Noch hinter dem Ende der Welt

Viele Vereine führen in den Sommerferien Trainingslager durch. Meistens eine knappe Woche in einer Jugendherberge oder einer ähnlichen Einrichtung – Ein Beitrag von Norbert Heymann

 

So auch die Schachabteilung des USC Viadrina Frankfurt (Oder), deren Abteilungsleiter icfoto-3h bin. Vor gut zehn Jahren wurden die Trainingslager ins Leben gerufen und seither durchweg organisatorisch und schachlich betreut von der Übungsleiterin Kristine Pews. In der ersten Zeit mit einer Handvoll Kinder und Jugendlicher als One-Woman-Show. „Eine Hand“ reichte in den letzten Jahren mit steigenden Teilnehmerzahlen nicht mehr aus. Dank der tatkräftigen Unterstützung von Hagen Langer und Thomas Noack musste keinem Interessenten jemals abgesagt werden. Wäre es in diesem Jahr vom 20. bis 26. August auch so gewesen, das zweifelhafte Vergnügen dieses Beitrages bliebe den Schach-Ticker-Freunden erspart. Tja, Pech gehabt. Im voraus war klar, dass Hagen erst am dritten Tag frühmorgens anreisen konnte. „Null problemo“ hätte früher mal ein außerirdischer Erdenbesucher gesagt. Die Kinder und Jugendlichen beiderlei Geschlechts zunächst von zwei Erwachsenen betreuen zu lassen, sollte keine Hürde darstellen. Dass Thomas zwei Tage früher wieder abreiste, wurde ebenfalls nicht als Hindernis angesehen. Auch die organisatorischen Vorbereitungen waren über eine Woche vor Start des Trainingslagers im Zeitplan:

 

* Vertrag mit dem Objekt (Unterbringung / Verpflegung – eventuelle Sonderwünsche / Bettwäsche und Handtücher mitbringen?) abschließen.

 

* Fahrauftrag vom Vereinschef unterschreiben lassen (Stichwort: Versicherung).

 

* Fragebogen mit den Angaben zu speziellen Essenswünschen, Allergien, Arztbesuchen usw. an die Eltern herausgeben.

 

* Krankenversicherungskarte der Teilnehmer mit ins Gepäck legen lassen.

 

* Trainingsunterlagen erstellen, abgestimmt auf die unterschiedlichen Spielstärken.

 

* Tagesablaufplan festlegen und ausdrucken.

 

* Material für ein Trainingsturnier (Paarungstabelle / Partieformulare / Schachuhren / Pokale).

 

* Absprache mit den Eltern bezüglich An- und Abreise der Teilnehmer/Betreuer.

 

* Zimmereinteilung unter Berücksichtigung des Geschlechts, Alters und wenn möglich des Temperaments.

 

*Erste-Hilfe-Kasten

 

Es waren drei Trainingsgruppen vorgesehen; zusammengesetzt nach Spielstärke. Kristine hatte die selbst erstellten Trainingshefte für zwei Gruppen foto-2bereits fertig layoutet und gebunden. Die Unterlagen für die dritte Gruppe mussten nur noch ausgedruckt und einer Drahtbindung unterzogen werden. Alles war bedacht und im Zeitplan. Nur eine Erkrankung von Kristine hielt sich nicht an diese Vorgaben. Über eine Woche warten und bangen verging in der Hoffnung, der Krankheitsteufel würde sich fix vom Acker und vom Schachbrett machen. Da nach meiner Erfahrung ein ‚Plan B’ in den meisten Fällen ohnehin nix taugt, ging ich gleich zu ‚Plan C’ über. Sicher ist sicher. Eine Absage des Trainingslagers kam zu keinem Zeitpunkt in Betracht und die Anwesenheit wenigstens eines Erwachsenen die ganze Zeit über war gewährleistet. Zwischendurch fiel mir noch etwas wichtiges ein: alle Eltern kannten Thomas und seine sprichwörtliche Zuverlässigkeit. Nur Hagen ist berufsbedingt nicht mehr so häufig bei uns und ich informierte alle Eltern über ihn und seine absolute Vertrauenswürdigkeit. Möglicherweise hätten einige Eltern etwas dagegen, wenn ich mir jemanden von der Straße greife, der fröhlich einen zur Klampfe zupft und zudem mit seiner Buddel voll Rum für Stimmung sorgt. Also wäre jetzt so meine Vermutung …

