„Ich werde nach vorn sehen und nicht zurück …“

Von der 26. Jugend-Europameisterschaft in Prag berichtet für den Schach-Ticker JANA SCHNEIDER – heute Tagebuch Teil 3 (Schluss)

 

Logo_Prag_201624. August 2016 – 6. Runde

Nach dem erholsamen freien Tag geht es jetzt also weiter mit dem Turnier. Heute steht die 6. Partie gegen die Russin Yuliya Vinokur an. Am Vormittag bereite ich mich darauf vor, mache ein bisschen Ausgleichssport und sammle Kraft für die Runde am Nachmittag. Um 15 Uhr ist es dann schon wieder so weit und das Spiel beginnt. Gegen die Englische Eröffnung erreiche ich mit Schwarz eine sehr gute, nahezu gewonnene Stellung, doch entgleitet mir in der Zeitnot die Kontrolle über das komplizierte Geschehen. Letzten Endes verliere somit ich diese wichtige Partie. Am Abend heitern mich die anderen wieder einigermaßen auf, aber ein bisschen Frust bleibt natürlich..

 

25. August 2016 – 7. Runde

Aber das Turnier ist noch nicht zu Ende. Ich kann nicht ewig Trübsal blasen, sondern muss weitermachen, denn die letzten drei Runden sind letztendlich die entscheidenden. Ich kann mich durchaus noch nach vorne kämpfen. Meine heutige Gegnerin ist wieder eine Russin, Jekaterina Granowskaja. Aus der Eröffnung heraus bilden sich entgegengesetzte Rochaden und es stellt sich die alles entscheidende Frage: Wer ist schneller und geschickter in Angriff und Verteidigung? Durch ein Bauernopfer schaffe ich es, eine offene Linie für meine Schwerfiguren gegen ihren König zu schaffen und gewinne damit die Partie. Nach dieser Runde kann ich auch wieder strahlen und bin über die Niederlage in der Runde davor hinweg. Denn es sind noch zwei Partien Ich werde nach vorne sehen und nicht zurück.

 

26. August 2016 – 8. Runde

Kaum zu glauben, dass heute schon die vorletzte Runde ist. Es kommt mir vor, als müsste das Turnier noch ewig weitergehen. Aber irgendwann muss ja auch ein Ende sein – und das ist eben schon sehr bald. Also werde ich noch einmal alles geben und die letzten Tage hier genießen. Meine heutige Partie geht gegen die Schweizerin Angie Pecorini und dauert nur knappe zwei Stunden. Und die Partie ist wunderschön. Wahrscheinlich meine beste in diesem Turnier. Obwohl ich das noch nicht sagen kann, weil morgen ja noch eine Runde ist. Aber heute habe ich jedenfalls gewonnen, und darüber bin ich auch den ganzen Abend lang glücklich. Und diese Partie wird mir im Gedächtnis bleiben, wenn das Turnier auch schon längst vorbei ist, dessen bin ich mir sicher.

27. August 2016 – 9. Runde

Letzter ganzer Tag hier auf der Europameisterschaft. Und letzte Runde. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass das Ganze hier schon morgen vorbei sein soll. Ich habe mich an die ganzen Leute und die Atmosphäre der vielen Schachspieler so sehr gewöhnt, dass ich mir noch gar nicht richtig vorstellen kann, wie das in den nächsten Tagen zuhause wird. Aber heute bin ich ja noch hier und spiele meine letzte Partie. Da Michael Prusikin schon früher abreisen musste, bereite ich mich heute mit Hendrik Hoffmann auf die Partie gegen die Polin Honorata Kucharska vor. Dieses Mal geht es schon um 13 Uhr los. Nach einigen Stunden gibt es schließlich ein Remis. Zwar versuche ich die Stellung zu gewinnen, aber mehr als Unentschieden ist nicht drin. Also habe ich nun sechs Punkte aus neun Partien und lande damit letztendlich auf dem 16. Platz. Direkt hinter meiner Zimmergenossin Annmarie, die ebenfalls sechs Punkte, aber eine bessere Feinwertung hat als ich.

