Jeffery Xiong souverän Junioren-Weltmeister

Deutsche Teilnehmer ohne Medaillenchancen

Xiong-1-1

Bei internationalen Jugendturnieren gilt des öfteren: Namen, Elozahlen, Schachtitel (FM/IM/GM oder auch der inoffizielle Titel “Prinz”) – alles Schall und Rauch. Entschepartienidend ist, wie man dann insgesamt – gegen bekannte und “unbekannte” Gegner – spielt. So war es auch bei der Junioren-WM in Bhubaneswar (Ostindien): Zwar gewannen die beiden nominell besten Spieler Gold und Silber, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Aber dahinter schnitten einige besser ab als erwartet (wenn Elozahlen das Mass aller Dinge sind), andere demnach schlechter. Alle Fotos von der Turnierseite – das Titelfoto zeigt natürlich den bereits genannten Sieger.

 

Das ist (oben) der Endstand: GM Xiong 10.5/13, GM Artemiev 9.5, GM Sunilduth und FM Xu Yi 9, GM Khartikeyan, IM Mosadeghpour, Xu Yinglun, IM Nasuta, IM Svane 8.5, GM Aravindh, Maghsoodloo, Ivekovic, IM Lorparizangeneh 8, usw. . Jeffery Xiong ist nicht etwa Chinese, sondern US-Amerikaner, geboren am 30.10.2000 in Plano/Texas – damit ist sein Erfolg in der Altersklasse U20 durchaus bemerkenswert. Ansonsten vermutet der Leser richtig: unter den genannten Spielern zwei Chinesen, drei Inder und drei Iraner. Das sind zusammen neun von dreizehn, der Rest kommt aus Europa (Rasmus Svane wird demnächst beim FIDE-Kongress offiziell GM). Von den vierzehn Spielern mit 7,5/13 nenne ich nur einige: den Wertungsbesten IM Christoph Menezes aus Österreich, den Inder FM (demnächst IM) Praggnanandhaa, den (noch) titellosen Inder Paul Srijit der sich um satte 166 Elopunkte verbesserte und (im Gegensatz zu zuvor erwähnten wohl nicht mit seinem Ergebnis zufrieden) GM Dennis Wagner. Praggnanandhaa, Jahrgang 2005, hat noch diverse Chancen um in dieser oder in anderen Altersklassen Weltmeister zu werden (der auf chess24 ebenfalls erwähnte Usbeke CM Sindarov spielt übrigens, wie der dort in Kommentaren erwähnte Vincent Keymer, momentan in Wien).

 

Bei dreizehn Runden kann ich das Geschehen insgesamt nur streifen – das traditionelle Turniersaal-Foto bereits aus Runde eins:

 

Turniersaal

 

Darauf einige Spieler, die später im Turnier keine Hauptrolle spielen sollten und daher nicht mehr fotografiert wurden. Vorne rechts in und mit Weiss der an drei gesetzte Russe Kirill Alekseenko (mit 7/13 wurde er am Ende 30.) – die Partie gegen den Schweizer Patrik Grandadam gewann er, im weiteren Turnierverlauf dann 50% (+5=2-5). Schräg gegenüber mit Schwarz der Iraner Parham Maghsoodloo – spielte durchaus erfolgreich, aber sollte vielleicht etwas an seiner Fitness arbeiten. Wieder schräg gegenüber Dennis Wagner – auch bei ihm stimmte Runde 1 (Sieg gegen den indischen FM Karthik), der Rest des Turniers nur teilweise. Für eventuelle Leser in der Schweiz: ebenfalls mit roter Jacke wohl IM Noel Studer (auch insgesamt kein gutes Turnier).

 

In Runde 2 bereits überraschende Ergebnisse, aus deutscher Sicht die “falschen”: FM Xu Yi – GM Wagner 1-0 – Schwarz opferte gleich drei Bauern, laut Engines korrekt, aber nur wenn man richtig weiterspielt. IM Svane – Yuan Qingyu (noch ein Chinese) 1/2 – tendenziell “korrekt”, Weiss wollte vermutlich mehr. Das war Brett 4 und 5, vorne keine Überraschungen: Praggnandhaa – Artemiev 0-1, noch ist der Russe eben einfach besser, sowie

 

Xiong-Menezes

 

GM Xiong – IM Menezes 1-0 – auch ein “normales” Resultat. Später spielte Christoph Menezes durchaus erfolgreich, in Runde 8-11 (u.a. Sieg gegen Alekseenko) wieder weit vorne, zum Schluss zweimal Remis gegen nominell unterlegene Inder.