 

Kurzfristig fand ich für die eine Woche einen Nagel, an den ich meinen Zweitjob hängen konnte. Nur die Raumverschönerung, die ich frühmorgens in einem Frankfurter Fitness-Club mache, war ein Muss. Also hieß es täglich pendeln. Letschin im Oderbruch hat einen Bahnhof und die Zugfahrt dorthin würde etwas über eine halbe Stunde dauern. Wenn denn ein Zug fuhr. Das Zauberwort hieß ‚Schienenersatzverkehr’, folglich für mich zwei Mal täglich ein Stündchen Bus fahren. „Wat mutt dat mutt“, sagte ein früherer Parteivorsitzender schon vor 25 Jahren vermutlich in weiser Voraussicht auf meine Probleme. Wie weit liegt denn unsere Landherberge vom Bahnhof, dort hält der Bus, entfernt? Also kurz mal „gekugelt“, wie man das heutzutage so macht. Oh, doch nur knappe 10 Kilometer. Das geht ja noch zu Fuß. Pendelt zwischen Bus und Trainingslagerstätte wenigstens irgend etwas hin- und her außer meiner Ratlosigkeit? Oder gibt es hier einen Bauern, der mit seinem Trecker auch Taxi fährt?

 

Nein. Nun, die erste Nacht von Samstag auf Sonntag kann ich dort bleiben. Montag bis Mifoto-4ttwoch ist Hagen bereits vor Ort, da fährt mich bestimmt Thomas mit seinem Auto. Der Donnerstag ist das Problem! Ich wusste, eine frühere Fitness-Club-Mitarbeiterin wohnt in Letschin. Der Kontakt zu ihr war über drei Ecken und fünf Kanten schnell hergestellt und sie war zum Shuttleservice bereit. „Wenn sich etwas ändert, rufst Du mich an“ sagte sie und ich schrieb mir ihre Handynummer auf. Wow, erstmals seit über 20 Jahren gab mir eine Frau ihre Telefonnummer. Eine ganz liebe Schachmutti könnte mich am Freitag mitnehmen. Sie gehörte auch zu den Eltern, die einige Teilnehmer wieder nach Hause brachte. So lautete also mein schon an den nächsten Buchstaben angrenzender ‚Plan C’. Schließlich kam es, wie es kommen musste. Kristine, und zu ihrem Leidwesen der Krankheitsteufel, wollten sich einfach nicht voneinander trennen. Eventuell könnte sie am Montag oder Dienstag nachkommen, dann hätte sich mein Pendeln ausgependelt. Am Samstagvormittag trafen nach und nach alle Fahrgemeinschaften ein. „Wo ist mein Zimmer?“, „Machen wir heute schon Training?“, „Gegen wen spiele ich?“, „Gibt es Mücken?“, „Hat man hier guten Empfang?“, „Was machst Du denn hier?“, „Was, kein Fernseher!“,

 