Fiona Sieber, Europameisterin U16, Prag 2016 (Foto: Turnierhomepage)

Fiona Sieber

 

Nun, da es bei mir vorbei ist, schaue ich auch auf die Ergebnisse der anderen Deutschen und verfolge Fionas Partie im Internet. Wenn sie gewinnen würde, wäre sie Europameisterin! Eine Aufregung herrscht da beim Zusehen, noch mehr, als wenn ich selbst spiele. Doch nach etlichen Stunden steht es fest. Fiona Sieber heißt die Siegerin und Europameisterin in der U16 bei den Mädchen. Nachdem wir ihr alle gratulieren durften, ist auch schon bald die Siegerehrung. Aus jeder Altersklasse werden die ersten fünf Plätze auf die Bühne gerufen und geehrt. Dazu wird die Nationalhymne des Siegerlandes abgespielt. Das heißt, etliche Male Russlands Hymne, aber auch einmal, die deutsche, bei Fiona.

 

Am Abend wird dann Fiona noch einmal von Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler und der ganzen deutschen Delegation geehrt und wir feiern alle ein bisschen. Später sehe ich mir noch einen Film an und gehe mit gemischten Gefühlen zu Bett. Einerseits ist es Traurigkeit, dass die Meisterschaft so endet, dass es nun einfach vorbei ist. Andererseits freue ich mich auch wieder auf mein Zuhause …

 

28. August 2016 – Abreise

Und damit ist es endgültig vorbei. Frühstück essen wir noch, doch danach kommt schon der Abschied von Prag, von der Europameisterschaft und den ganzen neuen und alten Bekannten. Mit Annmarie mache ich mich auf den Weg nach Hause. Natürlich bin ich noch ein kleines bisschen enttäuscht, dass ich aus meinem Setzlistenplatz 9 nicht mehr machen konnte, aber dafür habe ich viele wichtige Erfahrungen gesammelt, und es kann ja nicht nur Gewinner geben. Zwar wäre ich schon lieber eine von denen, die ganz oben auf dem Podest stehen durften, doch es sollte einfach nicht sein. Ich habe mein Bestes gegeben und vielleicht hat es dieses Mal nicht gereicht, aber ich werde bestimmt noch weitere Chancen bekommen und aus meinen Erfahrungen lernen …

 


ZUR PERSON

 

Jana_Schneider_2016JANA SCHNEIDER [*11. April 2002] hat Schach von ihren Vater mit vier Jahren gelernt, der sie dann auch im Kindergarten und bis 2010 in der Grundschule in einer Schulschach AG betreute. Seit 2008 spielt sie bei der SpVgg Stetten 1946. Ihr Heimtrainer ist Alexander Wurm, außerdem trainiert sie seit 2010 regelmäßig bei GM Michael Prusikin. Im gleichen Jahr wurde sie bereits EU-Vizemeisterin U10. Weitere internationale Erfolge der mehrfachen deutschen Jugendmeisterin – zuletzt 2016 in der Altersklasse U14: EU-Meisterin 2012 U10 und 2015 in der U14. Jana hat mehrmals an EM- und WM-Turnieren teilgenommen.

 


 

Nachbetrachtungen

 

Logo_Prag_2016

Die Jugend-EM in Prag verzeichnete mit insgesamt 1309 Aktiven aus 49 Ländern – dazu kamen noch mehr als 1000 Begleitpersonen – einen neuen Teilnehmerrekord. Eine Partienauswahl aller Altersklassen finden Sie unter dem Link http://www.chessbomb.com/arena/-/2016-european-youth-championships, die Ergebnisse und Paarungen der insgesamt neun Runden lieferte wie immer zuverlässig Chess-Results.com unter http://chess-results.com/tnr233626.aspx?lan=1&art=3&fedb=ISR&turdet=YES&flag=30&wi=821.

