Olympia-Abschlussbericht (Herren)

USA tiebreak-knapp vor Ukraine, klar vor Russland, klar vor anderen (Deutschland hat auch mitgespielt)

 

Die Olympiade ist vorbei, nun muss ich das alles aufbereiten – zu viel für einen Artikel, also gibt es (so-emelianovaeventuell auch später diese Woche) eine Serie. Zunächst der Endstand bei den Herren: USA 20(413.5), Ukraine 20(404.5), Russland 18, Indien, Norwegen, Türkei, Polen, Frankreich, England, Peru 16, Kanada, Aserbaidschan1, China, Weissrussland, Ungarn, Iran, Lettland usw. (noch sechs Teams) 15, … 35.-57. Moldawien, Niederlande, Deutschland usw. 13. Da nannte ich teilweise Teams, da sie mich (und vielleicht das Publikum) besonders interessierten, oder auch da sie über bzw. unter ihren nominellen Möglichkeiten spielten – wobei manchmal Paarungsglück oder “Schweizer Gambit” eine Rolle spielte. Was steht eigentlich bei USA und Ukraine in Klammern? Das ist der “Olympiad Sonneborn-Berger tiebreak” – ziemlich kompliziert, nur soviel: USA und Ukraine beobachteten in der Schlussrunde vielleicht auch Deutschland-Estland an Tisch 28 – aus ukrainischer Sicht gewann da die falsche Mannschaft.

 

Die Damen bekommen diesmal einen separaten Bericht, aber aktuell bereits der Endstand: China 20, Polen 17(427.5), Ukraine 17(404.5), Russland, Indien, USA, Vietnam, Aserbaidschan 1, Israel 16, Georgien usw. (noch acht Teams) 15, … 30.-43. Aserbaidschan3, Deutschland, Aserbaidschan2 usw. 13. . Für die deutschen Teams war 13 jeweils keine Glückszahl.

 

Fotoquelle wie immer die Turnierseite, wiederum diverse Fotograf(inn)en. Das Titelbild (von Maria Emelianova) bekommt Wesley So, da er mit 8,5/10 (TPR 2892) am amerikanischen Erfolg massgeblich beteiligt war – und (aber das kommt wohl erst in einer Nachlese) eventuell indirekt am Erfolg eines ehemaligen Landsmanns. Und nun Runde für Runde, wiederum drei:

Offizielle SeiteResultatePartien

Runde 9:

 

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Ukraine-Indien [Kublashvili]

Diese Teams führten zusammen mit den USA vor der Runde – da die Amis bereits gegen beide gespielt hatten, trafen sie an Tisch 1 aufeinander. Dreimal remis sowie Sethuraman-Korobov 0-1: In einem Sizilianer (Richter-Rauzer Variante) wurden früh die Damen getauscht. Meistens sind derlei Endspiele dann mindestens OK für Schwarz – hier auch, später war es aus schwarzer Sicht dann gut, besser und gewonnen.

 

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USA-Norwegen, später 3-1 [Emelianova]

Die USA bekamen einen Gegner, der sich erst spät nach oben durchgemogelt hatte und in dieser Runde überfordert war – nicht an Brett 1 (Caruana-Carlsen 1/2) aber dahinter. Iran-England 2-2 – die (ab Brett 2) sehr jungen Iraner weiter auf der Erfolgsspur: IM Lorparizanganeh schnürte GM McShane regelrecht ein, GM Jones sicherte aus englischer Sicht das Mannschaftsremis gegen Alirez Firouzja. Zu Tisch 4 Aserbaidschan1-Russland zwei “gute Laune” Fotos vor dem Match:

 

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[David Llada]

Noch hat Radjabov gute Laune, während/nach der Runde vielleicht nicht mehr.

 

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[Eteri Kublashvili]

Eltaj Safarli, der heute pausierte, posierte stattdessen – mit Kyrill Zangalis, Karjakins Manager und PR-Direktor des russischen Schachverbands. Später tat Russland, was sie tun mussten: das Match gewinnen, und zwar 3-1 nach dem Motto “mit Schwarz remis, mit Weiss gewinnen”. Kramnik verpasste Radjabov eine Tracht schachliche Prügel; Grischuk hatte im Endspiel viel aktivere Figuren als Naiditsch. Anfang vom Ende war aus schwarzer Sicht aber wohl schon das verfehlt-aktive 25.-b4?! – das, sich quasi selbst umbringen, kann Naiditsch mitunter. Karjakin musste gegen Mamedyarov ein Turmendspiel mit zwei Minusbauern remis halten, das konnte er (hier und heute und in dieser konkreten Stellung).