„Wann gibt es Mittagessen?“, „Ist ‚Julius’ schon da?“, „Geht es Kristine besser?“, „Gibt es oben auch Toiletten?“, „Müssen die Kleinen sich um 20:30 foto-1Uhr wirklich Bettfertig machen?“, „Ich habe meinen Ball vergessen?“, „Wo ist das Training?“, „Ich habe ein Buch dabei“, „Wenn was ist, rufe an“. „Bist Du die ganze Zeit über hier?“ „Kann man eine Tischtenniskelle leihen?“ bestimmte in der Zeit bis zum Mittagessen den Gesprächsstoff. Lautes weinen konnten Thomas und ich einem begleitenden Geschwisterchen zuordnen. Die Eltern der Teilnehmerinnen wussten natürlich vorher, dass zunächst und eventuell die ganze Zeit über ein weiblicher Betreuer fehlt. Für alle betreffenden Eltern war dies zum Glück kein Problem. Ich bat die älteren Mädchen auf die jüngeren aufzupassen und mit zu betreuen, was für die älteren selbstverständlich war und von den jüngeren dankend angenommen wurde. Im Laufe der Woche „adoptierte“ ‚Hildegard’ auch Hagen und Thomas als „Großcousins“ und mich als „Opa“. Auch die älteren Jungs waren sofort bereit, mit auf die jüngeren zu achten. Sicherheitshalber bat ich auch die jüngeren „Männer“ auf die älteren aufzupassen. Man weiß ja nie … Nun komme ich auch langsam in das Alter wo ich sage, „früher war alles besser. Selbst die Doofen waren doofer und natürlich den Kassikerspruch: diese Jugend heutzutage …“. Doch alle meine Befürchtungen waren unbegründet! Kinder sind Kinder und jede Generation versucht ihre Grenzen auszuloten. Das ist auch in Ordnung. Bei der Auflistung der Autoritätspersonen sind Schachtrainer zwar noch hinter den Eltern und Lehrern das schwächste Glied in der „Nahrungskette“, doch es gab die ganze Woche über nur Miniprobleme, wenn überhaupt.

 

Herzlichen Dank an alle Teilnehmer und an Hagen und Thomas. Habt ihr klasse gemacht. Alle wussten, dass sie sich ausschließlich auf dem Gelände der Herberge und im Haus aufhalten durften und hielten sich auch daran. Von allen Teilnehmern sammelte ich die Fragebögen am Samstagmittag ein foto-5My Libraryund wertete sie gleich aus. Das ist immens wichtig im Hinblick auf regelmäßige Medikamenteneinnahme, Allergien, Unverträglichkeiten und ähnliches. Als Übungsleiter und Verantwortliche ist es unsere Aufgabe darauf zu achten. In meiner seligen Berliner Inselzeit wurde man als Kind gefühlt mit einem Brotbeutel um den Hals auf die Reise geschickt und gut war. Bei dem Begriff ‚Vegetarier’ hätte ich seinerzeit eher an eine Apfelsorte und bei ‚Laktoseintoleranz’ an Farbe zum streichen gedacht. Nach meinem Eindruck sind wir da heute wesentlich verantwortungsbewusster. Oder es kommt mir nur so vor und früher war das genauso. Doch glauben Sie mir: als Verantwortliche sind Sie nicht nur um halb Acht in hab-acht-Stellung. Sondern 24 Stunden am Tag und dazu noch die ganze Nacht. Natürlich sind Übungsleiter nicht permanent mit beiden Beinen hinter den Gardinen, die zwischen Norwegen und Finnland hängen.

 

Ein paar Absprachen mit der Herbergsleitung später ging es zum Mittagessen. Danach war Freizeit angesagt und um 13:30 Uhr begann das Training. Während Thomas die älteren Teilnehmer in einem anderen Zimmer trainierte, nahm ich die beiden jüngeren und Spielstärke schwächeren Gruppen zusammen in einen Raum. Nach und nach „trudelten“ alle bei mir ein, setzten sich an die Tische und hatten ihr Übungsmaterial vor sich. ‚Wirbelwind’ hatte jedoch kein Schreibgerät dabei und der von mir huldvoll überreichte Bleistift fand vor den Augen und in der Hand keine Gnade. Also fragte ich in die Runde. „Am besten schreibe ich mit einem ‚Fineliner’, konkretisierte ‚Wirbelwind’ den Wunsch. „Hast Du einen ‚Fineliner’?“ fragte ich und meine Frage wurde sogleich verneint. „Hast Du einen im Zimmer?“ „Nein“. Und während ich noch darüber nachdenke, ob nicht ‚Fineliner’ vielleicht doch der Name eines Kreuzfahrtschiffs ist, ist die Gruppe thematisch schon weiter.

