesa und Kiel haben sich für die 2. Liga entschieden.

 

Bleibt also ein Platz offen. Im Gespräch ist dafür die Schachgesellschaft Augsburg, die Platz 2 in der 2. Liga Süd belegte und dabei nur einen Mannschaftspunkt hinter den Münchener Bayern landete.

 

Das mag sicherlich eine mögliche Variante sein. Ich hätte da einen kühnen Projekt-Vorschlag.
Wie wäre es, wenn man ein deutsches Nachwuchs-Team formiert? Das könnte u.a. aus Hanna Marie Klek, Filiz Osmanodja, Sonja Maria Blum, Fiona Sieber, Josefine Heinemann, Jana Schneider, Lara Schulze, Paula Wiesner und Alina Zahn bestehen. Als koordinierender Coach käme aus meiner Sicht DSB-Bundestrainer Dorian Rogozenco infrage. Ich könnte mir aber beispielsweise auch die Tatjana Melamed vorstellen, die über sehr gute Erfahrungen als Landesnachwuchstrainerin von Sachsen-Anhalt verfügt.

 

Mag sein, dass diese Idee ziemlich abgefahren klingt, aber im Volleyball wurde sie hierzulande im Juniorenbereich seinerzeit sowohl bei den Jungen als auch Mädchen erfolgreich in Form des VC Olympia Berlin umgesetzt. Beide Mannschaften durften in der Bundesliga spielen ohne den Druck zu haben, absteigen zu müssen. Für die sportliche Entwicklung war das die absolut richtige Entscheidung.

 

Warum also nicht ein erwiesenermaßen innovatives Projekt im Schach aufgreifen, zumal es definitiv drei von insgesamt elf Spieltagen bei der Zentralen Endrunde [29./30. April und 1. Mai 2017] in Berlin geben wird? Die letzte DSB-Hauptausschusssitzung hat für diese Veranstaltung, die maßgeblich von den Schachfreunden Berlin und dem Landesverband der Hauptstadt organisatorisch vorbereitet wird, jedenfalls schon einmal die Weichen gestellt. Die „Hoheit“ über die Frauen-Bundesliga liegt übrigens beim Deutschen Schachbund – und das ist gut so, wenn diese mit Leben erfüllt wird!

 


 

P.S.: Am heutigen Mittwoch [15. Juni] erreichte mich eine gute Nachricht aus Augsburg. Doch lesen Sie selbst, was Dr. Ursula Münch, Mannschaftsführerin des Damen-Teams und 2. Vorsitzende der 1873 gegründeten Schachgesellschaft, mitzuteilen hat:

 

Lieber  SF Stolze,

 

ich habe in Absprache mit unserem 1. Vorsitzenden und natürlich meinen Mannschaftskameradinnen den angebotenen Platz in der 1. FBL für Augsburg angenommen.

 

Übrigens: Da ich gerade auf Ihrem Schach-Ticker den Artikel von Jörg Wengler  gelesen habe, noch kurz die Anmerkung, dass auch die Frauenmannschaft der Schachgesellschaft Augsburg (seit 25 Jahren) strikt am Amateurstatus festhält (und außerdem – anders als die Mannschaften von Bayern München – auch noch versuchen muss, die Kosten weitestgehend selbst zu stemmen; mal schauen, wie uns das im Oberhaus gelingen wird…)!

 

Mit lieben Grüßen
Ulla Münch

 

 

Noch eine Anmerkung: Die SG 1873 Augsburg ist kein Neuling in der Frauen-Bundesliga. In der siebten Spielzeit 1997/98 musste der Verein als Aufsteiger allerdings nach einem einjährigen Gastspiel wieder absteigen. Mit Nicole Nentwig, Oda Lorenz und Dr. Ursula Münch ist immerhin noch ein Trio aus „alten Zeiten“ aktiv dabei!


 

 

Bildnachweise

 

 

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