 

Alle weiteren Matches besprechen ginge zu weit, ich nenne nur ein paar Ergebnisse – nicht immer gewann der Favorit: Lettland-Slowenien 2-2, Niederlande – Tschechische Republik 1,5-2,5, Ungarn-Georgien 1,5-2,5, Frankreich-Weissrussland 2-2, Österreich-Spanien 1,5-2,5, Faroe-Inseln – China 0-4, Rumänien-Schweiz 2-2. Da erwähne ich nur zwei Partien kurz: im “Chaoten-Duell” Rapport-Jobava gewann Schwarz. Es begann mit 1.e4 d6 2.Sc3 e5 3.f4 exf4 4.Sf3 – schon hier nur noch recht wenige Datenbank-Partien, u.a. Bosboom-Dautov 0-1 und Zelbel-Beliavsky 1-0 (Manuel Bosboom ist “der NL-Jobava”, Patrick Zelbel ist ein deutscher Königsgambit-Spezialist), und nach Jobavas 4.-Se7 erst recht. Später 17.-Sh8, und da wartete der Springer geduldig bis er mit 40.-Sf7 wieder an der Reihe war, und dann gewann Jobava im Endspiel. Wei Yi gewann gegen Sjurdur Thorsteinsson (Elo 2187), schon sein zweiter Sieg im Turnier nach dem in Runde eins gegen einen vergleichbaren Gegner.

 

Tisch 25 wurde nicht fotografiert, und live hatte ich das kaum mitbekommen: Deutschland-Finnland 3-1. Buhmann gewann, Fridman gewann auch, Meier gewann nicht (ob da bei klarem materiellem Vorteil und Computerurteil bis -6 wirklich ein Sieg drin war? “Technisch trivial” war es kurioserweise nicht), auch Nisipeanu remisierte – er hatte mit Nyback immerhin einen grossmeisterlichen Gegner.

 

Runde 10:

 

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Georgien-USA mit Gaprindashvili [Paul Truong]

Hinten alles prima aus amerikanischer Sicht, So (mit Schwarz) und Shankland (mit Weiss) standen gegen Pantsulaia und Sanikidze schnell besser und gewannen. Vorne remisierte Jobava gegen Caruana – schon sein drittes Remis im Turnier neben sechs Siegen. Auf dem Foto versteckt er sich, am Brett wollte er durchaus zaubern, aber Caruana liess das nicht zu. Nakamura wollte gegen Mchedlishvili allerdings zu viel und verlor mit Weiss – endlich verloren die USA auch mal eine Verluststellung (es war nicht die erste im Turnier, aber zuvor hatte nur Robson eine Remisstellung gegen Grischuk verloren). 2,5-1,5 aus amerikanischer Sicht, gut genug wobei

 

Tschechische Republik – Ukraine 1-3, die Ukraine konnte im sich anbahnenden Tiebreak-Rennen Boden gut machen. Vorne gewann Eljanov mit Schwarz flott gegen Navara (das ukrainische Spitzenbrett hatte zuvor kein tolles Turnier, u.a. Niederlagen gegen Caruana und Bareev, in den letzten beiden Runden war er da). Hinten gewann Volokitin gegen Babula tief im Endspiel. Seine hartnäckigen und letztendlich erfolgreichen Gewinnversuche hatten wohl zwei Gründe: die bereits genannte Tiebreak-Situation, und er war im Turnier sehr gut drauf (zum Schluss 8,5/9 – Remis gegen Wei Yi, der remisierte eben fast immer). Ein Foto hatte er schon früher im Turnier verdient, nun fand ich ein passendes:

 

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Andrei Volokitin [Maria Emelianova]

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[Paul Truong]