 

Jeder sagt etwas und scheinbar meinen alle, ihr Redebeitrag sei in dem Moment das wichtigste, was es auf diesem Planeten gibt. So entstand nicht nur ein babylonisches Sprachgewirr, sondern auch meine Gewissheit, dass Dezibel Messgeräte vermutlich ganz schnell an ihre Grenzen stoßen. Ich brauche zwei Anläufe, um halbwegs wieder Ruhe in die Versammlung zu bekommen. „Otto, Du hast doch einen ‚Fineliner’, den Du ‚Wirbelwind’ geben kannst“ sagte ‚Wilhelm’. Zusammen mit ‚Ottos’ Stimme höre ich jetzt noch andere. Teilweise auch mit aneinander gereihten Worten, die haarscharf und doch Lichtjahre voneinander entfernt äußerst knapp am Thema vorbei schrammten. Ich brauche jetzt einen Anlauf mehr als gerade eben, um wieder für Ruhe zu sorgen. Mit „nimm meinen Stift“ versucht ‚Wilhelm’ etwas zur Lösung beizutragen.

 

Doch dieser Lösungsansatz scheitert an ‚Wirbelwinds’ Gewissheit, mit exakt genau diesem Stift nicht schreiben zu können. Wieder höre ich Stimmen, die sich schulmäßig aneinander, voneinander und nebeneinander vorbei und wieder weg bewegen. Nicht nur jetzt habe ich die größte Hochachtung vor allen lehrenden, leerenden und pflegenden Berufen. Während ich noch darüber nachdenke, wo denn der Lautstärkeregler in diesem Raum versteckt sein könnte, ist der Schreibgerätefindungsprozess bereits auf dem nächsten Level angelangt. ‚Otto’ hat in seiner Federtasche nach einigem Suchen zwar keinen Schatz, Erdöl oder seltene Erden gefunden, doch dafür eine Tintenpatrone. Wäre ‚Otto’ eine Frau, fände ich spätestens jetzt das Klischee von „Frauen und ihren Federtaschen“ bestätigt. Unser ‚Wirbelwind’ ist die einzige Person in diesem Augenblick, die etwas behält, und zwar den Überblick. „Was soll ich denn mit einer Patrone?“. Lächelnd erinnere ich mich an meinen Füllfederhalter in der ersten Klasse.

 

Er war damals mein ganzer Stolz. (Anmerkung des Autors: der Verfasser ist Jahrgang 59, das Jahrhundert tappt im dunkeln). Das Stimmengewirr hatte unterdessen den Raum nicht verlassen. „Ich habe im Zimmer oben einen ‚Fineliner’ in den die Patrone bestimmt passt“ sagte Frederike. Super, gerettet, denke ich. Ihre Ergänzung, dass dieser kleckst, wird von ihren davon eilenden Schritten und einem Mix aus Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor, Bariton und Bass überdeckt.

 

Wir spulen mal kurz vor: einige Schachbretter haben jetzt einen sehr aparten, leicht bläulichen Farbton. ‚Wirbelwind’ widmete sich tagelang ausgiebig der Fingerreinigung und eine Reihe von Taschentüchern hat die Begegnung mit dem klecksenden Stift auch nicht unbeschadet überstanden.
Zurück zum hier und jetzt: ‚Frederike’ ist zurück und ‚Wirbelwind’ hat mit geübten Griffen den Griffel in Position gebracht. Ich bin stolz auf mich und meine „Leistung“. Drei innere Schulterklopfen und Überlegungen weiter nutzte ich die gerade abgeschlossene Situation für eine Ansprache. Dazu müssen Sie wissen: Ansprachen halte ich liebend gern und achte dabei stets darauf, dass mir die Zuhörer nicht unter den Händen einschlafen. „Wir haben in den letzten zehn Minuten ein schönes Beispiel für Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe gesehen. Wir sind eine Gruppe, halten zusammen, helfen uns gegenseitig und wir bekämpfen uns nur auf dem Schachbrett“. Ebenso ist die Episode dazu geeignet, den Unterschied zwischen Problem- und Zielorientiertheit zu verdeutlichen. Zur Veranschaulichung nahm ich für alle sichtbar einen weißen Bauern, es hätte durchaus auch ein schwarzer sein können, in die Hand und ließ ihn fallen. Es folgten meine erregten Ausführungen über die Schlechtigkeit der Welt, des Universums, der Börsenkurse, des Klimawandels und das so etwas ohnehin nur mir passieren würde. So irritiert wie Sie jetzt waren meine Zuhörer und -seher zunächst auch. Ich hob die Bauern wieder auf und da ihm die Gesetze der Schwerkraft bereits geläufig waren, ließ ich ihn wiederum fallen.