 

Ein Blick auf den Medaillenspiegel beweist die unglaubliche Dominanz der russischen Nachwuchsspieler, die allein 15 der insgesamt 36 Medaillen gewinnen, die restlichen 21 teilten sich die anderen Nationen.

 

Medaillenspiegel

 

Rk.   FED Gold Silber Bronze Total
1 RUS 5 6 4 15
2 ARM 2 0 0 2
3 ESP 1 1 1 3
4 TUR 1 1 0 2
5 HUN 1 0 0 1
GEO 1 0 0 1
GER 1 0 0 1
8 ROU 0 1 1 2
9 POL 0 1 0 1
BLR 0 1 0 1
BUL 0 1 0 1
12 CZE 0 0 1 1
DEN 0 0 1 1
GRE 0 0 1 1
AZE 0 0 1 1
SVK 0 0 1 1
SLO 0 0 1 1

 

Quelle:
http://chess-results.com/tnr233626.aspx?lan=1&art=35&fedb=ISR&turdet=YES&flag=30&wi=821

 

Die Russen haben in der Tat Maßstäbe gesetzt! Was das Abschneiden der 40 deutschen Teilnehmer [17 Mädchen und 23 Jungen] angeht, so kann eine erste Einschätzung auch nur kurz ausfallen, zumal sie ja aus der Ferne erfolgt. Hier ein paar Stichpunkte, die sicherlich zu Diskussion anregen:

  • Neun Aktive [fünf männlich, vier weiblich] sind im Vorjahr bei der WM gestartet – und da hat die Europameisterin Fiona Sieber mit Platz 4 ein sichtbares Achtungszeichen gesetzt
  • Insgesamt sieben Setzranglistenplätze unter den TOP 10 weckten in Prag durchaus Medaillenhoffnungen. Aber wie heißt ein treffendes russisches Sprichwort: „Das Fell des Bären wird erst verteilt, wenn er erlegt ist.“ Bei Leonardo Costa [U8/Nummer 3 – Endplatzierung 20] und Luis Engel [U14/6 – 26] sowie den vier Girls Luisa Bashylina [U10/5 – 28], Vivien Nguyen Phuong [U10/8 – 4] und Jana Schneider [U14/9 – 16 von 99] erfüllten sich die Erwartungen [noch] nicht. Das gelang aber Antonia Ziegenfuß [U12/8 – 10] und natürlich der alles überragenden Fiona Sieber [U16/6 – EM-Gold mit 8/9!]
  • Interessant ist auch die Ratingperformance. 15 deutsche Starter [7 Jungen, 8 Mädchen] waren nämlich besser als ihre Elo-Ausgangswerte. Und wiederum verdient die 16-Jährige Goldmedaillengewinnerin den größten Respekt. Fiona war mit 2173 Elo in die „Goldene Stadt“ an der Moldau angereist und bei 8/9 lautete ihr Performance Rating 2415, was einen Zuwachs von +95,2 Elo-Punkte bedeutet! Wir können nur sagen: Ein Hoch auf Fiona, die in Prag unsere Beste war!
  • Die individuellen Ergebnisse aller deutschen Spieler sowie ihre Endplatzierungen finden Sie unter http://chess-results.com/tnr233626.aspx lan=1&art=25&fedb=GER&turdet=YES&flag=30&wi=821

 

Übrigens hat Fiona Sieber [*14. Februar 2000], die für Aufbau Elbe Magdeburg spielt und von Sachsen-Anhalts Landestrainerin Tatjana Melamed betreut wird, den insgesamt vierten EM-Titel für Deutschland bei den kontinentalen Nachwuchsmeisterschaften geholt [seit 1991 werden sie in den Altersklassen U10, U12, U14, U16 und U18 ausgetragen, 2010 ist die U8 dazu gekommen]. Und das sind die übrigen drei Goldmedaillengewinner: Lara Stock, die längst mit dem Schach aufgehört hat, 2004 in der U12 bei den Mädchen, sowie Fabian Döttling 1996 und Leonid Sawlin 2015 jeweils in der U16 bei den Jungen. Hier gibt es die Übersicht im Internet: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Jugendeuropameister_im_Schach.