 

Ansonsten steige ich in Runde 7 wieder ein, ab da konnte Xiong sich vom Feld absetzen: zunächst mit einem glatten Schwarzsieg gegen den zuvor alleine führenden Inder GM Khartikeyan (der im 18. Zug einfach so einen Bauern einstellte), zusammen mit Ausrutschern der nominellen Konkurrenten. Artemiev verlor gegen Xu Yinglun (zwar titellos, aber immerhin Elo 2516), Alekseenko gegen den Polen IM Nasuta – der insgesamt ein starkes Turnier spielte, also wird er fotografiert:

 

Natusa-Grzegorz

 

Runde 8: Vorne zweimal Sizilianisch. An Brett eins Nasuta – Xu Yinglun 1/2 – Computer sagen, dass für Weiss mehr drin war als Dauerschach, dafür musste er eine Abwicklung mit Endergebnis Dame plus Bauern gegen Turm, Läufer und Springer nicht nur sehen, sondern auch richtig einschätzen. Brett zwei war ebenfalls turbulent:

 

Xiong-vs-Aravindh

 

Xiong – Aravindh 1-0 – Im Rossolimo-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) ergeben sich nicht unbedingt heterogene Rochaden, diesmal schon (siehe auch das Foto) – die unvermeidlichen Verwicklungen waren “unklar”, aber Weiss meisterte sie besser. Zuvor führten (alphabetisch sortiert) Nasuta, Xiong und Xu Yinglun gemeinsam mit 5,5/7, nun lag Xiong alleine vorne und das blieb im weiteren Turnierverlauf der Fall. Von den weiteren Ergebnissen erwähne ich nur Ivekovic(2351) – GM Alekseenko(2582) 1-0, das war’s dann für den dritten Turnierfavoriten.

 

In Runde 9 und 10 besiegte Xiong auch Maghsoodloo und Nasuta, nun hatte er einen vollen Punkt Vorsprung auf das Feld. Zwischendurch zu den beiden deutschen Teilnehmern: Svane remisierte in diesen beiden Runden gegen die etwa Elo-gleichwertigen Xu Yinglun und Aravindh – da kann man nicht unbedingt meckern, wobei er dadurch den Anschluss an die Medaillenränge verlor. Wagner erzielte in diesen beiden Runden ebenfalls 50% – zunächst ein “Pflichtsieg” gegen den Chinesen Fan Huifeng (2223), zuvor hatte er gegen Elo-unterlegene Gegner oft remisiert, dann Runde 10: Gegner war der Filipino IM Paulo Bersamino – aha, auf den Philippinen wird weiterhin Schach gespielt, auch wenn Wesley So tschüss sagte. Der Leser ahnt/weiss bereits, wer da gewann: Nach 45 Zügen war die Stellung ausgeglichen, nach Wagners 46.e3?! nicht mehr – nun war das schwarze Figurenduo Turm + Springer effizienter als für Weiss Turm und Läufer, Endergebnis ein für Schwarz gewonnenes Turmendspiel.

 

Runde 11 – vorne die letzte Prüfung für Xiong, Weiss gegen den Elofavoriten Artemiev. Remis reichte in der gegebenen Turniersituation, und es wurde remis. Da Artemiev bis auf den Ausrutscher gegen Xu Yinglun auch ein gutes Turnier spielte und zum Schluss immerhin Silber bekam, wird auch er fotografiert:

 

Artemiev

 

Wieder zu den deutschen Teilnehmern: Svane hatte Schwarz gegen einen gewissen Paulo Bersamino, dessen Eröffnungsexperiment 1.e4 e6 2.b3!? (spielte er laut Datenbank nicht das erste Mal) eigentlich nicht funktionierte – “objektiv” war nur die Frage, ob der schwarze Vorteil (später ein recht gesunder Mehrbauer) zum Gewinn reicht oder nicht. Aber dann – der Vorteil war schon zuvor dahin – patzte Svane und verlor. Wagner traf auf einen Inder mit furchterregendem Namen (Bala Chandra Prasad Dhulipalla) und eher bescheidener Elo (2276) und remisierte.