 

Wortlos beugte ich mich zum Zimmerboden, hob ihn auf und stellte den Bauern neben seine Brüder auf den Tisch. Der Unterschied zwischen Problem- und Zielorientiert war nun allen klar. Meine Vorstellung endete in der Hoffnung, dass die Anwesenden in einigen Jahren, wenn ich schon längst auf Torfatmung umgestellt habe, ihnen dieses Beispiel noch in Erinnerung ist und sie in ihrem Leben Ziel- und Ergebnisorientiert an Situationen herangehen. Wir begannen, wie auch an den folgenden Tagen, mit dem Training. Nach zwei Pausen war es Zeit zum Abendbrot und danach gab es Freizeit. Es wurde Fußball und Tischtennis gespielt, gekickert, gewippt, geklettert, in einem kleinen Karussell die Fliehkraft praktisch erprobt, geschaukelt und von einigen auch schon mal Thomas und ich liebevoll „verschaukelt“. Einige saßen im Kreis und spielten ein Kartenspiel mit Augen zu und durch, Bürgermeister, einem Wolf, der sich wehrt, vermutlich auch noch einem Nachtwächter und einem Wetterhäuschen. Um 20:30 Uhr war für die jüngeren Teilnehmer „Bettfein“ angesagt. Nach dem Zähneputzen und duschen wurden die Zimmer von uns kontrolliert, äh, will sagen, die Zimmer wurden durch uns kontrolliert. (Anmerkung des Autors: der Verfasser verheddert sich ganz gern in den Feinheiten der deutschen Sprache und deshalb gibt es Abzüge in der B-Note.). Die Vorgabe lautete: spätestens um 21 Uhr Licht aus und Nachtruhe, beziehungsweise bei den älteren alles eine Stunde später. Nach 22 Uhr drehten Thomas und ich noch unsere Runde und alle hielten sich an die Vorgaben. Na, sagen wir mal, einige taten wenigstens so. Um 7:30 Uhr wurde spätestens aufgestanden und eine halbe Stunde später saßen alle beim Frühstück. Bis zum Mittagessen wurde das Trainingsturnier gespielt, beziehungsweise weiter trainiert. Mittagessen, Freizeit bis 13:30 Uhr, danach mit Pausen das gleiche Programm wie am Vortag und so ging es die ganze Woche durch.
Zwei Herbergsmitarbeiterinnen übernahmen dankenswerterweise für eine halbe Stunde die Oberaufsicht. In dieser Zeit fuhr mich Thomas zum Bahnhof. Im Netz hatte ich mir vorher den Stadtplan von Letschin angesehen und wusste, Quatsch, ich glaubte zu wissen, in welchem Planquadrat der Bahnhof ist. Es gibt eine Hauptstraße, parallel dazu eine Parallelstraße und in der ist der Bahnhof. So weit, so schlecht. Wir fuhren bis zu einem Kreisverkehr und nahmen die Ausfahrt, in der ich straßenmäßig den Bahnhof vermutete. Wir fuhren vielleicht 500 Meter weit und … nix. Also zurück zum Kreisverkehr. Zwei Abfahrtmöglichkeiten hatten wir noch, eine von ihnen konnten wir ausschließen. Aus der Richtung sind wir zwei Tage zuvor aus Frankfurt (Oder) gekommen. Ein Bahnhof wäre uns aufgefallen. Die verbliebene Straßenvariante trug zudem den ebenso geheimnisvollen wie mysterösen Namen „Bahnhofstraße“. Wenn es auch nun wirklich ganz weit hergeholt ist, vermuteten wir doch optimistischerweise dort den Bahnhof. Die meisten von uns spielen ganz gern Partien mit fünf Minuten Bedenkzeit, doch während man heutzutage immer noch 3 Sekunden pro Zug dazu bekommt, ist das bei den Partien mit der Bahnhofssuche nicht der Fall. Jedenfalls war in der Bahnhofstraße die Welt bald zu Ende und ein Bahnhof nicht in Sicht. Wieder umdrehen. Ich überlegte so zwischendurch, ob ein früherer hessischer Ministerpräsident wohl in der ‚Kochstraße’ gewohnt hat.