Indien-Russland 2-2 – für beide zu wenig, aber für Indien war das Glas wohl halb voll und für Russland halb leer. Kramnik zeigte gegen Adhiban mal wieder, dass man auch aus ruhigen Flankeneröffnungen heraus kreativ spielen und (auf die Dauer unwiderstehlichen) Druck aufbauen kann, aber Karjakin verlor gegen Harikrishna in ohnehin gefährdeter Stellung eine Qualität und später die Partie. England-Aserbaidschan 2,5-1,5: Erst verlor der zuvor sehr zuverlässig punktende Eltaj Safarli gegen Nigel Short – seine (weisse) Dame hatte sich auf h5 verlaufen, Schwarz übernahm die Initiative, gewann eine Qualität und die Partie. Dann verlor Arkadij Naiditsch (nach anfangs 4/4 nun 4/8) gegen Gawain Jones. Rauf Mamedov konnte gegen David Howell tief im Endspiel nur noch verkürzen (Adams-Mamedyarov 1/2). Lettland-Kanada 1-3 trotz Shirov-Bareev 1-0. Norwegen-Iran 3,5-0,5, das war gar nichts aus iranischer Sicht. Ghaem Maghami hätte gegen Carlsen vielleicht ohnehin verloren, mit 14.-Sh7, 15.-Tg8?! und 16.-Sf6 leistete er seinen Beitrag – “Magnus, Du hast aus der Eröffnung mal wieder nichts erreicht, ich helf Dir (mehr als) ein bisschen …”. Am dritten und vor allem am vierten Brett übersahen die Iraner recht offensichtliche taktische Motive.

 

China-Weissrussland 2-2 war zu wenig aus chinesischer Sicht – Li Chao wollte gegen Aleksandrov kein Remis, vermied eine Zugwiederholung aber das kostete ihn (kleines taktisches Motiv) eine Qualität und die Partie.

 

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Ungarn-Niederlande [Paul Truong]

Überall gute Laune vor der Runde, auch bei (stehend) Judit Polgar. Hinterher lachte zumindest van Wely (Niederlage gegen Csaba Balogh) vielleicht nicht mehr, und seine Kollegen auch nicht: Ungarn-Niederlande 2,5-1,5 – gegen einen etwa gleichwertigen Gegner die nächste knappe Niederlage für die vor dem Ruhetag noch führenden Niederländer. Für das deutsche Match galt wieder “allzu oft habe ich bei der Liveübertragung nicht nach unten (Tisch 19) gescrollt” – mit Usbekistan hatten sie einen nominell etwas unterlegenen, aber dennoch potentiell unangenehmen Gegner. Das spektakulär-ausgekämpfte Remis zwischen Nisipeanu und Khasimdzhanov hatte ich mitbekommen, ebenso Bluebaums recht sicheren Weissieg gegen Vakhidov an Brett 2. Dann noch zwei aus deutscher Sicht schlechtere, aber (so dachte ich) haltbare Endspiele. Ich rechnete mit einem 2,5-1,5 für Deutschland, es wurde 2,5-1,5 für Usbekistan – BEIDE Partien (Filippov-Buhmann und Fridman-Dzhumaev) gingen verloren!

 

Runde 11: Etwas kuriose Paarungen – da die Spitzenteams bereits gegeneinander gespielt hatten, trafen sie auf nominell klar unterlegene “Emporkömmlinge”. Siege waren “Formsache”, die (tiebreak-relevante) Frage eigentlich nur wie hoch sie ausfallen würden. Beteiligt waren mit Bareev für Kanada und Beliavsky für Slowenien auch zwei Altmeister.

 

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USA-Kanada [Kublashvili]

Die Kanadier waren für die USA teilweise liebe Nachbarn: Bareev vergeigte gegen Caruana die Eröffnung und stand schnell auf verlorenem Posten. An Brett drei gegen Wesley So spielte für Kanada zwar nicht Alexander Grischuk, sondern Alexandre Lesiege, aber auch dessen Bedenkzeiteinteilung war suboptimal: 26+14 Minuten für den 11. und 12. Zug, so bereitet man spätere Zeitnot vor! So bekam Oberwasser und dachte dann vielleicht “mit Weiss gewinnen und auch noch schön, das geht doch nicht!” – zuvor hatte er, bis auf Runde eins und zwei zum Aufwärmen, nur mit Schwarz gewonnen und eher trocken-technisch. Also erlaubte er wohl zum Remis ausreichendes schwarzes Gegenspiel, aber da war noch Lesieges inzwischen akute Zeitnot: 34.-De5?? 35.fxe3 Dg3 – mit Mattdrohung auf g2, schön und gut, aber 36.Da1+ und Weiss wird mattsetzen.

 

Das kanadische Brett 2 Kovalyov hat ukrainische Wurzeln, er war nicht lieb zu Nakamura und spielte gegen ihn Remis. Und Brett 4 Eric Hansen gewann einfach so gegen Shankland, obwohl letzterer offenbar bis zum 24. Zug seiner Vorbereitung folgte. Da hatte er einen etwas riskanten weissen Bauerngewinn zugelassen, sobald er dann selbst denken musste ging es nach und nach bergab. Insgesamt USA-Kanada 2,5-1,5, würde das für Gold reichen?