 

Runde 12: Schluss mit lustig für Bersamino – recht glatte Weissniederlage gegen Xiong, der damit seinen Vorsprung auf 1,5 Punkte ausbaute und so bereits vor der letzten Runde als Weltmeister feststand, was wohl auch seinen mit angereisten Vater freute:

 

Jeffery-Xiong-with-dad

 

Gute Nachrichten aus deutscher Sicht: Svane hatte keine Probleme mit Dhulipalla, und auch Wagner erzielte einen schönen Sieg gegen den Azeri Pirverdiyev – immerhin (oder nur) sein vierter Sieg im Turnier.

 

In Runde 13 ging es nur noch um die anderen Medaillen: Xiong-Mosadeghpour 1/2 (relativ korrekt) war da zu wenig für den Iraner. Artemiev war gegen Aravindh durchgehend am Drücker, auch wenn die Partie 88 Züge dauerte. Sunilduth-Nasuta 1-0 im Endspiel, Maghsoodloo – Xu Yi 0-1 quasi im Mittelspiel. Sunilduth und Xu Yi hatten ihre drei letzten Partien gewonnen, der Inder hatte die recht klar bessere Wertung und bekam damit Bronze. Rasmus Svane gewann nochmals und erzielte so einen “akzeptablen” neunten Platz (er war an sechs gesetzt) und insgesamt ein Ergebnis im Rahmen der Eloerwartung – im Gegensatz zu Dennis Wagner, der sich von 29 Elopunkten verabschieden muss. Zwei Fotos habe ich noch:

 

Xu-Yinglun

 

Xu Yinglun – das passte auch zu Runde 7, aber ich will die Fotos etwa gleichmässig verteilen.

 

PraggnanandhaaNihal

 

Die [sehr] jungen Inder Praggnanandhaa (*2005) und Nihal (*2004, diesmal kein gutes Turnier)

 

War da noch was? Ja, eher kurz und knapp zum parallelen Turnier der Juniorinnen, Damen oder Mädels. Auch da der Endstand mit zum Teil “komplizierten” Namen: Saduakassova 9.5/13, Nandidhaa und Dordzhieva 9, Rodriguez, Frayna, Vaishali, Uuriinthuya, Parnali 8.5, Bivol, Michelle, Mahalakhsmi, Styazhkina, Du Yuxin 8, usw. (keine deutschen Teilnehmerinnen). Die an eins gesetzte Kasachin Dinara Saduakassova gewann am Ende und konnte sogar verkraften, dass sie in der letzten Runde gegen die Mongolin Uuriinthuya einen trivialen Gewinn im Bauernendspiel verpasste. Aber es ergab sich erst in den letzten Runden – bis Runde 10 führte die an neun gesetzte WIM Frayna aus den Philippinen, erzielte dann aber nur einen halben Punkt aus ihren drei letzten Partien und bekam so gar keine Medaille, immerhin noch 18 Elopunkte. Abgeräumt haben in dieser Kategorie unter anderem die Inderin Nandidhaa (24. der Setzliste, Elo +86), ihre Landsfrau Mahalakhshmi (an 31 gesetzt, Elo +120) und erst recht die Chinesin Du Yuxin (Elo 1957, das war einmal, nun kamen 164 Punkte dazu). Ein paar Fotos:

 

Hiebler-Saduakassova

 

Saduakassova (rechts) in Runde eins – diese Niederlage hatte die Österreicherin Laura Hiebler wohl einkalkuliert, die in Runde 2 gegen Du Yuxin war im Nachhinein auch OK, aber auch danach kein gutes Turnier.

 

Nandhidhaa-vs-Dordzhieva-1

 

Indien gegen Russland, Nandidhaa gegen Dordzhieva, (später) Silber gegen Bronze endete remis.

 

Rodriguez

 

Die Kolumbianerin Paula Andrea Rodriguez Rueda – einzige Südamerikanerin in beiden Turnieren, die weite Reise hat sich einigermassen gelohnt.

 

Frayna-Janelle-Mae

 

“Pechvogel” Janelle Mae Frayna. Das Remis gegen Saduakassova war einerseits OK, andererseits nicht – mit Schwarz stand sie zwischenzeitlich viel besser bzw. auf Gewinn.

 

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