 

Jeder von uns hat bestimmt schon mal etwas gesucht und es drohte zugleich ‚Blättchenfall’. In solchen nachmittäglichen Tagesstunden ist natürlich niemand auf den Gehwegen zu sehen, den wir hätten fragen können. Ich versuchte unterdessen das Gesprächsthema mehr in Richtung ‚Heimatfilme’ zu lenken. Dort, wo sich Helden an Hochhäusern ohne Seil abseilen oder mit quietschenden Autoreifen heldenhaft vor einen nach Frankfurt (Oder) fahrenden Bus geworfen … Nein, das ist auch keine so gute Idee. Und während ich noch über die Stadtplanung von Letschin sinniere, fällt uns eine kleine Tafel mit dem Hinweis ‚Informationspunkt’ vor einer Gaststätte auf. Ich also raus aus dem fahrenden, ja gut, rollenden, O.K., bereits parkenden Auto und rein ins Haus. Es folgte der Klassiker: keiner da. Ich rufe und vor meinem inneren Auge beginnt sich das Blättchen an der Schachuhr bereits zu heben. Ein Mann kommt mir entgegen und fünf Sekunden später habe ich die gewünschte Information. Die erste Abfahrt, die wir genommen hatten, war Busrichtig. Nur der Bahnhof liegt außerhalb. Den beiden, Thomas und seinem Auto, sei dank, wir schafften es noch rechtzeitig. Keine zwei Stunden warten auf den nächsten Bus.

 

Am Montag nach meiner Frühschicht nahmen mich Frau Langer und Hagen in ihrem Auto mit. Das Navigationsgerät von Frau Langer hatte sich eine ganz andere Fahrtstrecke ausgeguckt. Zehn Minuten kürzer, dafür 20 Bodenwellen länger. Weiß man vorher nur nicht. Bei mancher Bodenwelle, ohnehin sind mir Donauwellen lieber, fragte ich mich, wie wohl die Konfrontation mit der Hinterachse ausgehen würde. Ich tippe mal: Bodenwelle 1, Hinterachse 0. Die drei Gruppen waren bei unserem Eintreffen fleißig am trainieren und alle freuten sich Hagen wiederzusehen. Langsam war so etwas wie Routine im Trainingslager eingekehrt. Alle wussten Bescheid wo, wann, wie etwas lief.

 

