Schwimmen mit Elefanten

Der Poet unterm Schachbrett – Eine Rezension von ULLA HIELSCHER

 

Leseprobe

Auf der Suche nach einem Buch für eine Freundin stieß ich auf das Buch „Schwimmen mit Elefanten“ von der japanischen Autorin Yoko Ogawa. Der Titel lässt auf den ersten Blick keinen Bezug zum Schach erkennen, aber wenn man bedenkt, dass der Elefant (Alfil) eine Spielfigur aus dem persisch arabischen Schatrandsch war, die immer nur genau 2 Felder diagonal zieht, lässt sich ein Bezug herstellen. Jedenfalls hat mich der Klappentext des Buches neugierig gemacht. Ich habe es mir gekauft.

 

Zum Inhalt:
Das Buch beginnt damit, dass ein Junge mit seinem jüngeren Bruder und seiner Großmutter ein Kaufhaus besucht und dort auf dem Dach eine Gedenktafel entdeckt für einen Elefanten, der zur Eröffnung des Kaufhauses auf dem Dach lebte. Eigentlich sollte er nur wenige Tage dort bleiben, aber da die Kinder ihn so sehr mochten, wurde der Zeitpunkt verpasst und als er dann in einen Zoo gebracht werden sollte, passte er nicht mehr in den Aufzug. Die Elefantenkuh hatte den Namen Indira, eine der wenigen Figuren in diesem Buch, welche einen Namen hatte. Der Elefant, an den nur noch eine Gedenktafel erinnert, ist der erste imaginäre Freund des Jungen, der einfach nur „der Junge“ genannt wird. Die zweite Freundin des Jungen ist Miira (japanisch für Mumie), die der Sage nach als Kind in einen Häuserspalt gefallen ist.

 

Autorin Yoko Ogawa

Durch einen Zwischenfall entdeckt der Junge im Schwimmbecken seiner Schule die Leiche eines Busfahrers. Dadurch neugierig geworden, beschloss der Junge, das Wohnheim der Busgesellschaft zu besuchen, dabei stieß er auf einen ausrangierten Bus, in dem der Hausmeister der Busgesellschaft lebte. Da dieser sehr gerne Kuchen aß, war der Hausmeister sehr dick und konnte seinen Bus nicht mehr verlassen. Aber er brachte dem Jungen Schach bei und zwar so, dass er daraus auch andere Lehren im Leben lernte. Der Junge lernte schnell, konnte aber am besten spielen, wenn er nicht vor dem Schachbrett sondern unterm dem Tisch war. Nach dem Tod seines Lehrers, beschloss der Junge, nie groß werden zu wollen und trat dem Schachverein „Klub am Grunde des Meeres“ bei. Dort spielte er Schach in einer Schachpuppe, die man sich so ähnlich wie den Schachtürken vorstellen kann. Das kam seinen Fähigkeiten zu Gute, da er in der Puppe nicht das Schachbrett und nicht den Gegner sehen konnte. Er erkannte die Gegner am Stil ihres Spiels. Er spielte so gut, dass er den Namen „Kleiner Aljechin“ bekam.

 

Damit die Partien aufgezeichnet werden konnten, wurde dem Jungen eine Assistentin zugewiesen , die der Junge Miira nannte, so dass eine seiner imaginären Freundinnen Wirklichkeit wurde.

 

Das Buch beschreibt im Weiteren die unterschiedlichen Gegner, gegen die der Junge spielt. Die Autorin beschreibt, wie der Junge alles wahrnimmt, wie er sich schachlich weiter entwickelt und wie es ihm eher darauf ankommt, schöne Partien zu spielen als zu gewinnen.
Auch entsteht ein zartes Band zwischen ihm und Miira, aber beide sind zu schüchtern, um mehr daraus zu machen, werden dann räumlich getrennt und spielen Briefschach gegeneinander. Die Briefe enthalten nur die Züge, doch anhand der Züge entspinnt sich eine Unterhaltung.

 

Der Roman enthält sehr viele Schachelemente, es gibt Teilnotationen, Fischer Random Schach, eine Schachuhr und auch das Brett ist richtigrum aufgebaut. Aber es ist auch eine berührende Geschichte über das Älterwerden, das Kleinbleiben und das Anderssein. Ein trauriges aber sehr schönes Buch.

 

Hier ein Kommentar von Marie1971unter Lovely Books, dem ich mich nur anschließen kann:
„Die Geschichte an sich brilliert nicht durch Spannung, sondern durch die Einfachheit, und doch die Komplexität Reales mit Surrealem zu verbinden.“

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