 

 

 

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3 thoughts on “„Ich werde nach vorn sehen und nicht zurück …“

  1. Da – laut Impressum und „Wirklichkeit“ – für Turnierberichterstattung zuständig, fühle ich mich auch angesprochen. Die Kritik ist einerseits berechtigt, andererseits („Fehlleistung des Jahres“) unnötig scharf.
    Zu Keymer in Wien hatte ich geschrieben – nur für Raggers Favoritensieg hätte ich das nicht getan, nur für die teilweise guten aber nicht unbedingt überragend-spektakulären Ergebnisse anderer deutscher Spieler wohl auch nicht. Fiona Sieber hatte ich auch „registriert“, aber dann war Schwerpunkt die parallelen niederländischen Meisterschaften. Warum? Da ich vor Ort vorbeischauen konnte, da ich (bei dieser und früheren Gelegenheiten) diversen Beteiligten – Spieler, Organisatoren, auch andere Reporter – persönlich begegnet bin.
    Hoffentlich ist Schachfreund Metzeltin und anderen aufgefallen, dass ich mich fast nie auf Ergebnisse, Fotos und einige lobende Worte beschränke, sondern immer ergründen will „warum“ ein Spieler oder eine Spielerin erfolgreich war, manchmal auch warum nicht. Das kostet Zeit, sowohl für Vorbereitung (Partien betrachten) als auch das Schreiben selbst, die habe ich nicht immer!
    Chessbase hatte zu Fiona Sieber eine „Bringschuld“, das machten sie auch – aber sie haben mehrere (vermutlich bezahlte) Autoren. In punkto Quantität/Vollständigkeit können wir nie und nimmer mit dieser und anderen kommerziellen Seiten konkurrieren. In punkto Qualität bzw. Originalität – das mögen die Leser beurteilen.

  2. Lieber Herr Metzeltin,
    es war sicher keine böse Absicht. Allerdings wurde die großartige Leistung von Fiona Sieber noch in letzter Sekunde in den Newsletter des Baden-Würrtembergischen Schachverbandes eingefügt. Siehe: http://www.chess-international.de/Archive/60955
    Desweiteren haben wir über Fiona folgende Beiträge veröffentlicht: http://www.chess-international.de/?s=Fiona+Sieber
    Außerdem muss noch erwähnt werden, dass wir keine gewerbliche Redaktion haben. Es sind ehrenamtliche Redakteure, die in ihrer Freizeit Beiträge für den Schach-Ticker schreiben. Dass mal der/die eine oder andere erfolgreiche SchachspielerIn zu kurz kommt, das kann durchaus passieren. Ich bin kein Chefredakteuur. Hier ist keiner Chef. Es geschieht alles auf freiwilliger Basis. Gerne können Sie einen Ihren Vorstellungen entsprechenden Beitrag schreiben.
    Noch ein Letztes: Für das Fernsehen zahlen Sie einen monatlichen Beitrag. Eigentlich könnte man doch erwarten, dass von der Schacholympiade in Baku berichtet wird. Zumindest in den Nachrichten erwähnt wird. Nichts dergleichen. Aber deswegen schaltet man doch nicht den Fernseher auf unbestimmte Zeit aus.

  3. Die Schachticker Fehlleistung des Jahres! Was da über den Sieg von Fiona Sieber berichtet wurde ist kaum nachvollziehbar; nämlich so gut wie nichts!
    Anstelle von einem vielen wirklich nicht bedeutenden anderen Turniere zu berichten, wurde es Jana Schneider überlassen, am Rande den grandiosen Sieg von Fiona Sieber zu erwähnen. 4 Titel gab’s in vielen Jahren, scheinbar sind die zu unbedeutend für den Schachticker?!
    Darüber habe ich mich dermaßen geärgert, daß ich das hier einmal schreiben mußte.
    Die zu erwartenden Versuche dieses zu rechtfertigen werde ich nicht mehr lesen. Der Schachticker fliegt aus meinen Favoriten raus.

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