Sie erinnern sich dunkel? Am ersten Tag hatte ein armer Bauer unter meinem Beispiel für Problem- und Lösungsorientierung zu leiden. Wie gut unsere Schachschüler zuhörten, verinnerlichten und umsetzten, wurde am Nachmittag deutlich. In einer Pause hatte sich ein teurer Ball in die Nesseln gesetzt. Ausgerechnet noch in die „brennenden“. Eine Flugbahn zuvor hatte ‚Otto’ den Ball vor seinem Körper gehalten und der Balleigentümer ‚Wilhelm’ kam von hinten und umarmte ‚Otto’. Version ‚zwei’ der Geschehnisse hatte etwas mit ‚von hinten anspringen’ und an den Hals fassen zu tun. ‚Otto’ erschrak, ließ den Ball jedoch nicht fallen, sondern warf ihn in die schon erwähnten Brennesseln, die von jeder Menge Gestrüpp getarnt waren. Es folgten Schuldzuweisungen, Forderungen nach holen des Balls, Verweigerungen, Begründungen der Verweigerungen, verweigerten Begründungen, Untermauerung der Holungsforderung, einmischen von drei weiteren Nichtballholexperten, fordernden Verweigerungen, verweigerten Forderungen. Untermauert mit immer neuen Argumenten für Proball, Contraball, Abiball und Kontrabass. Eine kleine Auswahl: „Da gehe ich nur mit langer Hose rein, ich habe aber keine mit“. „Du bekommst meine lange Hose“. „Ich sehe das gar nicht ein, dass ich den Ball hole“. Schließlich ging die unbeteiligte ‚Jessica’ auf ihr Zimmer, zog sich eine lange Hose an, kam zurück und holte das Objekt. Und die Moral von der Geschichte: die Kerle setzten den Erdball in die Nesseln und die Frauen retten die Ballwelt.
Fazit: Ball gut, alles gut.

 

An diesem Montag war die Autotour am Nachmittag zum Bus schon fast Routine. Meine folgende Nachtruhe endete am Dienstag um 4:00 Uhr und mir fiel ein, wir hatten gar nicht mehr über meine Abholung vom Bus gegen 9:15 Uhr gesprochen. Zunächst beruhigte ich mich mit dem Gedanken, ‚Hildegard’ oder ‚Wirbelwind’ würden bestimmt beim Frühstück nach mir fragen. Doch konnte ich mich wirklich darauf verlassen? Dann noch die Schlussfolgerung von allen, wie kommt Norbert vom Bahnhof hierher? War es nicht ratsamer Thomas anzurufen? Auch auf die Gefahr hin, dass wegen des schwächelnden Empfangs bei ihm nur die Nummer angezeigt wird und ich ihn nicht erreiche. Als beste Uhrzeit hatte ich mir 7:15 Uhr ausgeguckt. So zwischen seinem eigenen aufstehen und wecken der Teilnehmer.

 

Bei mir auf Arbeit ist der Handyempfang ziemlich mies, wenn Thomas zurückruft, erreicht er mich womöglich nicht. Neue Uhrzeit um mit der Landherberge in Kontakt zu treten. Anrufen wenn ich zum Bahnhof gehe. Es hatte auch alles geklappt. Der Bus kam pünktlich in Letschin an und mein Chauffeur wartete bereits am Bahnhof im Parkhafen. Warum diese Autoabstellmöglichkeiten eigentlich „hafen“ heißen, ist mir zwar ein Rätsel. Aber egal. Der Bus parkte zwar nicht im Parkhafen, aber dafür genau davor. Auto links, Auto rechts, Thomas Auto genau dazwischen. ‚Variante eins’ hätte jetzt eine Bitte an den Busfahrer beinhaltet, sein Gefährt gefälligst woanders hinzuschieben. Im Kristines Trainingsmaterial ging es unter anderem auch um Hin- und Ablenkung, wenn auch von Schachfiguren. Thomas war also bereits trainiert. Folglich zog unsere ‚Ausparkvariante 2’ einige Lenkungsübungen von Thomas nach sich, bis sein Wagen schließlich abfahrbereit war. Nach meiner maßgeblichen Meinung wird die Bedeutung von Stoßstangen und Kotflügeln überbewertet. Doch das nur am Rande. Ich stieg ein und los gings. Alle Beteiligten zeigten sich lernfähig. Thomas parkte am nächsten Tag fast schon im Nachbarort und derselbe Busfahrer hielt beim parken einen größeren Seitenabstand ein.