 

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Ukraine-Slowenien (vorne Eljanov-Beliavsky) [Emelianova]

Die Ukraine brauchte etwas länger, um Slowenien zu besiegen – aber dann richtig, 3,5-0,5. Alle Siege in Endspielen: Volokitin gewann sowieso (im Turmendspiel), Korobov hatte im damenlosen Mittelspiel eine Figur gewonnen und löste die technische Aufgabe im Turmendspiel (plus weisser Läufer), schliesslich gewann auch Eljanov sein Turm-Springerendspiel. Wobei Beliavsky seiner früheren Heimat absolut nichts schenkte, zeitweise stand er vielleicht gar etwas besser. Dann Warten auf die Tiebreak-Berechnungen, viele andere Matches liefen noch, u.a. Deutschland-Estland. Aber der Reihe nach:

 

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Russland-Italien [Kublashvili]

Auch Russland löste seine Pflichtaufgabe recht souverän: schöner Sieg von Kramnik gegen Vocaturo, nicht unbedingt schöner Sieg von Grischuk gegen Jungstar Luca Moroni. Dass Nepomniachtchi Brunello nicht besiegen konnte, hatte nur Brettpreis-Folgen (dazu mehr in der Olympia-Nachlese). Dass Tomashevsky eine klar bessere Stellung gegen Rombaldoni nicht gewinnen konnte (das spätere Turmendspiel war wohl von Anfang an remis) ärgerte ihn sicher, aber hatte sonst keine Folgen. Russland erreichte, was sie noch erreichen konnten – Bronze und (soviel verrate ich doch bereits) individuell Gold für Kramnik an Brett 2.

 

Die weiteren Ergebnisse beeinflussten nur noch die medaillenlosen Plätze, und hier und da die Tiebreaks zwischen USA und Ukraine: Indien-Norwegen 2-2 da Sethuraman gegen Urkedal böse patzte – Glück im Unvermögen für ihn, dass Indien trotzdem nach Wertung Vierter wurde. So wurde Norwegen Fünfter, sonst wäre es Platz 13. Peru-England 2-2, England zeigte wieder sein “anderes Gesicht” in diesem Turnier. Türkei-Georgien 2.5-1,5 – so fielen die lange vorne mitspielenden Georgier noch relativ weit zurück. Griechenland-Ungarn 2-2 – so blieben die Griechen im Turnier, als einzige ausser den USA, ungeschlagen (vier Siege und sieben Unentschieden gegen oft respektable Gegner – u.a. Frankreich, Aserbaidschan1 und nun Ungarn). Frankreich – Tschechische Republik 3-1, Polen-Spanien 3-1, Vietnam-China 1-3 – versöhnlicher Turnierabschluss für alle Sieger. Polen und Frankreich landeten noch genau auf ihren Setzlistenplätzen, die an drei gesetzten Chinesen hatten davor noch eine eins (Platz 13).

 

In der Rubrik “Olympiade für deutschsprachige Länder” sollte ich noch Schweiz-Paraguay 1-3 und Österreich-Brasilien 1,5-2,5 erwähnen, nebendran noch ein nicht so gutes Ergebnis für die Niederlande – nur 2-2 gegen Serbien. Und schon sind wir, einige Tische überspringend, bei Tisch 28 Deutschland-Estland. Nisipeanu gewann glatt, Fridman beendete sein persönlich enttäuschendes Turnier mit einer Niederlage gegen FM Shishkov (Elo 2368). Dessen Figurenopfer war spekulativ und sicher inkorrekt, so wie Fridman dann spielte wurde es korrekt. Dann diesmal zwei für Deutschland vorteilhafte Endspiele, wobei ich da auch mit zweimal Remis rechnete. Bluebaum gewann dann doch noch, da sein Gegner das falsche Schach gab und danach war es nicht mehr Dauerschach. Meier gewann nicht, aber immerhin 2,5-1,5 aus deutscher Sicht.

 

Warum war das tiebreak-relevant? Bei einer deutschen Niederlage wäre nicht Jordanien, sondern Deutschland der schlechteste ukrainische Gegner, also Streichresultat. Die Ukraine bekäme statt 2,5*13 = 32,5 Tiebreak-Punkten für ihren knappen Sieg gegen Deutschland 4*12 = 48 Tiebreak-Punkte für den (nun “goldenen”) Kantersieg in Runde eins gegen Jordanien.

 

Dabei belasse ich es bis auf weiteres – Rückblick auf die gesamte Olympiade, “wer hat warum (nicht) gewonnen”, usw. bekommt noch einen eigenen Beitrag.

 

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