 

Der frühe Nachmittag dieses Tages verlief leider nicht ganz problemlos. Es hatte mit der Wippe zu tun. ‚Wirbelwind’ hat sich beim wippen den Fuß weh getan. Geschwollen war nichts. Sicherheitshalber haben wir im Zimmer von ‚Wirbelwind’ den Fuß gekühlt, was bei den Temperaturen bestimmt ganz angenehm war. Bei kleineren Blessuren greifen die meisten von uns ganz gern mal zu einer schmerzstillenden Salbe. Doch Vorsicht! Nicht alle Hausmittel, Außer-Hausmittel und Arzneien sind für Kinder geeignet. Thomas hatte sich das Kleingedruckte durchgelesen. Vermutlich ist er auch der einzige Mann auf der nördlichen Halbkugel, der Beipackzettel liest. Und, ich wage es kaum zu schreiben, vielleicht sogar Gebrauchsanweisungen. Frau ‚Dr. med zdf Frederike’, Fachärztin für schnellheilende Fußmedizin, hatte ihre Praxis im Nebenzimmer und machte einen Hausbesuch. Frederike kam, sah und kühlte. Ihre heilenden Hände sorgten für eine rasche Genesung und ‚Wirbelwind’ konnte dem Namen kurze Zeit später wieder alle Ehre machen. (Anmerkung des Autors: nicht jeder ist mit akademischen Graden vertraut, deshalb an dieser Stelle die Erläuterung: ‚Dr.’ steht für ‚Doppeltgute Richtigmacherin’, ‚med’ bedeutet ‚mit eingebautem Durchblick’ und schließlich ‚zdf’ = ‚zur dynamischen Fitmachung’. Mit dem ‚zweiten’ sieht man übrigens besser, aber das nur nebenbei.).

 

Fazit: Fuß gut, alles gut.

 

Mein Tipp: wenn es vertretbar ist, sollte der Raumteiler mit im Zimmer sein. Er sorgt für Unterhaltung und Abwechslung, während Sie kühlen. Eine offene Tür ist ganz hilfreich bei Krankenbesuchen der anderen Kinder. Es entfällt das ständige Türgeklapper. Bestimmt ganz empfehlenswert, wenn das Kind nicht dem gleichen Geschlecht angehört, dass im Ausweis des Übungsleiters steht. (Frage des Autors: steht das Geschlecht im Personalausweis? Die Auflösung erfahren Sie in der nächsten Folge, wenn es heißt: wer guckt sich schon seinen Personalausweis an.).

 

Für Thomas hieß es am Folgetag Abschied nehmen und Hagen hatte souverän alles im Griff, so wie Thomas zuvor. Auch von Seiten der Herbergsleitung gab es keine Beschwerden und es hat nach unserem Eindruck auch allen Teilnehmern gefallen. Was war sonst noch? Frau Marschmeyer versorgte uns mehrfach mit leckerem, selbst gebackenem Kuchen. Auch die mitgebrachten Kekse fanden dankbare Abnehmer. Vielen Dank dafür.

 

Wenn ‚Julius’ und ‚Cäsar’ nicht zu sehen waren, saßen sie in ihrem Zimmer vor dem Reiseschachbrett und spielten Partien nach. Zwischendurch arbeiteten sie auch an neuen Spielvarianten. ‚Viertelschach’, ‚Halbschach’, ‚Achtelschach’ oder ‚Gar-kein-Schach’. Hagen, Thomas und ich sicherten sich schon mal vorab die Welt-Exklusivrechte.

 

Beim abholen am Freitag waren alle Eltern und Autos pünktlich und im Vorfeld standen ja schon die Fahrgemeinschaften fest. Abschließend mein herzlicher Dank an alle Eltern, die das Trainingslager unterstützt haben, an die Leitung und die Mitarbeiter der Landherberge und an Hagen Langer und Thomas Noack. Fehlt noch etwas? Ach ja, die Überschrift dieses Beitrages. Sie spielt auf den Handyempfang an. Wenn es am Ende der Welt keinen gibt, was will man dann dahinter noch erwarten.

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